Lios Körper ist ihr Albtraum, daran ändert auch ihr Freund Max nichts. Als sie ungeplant schwanger wird, starrt sie nicht nur fassungslos auf den positiven Test, weil jemand wie sie doch gar nicht schwanger werden kann, sondern auch auf das Ende einer mühsam erarbeiteten Normalität. Sie ist unfähig, Max von der Schwangerschaft zu erzählen, und genauso unfähig, diese zu beenden. Während das Kind in Lios Bauch wächst, prasseln Erinnerungen auf sie ein: an ihre kalte Mutter, ihren hilflosen Vater und an all das andere, das sie für immer vergessen wollte. Zum ersten Mal stellt sie sich ihrer Vergangenheit - und riskiert damit, dass alles zusammenbricht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Lana
aus Wien
5/5
13.02.2026
Buch (Taschenbuch)
Von toxischer Liebe, Trauma und schwarzem Humor
Liebewesen hat mich auf eine stille, unangenehm ehrliche Art erwischt.
Der Schreibstil ist angenehm, leicht zugänglich und gleichzeitig messerscharf. Caroline Schmitt schafft es, Figuren zu zeichnen, die man nicht nur versteht, sondern kennt – mit all ihren Ecken, Brüchen und Widersprüchen. Lio fühlt sich nicht wie eine literarische Figur an, sondern wie jemand, den man aus dem echten Leben kennt. Vielleicht sogar ein bisschen zu gut.
Besonders eindrücklich fand ich die Darstellung der dysfunktionalen Elterbeziehung und wie sich diese Dynamiken bis ins Erwachsenenalter ziehen: emotionale Distanz, Unsichtbarwerden, das stille Hoffen, dass man nur „leise genug“ sein müsste, um nicht verletzt zu werden. Diese Grundspannung zieht sich durch das ganze Buch – und macht Lios Handeln oft schmerzhaft nachvollziehbar.
Die Beziehung zu Max war für mich erschreckend authentisch. Ich wollte lange an ein Happy End glauben, daran, dass diese Beziehung Lio hilft, mit ihrer Vergangenheit umzugehen. Gerade deshalb tat es weh zu sehen, wie schnell aus ungezwungener Nähe ernste Probleme werden – und wie konsequent beide daran scheitern. Dass Max erst in der letzten Szene von der Schwangerschaft erfährt, war ein empowernder, aber gleichzeitig bitterer Moment: kein großes Drama, kein rettendes Geständnis, sondern die leise Erkenntnis, dass sie einfach nicht zueinander passen. Eine toxische Beziehung, ohne sie weichzuzeichnen – beide unreif, beide überfordert, beide glaubwürdig.
Was das Buch für mich besonders macht, ist dieser eigenartige Ton zwischen Tragik und Humor. Manche Szenen sind so ernüchternd tragisch, dass man fast lachen muss – nicht aus Leichtigkeit, sondern weil es anders kaum auszuhalten wäre. Lios Gedanken sind oft witzig, manchmal mit Popkultur-Referenzen, manchmal bitterironisch. Figuren wie Mariam bringen echtes Aufatmen, sind diese Art Freundin, die einen zum Lachen bringt, obwohl einem eigentlich zum Weinen ist.
Gleichzeitig gibt es Szenen, die schwer auszuhalten sind: die Gewalt in Lios Kindheit, der Papierkorb im Zimmer, in den sie pinkeln musste, um die knarzenden Dielen zu vermeiden; der Gedanke, dass sie vielleicht weniger gelitten hätte, wenn sie nur unsichtbar genug gewesen wäre. Oder die Szene nach ihrer Vergewaltigung – wie sie sich weniger um sich selbst sorgt als darum, ob die Mutter aufwacht und sie wieder verprügelt. Diese Mischung aus Skurrilität, Tragik und bitterem Humor zeigt ein enormes erzählerisches Gespür.
Nach dem Zuschlagen brauchte ich kurz Stille. Dieses leise, nachdenkliche Gefühl, das bleibt – ähnlich wie nach Blue Sisters oder Cleopatra & Frankenstein von Coco Mellors. Kein Buch, das einen tröstet. Aber eines, das ehrlich ist.
