»So forsch, so furchtlos« ist eines der aufregendsten Debüts der letzten Jahre, Andrea Abreu der Shootingstar der spanischen Literatur. Ihr Roman über zwei junge Mädchen auf Teneriffa erschien in 19 Ländern und hat die internationale Presse in Aufregung versetzt.
Ein heißer Juni auf Teneriffa, hoch oben im Norden der Insel zwischen den Vulkanen, weit ab von den Touristen. Zwei junge Mädchen, beste Freundinnen, versuchen, die Langweile zu bekämpfen. Sie wollen dünn bleiben, indem sie Süßigkeiten erbrechen; sie träumen von glänzenden BMWs, die sie an den Strand bringen, wo sie endlich das Meer genießen könnten, genau wie die Touristen, deren Ferienhäuser ihre Mütter putzen. Aber als aus dem Juni der Juli wird und der Juli in den August übergeht, verwandelt sich die schwelende Liebe der Erzählerin zu ihrer Freundin Isora in ein schmerzhaftes sexuelles Erwachen. Sie versucht, mit Isora Schritt zu halten, muss aber einsehen, dass das Erwachsenwerden ein Weg ist, den man allein gehen muss. Eine sprachgewaltige Erzählung über eine innige Mädchenfreundschaft, die an den Wachstumsschmerzen der Pubertät, an zu viel Liebe und zu großer Lust zerschellt.
Kundinnen und Kunden meinen
3.7/5.0
Bewertung
Orell Füssli Book Circle Community
4/5
16.08.2026
Buch (Taschenbuch)
Wo beginnt das eigene Begehren
Die namenlose Ich-Erzählerin und Isora sind zwei Mädchen am Übergang zur Pubertät, die in einem armen Viertel im Norden Teneriffas aufwachsen. Die Erzählerin vergöttert Isora geradezu. Sie will ständig bei ihr sein, beobachtet sie bis ins kleinste körperliche Detail, ahmt sie nach und möchte ihr manchmal so nahe sein, dass die Grenze zwischen ihnen beinahe verschwindet. Isora ist für sie Freundin, Sehnsuchtsfigur und auch der Mensch, über den sie sich selbst definiert.
Was mich an diesem Buch vor allem begeistert hat, ist die Sprache. Für mich ist Andrea Abreu ein sprachlicher Vulkan. Ihre Sprache ist vulgär, körperlich, manchmal richtig derb und voller Fäkalsprache – und trotzdem ist das für mich ganz klar Literatur. Sie versucht nie, das Hässliche schöner oder „literarischer“ zu machen, als es ist.
Besonders stark fand ich Abreus bildhafte Sprache. Sie findet ständig Vergleiche und Bilder, auf die ich selbst nie gekommen wäre. Dabei wirken sie nicht gesucht oder einfach nur möglichst originell, sondern wachsen aus der Lebenswelt der Erzählerin heraus – aus dem Viertel, der Landschaft, den Tieren und ihren Erinnerungen. So wird etwa der verzweifelte Wunsch nach Regen mit einem Menschen verglichen, der vor lauter Leiden um einen Messerstich bittet, und von dort führt der Gedanke weiter zu verletzten Eidechsen, Katzen und schließlich wieder zurück zum Himmel. Genau diese wilden, überraschenden Gedankenketten fand ich sensationell.
Dazu kommt dieser unglaubliche Sog. Abreu reiht Gedanken, Erinnerungen und Bilder aneinander, oft mit Kommas statt Punkten, sodass man regelrecht durch die Sätze gezogen wird. In einzelnen Kapiteln treibt sie das noch weiter: alles kleingeschrieben, teilweise praktisch ohne Satzzeichen. Trotzdem hatte ich nie das Gefühl, dass sie einfach formal herumexperimentiert. Die Form passt zur Stimme und zu dieser wilden, unmittelbaren Wahrnehmung der Erzählerin.
