"Das Mädchen hatte schon immer gewusst, dass etwas mit ihm nicht stimmte."
Cordelia, unehelich geboren, ist eine "Dreivierteljüdin", ihre Mutter eine berühmte Schriftstellerin und glühende Katholikin. Im entscheidenden Moment schützt diese nicht ihre Tochter, sondern rettet sich selbst. Mit 14 Jahren wird Cordelia Edvardson nach Auschwitz deportiert.
Ihr Roman ist die schmerzhafte Annäherung an den Verrat durch die eigene Mutter, die tastende Suche nach einer Identität, der Versuch, dem Grauen der Vergangenheit ungeschützt ins Gesicht zu sehen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
kuddel
5/5
04.10.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Holocaust-Zeugnis
"Es war zu viel und doch zu wenig, es wurde vom Feuer gesprochen, aber über die Asche geschwiegen."
Cordelia Edvardson ist die Tochter der Schriftstellerin Elisabeth Langgässer, einer glühenden Katholikin mit einem jüdischen Elternteil und des jüdischen Staatsrechtlers H. Heller. Das Mädchen gilt somit zu NS Zeiten als Dreivierteljüdin.
Aber auch schon vor der Judenverfolgung hat das Mädchen keine einfache Zeit. Die Familienkonstellation ist für die Zeit ungewöhnlich und sie wird ausgegrenzt. Die Mutter bietet keinen wirklichen Rückhalt in ihrem Wunsch nach Selbstverwirklichung, Sicherheit und dem Wunsch sich durch eine Ehe besser zu stellen. Es fehlt an Liebe und Zuwendung. Als die Zeiten immer bedrohlicher werden, versucht die Mutter die Tochter ins Ausland zu schaffen. Als sie bei der Gestapo vorgeladen werden, muss sich das Mädchen entscheiden: entweder wird die Mutter des Verrats angeklagt oder sie unterwirft sich den Rassegesetzen. "...nichts musste gesagt werden, es gab keine Wahl..." Durch ihre Unterschrift besiegelt Cordelia ihr Schicksal. Sie wird nach Auschwitz deportiert, erlebt dort den blanken Horror und muss für Josef Mengele als Schreibkraft arbeiten. Gerade die kleinen Episoden, die hier so distanziert geschildert werden, transportieren spürbar das Grauen. Cordelia überlebt und wird vom Roten Kreuz nach Stockholm gebracht. Der Kontakt, den sie ein Jahr nach der Rettung zu der Mutter sucht, verläuft unsäglich schlecht. Sie bleibt in Schweden und übersiedelt 1973 nach Israel.
Dieser Überlebensbericht ist gerade mal 134 Seiten stark, aufgrund der Inhaltsschwere jedoch nicht schnell gelesen. Die Autorin berichtet überaus distanziert von ihrem Leben, dabei geht sie nicht chronologisch vor. Sie nennt sich: das Mädchen, die Tochter, die Frau und bleibt damit konsequent ohne Namen und in der dritten Person. Sie ist für die Freiheit der Mutter nach Auschwitz gegangen und hat dort ganz andere Liebesbeweise von Müttern erlebt. Es sind kleine Begebenheiten, die sie so eindringlich schildert, das man meint man wäre mit dabei. Die Betroffenheit, die das auslöst, hinterlässt lange Zeit Erschütterung. Es ist beeindruckend, wie emotional die Auswirkungen eines so distanziert geschriebenen Textes ist.
Ein unglaublich beeindruckendes Zeitzeugnis, das nicht in Vergessenheit geraten sollte. Durch das Nachwort von Daniel Kehlmann werden nochmal Fakten angereichert und Dinge gut erläutert.
Lesenswert
lielo99
aus Bad Münstereifel
5/5
25.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein äußerst berührendes Buch
Keine Schilderung eines Geschehens ist so unverfälscht, wie jene aus erster Hand. Dass die Autorin Cordelia Edvardson in der dritten Person von sich selbst spricht, ist nachzuvollziehen. Sie bezeichnet sich als „das Mädchen“ und schildert zunächst ihr Leben bei der Mutter. Als uneheliches Kind und zudem noch Dreivierteljüdin, war es doppelt schwer. Sie wird mit 14 Jahren nach Auschwitz deportiert und erlebt dort das Grauen in Menschengestalt.
