Für Katrin und Hans wird der Alptraum aller Eltern wahr: Nach der Geburt verlieren sie noch im Krankenhaus unweit von Leipzig ihr erstes Kind – und kurz darauf auch sich als Paar. Denn Katrin quälen Zweifel an der Darstellung der Ärzte, Zweifel, von denen Hans nichts wissen will.
Als Katrin Jahre später stirbt, wird klar, dass sie mit ihren Befürchtungen womöglich Recht hatte. Bei seinen Recherchen, die ihn tief in die Geschichte der DDR führen, stößt Hans auf Ungereimtheiten und eine Mauer des Schweigens. Klären kann er all seine Fragen in Zusammenhang mit dem Tod des Säuglings nicht, doch der Gedanke daran, in einem entscheidenden Moment seines Lebens versagt, etwas versäumt, einen Fehler begangen zu haben, lässt ihn künftig nicht mehr los.
Da klingelt eines Tages das Telefon und sein Sohn ist am Apparat. Aufgewachsen in einer Adoptivfamilie, unterscheidet sich seine Vorstellung von der Vergangenheit grundlegend von dem, was Hans ihm erzählt. Wird sich die Kluft, die das Leben in einem Unrechtsstaat und vierzig fehlende gemeinsame Jahre gerissen haben, wieder schließen lassen?
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
5/5
29.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
hervorragende Erzählung
Kurzkommentar: Spannend und klug konstruierte Erzählung mit überraschenden Wendungen, klare und ruhige Sprache und glaubwürdige Charaktere machen das Werk besonders lohnenswert zu lesen. Die Einschübe zum Angeln fand ich sehr gelungen und emotional passend zur Geschichte.
Bewertung
5/5
16.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
"Maifliegenzeit" ist mein zweites...
"Maifliegenzeit" ist mein zweites Buch von Matthias Jügler. Er kann hochliterarisch von wahren Begebenheiten berichten. Das aufwühlende Schicksal im vorliegenden Roman wird den beruhigend wirkenden Naturbeschreibungen gegenübergestellt. Ich bin gespannt auf Neues!
Lesenswege
5/5
12.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr bewegendes Buch über ein furchtbares Unrecht
Mit „Maifliegenzeit“, dem 3. Roman von Matthias Jügler, habe ich mich nun zum zweiten Mal mit Zwangsadoptionen in der DDR befasst. Doch hier geht es um mehr als das. Die Kinder von Republikflüchtlingen, deren Fluchtversuch gescheitert war, wurden gegen den elterlichen Willen vom Staat zur Adoption freigegeben. Jüglers Roman befasst sich jedoch mit der Geschichte eines für tot erklärten Säuglings, der bei Adoptiveltern aufwuchs.
Hans und Katrin werden Ende der 70er Jahre Eltern eines Jungen, der kurz nach der Geburt verstirbt. Katrin hat von Anfang an Zeifel am Tod ihres Sohnes und glaubt, dass etwas nicht stimmt. Hans dagegen kann sich das nicht vorstellen und hält Katrin für besessen von der Idee, ihr Sohn sei noch am Leben. Die Beziehung zerbricht. Nach dem Ende der DDR stellt der inzwischen pensionierte Lehrer Nachforschungen an, stößt dabei auf eine Spur, es gibt Ungereimtheiten, doch gelingen will ihm die Aufklärung nicht. Dazu mag beitragen, dass alle Beteiligten zu diesem Zeitpunkt noch am Leben und im Amt sind. Das hatten wir doch schon einmal im vergangenen Jahrhundert.
Interessant finde ich, dass Jügler sein Thema aus der Perspektive des Vaters angeht. Eines Vaters, der sich längst damit arrangiert hat, die Wahrheit nicht zu ergründen und sich immer wieder in seine Leidenschaft des Angelns flüchtet, die ihn erdet. Etwa die Hälfte des Buches befasst sich mit detailliertem Angel- und Fischwissen. Ich habe nicht gewusst, dass sich das Leben vieler Fische so sehr im Verborgenen abspielt. So kann man diesen Handlungsstrang als Metaebene betrachten, denn auch Hans weiß 40 Jahre lang nicht, was tatsächlich passiert ist. Deshalb dürfte das Angeln auch ein Katalysator für ihn sein, der es ihm ermöglicht hat, durchs Leben zu kommen.
Jüglers Buch hat hohe Wellen geschlagen. Im Mai hat er eine Lesung beim „Haus des Buches“ in Leipzig abgesagt, weil der Veranstalter aufgrund einer Aussage in der Nachbemerkung Belege für vorgetäuschte Säuglingstode in der DDR von ihm gefordert hat. Es gibt eine „Interessengemeinschaft gestohlener Kinder der DDR“, die von 2000 Verdachtsfällen ausgeht.
Jüglers Figuren sind fiktiv, aber die Idee ist einem tatsächlichen Fall nachempfunden. Mich hat dieses Buch sehr berührt und unglaublich wütend und traurig gemacht. Trotzdem muss es gelesen werden. Ich rate zu.
