»Ein Wunder, eine bemerkenswerte Leistung, und ganz anders als alles, was Sie in diesem Jahr lesen werden.« The New York Times
Zwei Geschichten, eine Familie. Emine wächst im Jugoslawien der Achtzigerjahre auf. Mit siebzehn wird sie mit einem Mann verheiratet, dem sie vor der Hochzeit nur ein einziges Mal begegnet ist. Was als glückliche Verbindung gedacht war, wird bald zu einer aufreibenden Prüfung. Als dann in ihrem Land ein erbitterter Krieg ausbricht, flieht die junge Familie nach Finnland, wo sie mit Skepsis und Argwohn empfangen wird. Schnell verlernt Sohn Bekim die Sprache seiner Heimat, versucht sich zu integrieren, doch trotzdem wird er auch als Erwachsener ein Außenseiter bleiben. Bekim ist queer. Entfremdet von seiner Familie verbringt er die meiste Zeit allein in seiner Wohnung. Eines Tages trifft er in einer Schwulenbar eine sprechende Katze. Dieses witzige, charmante und manipulative Wesen reizt Bekim solange, bis er schließlich nachgibt, in die Geschichte seiner Familie im Kosovo eintaucht und sich den Rätseln der Vergangenheit stellt. Ein wunderbar skurriler und magischer Roman über die großen Themen der Menschheit: Krieg, Liebe, Zugehörigkeit und sprechende Katzen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
MarieOn
5/5
17.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman, der ohne Pathos oder Bewertung vom Schrecken des Krieges und des Lebens erzählt.
Emine ist Kosovarin. Sie lebte mit ihren Eltern in den Bergen und träumte von einer großen Stadt. Denn die Kosovarinnen können keinen Beruf ergreifen oder hatte hier je jemand von einer Polizistin, Lehrerin, Juristin oder gar Politikerin gehört?
Mit siebzehn ist Emine eine ausgesprochene Schönheit, das findet auch Bajram, der sie auf der Straße anspricht und zur Schule fahren will. Kurz darauf hält er mit seinem Vater Einzug in das Haus ihres Vaters, um ihre Hand anzuhalten. Während den Gesprächen bereitet und serviert Emine den Tee, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hat. Zuerst dem fremden Vater, dann ihrem und zuletzt Bajram. Wie es die Tradition fordert hält Emine noch etwas Konversation mit den Fremden.
Am Abend sagt ihr babë, dass sie armes unbedeutendes Kind sich glücklich schätzen könne, dass ihr Zukünftiger in Pristina die Sprachen und Literaturen des Balkan studiere. Ihre Mutter hingegen warnt sie, trichtert ihr ein, dass eine nach der Heirat davongejagte Frau den Ruf der ganzen Sippe schädige. Die Frau habe dem Manne zu dienen, so sei sie von kleinauf erzogen, das solle sie nie vergessen.
Emines und Bajrams jüngster Sohn Bekim wird sich von seiner Familie distanzieren und ein einsames, zurückgezogenes Leben führen. Seine treueste Begleiterin wird eine Königsboa sein. Bekims wunderliches Verhältnis zu Katzen, die in seiner Heimat verabscheuenswürdiger Straßenunrat sind und zu Schlangen mögen aus seiner frühesten Kindheit stammen, der er als junger Mann auf den Grund gehen wird.
Fazit: Diese Geschichte ist nicht so flockig, wie der Klappentext verspricht, sondern eine Unbequeme, die es in sich hat. Pajtim Statovci hält an zwei Erzählsträngen fest. Die einer Familie, aus Sicht der Mutter und die ihres Sohnes Bekim. Der Autor lässt die Mutter über Zwangsehe, die Machtergreifung Milosevic und den Balkankrieg sprechen. Den Sohn über seine missglückte Integration, seine Einsamkeit und seine Queerness. Ich bekam einen Einblick in die Kriegsgräueltaten der Serben gegen die muslimischen Völker, in traditionelle misogyne Familienrollenbilder und wie es sein muss in vieler Hinsicht anders zu sein, in einem Land, das sich vom eigenen so deutlich unterscheidet. Wie es sein muss vertrieben zu sein und seine Herkunft zu verwünschen, wegen der autoritäten Erziehung des Vaters. Der Autor schreibt über das Leid und die Missstände, die auf dieser Welt passieren und löst Wut in mir aus, dann gönnt er mir eine Verschnaufpause, indem er augenscheinlich lockere Bilder über kokettierende Katzen und symbolträchtige Schlangen schafft, bis dem aufmerksamen Leser auffallen muss, was Bekim während seiner Kindheit passiert ist. Und schon hat er mich wieder in einen Schrecken versetzt, dem ein Kopfschütteln folgt. Ein Roman, der ohne Pathos und Bewertung von den Schrecken des Krieges und des Lebens erzählt, den ich gelungen und in seiner Herangehensweise sehr besonders finde. Und natürlich zu recht auf der Shortlist des internationalen Literaturpreises zu finden ist.