„Gebranntes Kind sucht das Feuer“ erschien im Jahr 1986 zum ersten Mal. Jetzt wurde es neu übersetzt und erneut veröffentlicht. Ihre Erlebnisse in Auschwitz sind so grausam, dass ich immer wieder Pausen einlegen musste. Frau Edvardson schreibt so, als ob sie nur neben dem Kind stehen würde. Sonst hätte sie es wohl nicht geschafft, ihre Gedanken zu Papier zu bringen.
Nach der Befreiung war sie schwer traumatisiert. Sie konnte zunächst nicht über das Erleben sprechen und das Verhältnis zur Mutter war völlig gestört. Das Nachwort von Daniel Kehlmann gefiel mir sehr gut. Er beseitigte noch wenige Unklarheiten, welche mich beschäftigten. Ein äußerst wichtiges Buch, das zeigt, wie wichtig unser Widerstand bis heute ist. Niemals darf solch ein Unrecht wieder geschehen. Wir alle sind dabei gefragt. Lasst uns jederzeit für Demokratie und Freiheit einstehen.
Bewertung
aus Magdeburg
5/5
04.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Distanziert erzählt - unbedingt lesen
Sehr eindringlich erzählt Cordelia Edvardson in diesem schmalen, nur 135 Seiten umfassenden Roman ihre Lebensgeschichte, die Deportation nach Auschwitz, das Überleben, das Suchen nach einem neuen Leben in einem anderen Land. Dabei schreibt sie vom „Mädchen“, später von der „Frau“. Durch diese Distanz wird das Geschilderte noch eindrücklicher. Genauso wichtig wie das, was geschrieben ist, ist auch das, was nicht erzählt wird. Vieles von dem unvorstellbaren Grauen ist nur angedeutet, zwischen den Zeilen lesbar. Dies gilt vor allem für den ersten und längsten Teil. Aber auch im zweiten Teil, in dem das „Mädchen“ in Schweden eine neue Heimat sucht, wird sehr deutlich, was es heißt, eine „Überlebende“ zu sein – vieles ebenfalls nur angedeutet und zwischen den Zeilen zu lesen. Der sehr kurze dritte Teil, der in Israel spielt, schließt den Kreis.
Das Nachwort von Daniel Kehlmann ordnet den Roman ein und trägt zu einem noch besseren Verständnis ein.
Übersetzt wurde der Roman von Ursel Allenstein, die für ihre Übersetzungen aus dem Dänischen, Schwedischen und Norwegischen vielfach ausgezeichnet wurde.
Dieser Roman, „eines der großen Werke der Holocaust-Zeugenschaft“ (Daniel Kehlmann) sollte unbedingt in den Kanon der Schullektüre aufgenommen werden.
Fazit: ein wichtiges Buch, ein Buch, das nachhallt, ein Buch, das unbedingt gelesen werden muss.
Adele
aus Bremen
5/5
03.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ist Überleben schlimmer als der Tod?
Um nicht weniger kreisen die Gedanken von Cordelia Edvardson in ihrem Erinnerungsroman. Die unvorstellbaren Grauen des NS-Regimes, sie werden in diesem Buch deutlich, nüchtern benannt. Und dies nicht als abstrakter geschichtlicher Abriss, sondern in den Erinnerungen einer Zeitzeugin, die als Jugendliche in Auschwitz inhaftiert war. Edvardson schreibt in einer Eindringlichkeit, die beim Lesen erschaudern lässt. Dabei gelingt ihr sich nicht nur mit dem auszudrücken, was sie schreibt, sondern sagt in manchen Passagen ebenso viel, wenn nicht noch mehr zwischen den Zeilen. Die Sprachlosigkeit und Gefühllosigkeit angesichts des Erlebten, man spürt sie in jeder Zeile, zwischen den Zeilen, sie hängt förmlich bleischwer zwischen den Buchstaben. Es ist als ob ein Teil von ihr sterben musste, um zu überleben, um das Erlebte überhaupt ertragen zu können.