Kristall86
aus an der Nordseeküste
5/5
19.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Unbedingt lesen!
!ein Lesehighlight 2024!
Klappentext:
„Für Katrin und Hans wird der Alptraum aller Eltern wahr: Nach der Geburt verlieren sie noch im Krankenhaus unweit von Leipzig ihr erstes Kind – und kurz darauf auch sich als Paar. Denn Katrin quälen Zweifel an der Darstellung der Ärzte, Zweifel, von denen Hans nichts wissen will. Als Katrin Jahre später stirbt, wird klar, dass sie mit ihren Befürchtungen womöglich Recht hatte. Bei seinen Recherchen, die ihn tief in die Geschichte der DDR führen, stößt Hans auf Ungereimtheiten und eine Mauer des Schweigens. Klären kann er all seine Fragen in Zusammenhang mit dem Tod des Säuglings nicht, doch der Gedanke daran, in einem entscheidenden Moment seines Lebens versagt, etwas versäumt, einen Fehler begangen zu haben, lässt ihn künftig nicht mehr los. Da klingelt eines Tages das Telefon und sein Sohn ist am Apparat. Aufgewachsen in einer Adoptivfamilie, unterscheidet sich seine Vorstellung von der Vergangenheit grundlegend von dem, was Hans ihm erzählt. Wird sich die Kluft, die das Leben in einem Unrechtsstaat und vierzig fehlende gemeinsame Jahre gerissen haben, wieder schließen lassen?“
Welche bewegendes und tief-in-der-Wunde-bohrendes Buch hier auf die Leserschaft wartet. Es war wahrlich besonders zu lesen und dennoch für mich auch nicht. Als Kind der DDR erschütterte mich diese Geschichte nur bedingt, denn fest steht, solche Fälle wie uns Autor Matthias Jügler hier erzählt, gab es leider zuhauf. Selbst im Bekanntenkreis meiner Familie ist so ein „mysteriöser“ Fall bekannt, der bis heute nicht geklärt ist. Ich betrachte dieses Buch also recht „objektiv“, sage aber klar aus, Jügler hat hier durch seinen besonderen Ton und die Wahl seiner Worte und Emotionen eine ganz besondere Geschichte erzählt die tief unter die Haut geht und keinesfalls den Leser kalt lässt. Einige Geschichten dazu sind öffentlich bekannt aber viele leider nach wie vor unter dem Deckmantel des Schweigens begraben. Eine Auflösung wird es wohl in den allermeisten Fällen nie dazu geben.
Unsere Protagonisten Katrin und Hans sind an diesem Alptraum als Paar zerbrochen. Hans‘ Geschichte weiter zu folgen ist absolut lesenswert, da hier extreme psychologische aber auch philosophische Parts mit einfließen. Dass dieser Roman nachhallt, ist von Beginn an einleuchtend. Fakt ist, es ist eine von sehr vielen solcher Geschichten aber dies ist keine negative Verurteilung für dieses Buch. Ganz im Gegenteil. Über diese Taten von damals muss stets berichtet werden, denn was damals in der DDR diesbezüglich geschah, ist absolut menschenunwürdig und sollte verurteilt werden. Jügler hat es jedenfalls absolut bravourös geschafft, hier eine von eben ganz vielen Geschichten sehr packend und emotional zu erzählen, dass der Leser gar nicht anders kann als dieses Buch zu verschlingen. Jügler beleuchtet aber nicht nur das Grauen sondern bringt auch wirklich wunderschöne natürliche Momente in diese Geschichte. So wie er die Natur und die Örtlichkeiten beschreibt, muss eine ganz tiefe Verbundenheit in ihm herrschen. So kann man nur schreiben wenn man diese Themen auch im Herzen trägt. Ich bin wirklich tief beeindruckt wie Jügler hier die Verbindungen zu alle dem knüpft und eben diesen besonderen Ton anschlägt. Das ist alles wirklich bemerkenswert austariert und frei von jeglichem Kitsch oder Klischee. Sie merken schon, dieses Buch muss man lesen und die 5 Sterne hat es absolut verdient. Ganz klare Leseempfehlung hierfür!
Bewertung
aus Baden-Baden
5/5
12.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein weiteres dunkles Kapitel DDR- Geschichte
Matthias Jügler, noch in der DDR geboren, und zwar 1984 in Halle, hat sich schon in seinem zweiten Roman „ Die Verlassenen“ mit der Vergangenheit seines Landes beschäftigt. Und das, obwohl er das DDR- Regime kaum bewusst erlebt hat; schließlich war er zur Wendezeit noch ein Kindergartenkind. Trotzdem lässt ihn das Thema nicht los. Bei Recherchen zum unrühmlichen Kapitel der Zwangsadoptionen, bei denen man Eltern, die als „ Staatsfeinde“ galten, ihre Kinder weggenommen und zur Adoption freigegeben hatte, stieß er auf eine noch unglaublichere Geschichte. Ein realer Fall wurde dann zur Grundlage seines neuen Romans .
