Rezension
Pedro Badrán: Verbrechen in der Provinz
Der Fall des Patriarchen
Pedro Badrán beschreibt in Form eines “Kriminalromans”, was für ein seltenes Gut die Wahrheit ist.
Geheimnis und Spannung sind Bestandteile von guter Literatur, jedes literarische Thema birgt Momente der Intensität und Gespanntheit, die nach Auflösung drängen. Es muss sich dabei längst nicht um einen Kriminalroman handeln. Im Fall von „Verbrechen in der Provinz“ des kolumbianischen Autors Pedro Badràn liegt der Fall komplexer. „Auch ein Kriminalroman“ hat der Verlag das Buch untertitelt, wobei die Betonung nicht auf dem „auch“, sondern auf dem Genre liegt. Badrán erzählt eine Begebenheit aus einer nordkolumbianischen Kleinstadt namens Puerta E. Die Stadt ist geprägt durch die schwelende Präsenz von Krieg und Gewalt. Im Dunstbereich von staatlicher Korruption, paramilitärischer Willkür und Guerilla-Überfällen behauptet sich der Senator Maldonado seit Jahrzehnten als unumstrittener Patriarch über die Region. Der Tod seines Sohnes Horacio, eines Arztes, setzt indes eine Zäsur, die Horacios besten Freund Rodolfo Cuesta ganz persönlich trifft. Er, der Ich-Erzähler, ist vaterlos aufgewachsen und verdankt dem Senator viel, nicht zuletzt sein Arztstudium. Als Horacios „Herzensbruder“ war er von Kindesbeinen an Teil der einflussreichen Familie. Was aber ist mit Horacio passiert, wer hat ihn umgebracht? Trägt der Vater eine Mitschuld? Diese Fragen lassen den Erzähler nicht mehr los, und er beginnt, neben seiner Arbeit im Spital von Puerta E., Nachforschungen anzustellen. Schnell zeigt sich, dass für ihn selbst viel auf dem Spiel steht.
Pedro Badrán, 1960 in der Region Bolivar am Magdalena-Fluss geboren, wo das Buch spielt, legt damit „auch“ einen Kriminalroman vor, indem er die Spannung hoch hält, was den Tod von Horacio betrifft. Doch es gibt dazu weder Anklage noch Täter noch Ermittler, geschweige denn Gerechtigkeit. Der Erzähler befragt Freunde und Bekannte, forscht nach Urhebern und Befehlsgebern, findet indes nur kleine Brocken einer für ihn (vielleicht) zu grossen Wahrheit. Symptomatisch ist die Antwort seines einflussreichen Vorgesetzten im Spital: „Wer diese Befehle erteilt? Ich weiss es nicht und habe es nie gewusst, auch die Staatsanwaltschaft weiss es nicht, keiner weiss es.“ Wo kein Wissen ist, gibt es auch keine Auflösung.
„Verbrechen in der Provinz“ ist das kompakte, intensive Porträt einer Gesellschaft, in der Verschwiegenheit und Unterordnung nicht Zierde, sondern Pflicht sind. Wer aufmuckt, wird eliminiert. Wer die vorgegebene Rolle spielt, bleibt geschützt. Die Sphäre des Erlaubten ist indes diffus definiert, weshalb es leicht geschieht, dass unwillkürlich ein Schatten auf die eigene Existenz fällt. Badrán erzählt voller Andeutungen davon, wie diese Gesellschaft funktioniert, wie viel ein Leben wert ist und welche Freiheit dem Menschen übrig bleibt. Alles scheint sich um Vater, Mutter, Sohn und Tochter zu drehen, aber keine Familie ist noch heil und intakt. Der Vater verschwunden, die Mutter in Kindbett gestorben, der Sohn ermordet, die Tochter unehelich geboren … unter der dünnen Firnis der Religion wütet der Dämon.
„Die Wahrheit suchen ist nicht das Wünschenswerte suchen“, zitiert der Erzähler Camus, wohl wissend: „in Wahrheit ist es das Unerklärliche, das uns allemal eine Niederlage bereitet“. Unerklärlich ist dabei allerdings nichts Metaphysisches. In diesem stillschweigenden Komplott, in dem alle ihre Aufgabe getreulich erfüllen, ist das Unerklärliche das, worüber „ein Mantel des Schweigens“ gebreitet wird. Mit ausgezeichnetem Gespür für das Wesentliche schildert Badrán das Leben in der kolumbianischen Provinz, die meist nur wegen Massakern und politischen Ränkespielen ein Echo in unseren Nachrichten findet.
So schwer die Wahrheit zu greifen ist, so wenig will dem Erzähler eine „simple Chronologie der Ereignisse“ gelingen. Er erkennt nur die ihm nächsten Erzählfäden, an denen er zieht. „Fest steht“, muss er sich schliesslich eingestehen, „dass auch Mut, auch Courage den Menschen nicht retten kann“. Keine schöne Aussicht. Immerhin findet der Erzähler auf seiner Suche nach Horacio etwas über sich selbst heraus. Das Rätsel seines Vaters entwirrt sich, macht diesen aber nicht mehr lebendig. Senator Maldonado stirbt mit siebenundsiebzig Jahren. Mit ihm stirbt auch ein Teil der Wahrheit in diesem unruhig funkelnden, schmalen Gesellschaftsroman. Der Rezensent Beat Mazenauer auf seiner Homepage