Auch die extreme Körperlichkeit gehört zu dieser Sprache. Essen, Gerüche, Ausscheidungen, Körper und Sexualität werden nicht voneinander getrennt in Dinge, über die man schreiben darf, und Dinge, über die man besser schweigt. Selbst die teilweise extreme Fäkalsprache hat mich dabei weniger gestört, als ich anfangs vielleicht erwartet hätte.
Schwieriger wurde es für mich mit der Sexualität. Ich finde den Ansatz interessant und mutig: Abreu zeigt diese Mädchen nicht als asexuelle Wesen. Ihre Sexualität und körperliche Neugier kommen von ihnen selbst. Gleichzeitig wachsen sie natürlich in einer Welt auf, die ihnen längst Vorstellungen von Liebe, Männern, Schönheit und weiblichen Körpern liefert – durch Telenovelas, Musik, Internet, Familie und ihr Umfeld.
Für mich übertreibt Abreu das allerdings irgendwann. Dabei geht es gar nicht darum, dass in diesem Roman ständig Sex stattfinden würde. Es findet überhaupt kein Sex statt. Es ist vielmehr die fast permanente Beschäftigung mit Sexualität und Körperlichkeit. Die Mädchen erkunden ihre Körper, spielen sexuelle Situationen mit Puppen nach, reden darüber, suchen entsprechende Bilder und übertragen diese Gedanken auf immer neue Situationen. Selbst wenn der Roman einmal für ein paar Seiten woandershin führt, ist diese Sexualität sehr schnell wieder da. Irgendwann war mir das zu viel. Ich habe mich beim Lesen gefragt, ob diese beiden Mädchen nicht auch noch eine Welt außerhalb davon haben.
Dabei ist gerade die Beziehung zwischen der Erzählerin und Isora für mich viel interessanter als Sexualität allein. Diese fast grenzenlose Verehrung kann in Abhängigkeit, Eifersucht, Wut und Abstoßung kippen. Die Erzählerin scheint lange kaum zu wissen, wer sie eigentlich ohne Isora ist. Darin steckt für mich auch eine Geschichte über Identität: Wie findet man ein eigenes Ich, wenn man sich so vollständig über einen anderen Menschen definiert?
Vielleicht ist genau das mein Zwiespalt mit diesem Roman. Inhaltlich fand ich manches zu einseitig und die permanente Beschäftigung mit Sexualität irgendwann überzeichnet. Gleichzeitig hat mich das Buch nie wirklich verloren. Dafür ist Abreu sprachlich einfach zu gut. Immer wenn ich dachte, jetzt reicht es langsam, kam wieder ein Bild, ein Vergleich oder eine dieser wilden Satzketten, bei denen ich hängen blieb.
Ohne diese Sprache wäre das für mich wahrscheinlich kein besonders gutes Buch. Mit ihr ist es Literatur – eigenwillig, manchmal maßlos, aber sprachlich teilweise sensationell.
yellowdog
5/5
07.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman wie ein ausbrechender Vulkan
Ein mutiger Roman um zwei Mädchen in Teneriffa. Dieser Schauplatz prägt die Geschichte mit. Wichtig ist die Erzählperspektive. Die Erzählerin ist eins der beiden Mädchen und aus ihrer Sicht entsteht ein Porträt ihrer Freundin Isora und ihrer engen Freundschaft.
Sie sind wirklich forsch, aber auch wild, frech und neugierig und der Roman zeigt den Übergang von Kindheit zu Pubertät.
Prägend ist auch der flinke Stil mit den sprachlichen Mittel von Dichtheit und Intensität. Die spanische Schriftstellerin Andrea Abrieu ist wirklich eine Entdeckung.
Bewertung
4/5
05.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Überraschend und mit Sicherheit...
Überraschend und mit Sicherheit anders als erwartet.Die Autorin beschreibt ohne Tabus die innige Freundschaft zweier Mädchen, die die Langeweile oft auf dumme Ideen bringt. Ich bin total begeistert von diesem Coming-of-Age-Roman. Das Ende hat mich mit voller Wucht getroffen.
