Produktbild: Der Weltbürger aus Königsberg Immanuel Kant heute

Der Weltbürger aus Königsberg Immanuel Kant heute Person und Werk

1

26,99 €

inkl. gesetzl. MwSt.

Beschreibung

Produktdetails

Format

ePUB 3

Kopierschutz

Nein

Family Sharing

Ja

Text-to-Speech

Ja

Altersempfehlung

ab 16 Jahr(e)

Erscheinungsdatum

22.09.2023

Verlag

Marixverlag

Seitenzahl

400 (Printausgabe)

Dateigröße

3002 KB

Auflage

1. Auflage

Sprache

Deutsch

EAN

9783843807531

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ePUB 3

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Ein Weltbürger - aus Königsberg?

Bewertung am 26.11.2023

Bewertungsnummer: 2076866

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Unter den deutschen Kantinterpreten und -exegeten ist Otfried Höffe vermutlich derjenige, der am stärksten unbeirrbar an der überragenden und bis heute gültigen Bedeutung des „Weltbürgers aus Königsberg“ festhält. In seiner neuesten Arbeit zu „Person und Werk“ von „Immanuel Kant heute“ bekennt er sich schon im Vorwort als „Kant-Freund“ (S. 13) und hält ihn für ein „philosophisches Universalgenie“ (S. 15) nicht nur auf dieser Erde, sondern er glaubt, Kant müsse sogar „universumweit als einer der größten Denker anerkannt“ werden (S. 13). Umso schmerzhafter muss es für Höffe sein, dass sein Idol just im Vorfeld seines 300. Geburtstags so sehr in Bedrängnis gerät. Er nutzt daher seine Jubiläumsschrift als Plädoyer eines Verteidigers, der all das entkräften will, was Kant neuerdings vorgeworfen wird: War Kant ein, wenig weltmännischer, Provinzler, der in lebensweltlichen Fragen über den Königsberger Tellerrand nicht hinaussah? Nein, sagt Höffe, Kant las viele Reiseberichte und hatte in der großen Handelsstadt Königsberg Kontakt zu Kaufleuten aus vielen europäischen Ländern. Nun denn. War Kant ein Frauenverächter? Beileibe nicht, sagt Höffe in einer verunglückten Formulierung, er sei keineswegs „gegen eine Heirat abgeneigt“ (S. 33) gewesen, habe sich gar zweimal mit dem Gedanken getragen zu heiraten. Ach so. Hatte Kant eine eurozentrische Perspektive auf die Welt? Keinesfalls, so Höffe. Hielt er doch die Chinesen für das „kultivierteste Volk auf der ganzen Welt.“ (S. 49) Dass Kant im Folgenden die „Chineser“ für chronisch faul, verschlagen, rachgierig, verspielt und feige hält, (AA IX, 378) tut scheinbar nichts zur Sache. War Kant, der nichts von einem allgemeinen freien Wahlrecht hielt, nichts von einem Widerstandsrecht, der glaubte, es reiche, wenn ein Herrscher so agiere, „als ob“ er gewählt sei, kein Demokrat? Oh, nein, so Höffe: „Unser Philosoph ist ein zutiefst demokratischer Denker.“ (S. 52) Hat Kant die Sinnlichkeit des Menschen vernachlässigt? Keineswegs, so Höffe, schließlich habe Kant immer wieder gegen die cartesianischen Rationalisten die Bedeutung sinnlicher Wahrnehmung für das Urteilen betont. (S. 69 ff.) Allerdings verschweigt er hier, dass „Sinnlichkeit“ doppeldeutig ist und der Vorwurf nicht auf das Vernachlässigen sinnlicher Wahrnehmung zielt, vielmehr auf das Sinnliche im Sinne des Emotionalen, der „Neigungen“ – und die, so Kant, sollten uns „jederzeit lästig“ sein. (AA V, 118) Ein Fehlschluss der Äquivokation also. Hat Kant eine „schwarze Pädagogik“ befürwortet, wenn er den jungen Menschen zuerst durch Zwang und Disziplin alle tierischen Begierden austreiben will, ihn durch hartes Entsagen und Ertragen vor Verweichlichung bewahren, ihn soweit formen will, dass er bereit und fähig ist zur „Zivilisierung“, Kultivierung“ und „Moralisierung“? Keineswegs, so Höffe, vielmehr sei sein Erziehungsprogramm noch heute aktuell, da es letztlich darauf abziele, den Menschen zu Freiheit und Moralität zu erziehen. War Kant ein anthropozentrischer „Speziezist“, der Tiere für Sachen hält, mit denen man nach Belieben verfahren darf? Nun, so Höffe, diese Einschätzung sei für „Tierliebhaber“ gewiss „ein Ärgernis“ (S. 344). Aber es seien nun mal nur Menschen Personen und seit dem römischen Recht gäbe es nur die Alternative „Sache und Person“. Und weil eben, so Kant, nur der Mensch einen Endzweck darstelle, bleibe er auch für die Tierethik „ein für heute aktueller Gesprächspartner.