Literatursprechstunde
aus Göttingen
5/5
14.06.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Von Katzen und Schlangen - Ängsten und Hoffnungen
„Meine Katze Jugoslawien“ ist 2024 bei Luchterhand erschienen und ist auf der Shortlist für den Internationalen Literaturpreis. Es ist eine sehr gelungene Übersetzung aus dem Finnischen von dem Übersetzer Stefan Moster.
Am Anfang hatte ich mit diesem Buch zu kämpfen und begann schließlich, es zu lieben. Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, besonders als Bekim mit der Katze zu sprechen begann, die zurücksprach. Es fühlte sich an, als käme dieser Teil völlig aus heiterem Himmel und wirkte ein bisschen wie eine Murakami-Geschichte. Dieser Teil endete schnell, was ihn nur noch seltsamer machte.
Diese Geschichte handelt von einer Familie, die vom Kosovo nach Finnland zieht - für ein besseres Leben, ein besseres Zuhause und weg von dem Krieg, der dort stattfand. Sie wird aus zwei Blickwinkeln erzählt. Zum einen aus der Sicht der Mutter - ihre Geschichte, ihre Kindheit und ihre Ehe bis heute. Und zum anderen aus der Sicht des Sohns - sein Leben als Erwachsener, seine Erinnerungen an seine Kindheit, seine Schlange und seine Katze, seine Liebesbeziehungen mit Männern und seine tiefe Einsamkeit.
Während des gesamten Buches und von Anfang an kann man die immense Einsamkeit des Sohnes spüren. Er wächst mit unzugänglichen Eltern auf, einem Vater, der immer wütend ist, in einem fremden Land, in dem er zwar die Sprache beherrscht und versucht hat, sich zu integrieren, aber die Leute ihn weiterhin schikanieren, weil er ein Flüchtling ist. Im ganzen Buch gibt es das Gefühl, dass seine Familie und er selbst alles verloren haben. Sie leben am Rande der Gesellschaft und wissen nicht, wann es an der Zeit ist, Finnland zu Hause zu nennen - und ob der Kosovo jemals wieder ein Zuhause für sie sein wird. Sein Leben ändert sich am Ende und man kann spüren, dass es einen Hoffnungsschimmer gibt, als er jemanden gefunden hat, den er liebt. Nun kann er seinen Geist davon abhalten, an dunkle Orte zu gehen; aber selbst dann, selbst in den guten Momenten, spürt man, wie sein Geist abdriftet, wie er zur Einsamkeit zurückkehrt
Die Mutter teilt dieses Gefühl der Einsamkeit. Sie ist früh verheirate und findet heraus, dass ihr Lebensweg nicht so angenehm sein wird, wie sie es sich erhofft hat. Sie füllt die Leere, die sie fühlt, indem sie die Hausarbeit akribisch erledigt. Es ist ziemlich traurig, wie viele Frauen sich unsicher sind oder nicht in der Lage fühlen, ihre missbräuchlichen Ehemänner oder ihr unglückliches Leben/ihre Ehe zu verlassen. Sie konnte aus Finnland auch nicht zu Hause anrufen, hat aber einen Weg gefunden, ihre Angst vor ihren Gedanken über Zuhause zu lindern. Am Ende findet sie ein bisschen Frieden, ist unabhängig, findet einen Job und adoptiert ein kleines Kätzchen. Ihre Einsamkeit verschwindet nicht und sie ist nicht in der Lage zu verstehen, wie man so allein leben kann, oder ob es besser ist, unglücklich zu leben, als allein zu sein.
