Ein (feministischer) Kampf gegen ein unterdrückendes System!
faanielibri am 17.11.2025
Bewertungsnummer: 2656500
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Andrew Joseph White hat sich für mich in kürzester Zeit zu einem Autor entwickelt, von dem ich ALLES lesen will. Ich mag es, wie er Young Adult Fantasy Horror und Gesellschaftskritik mischt. Auch bei ‚The Spirit Bares Its Teeth‘, übersetzt von Katrin Aust, ist diese wieder zu spüren. Selbst wenn die Geschichte in einem viktorianischen London spielt. Der (feministische) Kampf gegen ein System, das Menschen diskriminiert, ist heute nicht weniger wichtig.
Silas ist ein Transjunge und sieht gar nicht ein, jemandem eine brave Speaker-Ehefrau zu werden. Doch das ist das Schicksal, dass seine Eltern für ihn vorgesehen haben. Nachdem ein Versuch scheitert, diesem Plan zu entgehen, findet er sich in einem Sanatorium wieder, in dem Frauen, sagen wir mal.., wieder auf Linie gebracht werden soll. Eine Linie, die natürlich von Männer definiert wird. Der Ansatz in diesem Einzelband ist gleich von Beginn an erkennbar: Ein feministischer Kampf in einer Welt, die von Männern dominiert wird. In der Frauen die traditionellen Rollen zu erfüllen haben, die sich das Patriarchat wünscht: Am Herd, im Kinderzimmer, mit einer Tasse Tee im Salon, Gäste empfangend. Dabei haben sie leise und zart zu sein, auf keinen Fall zu widersprechen. White rennt bei mir mit so einer Geschichte offene Türen ein. Ich bin Einstiegsfeministin und versuche im Alltag andere Frauen* zu unterstützen, sei es nur durch kleine Gesten. Zu lesen, wie diese in vergangenen Jahrhunderten behandelt wurden, löst in mir nur kaltes Grausen aus. Denn selbst wenn Whites Geschichte Fiktion ist, sind es die Schilderungen der Grausamkeiten nicht. Natürlich hat er sich Freiheiten bei der Erzählung historischer Fakten genommen, aber dass vor allem ethnische Minderheiten, Queere, Frauen und Behinderte als nicht den sozialen Normen entsprechend angesehen wurden, ist Fakt. Sie waren diejenigen, die „medizinische“ Experimente jeglicher Art erleiden mussten. Schon allein das ist Horror genug, aber es nochmal in einer Geschichte verpackt serviert zu bekommen, hat mich besonders mitgenommen. Nicht mal unbedingt wegen der Nähe zu den Figuren, die ich nur zu ein paar der Charaktere verspürt habe. Nein, vor allem wegen des Systems, das dahintersteckt. Wer alles von den grausamen Experimenten wusste, wer sie unterstützt hat. Sei es durch aktive Mitarbeit oder durch schlichtes passives geschehen lassen. Das ist übrigens auch auf die heutige Zeit übertragbar. Das System schützt die Menschen mit Macht, Reichtum und Einfluss. Sie sind vernetzt, unterstützen sich und fördern dadurch eine Gesellschaft, die alle ausschließt, die nicht so sind wie sie. Die andere ausbeutet, klein haltet und ihnen einredet, dass sie nicht so viel wert sind, wie sie.
Der Fantasyaspekt der Story tritt durch diese Präsenz des Kampfes gegen ein unterdrückendes System fast ein bisschen in den Hintergrund. Das zeigt aber mal wieder, wie oft Fantasyromane reale Themen aufgreifen, aufzeigen und bewerten. Und wie politisch lesen ist.
Autistischer trans-Junge in viktorianischem Sanatorium
Bewertung (Mitglied der Book Circle Community) am 23.04.2025
Bewertungsnummer: 2473100
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
London 1883, in einer Welt, in der Geister existieren. Silas weiss, dass er ein Junge ist, auch wenn die Welt ihn als Mädchen sieht. Er hat Probleme mit sozialen Interaktionen und kann sich nur schwer anpassen. Nach einem Fluchtversuch, um einer arrangierten Hochzeit zu entgehen, kommt er in ein Sanatorium für schwer erziehbare Frauen, um ihn zur perfekten Ehefrau auszubilden. Dort verschwinden andere Mädchen und die Geister bitten Silas um Hilfe.
Ich fand die Darstellung von Silas grossartig. Die autistische Seite habe ich so noch nie in einem Roman gelesen. Ebenso war es immer befremdend, wenn er mit seinem weiblichen Namen angesprochen wurde. Er als Figur hat gut funktioniert. Genauso die Mädchen im Sanatorium.
Was nicht funktioniert hat für mich, waren die Anachronismen. Der Autor hätte besser eine Welt kreiert, die sich am viktorianischen London anlehnt, statt die Geschichte in ein historisches Setting zu platzieren. Ich verstehe, dass die Absicht war, zu zeigen, dass solchen Menschen schon immer existierten, aber da Geister vorkommen, ist klar, dass es nicht real ist.
Der Horror in diesem Buch stammt allerdings nicht von den Geistern, sondern den Leitern des Sanatoriums und allen Männern, die versuchen, die Mädchen klein zu halten. Es ist eine Geschichte über Unterdrückung und wie unterdrückte Personen teilweise zu Mittätern werden. Leider war kein einziger Mann positiv dargestellt. Ich hätte mir mehr Nuancen gewünscht.
Ich empfehle das Buch allen, die kein Problem mit bedrückenden Settings haben und sich für gute Darstellungen von trans-Personen oder Autismus interessieren. Das Buch ist nicht perfekt, aber Silas ist eine gute Repräsentation zweier Aspekte, über die viel Unwissenheit herrscht. Ich wünschte mir, es hätte solche Bücher in meiner Jugend gegeben.
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