Der 65jährige Rentner Hans wird nach seiner Heimkehr vom Angeln von seiner Lebensgefährtin Anne mit einer Nachricht überrascht. Sein Sohn Daniel habe angerufen. Dabei ist Daniel doch vor vierzig Jahren schon gestorben, gleich nach seiner Geburt. Eigenhändig hatte Hans das Grab für sein Kind ausgehoben.
Wie glücklich waren Hans und Katrin, beides Lehramtsstudenten, über die Schwangerschaft. Sie machten Pläne für die Zukunft, Heirat, ein gemeinsames Haus, ein zweites Kind. Doch dann, als Katrin 1978 nach einem Kaiserschnitt einen Jungen zur Welt bringt, zerbrechen alle Wünsche und Hoffnungen. Das Baby wird der Mutter sofort weggenommen, es müsse dringend behandelt werden. Und dann der Schock: das Kind ist tot.
So ein Schicksalsschlag kann Paare noch fester aneinander binden, wenn beide sich in ihrer Trauer Trost und Stütze sind. Nicht aber hier. Während Hans wie erstarrt sich in das Unabänderliche fügt, zweifelt Katrin an den Aussagen der Ärzte. Sie ist überzeugt, dass ihr Kind gesund ist, dass es lebt. Hans erträgt ihre Zweifel nicht, er will, dass Katrin den Verlust akzeptiert. Die Beziehung zerbricht.
Die beiden sehen sich erst wieder neun Jahre später, Katrin ist an Krebs erkrankt. Vor ihrem Tod nimmt sie Hans noch das Versprechen ab, er möge die Augen offenhalten, falls sich irgendwann eine Möglichkeit ergibt, Genaueres zu erfahren.
Nach dem Mauerfall unternimmt Hans mehrere Versuche, Einblicke in die alten Krankenhausakten zu erhalten. Dabei stößt er zunächst auf erheblichen Widerstand, doch später erhält er geschwärzte Dokumente. Etwas scheint tatsächlich vertuscht worden zu sein.
Und dann kommt der Anruf von seinem Sohn.
Nur knapp 160 Seiten braucht Matthias Jügler um diese unwahrscheinliche Geschichte zu erzählen. Aus Hans‘ Perspektive und in der Rückschau erfahren wir vom Geschehen. Ohne Pathos und ohne Sentimentalitäten, beinahe nüchtern schildert Hans das Erlebte. Dabei lernen wir einen stillen, introvertierten Menschen kennen. Kraft und Trost findet Hans beim Angeln, ein Hobby, das schon sein Vater pflegte. Hier, in der Einsamkeit der Natur, kann er seinen Gedanken nachgehen. Lange hatte er die Erinnerung an Katrin und seinen Sohn verdrängt. „ Heute weiß ich, dass der Versuch, die Ereignisse der Vergangenheit unter den Teppich zu kehren, um das zu führen, was man ein normales Leben nennt, von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.“
Schuldgefühle plagen ihn. Katrin gegenüber, weil er sich damals so empathielos verhalten und ihre Zweifel nicht ernstgenommen hat und auch, weil seine Versuche, die Wahrheit herauszufinden, anfangs nur halbherzig waren. Fragen quälen ihn. Wie wäre sein Leben verlaufen ohne dieses Verbrechen? Wie das von Katrin und seinem Sohn?
Wie der Autor Vergangenes und Gegenwart, Reflexionen und Erlebnisse miteinander verknüpft, spricht für sein literarisches Können. Ruhe verströmen die zahlreichen Passagen übers Angeln. Jügler versteht es durch leise Andeutungen und viele Metaphern aus dem Naturbereich Stimmungen und Gefühlslagen spürbar zu machen.
Die titelgebenden Maifliegen verharren monatelang auf dem Grund der Flüsse und Bäche und steigen nur zur Paarung nach oben. „ Aber nur, weil sich etwas dem Blick so konsequent entzieht, heißt das nicht, dass es nicht existiert.“
Das Angeln lehrt auch Geduld und das Loslassen - Können, beides Eigenschaften, die Hans brauchen kann.
Jügler lässt vieles im Ungefähren, in der Schwebe, lässt Raum für eigene Gedanken, und trotzdem ergibt das eine runde, stimmige Geschichte.
In der Nachbemerkung lesen wir, dass so etwas kein Einzelfall war. „ Aufgeklärt sind bis zum heutigen Zeitpunkt drei solcher Verbrechen, die Zahl der Verdachtsfälle liegt jedoch bei 2000.“ Die „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR“ kümmert sich um diese.
Der Leipziger Autor hat unlängst für diesen Roman den Rheingau- Literaturpreis erhalten, völlig zu Recht.
Dieses stille, aber umso eindringlichere Buch verdient alle Aufmerksamkeit, weil es jeglicher Ostalgie entgegenwirkt, in dem es ein weiteres Kapitel des Unrechtsstaates DDR aufzeigt.
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