»Mathilda«, ist der zweite Roman von Mary Shelley, der zwischen August 1819 und Februar 1820 geschrieben und erstmals 1959 posthum veröffentlicht wurde. Mary Shelley, die vor allem bekannt für ihren Roman »Frankenstein« ist, hat in diesem Roman eine schwierige Vater-Tochter-Geschichte beschrieben. Die Geschichte wird rückblickend von Mathilda erzählt, die auf ihrem Sterbebett liegt und nicht mehr lange zu leben hat. Zunächst erzählt sie von ihrer einsamen Kindheit ohne ihre Eltern, in der sie ihren Vater sehr vermisste, der ständig auf Reisen war. Eine glücklichere Zeit brach an, als ihr Vater zurückkehrte und sie endlich bei ihm leben konnte, doch ihr eigener Vater verliebte sich in sie.
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Klaus
Thalia Book Circle Community
4/5
18.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Toxische Beziehung
Mathilda verliert früh ihre Mutter, der Vater, der nicht über den Tod seiner Frau hinweg kommt, gibt das Mädchen zu ihrer ältlichen Tante aufs Land und verschwindet. Mathilda wächst zwar behütet auf, wirklich geliebt fühlt sie sich aber nie, kann die kinderlose Tante doch nicht wirklich eine Beziehung zu dem Kind aufbauen. Jahrelang sehnt sich Mathilda nach ihrem Vater, romantisiert das Wiedersehen mit ihm und ist außer sich vor Freude, als ihr Vater nach England zurückkehrt und sie zu sich holt.
Natürlich kennt fast jeder Mary Shelleys Meisterwerk “Frankenstein”, andere Bücher der Autorin hatte ich irgendwie gar nicht auf dem Schirm, bis ich auf diese wunderschöne Ausgabe aus dem Pendragon Verlag gestoßen bin. Ich bin relativ unvoreingenommen an die Lektüre gegangen, ohne zu wissen, was mich erwartet, allerdings hat der Klappentext mich angesprochen.
Der Entstehungszeit geschuldet, ist der Stil der Geschichte natürlich etwas anspruchsvoll, die Sprache blumig, oft eher schwer und umständlich, immer auf Anstand und Höflichkeit bedacht, selten direkt, sondern meist eher umschreibend, mit vielen Andeutungen und mit Metaphern. Wer Klassiker dieser Zeit liest kennt dies natürlich, wer da eher keine, oder wenig Erfahrungen hat, muss sich natürlich darauf einlassen. Auf jeden Fall sollte man sich für die Lektüre Zeit nehmen, den nicht nur die Sprache macht dieses Buch extrem anspruchsvoll.
Der Leser trifft Ich-Erzählerin Mathilda am Ende ihres Lebens und merkt gleich, dass dieses wohl nicht sehr glücklich gewesen ist. Dieser Eindruck wird bestätigt, wenn man den Erinnerungen Mathildas folgt. Sie erzählt von ihrem Vater, stellt ihn dem Leser quasi vor, beleuchtet etwas seinen familiären Hintergrund und bereitet so die Bühne für die späteren Ereignisse. Irgendwie hatte ich hier direkt den Eindruck, als sollte die Person des Vaters in einem guten Licht dargestellt werden, als jemand, der einfach nicht anders handeln konnte, der schon von früh an Opfer der Herkunft, der Erziehung, der Umstände wurde und dem man letztlich keinerlei Schuld für irgendwas geben kann, schon gar nicht daran, dass er sich unsterblich in Mathildas Mutter verliebt und ihren frühen Tod nicht verwinden kann. Das Kind das den trauernden Witwer so sehr an die geliebte Frau erinnert wird weggegeben, der Vater ergibt sich ganz und gar seiner Trauer, verlässt das Zuhause, das Land, ändert sogar seinen Namen. Das Kind bleibt zurück, unfähig das Geschehen zu verstehen und romantisiert natürlich nun die Figur des Vater immens, glaubt fest daran, dass dieser eines Tages zurückgekehrt, das geliebte Kind zu sich holt und sie fortan glücklich zusammenleben.