Es gibt Millionen und Abermillionen von Flüchtlingen auf der ganzen Welt, die eine ähnliche Geschichte haben, die nicht in der Lage sind, ein Zuhause zu finden, die nicht in der Lage sind, ihren Familien und sich selbst ein stabiles Leben zu bieten, und die während all dessen immense Einsamkeit empfinden. Ich frage mich, wie sie aus ihren vom Krieg zerrissenen Ländern in ein fremdes Land mit einer Fremdsprache fliehen, versuchen, sich anzupassen, nur um festzustellen, dass das Leben ihnen immer noch Schwierigkeiten bereitet und sie immer noch ihr Bestes geben, um zu weiterzukommen. Es ist immer schwer vorstellbar, wie egoistisch Menschen sein können, wenn ihnen gesagt wird, dass sie die "Flüchtlingskrise" als Überlebenskrise betrachten sollen.
Ich erinnere ich mich, dass ich mir vor Jahren wünschte, ich könnte selbst ein wenig von dem erleben, was Einwanderer erleben, oder dass sie einige ihrer Erfahrungen auf eine Weise kommunizieren könnten, die ich verstehen könnte. Sie hatten neu an einem Ort angefangen, an dem ich noch nie war, und sie waren an einem Ort angekommen, den sie sich so nie vorgestellt hatten. Wie Finnland. Kalt, weiß, gemeinschaftlich, mit wenig rassistischen oder religiösen Spannungen.
Dieses bemerkenswerte Debüt des 27-jährigen Statovci gibt uns diese Fremdheit, Vertrautheit, Andersheit und Ähnlichkeit in einer wilden Fahrt vom Kosovo nach Finnland, von der traditionellen Gesellschaft zu einer offenen Gesellschaft, von der kulturellen Akzeptanz bis zur sozialen Ausgrenzung.
In jeder Passage in diesem Buch geht es um einen Aspekt der Bindung: unerklärliche Anziehung, selbstzerstörerische Hingabe, Sehnsucht, Groll, Akzeptanz und das Fehlen davon. Auf den ersten Seiten trifft sich Bekim mit einem Online-Kontakt, adoptiert einen Boa Constrictor und bringt ihn mit einer sprechenden Katze zusammen. Jahrzehnte zuvor ist seine Mutter Emine mit einem Mann verheiratet, der ganz in Ordnung zu sein schien, bis er sich als schrecklich erwies. Es gibt vorhersehbare (und realistische) Parallelen zwischen der Ehe von Bekims Eltern und seinen Beziehungen zu den Kreaturen, an die er immer wieder anknüpft. Dank der Katze und der Schlange kommt dieser Aspekt der Geschichte nicht als redundant oder übermäßig theatralisch heraus, sondern als bizarres Missgeschick.
Wichtig ist, dass es sowohl für Bekim als auch für Emine eine echte Charakterentwicklung gibt. Es ist möglich, sie dreimal als Opfer zu sehen - von patriarchalischer Tyrannei, Fremdenfeindlichkeit und Krieg - und dieses verschärfte Trauma und der Verlust stehen im Mittelpunkt des Buches. Aber sie sind nicht die ganze Geschichte. Tatsächlich beinhaltet ein Teil des Entwicklungsbogens, dass Bekim und Emine ihre Beziehungen zu diesen Kräften ändern.
Diese Punkte sind keine Spoiler - dieses Buch ist viel gehaltvoller, als die Abfolge von Szenen, die die Handlung aufbauen. Seine Brillanz liegt in den Kleinigkeiten in jeder Passage, die Geschichten, die Bekim und Emine sich selbst erzählen, während sie objektiv inakzeptable Umstände tolerieren, und den allmählichen Mut, der sich entwickelt, während der Einfluss der oben genannten schrecklichen Kräfte erodiert. Es ist weder eine Fabel noch ein Märchen, sondern eine Erklärung für eine sehr gewöhnliche, unvollkommene Reise von der Angst zu einer echten Verbindung.
Statovci schafft es, mit diesem Debüt unsere Aufmerksamkeit zu erregen und erzählt von einer quälenden Kindheit und einem Erwachsenenalter voller plötzlicher emotionaler Fallen. Seine Verwendung eines weiblichen Standpunkts ist außerordentlich effektiv, um uns dazu zu bringen, Entscheidungen nachvollziehen zu können. Er zeigt uns die Isolation, die ein Emigrant von seinem Gastland fühlen kann, egal wie widersprüchlich diese Gefühle sind. Er zeigt uns das hasserfüllte Mobbing in der Stadt - ein Schritt weiter als das gewöhnlichen Mobbing in der Schule. - das eher einen Rückzug hervorruft, als eine Resilienz schafft und die Abhängigkeit von einheimischen Werten hervorrufen kann.