Sehr geeignet für Leser:innen, die schwere Themen, psychologische Tiefe und komplexe Charaktere mögen. Weniger geeignet für alle, die eine ungezwungene oder klassische Liebesgeschichte suchen. Viele Trigger – also definitiv mit Vorsicht genießen.
Edith Berger
5/5
31.03.2025
Buch (Taschenbuch)
Ganz großes Lesevergnügen
Die bösartigen Erziehungsmethoden ihrer Mutter sind in Lio tief eingegraben. Der alkoholkranke Vater ist für Lio nur ein schwacher Lichtblick. Ihre Freundin Mariam lernt sie auf einer Uni-Rollschuhparty kennen. Sie ziehen zusammen. Während Mariam mit sich gut zurecht kommt und sich ganz ok findet, hat Lio überhaupt keine Beziehung zu sich und ihrem Körper. Und schon gar nicht würde sie jemand an sich heranlassen. Als Lio Max kennenlernt, verlieben sie sich. Obwohl die Gefühle groß sind, ist die Beziehung schwierig. Und dann wird Lio schwanger.
nessabo
5/5
21.12.2024
Buch (Taschenbuch)
Ungeschönt, zynisch, ehrlich und verletzlich - ein etwas anderer Beziehungsroman
Meine Erwartungen an „Liebewesen“ wurden nicht enttäuscht, im Gegenteil. Dieser Roman hat mich von Seite 1 an gefesselt, obwohl es ein eher leiser Roman ist, der viel mit Beobachtungen arbeitet. Doch das macht ihn überraschenderweise nicht weniger mitreißend.
Irgendwie ist das hier ein Liebesroman, ohne ein solcher zu sein. Er setzt eine romantische Beziehung zwar in den Mittelpunkt der Handlung, doch klassische Romantik sucht mensch beim Lesen vergeblich. Die Beziehung von Lio und Max ist besonders. Sie ist nicht laut, sondern leise, von Zärtlichkeit geprägt und trotzdem von Verletzungen begleitet. Beide bringen ihre eigenen Traumata mit in die Beziehung ein und versuchen, sich von ihnen zu lösen.
Ganz besonders steht Lio als Erzählerin im Fokus. Ihre Vergangenheit offenbart sich den Lesenden im Laufe der Handlung und ist schlicht herzzerreißend. Beginnend mit einer gewaltvollen und emotional abwesenden Mutter sowie einem sanften und doch überforderten Vater, endend mit einer Vergew@ltigung - all das trägt Lio in sich. Als sie von Max schwanger wird, folgen wir ihr im Gleichtakt der Schwangerschaftswochen - bis zur Entscheidung in SSW 12.
Ich finde diesen Roman wirklich absolut rund. Er geht unter die Haut, thematisiert unbegreiflich schlimme Dinge und wird immer wieder gesellschaftskritisch, ohne dabei zu schwer zu sein. Er legt mit seinem leichten Zynismus und Lios trockenen Beobachtungen den Finger in die Wunde - oft habe ich zustimmend genickt. Außerdem weigert sich Caroline Schmitt, ihre Figuren klar einzuordnen. Max ist sanft und trotzdem manchmal mindestens unsensibel, Lio ist offen und verschlossen gleichermaßen. Ich wollte sowohl Max als auch Lio an mehreren Stellen gerne schütteln und konnte sie dann doch wieder verstehen.
Die beiden zusammen funktionieren auf eine schwer zu beschreibende Weise, eine klassische Romance bekommen wir hier aber trotzdem keinesfalls. Und dann ist das auch nicht das einzige Duo des Romans, denn die Freundinnenschaft zu Mariam bildet ein ausgleichendes und so wichtiges Element in einer von romantischer Liebe geprägten Welt.
Ein schonungslos ehrliches Buch mit unglaublich viel Tiefgang, das mich emotional sehr berührt hat. Es zeugt von großer Authentizität in Bezug auf Beziehungen, den eigenen Körper und die Auswirkungen von Traumata. Und am Ende ist es eine Geschichte über Befreiung in einem sehr greifbaren, menschlichen Sinne.