Lesendes Federvieh
aus München
4/5
09.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Herbe-derbe Kost mit explosivem Inhalt
„So forsch, so furchtlos“ schlägt durch die Intensität dieser äußerst speziellen Coming-Of-Age Geschichte ein wie eine Bombe und spaltet die Gemüter mit der teils derbe-fäkal überfordernden Sprache, die einen engen Fokus auf Andrea Abreus Ich-Erzählerin erlaubt: Ungefiltert betrachtet man die Welt durch die Augen ihrer jungen Protagonistin „Shit“, die sich in einem öden, heißen Sommer auf Teneriffa fernab der touristischen Gebiete mit ihrer besten Freundin Isora den Tücken des Erwachsenwerdens zu stellen versucht. Beide stammen aus einfachen Verhältnissen mit komplizierten Familienkonstellationen und noch schwierigeren Beziehungen zu Gewalt, psychischer Gesundheit und sexueller Selbstbestimmung.
Schon von Beginn an wird das Ungleichgewicht dieser Mädchenfreundschaft in der Idealisierung Isoras durch die namenlose Ich-Erzählerin deutlich, die mit dem Einsetzen pubertärer Einflüsse eine neue Dynamik entwickelt. Dabei steht die äußere Ereignislosigkeit konträr zu den zunehmenden, innerlich brodelnden Konflikten zwischen Verbundenheit und Distanz sowie Liebe und Anziehung, die sich ähnlich des vielbeschriebenen Motivs des Volkans mit einem lauten, alles darunter begrabenden Ausbruchs zu entladen drohen.
Sind die Meinungen noch so verschieden, in einem Punkt sind wir uns alle einig: Andrea Abreus poetisch-gewaltiger Stil (grandios übersetzt von Christiane Quandt) steht der heruntergekommenen Auffälligkeit des Covers in nichts nach. Manche mögen es als herbe-derbe Kost beschreiben, da die vulgäre, in ihrer ungewohnten Explizität geradezu anstößige Sprache an der eigenen Toleranzgrenze rüttelt – meine eingeschlossen – doch zeigt dieses Romandebüt letztlich eines äußerst anschaulich: welch polarisierend aufrüttelndes wie außergewöhnliches erzählerisches Talent diese frische, mutige, spanische Stimme besitzt!
Bewertung
4/5
01.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Provokantes Debüt
Wie ist es mit Mitte 20 ein Debüt zu schreiben und mit diesem Debüt einen Nerv zu treffen?
Abreu ist es gelungen. Sie hat mit So Forsch, So Furchtlos einen fulminanten Kurzroman geschrieben, in einer besonderen Perspektive, in einem besonderen Sound, der auch in der Übersetzung funktioniert und der nur schwer zu übersetzen ist.
Als der Shootingstar der spanischen Literaturszene wird Abreu gehandelt, möge dieser Stern glimmen oder noch besser sich Formen. Denn mit mehr Muße kann ich mir gut vorstellen, dass da noch gute Geschichten von ihr kommen werden.
Erst einmal haben wir diesen Roman, der nicht nur wegen der Frankfurter Buchmesse Aufmerksamkeit verdient, denn direkte und explizite Coming of Age - Geschichten aus der Perspektive von Mädchen gibt es erstaunlich wenige.
So Forsch, so Furchtlos, das ist die Freundin der Protagonistin, rotzig, direkt, glühend und mitziehend, mit einer Hintergründen Traurigkeit. Abseits von den Tourist:innen wachsen Sis und Isora in armen, rauhen Verhältnissen auf. Sie kommen in die Pubertät, entdecken die Sexualität, auch füreinander. Isodora ist laut, frei, neugierig. Sie nimmt sich ihre Welt und Sis, die scheinbar unsichere, zarte lässt sich mitreißen, bis sie ihren eigenen Vulkan entdeckt.
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