Ich bin in Ehrfurcht vor Statovcis Schreiben und bin schon gespannt, was als Nächstes von ihm kommt - ich werde es in jedem Falle lesen.
Kata_____Lović
aus Bremen
4/5
05.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schlangen, die die Kontrolle…
Schlangen, die die Kontrolle übernehmen, die Alpträume bewohnen, würgen und dabei zu den wichtigsten Vertrauten und Gegenfiguren werden. Katzen, die sich in die Geschichte schleichen, ganz leise, fast nebensächlich, die dann Aufsehen errregen. Die sich in Schwulenbars aufreißen lassen, erst anschmiegsam, dann tyrannisch, fordernd die Kontrolle übernehmen und mit Schlangen um das Territorium kämpfen. Katzen, die die Selbstzweifel und negativen Gedanken einer Figur in verbaler Gewalt einflüstern und diese in der eigenen Wohnung zu verdrängen suchen. Das klingt nach dystopischem Märchen, nach magischem Realismus und nach von der Psychoanalyse inspirierter Traumdeutung und Symbolik, vielleicht holzschnittartig, vielleicht auch nach Thesenroman, etwas Horror ist auch dabei und das Psychogramm verletzter Identitäten. Insbesondere weil der kosovarosch-finnische Autor Statovci sie mit einer Migrations- und Fluchtgeschichte verwebt und eine Familie entwirft, die nicht nur durch Krieg und Exil von Gewalt, Einsamkeit und Entfremdung gezeichnet ist. Erfreulicherweise legt er sich nicht fest auf bestimmte Deutungen und entgeht damit den Fallstricken einer zu direkten und determinierenden Sichtweise auf das Erzählte, holzschnittartig und Thesenroman nehm ich zurück. Einer der Protagonisten ist Bekim, ein queerer einsamer Student, der sich von seiner Familie abgewendet hat. Er findet am Anfang des Romans kaum Kontakt zu sich selbst und der Umwelt, bis er in einem Impuls eine Boa kauft. Seine Gedanken und Erinnerungen wechseln mit der Perspektive seiner Mutter Emine. Ihre vom Patriarchat gefütterten Mädchenträume platzten schon in der Hochzeitsnacht als sie 17 war. Emine hat vier Kinder bekommen mit einem Mann, der gewalttätig, stolz und nicht erreichbar war. Im finnischen Exil hat sie nur schwer Fuß fassen können und fast die Verbindung zum Kosovo, ihren Kindern und sich selbst verloren. Mit seinem bereits 2014 in Finnland erschienenen Debüt »Meine Katze Jugoslawien«, das 2017 in Englische übersetzt und hoch gelobt wurde, wollte der Autor viel. Doch überfrachtet oder konfus ist der Roman nicht. Er lebt vor allem von der komplexen und lebendigen Figurenzeichnung. Bekim und Emine bekommen einen eigenen Raum, ihre Charaktere sind nahbar, sie ergänzen und irritieren die Perspektive der anderen Figur, auch derjenigen, die nicht zu Wort kommen und sie nehmen eine Entwicklung. Statovsci zeichnet detailliert den Schmerz einer Familie nach, die es schon im Kosovo nicht einfach hatte, die vor Krieg floh und sehenden Auges in die ausgrenzenden und abwertenden Bilder der Finnen fallen und sich kaum oder nur mühsam daraus befreien können. Er spielt dabei mit dem antizipierten diskriminierenden Blick der Lesenden und säht immer wieder Zweifel. Für mich hätten es auch weniger magisch realistische Tiere und Szenen sein können, aber das ist Geschmackssache, doch auch so kann ich mich einreihen in die von Statovci Begeisterten. Ob es dazu kommen wird, dass er mal den Booker Prize bekommt? Mit Bolla, das glaub ich noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, landete er immerhin schon einmal auf der Longlist des Dublin Literary Award.