“ (S. 347). Hat Kant ein modernes Einwanderungsrecht abgelehnt, wenn er fremden Staatsbürgern, die vor Armut oder Überbevölkerung fliehen, nur ein „Besuchsrecht, aber kein Gastrecht“ (S. 249) – man müsste ergänzen: erst recht kein Niederlassungsrecht - zubilligen will? Nun ja, so Höffe, „für die Armut oder die Überbevölkerung trägt das Heimatland die Verantwortung“. Kant biete für die aktuelle Migration immerhin „ziemlich klare als auch ziemlich enge und strenge Argumente.“ (S. 249). Mit Kant lasse sich eine Willkommenskultur jedenfalls nicht begründen. Na, dann. War Kant ein Rassist? Nein, sagt Höffe, es sei ganz „abwegig“, Kant einen „Rassisten zu nennen.“ (S. 308) Zum einen sei der Begriff „Rasse“ zu Kants Zeit weitgehend wertneutral verwendet worden, er sei auch mit dem Begriff „ratio“ verwandt, der „alles andere als anstößig“ sei (S. 305). Zudem erscheinen seine Einlassungen zur Rassenlehre in ganz unwichtigen Texten und es sei ganz selten, dass er „bedenkliche Passagen“ äußert, wie: „die Menschheit in ihrer größten Vollkommenheit ist in der Rasse der Weißen.“ (S. 306) Auch sei dies immerhin kein Zeichen für Eurozentrismus, da es Weiße nicht nur in Europa gäbe. Und schließlich habe er sich hier nur an David Hume orientiert, der Ähnliches behauptete. Nun, wer in der „Physischen Geographie“ blättert, findet zahllose „bedenkliche Passagen“, die doch ein deutlich anderes Bild vermitteln. (vgl. AA IX, 311 ff.) Nun wäre es sehr unfair, die Arbeit Höffes auf diese eher kläglichen Rechtfertigungsversuche für eine bleibende Bedeutung Kants reduzieren zu wollen. Sie bietet vielmehr überwiegend eine profunde, anschaulich und auch für Nicht-Kantianer verständlich verfasste Einführung in Kants Gesamtwerk, wobei nicht nur die zentralen drei Kritiken ausgiebig gewürdigt und gedeutet werden, sondern auch wichtige kleinere Schriften, wie die „Grundlegung“ und der Aufsatz „Zum ewigen Frieden“. Und es finden sich sogar Zugeständnisse einer gewissen Überholtheit der Ansichten Kants, etwa bei dessen Forderung nach der Todesstrafe oder der Zwangskastration von Triebtätern. Und unfair gegenüber Kant wäre es tatsächlich, seine misogynen, rassistischen und z.T. reaktionären Positionen für eine Verdammnis der gesamten Philosophie zu nutzen, die doch in der Erkenntnistheorie, der Moraltheorie, der Religionskritik, dem Völkerrecht und selbst in der Anthropologie Bleibendes und zum Teil noch Uneingelöstes geleistet hat. Dennoch wirken die in Höffes Buch bei jeder Gelegenheit eingeflochtenen Hinweise auf die unbedingte Aktualität der Positionen Kants eher befremdlich. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt. Wäre es nicht klüger gewesen, die großen Verdienste Kants herauszustreichen und im Übrigen zuzugestehen, dass viele seiner Ansichten zu lebensweltlichen und zwischenmenschlichen Fragen heute schlicht nicht mehr haltbar sind? Im Grunde eine Selbstverständlichkeit 300 Jahre nach der Geburt Kants. Vielleicht hätte Höffe dem verehrten Philosophen damit einen größeren Dienst erwiesen. Ein wirkliches Ärgernis ist das äußerst nachlässige Lektorat der Schrift. Es finden sich zahlreiche Rechtschreib-, Zeichen- und Ausdrucksfehler und auf einer Doppelseite ist gar ein falsches Schaubild abgedruckt: Statt der angekündigten und anschließend erläuterten Abbildung der Tafeln der Urteilsformen und Kategorien, (die natürlich gegen Einwände verteidigt werden), findet sich ein Diagramm des Gesamtaufbaus der „Kritik der reinen Vernunft“. (S. 76 f.) So etwas darf weder einem Autor, noch einem Verlag passieren. Auch deswegen: nur bedingt empfehlenswert.