Tatsächlich kommt es nach einigen Jahren zu einer Familienzusammenführung und tatsächlich sieht es danach aus, als würde sich alles Sehnen Mathildas erfüllen, doch das Glück ist dem jungen Mädchen nicht lange vergönnt.
Was nun passiert, wird im Buch nicht direkt thematisiert, selbst aus den vagen Andeutungen muss sich der Leser das Geschehene eher zusammenreimen. Die überaus heftigen Reaktionen der Figuren sind manchmal fast etwas viel, sehr dramatisiert, aber dem Zeitgeist entsprechend, ihre Seelenqualen oft nur schwer zu ertragen. Hier muss ich sagen wurde mir das Buch doch etwas zäh, weil die Gedanken - und Gefühlslage Mathildas doch sehr ausführlich dargelegt wird. Vieles in den Handlungen ist aus heutiger Sicht nicht nachvollziehbar und eher schwer zu verstehen.
Das ganze Buch hindurch herrscht eine sehr bedrückende, melancholische, sogar depressive Stimmung. Neben der toxischen, Vater-Tochter-Beziehung werden auch die suizidalen Gedanken Mathildas ausführlich thematisiert und man muss als Leser in dieser Hinsicht einiges verarbeiten. Leser die hier eher empfindlich sind sollten das Buch rein aus Selbstschutz vielleicht eher nicht lesen.
Schon in “Frankenstein” hat Mary Shelley sehr spezielle Themen verarbeitet und auch in diesem Buch kommt einiges zusammen. Zu ihren Lebzeiten wurde das Buch nicht veröffentlicht, erst über hundert Jahre später wurde das Werk gedruckt, wobei das original Manuskrip bis heute als verschollen gilt. Natürlich haben seitdem viele Menschen versucht die Geschichte zu deuten und natürlich bleibt die Frage nicht aus, ob das Buch autobiographisches enthalten könnte. Eine finale Antwort darauf wird es wohl nicht geben, allerdings bekommt der Leser im Nachwort noch einige Erläuterungen. Mit “Mathilda” hat die Autorin eine sehr spezielle Figur geschaffen, eine sehr tragische Figur, eine Figur, die auf den ersten blick so gar keine Gemeinsamkeiten zum Monster aus “Frankenstein” aufweist, die aber bei näherer Betrachtung doch die ein, oder andere Parallele erkennen lässt.
Buchbesprechung
aus Bad Kissingen
4/5
16.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Tragisch-romantischer Klassiker, erstmals auf Deutsch
REZENSION – Während wohl jeder schon von „Frankenstein“ zumindest gehört hat, dem 1818 erstveröffentlichten und berühmtesten Schauerroman der Literaturgeschichte, kennen weit weniger den Namen seiner britischen Autorin Mary Shelley (1797 bis 1851). Sie stand zeitlebens im Schatten ihres früh verstorbenen, aber viel bekannteren Ehemanns, des Dichters Percy Bysshe Shelley (1792 bis 1822), weshalb ihre später veröffentlichten Werke heute kaum bekannt sind. Umso lobenswerter ist das Wagnis, das der Bielefelder Pendragon Verlag jetzt im Februar ausgerechnet mit Veröffentlichung der deutschsprachigen Erstausgabe ihres bereits 1819, also vor über 200 Jahren verfassten, damals aber nicht veröffentlichten zweiten Romans „Mathilda“ eingegangen ist.
Ihr Manuskript hatte die 27-jährige Mary Shelley aus Italien, wo sie mit Ehemann Percy lebte, nach England an ihren Vater, den Sozialphilosophen und Autor William Godwin (1756 bis 1836), zur Veröffentlichung geschickt. Diesem schien der Text, der von einer inzestuösen Beziehung zwischen Vater und Tochter handelte, aber zu brisant, weshalb er aus Furcht vor einem Skandal von der Veröffentlichung absah. Seitdem galt das „Mathilda“-Manuskript als verschollen. Erst der amerikanischen Herausgeberin Elizabeth Nitchie gelang es, in dem auf verschiedene Archiven und Bibliotheken verteilten Nachlass der Shelleys aus Notizbüchern und einzelnen handgeschriebenen Seiten mit Korrekturen und Ergänzungen den vollständigen Kurzroman wieder zusammenzustellen und 1959 erstmals im englischen Original zu veröffentlichen.
