Die heimatlose Erzählerin verlässt New York, um am internationalen Gerichtshof in Den Haag als Dolmetscherin zu arbeiten. Als sie Adriaan kennenlernt, scheint die Stadt zur Antwort ihrer Sehnsucht nach einem Ankommen zu werden. Doch dann verschwindet er zu seiner Noch-Ehefrau und hinterlässt nichts als Fragen. Fragen, die sich zu einem existenziellen Abgrund auftun, als sie für einen angeklagten westafrikanischen Kriegsverbrecher dolmetschen muss und zweifelt: Was ist kalkulierte Lüge, was Wahrheit? Glauben nur noch die Naiven an Gerechtigkeit? Wer kann über wen richten? Katie Kitamuras subtiler Roman ist ein intellektuelles Vergnügen mit hypnotischer Sogwirkung.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
MarieOn
5/5
16.04.2024
Buch (Taschenbuch)
Großartige Geschichte
Nachdem der Vater der namenlosen Ich-Erzählerin von seinen Leiden der Altersschwäche erlöst wurde, geht ihre Mutter, in die Heimat Singapur zurück. Sie selbst, fühlt sich jetzt frei genug, eine weitreichende Entscheidung zu treffen und geht an den Gerichtshof in die Niederlande. Sie mag die Mentalität der Menschen dort, die sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Allerdings ist die Athmosphäre gegenüber New York, ihrem vorherigen Wohnort, eher familiär.
Die einzige Freundin Jana, Kuratorin, bezeichnet sich als Haushälterin einer Nationalgalerie, ist wesentlich aufgeschlossener als sie.
Die Aufgabe der Dolmetscher*innen am Gerichtshof ist deffiziel und erfordert großes Einfühlungsvermögen.
Ein Gerichtsverfahren war eine wohlkalkulierte komplexe Darbietung, an der wir alle beteiligt waren und aus der sich niemand vollkommen heraushalten konnte. Aufgabe der Dolmetschenden war es nicht nur, etwas mitzuteilen oder darzubieten, sondern auch das unaussprechliche zu wiederholen. S. 20
Der Gerichtshof befasst sich ausschließlich mit Genoziden, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und verhandelt Kriegsverbrecher.
Während einer Demonsrtration vor dem Gerichtshof, drückt ihr einer der Teilnehmenden ein Flugblatt in die Hand, das sie nachdenklich stimmt. Die Demonstranten sind Anhänger eines afrikanischen Präsidenten, der in den nächsten Monaten verhandelt werden soll. Sie werfen dem Gerichtshof, die Konzentration einzig auf Anklageerhebung gegen afrikanische Machthaber vor. Es sei ein abgekartertes Spiel der Imperialisten Amerika und Frankreich.
Fazit: Die Geschichte ist so glaubhaft, als handele es sich wirklich um den internationalen Gerichtshof. Der Schreibstil ist großartig, jedes Wort sitzt. Die Autorin hat sich in jeden ihrer Charaktere zutiefst eingefühlt. Sie baut langsam auf der Entwurzelung der Protagonistin auf. Ihre Einsamkeit färbt die Stimmung melancholisch. Ihre Moralvorstellungen konterkarieren ihre Arbeit als Übersetzerin. An den charismatischen Machthabern sieht sie ihre eigene Machtlosigkeit. Sie fühlt sich immer mehr als Werkzeug, verliert zunehmend ihre Konturen. Die Hoffnungen, durch den Mann, dem sie ihr Vertrauen schenkte, heimisch zu werden, schwinden. Ein wirklich gut durchdachtes Psychodrama, das ich sehr gerne gelesen habe. Ein Wunder, dass es noch nicht verfilmt wurde.
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
24.07.2026
Buch (Taschenbuch)
Die vielen Gesichter der Intimität
Die vielen Gesichter der Intimität
Der Romantitel „Intimitäten“ hat mich bereits vor dem Lesen beschäftigt. Was bedeutet Intimität eigentlich? Ist sie allein in der Nähe zweier Menschen zu finden oder entsteht sie vielmehr dort, wo Sprache, Vertrauen und Verletzlichkeit aufeinandertreffen? Katie Kitamura nähert sich diesen Fragen auf ungewöhnliche Weise und eröffnet dabei einen Roman, der weniger von äußeren Ereignissen lebt als von den feinen Verschiebungen zwischen Nähe und Distanz.
Im Mittelpunkt steht eine namenlose Dolmetscherin, die nach dem Tod ihres Vaters New York verlassen hat und am Internationalen Gerichtshof in Den Haag arbeitet. Dort übersetzt sie in Prozessen gegen mutmaßliche Kriegsverbrecher und Völkermörder. Eine Tätigkeit, die weit mehr verlangt als sprachliche Präzision. Dolmetschen wird hier zu einem Akt der Interpretation, der nicht nur Worte, sondern auch Nuancen, Emotionen und Schweigen überträgt. Gerade dieser Gedanke hat mich während der gesamten Lektüre fasziniert. Wie Schmerz übersetzt wird, wie eine Stimme dieselbe Bedeutung transportiert wie das ursprüngliche Gesagte und wie die notwendige professionelle Distanz gewahrt wird, wenn man den Angeklagten buchstäblich ins Ohr flüstert.