Ein Weltbürger - aus Königsberg?

Bewertung am 26.11.2023
Bewertungsnummer: 2076866
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Unter den deutschen Kantinterpreten und -exegeten ist Otfried Höffe vermutlich derjenige, der am stärksten unbeirrbar an der überragenden und bis heute gültigen Bedeutung des „Weltbürgers aus Königsberg“ festhält. In seiner neuesten Arbeit zu „Person und Werk“ von „Immanuel Kant heute“ bekennt er sich schon im Vorwort als „Kant-Freund“ (S. 13) und hält ihn für ein „philosophisches Universalgenie“ (S. 15) nicht nur auf dieser Erde, sondern er glaubt, Kant müsse sogar „universumweit als einer der größten Denker anerkannt“ werden (S. 13). Umso schmerzhafter muss es für Höffe sein, dass sein Idol just im Vorfeld seines 300. Geburtstags so sehr in Bedrängnis gerät. Er nutzt daher seine Jubiläumsschrift als Plädoyer eines Verteidigers, der all das entkräften will, was Kant neuerdings vorgeworfen wird: War Kant ein, wenig weltmännischer, Provinzler, der in lebensweltlichen Fragen über den Königsberger Tellerrand nicht hinaussah? Nein, sagt Höffe, Kant las viele Reiseberichte und hatte in der großen Handelsstadt Königsberg Kontakt zu Kaufleuten aus vielen europäischen Ländern. Nun denn. War Kant ein Frauenverächter? Beileibe nicht, sagt Höffe in einer verunglückten Formulierung, er sei keineswegs „gegen eine Heirat abgeneigt“ (S. 33) gewesen, habe sich gar zweimal mit dem Gedanken getragen zu heiraten. Ach so. Hatte Kant eine eurozentrische Perspektive auf die Welt? Keinesfalls, so Höffe. Hielt er doch die Chinesen für das „kultivierteste Volk auf der ganzen Welt.“ (S. 49) Dass Kant im Folgenden die „Chineser“ für chronisch faul, verschlagen, rachgierig, verspielt und feige hält, (AA IX, 378) tut scheinbar nichts zur Sache. War Kant, der nichts von einem allgemeinen freien Wahlrecht hielt, nichts von einem Widerstandsrecht, der glaubte, es reiche, wenn ein Herrscher so agiere, „als ob“ er gewählt sei, kein Demokrat? Oh, nein, so Höffe: „Unser Philosoph ist ein zutiefst demokratischer Denker.“ (S. 52) Hat Kant die Sinnlichkeit des Menschen vernachlässigt? Keineswegs, so Höffe, schließlich habe Kant immer wieder gegen die cartesianischen Rationalisten die Bedeutung sinnlicher Wahrnehmung für das Urteilen betont. (S. 69 ff.) Allerdings verschweigt er hier, dass „Sinnlichkeit“ doppeldeutig ist und der Vorwurf nicht auf das Vernachlässigen sinnlicher Wahrnehmung zielt, vielmehr auf das Sinnliche im Sinne des Emotionalen, der „Neigungen“ – und die, so Kant, sollten uns „jederzeit lästig“ sein. (AA V, 118) Ein Fehlschluss der Äquivokation also. Hat Kant eine „schwarze Pädagogik“ befürwortet, wenn er den jungen Menschen zuerst durch Zwang und Disziplin alle tierischen Begierden austreiben will, ihn durch hartes Entsagen und Ertragen vor Verweichlichung bewahren, ihn soweit formen will, dass er bereit und fähig ist zur „Zivilisierung“, Kultivierung“ und „Moralisierung“? Keineswegs, so Höffe, vielmehr sei sein Erziehungsprogramm noch heute aktuell, da es letztlich darauf abziele, den Menschen zu Freiheit und Moralität zu erziehen. War Kant ein anthropozentrischer „Speziezist“, der Tiere für Sachen hält, mit denen man nach Belieben verfahren darf? Nun, so Höffe, diese Einschätzung sei für „Tierliebhaber“ gewiss „ein Ärgernis“ (S. 344). Aber es seien nun mal nur Menschen Personen und seit dem römischen Recht gäbe es nur die Alternative „Sache und Person“. Und weil eben, so Kant, nur der Mensch einen Endzweck darstelle, bleibe er auch für die Tierethik „ein für heute aktueller Gesprächspartner.