Bewertung
4/5
05.05.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
zu Recht international gefeierter Autor
Meine Katze Jugoslawien von Pajtim Statovci übersetzt von Stefan Moster erschienen bei Luchterhand
Schlangen, die die Kontrolle übernehmen, die Alpträume bewohnen, würgen und dabei zu den wichtigsten Vertrauten und Gegenfiguren werden. Katzen, die sich in die Geschichte schleichen, ganz leise, fast nebensächlich, die dann Aufsehen errregen. Die sich in Schwulenbars aufreißen lassen, erst anschmiegsam, dann tyrannisch, fordernd die Kontrolle übernehmen und mit Schlangen um das Territorium kämpfen. Katzen, die die Selbstzweifel und negativen Gedanken einer Figur in verbaler Gewalt einflüstern und diese in der eigenen Wohnung zu verdrängen suchen.
Das klingt nach dystopischem Märchen, nach magischem Realismus und nach von der Psychoanalyse inspirierter Traumdeutung und Symbolik, vielleicht holzschnittartig, vielleicht auch nach Thesenroman, etwas Horror ist auch dabei und das Psychogramm verletzter Identitäten. Insbesondere weil der kosovarosch-finnische Autor Statovci sie mit einer Migrations- und Fluchtgeschichte verwebt und eine Familie entwirft, die nicht nur durch Krieg und Exil von Gewalt, Einsamkeit und Entfremdung gezeichnet ist.
Erfreulicherweise legt er sich nicht fest auf bestimmte Deutungen und entgeht damit den Fallstricken einer zu direkten und determinierenden Sichtweise auf das Erzählte, holzschnittartig und Thesenroman nehm ich zurück.
Einer der Protagonisten ist Bekim, ein queerer einsamer Student, der sich von seiner Familie abgewendet hat. Er findet am Anfang des Romans kaum Kontakt zu sich selbst und der Umwelt, bis er in einem Impuls eine Boa kauft. Seine Gedanken und Erinnerungen wechseln mit der Perspektive seiner Mutter Emine. Ihre vom Patriarchat gefütterten Mädchenträume platzten schon in der Hochzeitsnacht als sie 17 war. Emine hat vier Kinder bekommen mit einem Mann, der gewalttätig, stolz und nicht erreichbar war. Im finnischen Exil hat sie nur schwer Fuß fassen können und fast die Verbindung zum Kosovo, ihren Kindern und sich selbst verloren.
Mit seinem bereits 2014 in Finnland erschienenen Debüt »Meine Katze Jugoslawien«, das 2017 in Englische übersetzt und hoch gelobt wurde, wollte der Autor viel. Doch überfrachtet oder konfus ist der Roman nicht. Er lebt vor allem von der komplexen und lebendigen Figurenzeichnung. Bekim und Emine bekommen einen eigenen Raum, ihre Charaktere sind nahbar, sie ergänzen und irritieren die Perspektive der anderen Figur, auch derjenigen, die nicht zu Wort kommen und sie nehmen eine Entwicklung. Statovsci zeichnet detailliert den Schmerz einer Familie nach, die es schon im Kosovo nicht einfach hatte, die vor Krieg floh und sehenden Auges in die ausgrenzenden und abwertenden Bilder der Finnen fallen und sich kaum oder nur mühsam daraus befreien können. Er spielt dabei mit dem antizipierten diskriminierenden Blick der Lesenden und säht immer wieder Zweifel.
Für mich hätten es auch weniger magisch realistische Tiere und Szenen sein können, aber das ist Geschmackssache, doch auch so kann ich mich einreihen in die von Statovci Begeisterten. Ob es dazu kommen wird, dass er mal den Booker Prize bekommt? Mit Bolla, das glaub ich noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde, landete er immerhin schon einmal auf der Longlist des Dublin Literary Award.
Bewertung
4/5
23.12.2024
eBook (ePUB)
Definitiv Lesenswert, literarisch aber ausbaufähig
Die Story ist toll, gerade als Einwandererkind kann man sich so gut in viele der Situationen hineinversetzen und fühlt den Schmerz richtig. Ich fand es gerade bis zur ersten Hälfte etwas verwirrend unterteilt. Ständiger Perspektive Wechsel und ich habe mich bis zum 3/4 des Buches gefragt, worauf soll es hinaus laufen. Dennoch eine tolle Geschichte!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.