Diese Einblicke in die Arbeit am Internationalen Gerichtshof zählen für mich zu den stärksten Passagen des Romans. Katie Kitamura beschreibt den Gerichtsalltag mit großer Präzision und bemerkenswerter Zurückhaltung. Die Prozesse selbst stehen dabei weniger im Mittelpunkt als die moralischen und sprachlichen Herausforderungen, die sich aus ihnen ergeben. Besonders eindrucksvoll fand ich die Vorstellung, dass Dolmetscherinnen und Dolmetscher nicht nur Worte wiedergeben, sondern zugleich zu Trägern unaussprechlicher Erfahrungen werden. Sie verleihen den Opfern ebenso wie den Tätern ihre Stimme, ohne sich mit ihnen identifizieren zu dürfen.
Parallel dazu entfaltet sich das Privatleben der Erzählerin. Ihre Beziehung zu Adriaan bleibt von Beginn an von Unsicherheiten geprägt. Je näher sie ihm zu kommen glaubt, desto deutlicher werden die Leerstellen in seinem Leben. Auch hier greift Katie Kitamura ihr zentrales Motiv auf, wie gut wir einen anderen Menschen tatsächlich kennen. Reicht emotionale Nähe aus, um Vertrauen entstehen zu lassen, oder bleiben wir letztlich selbst den Menschen, die wir lieben, fremd? Der Roman gibt auf diese Fragen keine eindeutigen Antworten.
Sprachlich ist „Intimitäten“ von einer beeindruckenden Eleganz geprägt. Katie Kitamura schreibt klar, konzentriert und mit einer beinahe kühlen Präzision. Jeder Satz wirkt sorgfältig komponiert, nichts erscheint überflüssig oder zufällig. Dennoch entfaltet diese kontrollierte Sprache eine erstaunliche emotionale Wirkung. Gerade weil die Autorin auf große Gesten verzichtet, gewinnen ihre Beobachtungen an Intensität. Zwischen den Zeilen entsteht eine Atmosphäre latenter Unsicherheit, die den gesamten Roman durchzieht.
Gleichzeitig stellte genau diese Zurückhaltung für mich auch eine Herausforderung dar. Obwohl die Erzählerin ihre Gedanken offenlegt, blieb sie mir über weite Strecken erstaunlich fern. Ihre Beziehungen, Freundschaften und Begegnungen werden mit großer Beobachtungsgabe beschrieben, ohne jedoch jene emotionale Tiefe zu entwickeln, die ich mir erhofft hatte. Vielleicht ist gerade diese Distanz Teil des literarischen Konzepts, schließlich kreist der Roman unablässig um die Frage, ob wirkliche Nähe überhaupt möglich ist. Dennoch hätte ich mir an einigen Stellen eine stärkere emotionale Beteiligung gewünscht.
Auch die Handlung entwickelt sich bewusst zurückhaltend. Wer einen spannungsreichen Gerichtsroman erwartet, wird vermutlich enttäuscht sein. „Intimitäten“ ist vielmehr ein Roman der Zwischentöne, der von Andeutungen, Beobachtungen und unausgesprochenen Gedanken lebt. Manche Nebenfiguren treten kurz hervor, wecken Interesse und verschwinden wieder, ohne dass ihre Geschichten vollständig erzählt werden. Das hinterließ bei mir gelegentlich das Gefühl einer gewissen Unvollständigkeit. Zugleich passt diese Offenheit jedoch zur Grundidee des Romans und zeigt, dass wir stets nur Fragmente anderer Leben erhalten und der Leser ergänzt den Rest mit seinen eigenen Vorstellungen.
Je länger ich über die Lektüre nachdenke, desto deutlicher wird mir, wie konsequent Katie Kitamura ihre Leitmotive verfolgt. Nähe und Distanz, Wahrheit und Interpretation, Sprache und Schweigen durchziehen den gesamten Roman wie ein feines Netz. Besonders beeindruckt hat mich die Erkenntnis, dass Intimität nicht zwangsläufig dort entsteht, wo Menschen einander lieben, sondern mitunter gerade dort, wo Worte größtmögliche Genauigkeit verlangen. Die Dolmetscherin begegnet Angeklagten und Opfern auf eine Weise, die intimer kaum sein könnte, obwohl sie ihnen persönlich vollkommen fremd bleibt.
„Intimitäten“ ist gewiss kein Roman, der sich jedem Leser unmittelbar erschließt. Er fordert Aufmerksamkeit, Geduld und die Bereitschaft, sich auf leise Töne einzulassen. Manche Fragen bleiben offen, manche Entwicklungen bewusst unaufgelöst. Dennoch hat mich das Buch durch seine sprachliche Raffinesse, seine philosophischen Fragestellungen und die ungewöhnliche Perspektive nachhaltig beschäftigt. Es ist weniger eine Geschichte als eine literarische Reflexion über Sprache, Identität und die Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen.