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TW: Gewalt gegen Kinder, Vergew@ltigung, Abtreibung, Tod, Komplikationen nach einer OP
nessabo
5/5
21.12.2024
Buch (Taschenbuch)
Ungeschönt, zynisch, ehrlich…
Ungeschönt, zynisch, ehrlich und verletzlich - ein etwas anderer Beziehungsroman Meine Erwartungen an „Liebewesen“ wurden nicht enttäuscht, im Gegenteil. Dieser Roman hat mich von Seite 1 an gefesselt, obwohl es ein eher leiser Roman ist, der viel mit Beobachtungen arbeitet. Doch das macht ihn überraschenderweise nicht weniger mitreißend. Irgendwie ist das hier ein Liebesroman, ohne ein solcher zu sein. Er setzt eine romantische Beziehung zwar in den Mittelpunkt der Handlung, doch klassische Romantik sucht mensch beim Lesen vergeblich. Die Beziehung von Lio und Max ist besonders. Sie ist nicht laut, sondern leise, von Zärtlichkeit geprägt und trotzdem von Verletzungen begleitet. Beide bringen ihre eigenen Traumata mit in die Beziehung ein und versuchen, sich von ihnen zu lösen. Ganz besonders steht Lio als Erzählerin im Fokus. Ihre Vergangenheit offenbart sich den Lesenden im Laufe der Handlung und ist schlicht herzzerreißend. Beginnend mit einer gewaltvollen und emotional abwesenden Mutter sowie einem sanften und doch überforderten Vater, endend mit einer Vergew@ltigung - all das trägt Lio in sich. Als sie von Max schwanger wird, folgen wir ihr im Gleichtakt der Schwangerschaftswochen - bis zur Entscheidung in SSW 12. Ich finde diesen Roman wirklich absolut rund. Er geht unter die Haut, thematisiert unbegreiflich schlimme Dinge und wird immer wieder gesellschaftskritisch, ohne dabei zu schwer zu sein. Er legt mit seinem leichten Zynismus und Lios trockenen Beobachtungen den Finger in die Wunde - oft habe ich zustimmend genickt. Außerdem weigert sich Caroline Schmitt, ihre Figuren klar einzuordnen. Max ist sanft und trotzdem manchmal mindestens unsensibel, Lio ist offen und verschlossen gleichermaßen. Ich wollte sowohl Max als auch Lio an mehreren Stellen gerne schütteln und konnte sie dann doch wieder verstehen. Die beiden zusammen funktionieren auf eine schwer zu beschreibende Weise, eine klassische Romance bekommen wir hier aber trotzdem keinesfalls. Und dann ist das auch nicht das einzige Duo des Romans, denn die Freundinnenschaft zu Mariam bildet ein ausgleichendes und so wichtiges Element in einer von romantischer Liebe geprägten Welt. Ein schonungslos ehrliches Buch mit unglaublich viel Tiefgang, das mich emotional sehr berührt hat. Es zeugt von großer Authentizität in Bezug auf Beziehungen, den eigenen Körper und die Auswirkungen von Traumata. Und am Ende ist es eine Geschichte über Befreiung in einem sehr greifbaren, menschlichen Sinne. . . . TW: Gewalt gegen Kinder, Vergew@ltigung, Abtreibung, Tod, Komplikationen nach einer OP
libriamooore
Thalia Book Circle Community
2/5
03.03.2026
Buch (Taschenbuch)
Gute Ansätze, aber für mich emotional zu distanziert umgesetzt.
Liebewesen von Caroline Schmitt habe ich vor allem wegen des Covers und der Thematik begonnen. Die Geschichte beschäftigt sich mit wichtigen psychischen und emotionalen Themen und bringt dafür grundsätzlich eine gute Grundlage mit.
Der Schreibstil wirkte auf mich jedoch sehr nüchtern und distanziert. Viele Szenen haben mich emotional nicht erreicht, sodass ich nur schwer eine Verbindung zu den Protagonisten aufbauen konnte. Dadurch blieb für mich ein großer Teil der Wirkung aus.
Stellenweise zog sich die Handlung und ich hatte das Gefühl, dass der Fokus nicht immer optimal gesetzt war. Das Ende kam für mich recht plötzlich und hätte mehr Raum verdient.
Insgesamt ist Liebewesen ein Buch mit guten Ansätzen, das mich persönlich aber nicht vollständig überzeugen konnte.
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