Damit unterscheidet sich die Erinnerung in der Form ihrer Umsetzung, deutlich von Imre Kertész Roman eines Schicksallosen, Kertész wie Edvardson 1929 geboren und auch zeitweise in Auschwitz inhaftiert. Wie beschreibt man, das Unbeschreibliche? Die Altersgenossen eint, eine Antwort darauf gefunden zu haben. Beide suchen in ihrem Ausdruck eine Form der Distanz. Bei Kertész ist dies der unbedarfte Blick eines Kindes, der es ermöglicht das Unvorstellbare niederzuschreiben. Edvardson wählt die dritte Person, schreibt über „das Mädchen“, zu unbegreiflich bleibt, dass dies ihr Leben, ihre Erfahrung ist. Mengele, Magdl, die Tötungsmaschinerie im Lager werden, wie im Anschlag einer Schreibmaschine Wort für Wort dokumentiert, selten nur erlaubt sich das Mädchen wirkliche Emotion, darf sie sich nicht erlauben, wenn sie überleben will.
Das Überleben, es ist für mich das größte Geschenk in der Wiederentdeckung des Erinnerungsromans von Cordelia Edvardson. Denn das „Weiterleben“ ist etwas, was ich bisher in noch keinem Zeitzeugenbericht so eindringlich beschrieben oder überhaupt thematisiert gefunden habe. Wie gehen wir als Gesellschaft mit den Überlebenden um? Cordelia Edvardson begegnet einem gesellschaftlichen Verdrängen, einem Weitermachen, nach vorn blicken. Doch Verdrängen funktioniert nur für die, die nicht gesehen, die nicht erlebt haben - Edvardson nennt sie die Lebenden. Was macht die gesellschaftliche Verdrängung als kollektive Vergangenheitsbewältigung mit denen, die überlebt haben und nun weiterleben müssen? Nimmt man den Überlebenden damit nach der Entmenschlichung des Lagers ein zweites Mal ihre Identität, oder zumindest einen Teil davon, indem man das Erlebte ignoriert, negiert, nicht hören will?
Auch diese Fragen machen den Erinnerungsroman heute noch genauso aktuell wie bei seiner Ersterscheinung.
Die schwierige Beziehung zur Mutter bleibt lange nicht wirklich greifbar. Es schadet sicher nicht vor der Lektüre zu Elisabeth Langgässer einen kurzen Überblick zu haben. Spätestens im Nachwort kann hiermit jedoch auch Daniel Kehlmann dienen.
Es ist sicher kein leichtes und auch kein schönes Buch, im herkömmlichen Sinne, aber dafür um so mehr ein wichtiges Stück Erinnerung und Zeitgeschichte, an dem Cordelia Edvardson uns teilhaben lässt.
Die Zeilen von Cordelia Edvardson werden mich noch lange beschäftigen. Und das ist das Beste, was man von einem Buch erwarten kann.
Hornita
aus Augsburg
5/5
21.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erschütternd; In drei Teilen…
Erschütternd; In drei Teilen schildert die Autorin eindringlich Teile ihrer Lebensgeschichte. Im längsten, ersten Teil werden kindliche Erinnerungsfetzen wiedergegeben, die meist chronologisch sind und ihr junges Leben bis zur Deportation nach Ausschwitz schildern. Sie beschreibt sich selbst nur als „das Mädchen“ und unterstreicht damit die Anonymität, die auch durch die eintätowierte Häftlingsnummer im Lager geschildert wird. Die Erzählperspektive ist immer ihre eigene, was das Buch so erschütternd macht, da man ihre Traumatisierung und innere Leere miterlebt. Die Sprache ist gehoben und sehr bildhaft, was den kurzen zweiten und dritten Teil sehr kryptisch erscheinen lässt und mir zu viele Fragen offen ließ. Dank des tollen Nachworts von Daniel Kehlmann wurden alle Fragen, die mir nach dem Lesen noch blieben, beantwortet und er liefert zugleich eine tolle textliche und inhaltliche Analyse. Mich hat es auch angeregt, noch etwas über die Mutter der Autorin Elisabeth Langgässer und die Rettungsaktionen der „Weißen Busse“ zu lesen, da mir beides kein Begriff war. Ein wirklich aufwühlendes Buch und wichtiges Stück Zeitgeschichte.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.