Für mich bleibt Intimitäten ein ebenso kluger wie anspruchsvoller Roman, dessen größte Stärke nicht in seiner Handlung, sondern in seinen Gedanken liegt. Zurück bleibt diese Lücke nach dem Lesen, weil ich mir stellenweise mehr emotionale Nähe und erzählerische Verdichtung gewünscht hätte.
Bewertung
5/5
21.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Intim auf nur mehr als einer Ebene
Die gesamte Aufmachung der Geschichte sprach mich an. Ich liebe Romane, welche Sprache erforschen und ihre Grenzen testen. Da bietet es sich an eine Übersetzerin bei ihrer Arbeit zu begleiten. Die Sprache wie auch die Protagonistin tragen dieses Werk. Leider ließ es für meinen Geschmack am Ende etwas nach, da sie mir zu selbstbemitleidend erschien, aber nichtsdestotrotz hatte ich eine wunderbare Zeit diese Lektüre zu verschlingen.
Arizona
5/5
25.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die namenlose Ich-Erzählerin…
Die namenlose Ich-Erzählerin arbeitet seit einem halben Jahr als Dolmetscherin am Gerichtshof in Den Haag. Seit einiger Zeit ist sie mit Adriaan zusammen, der von seiner Frau und den Kindern getrennt lebt. Die Erzählerin berichtet über die Herausforderungen Ihrer Arbeit, was ich recht interessant fand, da man ja zum einen sehr exakt übersetzen muss, damit die juristischen Details korrekt sind, aber zum anderen sollen auch die Gefühle mit ausgedrückt werden. Und auch die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die dort behandelt werden sind teilweise recht belastend. So lernt man dort im Zuge der Übersetzungen Schwerverbrecher teils recht nah kennen. Zum anderen gab es dann die Szenen aus ihrem Privatleben. Ihr neuer Freund „verschwindet“ für einige Zeit, um Themen bezüglich seiner Trennung zu regeln. So bleibt es auch spannend, wie es mit den beiden weitergeht. Einziger Kritikpunkt wäre, dass ich die Frau teilweise als recht passiv empfunden habe, und ihre Reaktionen nicht immer nachvollziehen konnte. Ingesamt fand ich die Sprache recht anspruchsvoll und auf einem hohen Niveau, aber trotzdem gut lesbar. Die Story hat mich gefesselt, da es sowohl im Job als auch im Privatleben recht spannend war. Ich habe daher die Lektüre genossen, fand es kurzweilig und kann es weiterempfehlen.
nil_liest
aus RheinMain Gebiet
5/5
24.11.2022
Hörbuch (Audio)
Interpretation der Sprache
Ein Hörgenuss! Ich lauschte dem Text nicht nur gerne, weil er unfassbar gut ist, sondern auch, weil Katja Danowski ihn fabelhaft gelesen hat! Sie modelliert den Text mit der Stimme und macht das ganze plastischer mit der Art und Weise wie sie es liest.
Im Roman geht um eine kosmopolitische Frau, die durch einen neuen Job am internationalen Gerichtshof als Dolmetscherin nach Den Haag kommt. Sie kennt die Welt, ist viel mit ihren Eltern gereist und oft umgezogen. Sie spricht mehrere Sprachen fließend -eine Weltbürgerin.
Der Roman erzählt aus Sicht der Protagonistin ihre Erlebnisse in Den Haag nach ihrer Ankunft und die folgenden Monate, ist aber zugleich auch so viel mehr. Wir lernen eine kluge und reflektiere Frau kennen, die ihren Einsätzen am Gerichtshof und ihre rTätigkeit als Dolmetscherin viel Raum gibt und deren Wichtigkeit reflektiert. Spannend fand ich besonders zu hören wie das Übersetzen auseinandergenommen wird und wie Übersetzungen in solchen Gerichtsverhandlungen einen Einfluss haben.
Neben diesem, aus meiner Sicht leitenden Erzählstrang, gibt es auch einen neuen Mann in ihrem Leben. Der allerdings in ungeordneten Verhältnissen auf sie trifft, da er in einer kaputten Ehe lebt und Kinder hat. Auch hier eher nüchtern erzählt, aber auf ehrliche reflektierte Art. Das Leben zweier Menschen mit Bodenhaftung wird uns präsentiert, die pragmatisch die Umstände und ihre Gegenseitige Zuneigung unter einen Hut bringen wollen.
Überhaupt schafft es Katie Kitamura in ihrer ruhigen Erzählart viel aus den Figuren herauszuholen ohne viel Handlung zu nutzen. Ein wirklich gelungener Text und hier in knapp 6 Stunden toll gelesen! Ich kann es sehr empfehlen!
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