“ (S. 347). Hat Kant ein modernes Einwanderungsrecht abgelehnt, wenn er fremden Staatsbürgern, die vor Armut oder Überbevölkerung fliehen, nur ein „Besuchsrecht, aber kein Gastrecht“ (S. 249) – man müsste ergänzen: erst recht kein Niederlassungsrecht - zubilligen will? Nun ja, so Höffe, „für die Armut oder die Überbevölkerung trägt das Heimatland die Verantwortung“. Kant biete für die aktuelle Migration immerhin „ziemlich klare als auch ziemlich enge und strenge Argumente.“ (S. 249). Mit Kant lasse sich eine Willkommenskultur jedenfalls nicht begründen. Na, dann. War Kant ein Rassist? Nein, sagt Höffe, es sei ganz „abwegig“, Kant einen „Rassisten zu nennen.“ (S. 308) Zum einen sei der Begriff „Rasse“ zu Kants Zeit weitgehend wertneutral verwendet worden, er sei auch mit dem Begriff „ratio“ verwandt, der „alles andere als anstößig“ sei (S. 305). Zudem erscheinen seine Einlassungen zur Rassenlehre in ganz unwichtigen Texten und es sei ganz selten, dass er „bedenkliche Passagen“ äußert, wie: „die Menschheit in ihrer größten Vollkommenheit ist in der Rasse der Weißen.“ (S. 306) Auch sei dies immerhin kein Zeichen für Eurozentrismus, da es Weiße nicht nur in Europa gäbe. Und schließlich habe er sich hier nur an David Hume orientiert, der Ähnliches behauptete. Nun, wer in der „Physischen Geographie“ blättert, findet zahllose „bedenkliche Passagen“, die doch ein deutlich anderes Bild vermitteln. (vgl. AA IX, 311 ff.) Nun wäre es sehr unfair, die Arbeit Höffes auf diese eher kläglichen Rechtfertigungsversuche für eine bleibende Bedeutung Kants reduzieren zu wollen. Sie bietet vielmehr überwiegend eine profunde, anschaulich und auch für Nicht-Kantianer verständlich verfasste Einführung in Kants Gesamtwerk, wobei nicht nur die zentralen drei Kritiken ausgiebig gewürdigt und gedeutet werden, sondern auch wichtige kleinere Schriften, wie die „Grundlegung“ und der Aufsatz „Zum ewigen Frieden“. Und es finden sich sogar Zugeständnisse einer gewissen Überholtheit der Ansichten Kants, etwa bei dessen Forderung nach der Todesstrafe oder der Zwangskastration von Triebtätern. Und unfair gegenüber Kant wäre es tatsächlich, seine misogynen, rassistischen und z.T. reaktionären Positionen für eine Verdammnis der gesamten Philosophie zu nutzen, die doch in der Erkenntnistheorie, der Moraltheorie, der Religionskritik, dem Völkerrecht und selbst in der Anthropologie Bleibendes und zum Teil noch Uneingelöstes geleistet hat. Dennoch wirken die in Höffes Buch bei jeder Gelegenheit eingeflochtenen Hinweise auf die unbedingte Aktualität der Positionen Kants eher befremdlich. Man merkt die Absicht, und man ist verstimmt. Wäre es nicht klüger gewesen, die großen Verdienste Kants herauszustreichen und im Übrigen zuzugestehen, dass viele seiner Ansichten zu lebensweltlichen und zwischenmenschlichen Fragen heute schlicht nicht mehr haltbar sind? Im Grunde eine Selbstverständlichkeit 300 Jahre nach der Geburt Kants. Vielleicht hätte Höffe dem verehrten Philosophen damit einen größeren Dienst erwiesen. Ein wirkliches Ärgernis ist das äußerst nachlässige Lektorat der Schrift. Es finden sich zahlreiche Rechtschreib-, Zeichen- und Ausdrucksfehler und auf einer Doppelseite ist gar ein falsches Schaubild abgedruckt: Statt der angekündigten und anschließend erläuterten Abbildung der Tafeln der Urteilsformen und Kategorien, (die natürlich gegen Einwände verteidigt werden), findet sich ein Diagramm des Gesamtaufbaus der „Kritik der reinen Vernunft“. (S. 76 f.) So etwas darf weder einem Autor, noch einem Verlag passieren. Auch deswegen: nur bedingt empfehlenswert.

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