Die Philosophie der Aufklärung wird oft für ihren Rassismus und ihre Frauenfeindlichkeit kritisiert – allerdings beziehen sich die meisten Vorwürfe auf Kant und Rousseau. In Wahrheit umfasst die Aufklärung aber viel mehr als nur das Werk dieser beiden Denker – und was etwa Olympe de Gouges über Frauenrechte oder Anton Wilhelm Amo über Rassismus dachte, bringt auch heutige Debatten in Schwung.
»Was für eine aufregende, augenöffnende Lektüre – und wie notwendig!«
Philosophie Magazin
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Von wegen "So waren damals eben die Zeiten"
Bewertung am 02.02.2025
Bewertungsnummer: 2401613
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Frau Hartmann hat ein gut strukturiertes, sehr auf den Punkt gebrachtes Buch geschrieben (100 Seiten!), an einigen Stellen musste ich auch schallend lachen. Sie ist nicht die erste, die Kant oder Rousseau kritisiert, obwohl es noch Leute zu geben scheint, die darauf mit einer Art allergischen Reaktion zu antworten scheinen (siehe Rezension vom 17.12.2024). Dies gelingt ihr aber sehr pointiert und sie verknüpft diese Kritik mit einer Vorstellung von Denkerinnen und Denkern, die Aufklärung eben nicht nur bezogen auf die eigene soziokulturelle Einordnung gedacht haben. Es war nicht so, dass "die Zeiten eben damals so waren" und Rassismus, Frauenfeindlichkeit oder die Abwertung anderer Gruppen zwangsläufig waren. Wir haben die Wahl, welche Fäden wir aufgreifen und weiterentwickeln möchten. Mein Fazit: Lesen Sie es am besten selbst, es ist sehr empfehlenswert!
Was Aufklärung hätte sein können
Bewertung am 17.12.2024
Bewertungsnummer: 2366614
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Tina Hartmann: „Vergesst Kant! Was war und ist Aufklärung wirklich? Stuttgart: Reclam 2024
Wer bislang davon ausging, die vornehmsten Kennzeichen der Aufklärung seien das Streben nach unideologischer, möglichst unparteiischer Wahrheit, die Orientierung an kritischer Vernunft, die Kritik an aristokratischer Willkürherrschaft und religiösem Aberglauben, die Forderung nach strikter Trennung von Kirche und Staat, nach Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, und wer I. Kant und J.J. Rousseau für Heroen dieser Bewegung hielt - den belehrt Tina Hartmann nun eines Besseren: Nichts von alledem stehe für das, was „Aufklärung wirklich war und ist“. Und die vermeintlichen Heroen der Aufklärung sind in Wirklichkeit die Finstermänner der „Gegenaufklärung“, weil misogyn und rassistisch. Für die „wahre Aufklärung“ (S. 29) stehen andere: Vor allem natürlich Frauen: Olympe de Gouges, mit ihrer „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (1791), Sophie de Grouchy, der Frau und Co-Autorin Condorcets, Sophie de la Roche mit ihrem Briefroman „Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, Françoise de Graffigny, die „Briefe einer Peruanerin“ verfasste. Aber auch einige Männer zählen laut Hartmann zu den echten Aufklärern: In Frankreich Condorcet, in Deutschland der Königsberger Bürgermeister und Tischgenosse Kants, T. G. Hippel, der Weimarer Dichter C.M. Wieland, auch C.F. Gellert und der Philosoph C. Wolff. Sie alle stehen für eine „egalitäre Aufklärung“ (S. 94), die Emanzipation nicht nur für weiße Männer verspricht, sondern gleiche Rechte fordert für Frauen und Menschen aller Hautfarbe und Herkunft.
Was Hartmann damit überzeugend gelingt, ist zum einen der Nachweis, dass bereits im 18. Jhd. – wenn tatsächlich auch nur mit wenigen und bald verhallenden Stimmen – feministische und antirassistische Positionen vertreten wurden, zum anderen pariert sie anschaulich den post-kolonialen Vorwurf einer nur eurozentrischen und letztlich imperialistisch orientierten Aufklärung. Diese könne, so Hartmann, beziehe man sich nur auf ihre verkannten aber wahren Vertreter, durchaus als universalistisches und egalitäres Projekt verstanden werden.
Allerdings bleibt die Argumentation arg sprunghaft, mitunter auch zweifelhaft: Wenn sie etwa behauptet, eine Formulierung der „droits des hommes“ insinuiere „Männerrechte“ – obwohl jeder und jede weiß, dass damit „Menschenrechte“ bezeichnet sind. Und manchmal behauptet sie schlicht Unsinniges: „Rechte Gruppierungen“ in Deutschland forderten „Straffreiheit für Vergewaltigung und Femizid.“ (S. 8)
Insgesamt reichen ihre Argumente und Belege gewiss nicht hin, um die Epoche der Aufklärung insgesamt neu zu bewerten, ihre tatsächlichen Errungenschaften (s.o.) zu eskamotieren und ihre Hauptvertreter zu schmähen. Die Empörung darüber, was die historische Aufklärung und die bedeutendsten Aufklärer angeblich versäumt haben, spricht aus jeder Seite dieses Bändchens einer – etwas verbissen wirkenden – woken Kämpferin für einen nonbinären Feminismus, für Intersektionalität und gegen „white supremacy“. Aber das ist es nicht, wofür in der Epoche der Aufklärung, deren tatsächliche Gegner absolutistische Herrscher und despotische Kleriker waren, gekämpft wurde.
Ein angemessener Titel für das Büchlein wäre eher: „Was Aufklärung aus heutiger Perspektive auch hätte sein können“. Aber das ist natürlich weniger reißerisch und absatzfördernd als: „Vergesst Kant!“
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