"Eine Hymne an die Natur." Le Point. Der junge Botaniker Marc Jeanson leitet das größte Herbarium der Welt: ein magischer Ort mitten in Paris, der das Wissen von Jahrtausenden birgt. Gesammelt von Naturforschern wie Lamarck und Linné, die die Flora im 18. Jahrhundert erstmals kartografierten. In "Das Gedächtnis der Welt" nehmen uns Marc Jeanson und Charlotte Fauve mit auf die Expeditionen der großen Gelehrten - und auf die eigene abenteuerliche Suche nach unbekannten Pflanzen, die benannt und vor dem Vergessen bewahrt werden wollen. Ein Buch voller Poesie, das die Augen dafür öffnet, wie das Leben der Pflanzen untrennbar mit dem unseren verbunden ist.
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annlu
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20.08.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie poetisch und interessant kann das Sammeln, Klassifizieren und Systematisieren von Pflanzen sein?
Marc Jeanson leitet das größte Herbarium der Welt inmitten von Paris. Wie es zu seiner Liebe zu den Pflanzen kam, welche Geheimnisse ein Herbarium bergen kann und welche bedeutenden – und manchmal auch verkannten – Wissenschaftler zur Reichhaltigkeit des Pariser Herbariums beigetragen haben, vereint er in seiner Abhandlung zum „Gedächtnis der Welt“.
Ein Herbarium klingt erst einmal veraltet. Alt sind die Belege dieses speziellen Herbariums wirklich. Doch hinter der größten Sammlung an pflanzlichen Belegen verbergen sich eine Menge Geschichten. Im Buch findet man diese zusammengemischt, ohne großartige Gliederung miteinander verbunden. Von seinen Gedanken und Erinnerungen geleitet mixt der Autor seine eigene Biografie (was seinen Werdegang anbelangt) mit den Lebensgeschichten, wichtigsten Entdeckungen und unterhaltendsten Anekdoten historischer „Pflanzensammler“, mit den Persönlichkeiten, die seine Liebe zu den Pflanzen geprägt haben und Eindrücken aus den Herbarien und Expeditionen, die er selbst erlebt hat.
Die Liebe zu den Pflanzen bezieht sich hier nicht auf deren Aufzucht. Er stellt sogar einmal Gärtner, die das Leben fördern, den Botanikern gegenüber, die sich die Pflanzen erst nach ihrem Tod als Belege in Herbarien ansehen. Vielmehr zeigt sich hier das Bild der Sammler, der Systematiker und Klassifizierer. Wie sich die Arbeit an Herbarien geändert hat, was aber durch die Zeit hindurch verbindend bleibt, wird durch seine Herangehensweise ersichtlich. Von seinen eigenen Erfahrungen aus schlägt er Bögen zu historischen Wissenschaftlern, zeigt wie deren Entdeckungen die Botanik beeinflusst haben.
Von Tournefort, der eine eigene Moossammlung hatte und den Jardin du Roi in ganz Europa bekannt machte, über Adnanson, der nach Afrika auszog um sich im Senegal ein neues Klassifizierungssystem auszudenken zu Pierre Poivre, dem es gelang den Holländern ihre lukrativen Gewürzpflanzen zu stehlen, von Lamarck – der zu seiner Zeit verkannt wurde – zum Geheimnis des farbenfrohen Herbariums des Postinspektors Leon Mercurin, von Linnè mit seiner heute noch gültigen Namensgebung zum Skandal, dass auch Pflanzen ein Sexualleben haben – wohlbekannte Wissenschaftler werden hier ebenso erwähnt wie solche, deren Namen ich zum ersten Mal hörte. Auch wenn sie es sind, die dem Gedächtnis der Nachwelt erhalten blieben, wird immer wieder betont, wer nicht namentlich genannt wird: die vielen Frauen, deren wissenschaftliche Arbeit nicht beachtet wurde und die noch viel zahlreicheren Einheimischen, die Expeditionen überhaupt erst ermöglichten und mit ihrem Wissen zu neuen Entdeckungen beitrugen.
Ebenso interessant wie die Blicke in die Vergangenheit sind die Ausflüge in die Herbarien, bei denen der Leser den Autor begleitet. Wie verwunschen scheinen die Hallen des Pariser Herbariums mit den vielsprachigen Zeitungspapieren, in denen die Pflanzen gepresst wurden, den unterschiedlichsten Behältern, die zweckentfremdet wurden um noch mehr und mehr Pflanzenteile auf ihre Reise zu schicken, all dem versehentlich Beigefügtem und den beeindruckenden Pflanzenbelegen selbst – nebst handschriftlicher Notizen der oben erwähnten wissenschaftlichen Größen. Die vom Autor beschriebenen Hüter dieser magischen Gefilde – Professoren und Wissenschaftler, die freundlich-skurrile Eigenschaften aufweisen - ergänzen das Gesamtbild einer eigenen Welt innerhalb des Herbariums. Leider gehören auch diese Eindrücke der Vergangenheit an, da die Aufbewahrungssituation verbessert wurde.
Seine Expeditionen führen den Autor nicht nur in naturbelassene Gegenden der Welt, sondern auch auf den Spuren seiner Vorgänger. Dabei kommt er nicht umhin die Änderungen in den Landschaften noch deutlicher wahrzunehmen. Immer wieder sind die damals gefundenen Pflanzen nicht mehr auffindbar. So sieht er sich nicht nur einer Globalisierung der Pflanzenwelt gegenüber, sondern auch dem Bewusstsein sich mitten im sechsten Massenaussterben zu befinden.
Fazit: Poetisch angehaucht beschreibt der Autor sein Interessensgebiet aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln – vom eigenen, ganz Persönlichen wechselt er zu Geschichtlichem, von Anekdoten zur Zukunft der Herbarien. Auf den ersten Blick wirkt seine Erzählweise etwas durcheinandergeraten, je mehr man liest umso weniger kann man sich aber der Anziehungskraft dieses besonderen Blicks auf die Botanik erwehren.
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