In der als Abschiedsbrief geschriebenen Novelle erzählt die 20-jährige Mathilda ihre kurze Lebens- und Leidensgeschichte: Nach dem Tod ihrer im Kindbett verstorbenen Mutter, flieht ihr von Trauer übermannter Vater aus dem Haus und lässt die Neugeborene bei der Tante zurück, wo Mathilda auf dem Land einsam und ohne liebevolle Zuwendung aufwächst. Als der Vater nach 16 Jahren aus seinem selbst gewählten Exil unerwartet zurückkehrt und seine Tochter zu sich nimmt, hofft sie auf die jahrelang vermisste väterliche Liebe und ein glückliches Leben an der Seite des Vaters. Doch seine Liebe zur 16-Jährigen, die in Schönheit und Anmut ihrer verstorbenen Mutter gleicht, entwickelt sich zu einem intensiven, zwischen Vater und Tochter ungehörigen Verhältnis, das den Vater bald verzweifeln und sich aus Angst und Scham darüber von seiner Tochter abwenden lässt. Diese erneute Ablehnung des geliebten Vaters verletzt Mathilda seelisch zutiefst und treibt sie fast bis in den Wahnsinn.
Diese Geschichte einer zu intensiven Vater-Tochter-Beziehung mag die heutige Leserschaft vielleicht nicht gleichermaßen erschüttern wie jene um 1820, zumal in der Novelle nur von einer allzu obsessiven Liebesbeziehung die Rede ist, nicht aber von sexueller Intimität oder gar sexuellem Übergriff des Vaters. Doch die Weigerung von Mary Shelleys Vater, diesen Text zu veröffentlichen, mag auch darin begründet sein, dass es in den Protagonisten gewisse Parallelen zur eigenen Familie gibt, wie US-Herausgeberin Elizabeth Nitchie vermutet: So hat sich die Autorin wohl selbst in der Figur der in tiefe Depression fallenden Mathilda gesehen: Im September 1818 starb Shelleys Tochter Clara, im Juni 1819 ihr Sohn William. In Mathildas Vater wird sich Shelleys Vater William Goodwin erkannt haben, hatte er doch seine Frau Mary Wollstonecraft (1759 bis 1797) ebenfalls nach Marys Geburt im Kindbett verloren. Zuletzt trifft die trauernde Mathilda auf den jungen empfindsamen Poeten Woodville, der in gewisser Weise Marys Ehemann Percy Bysshe Shelley gleicht.
„Mathilda“ ist eine melancholisch-poetische, tragisch-romantische und sehr intim erzählte, stilistisch ihrer Entstehungszeit entsprechende Novelle, in der es um Obsession, Depression, seelische Zerrüttung und verlorenen Lebenssinn und Lebenswillen geht. Die Geschichte ist ausgesprochen düster, allerdings im Gegensatz zu Shelleys Debüt „Frankenstein“ kein Schauerroman, sondern eine dramatische und psychologisch tiefgreifende Erzählung über die Abgründe der menschlichen Seele.
Manchen heutigen Leser mag die übertriebene Melodramatik und das exzessive Selbstmitleid Mathildas vielleicht stören, zumal dadurch verursachte Längen die Handlungsdynamik lähmen. Auch ist das Ende dieser tragischen Geschichte keine Überraschung, da Mathildas Anlass, ihrem in gemeinsamer Trauer freundschaftlich verbundenen Dichter Woodville diesen Abschiedsbrief zu schreiben, ihr baldiger Tod ist. „Ich weiß nicht, ob irgendjemand diese Seiten lesen wird außer Ihnen, mein Freund, der sie nach meinem Tod empfangen wird. Ich richte sie nicht an Sie allein … Daher werde ich meine Geschichte so erzählen, als wäre sie an einen Fremden gerichtet.“ Mehr als 200 Jahre lang wurde dieser zweite Roman Mary Shelleys uns deutschen Lesern vorenthalten. Allein dies sollte doch Grund genug für literarische Neugier und Anlass sein, das Versäumte jetzt endlich nachzuholen.
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