Eine Frau über sechzig lebt in sich selbst zurückgezogen in einem Haus am Tiber, am Stadtrand von Rom. Eines Tages bekommt sie neue Nachbarn. Eine Familie mit zwei Kindern zieht in die Wohnung gegenüber: Die Eltern gehören zur Generation Prekariat, der Vater ist Musiker, die Mutter jobbt. Sie haben eine vierjährige Tochter und einen jugendlichen Sohn, Anhänger von Fridays for Future, sie brauchen eine Nanny und wenden sich an die Nachbarin. Unerwartete Freundschaften entstehen, auch wenn die ältere Dame verschlossen bleibt und nichts von sich preisgibt. Bis sie den Großvater der Kinder kennenlernt, Piero, einen attraktiven Mann ihrer Generation. Er erinnert sich an sie. An die blutigen politischen Siebzigerjahre, als ihr Foto in allen Zeitungen war.
Kundinnen und Kunden meinen
4.8/5.0
Lust_auf_literatur
5/5
04.07.2023
Hörbuch-Download (MP3)
Spannendes Hörbuch Erlebnis
Ich höre in diesem Hörbuch die Aufzeichnungen der über 60-jährigen Gianna, die so lebensecht und authentisch wirken, dass ich kaum glauben kann, dass es sich nicht um autobiographisches Material handelt.
Es ist nicht nur die Geschichte des Romans, die mich so in den Bann zieht, nein es ist vor allem der Schreibstil von Ravera. Es ist wahrscheinlich der Gesamtkomplex aus dieser äußerlich unspektakulären Hammerstory und diesem Hammerschreibstil, der in jeder Zeile leuchtet.
Er leuchtet vor Lebensweisheit und Tiefsinn, kleine Wahrheiten in jedem Satz. Und trotz ihrer Lebenserfahrung wird sich Raveras Erzählerin irren. Ihre Zurückgezogenheit und ihre Selbstkontrolle wird bröckeln.
Die Schreiberin berichtet über die Veränderungen in ihrem Leben, als eine neue junge Familie in die Nachbarwohnung einzieht und ihre komplett kontrollierten einsamen Alltag durcheinander bringt.
Die junge Familie beherrscht bald in obsessiver Weise die Gedanken der Erzählerin und erschüttert ihre mühsam und teuer erworbene innere Ruhe. Der Einzug dieser Familie setzt eine Entwicklung in Gang, die das Leben von Gianna für immer verändern wird…
Genauso wie ich, teasert die Erzählerin öfter Ereignisse an, die in ihrer Vergangheit und auch in der Zukunft liegen. Damit erzeugt Ravera eine unglaubliche Spannung und Sog. Ich bin wahrhaft gefesselt.
Zum Ende hin, nimmt der Roman noch mal richtig Fahrt auf und der Schluss birgt für mich wahrhaft katharsische Momente.
Diese Geschichte ist sicherlich kein Fall für jede*n, doch mir hat das Hörbuch wirklich sehr gut gefallen und wunderbare Stunden bereitet und wenn euch meine Beschreibung auch nur dezent ansprechen, wagt einen Versuch!
MarieOn
5/5
25.11.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Starke und berührende Geschichte
Sie hat sich arrangiert, lebt in ihrer Wohnung am Tiber. Morgens ein kleiner Spaziergang, gegen Mittag dann ein Konzert einer ihrer geliebten Klassiker auf dem Sofa. Gegen Abend eine karge Mahlzeit und dann Sartre, Tolstoi oder Hemingway zu einem gekühlten Weißwein. Seit sie ihre Strafe abgesessen hat, hat sie sich in sich selbst eingeschlossen. Doch an einem außerordentlichen Vorfrühlingstag stört sie ein Transporter vor dem Haus, als sie vom Einkauf kommt. Er steht auf dem Trottoir, auf der Ladefläche ein junger Mann mit langen schwarzen Locken. Er wirft einen Karton in den Hausflur vor ihre Füße. Sie tritt zurück und beobachtet eine Frau barfuß, in kurzem Leinenkleid, kleine feste Brüste. Sie rennt zu dem Lockenkopf, schwingt die Arme um seinen Hals, die Beine um die Hüften und ruft lachend Michele. Er umarmt sie und sagt Maria. Die Szene ist so intim, dass sie die Treppe nach oben schleicht, in den dritten Stock.
Ihre Stille ist dahin. Die Ruhe seit ihrer geräuschvollen Jugend. Seit „Sie“ in ihren Zufluchtsort eingedrungen sind, wie eine stürmische Böe.
Später bemerkt sie, dass das Schlafzimmer der beiden an ihres grenzt. Sie befürchtet den beiden beim Sex zuhören zu müssen. Der letzte Mann, der sie selbst berührte, war Furio und das ist viele Jahre her. Doch die beiden lachen und reden dann flüsternd. Sie scheinen sich wirklich gut zu verstehen. Zur Sicherheit drückt sie eine Tablette aus dem Blister auf ihrem Nachttisch und spült sie herunter.
Am nächsten Tag reißt energisches Klopfen sie aus ihrer Musik. Sie öffnet widerwillig und da stehen ihre neuen Nachbarn. Die Frau redet viel, er beobachtet. Sie weiß, dass sie die beiden hereinbitten muss, alles andere wäre unhöflich.
Fazit: Lidia Ravera ist eine außergewöhnliche Schriftstellerin. Sie hat jedes Wort an die richtige Stelle gerückt (sicher hat auch die Übersetzerin hier großes geleistet) Die Autorin erzählt die Geschichte aus Sicht ihrer Protagonistin, die in den 70-er-Jahren als Oppositionelle gekämpft hat und dafür bestraft wurde. Sie fürchtet die Verurteilung durch Mitmenschen so sehr, dass sie ein Eremitendasein wählt. Durch die Familie, die gleich neben ihr eingezogen ist, allen voran, die kleine Tochter, bekommt das Weltliche einen neuen Stellenwert. Die Autorin hat gut durchdachte Charaktere geschaffen, die auf ganzer Linie überzeugen. An den richtigen Stellen blitzen kleine Lichter der vergangenen Tragödie auf. Die Protagonistin erkennt klug die Bedürfnisse und Intentionen ihrer Mitmenschen, aber auch ihre eigenen. Eine starke, durch und durch berührende Erzählung.
hallobuch, Silke Schröder
aus Hannover
5/5
14.08.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein großartiges fiktives Tagebuch
Sprich mit mir” von der italienischen Autorin Lidia Ravera ist ein hinreißendes Porträt über eine Frau um die 60, die ganz langsam aus dem Schneckenhaus ihrer selbstgewählten Emigration herausfindet. Aus der Ich-Perspektive erzählt, resümiert die Protagonistin ihr bisheriges Leben, ihre damaligen politischen Überzeugungen und Handlungen mitsamt den Konsequenzen – wie dem jahrelangen Abtauchen in die Illegalität. Zugleich beschreibt sie, wie sie allmählich Vertrauen zu der Nachbar-Familie fast und Nanny für die 3-jährige Tochter wird. Lidia Ravera überzeugt dabei mit einem emotionalen Stil, der die Gefühle ihrer Figur authentisch wiedergibt, ohne dabei allzu dramatisch oder kitschig zu werden. So ist “Sprich mit mir” ein großartiges fiktives Tagebuch einer Frau, die sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, um sich für die Gegenwart zu öffnen. Perfekt gelesen von Tessa Mittelstaedt.
Kaffeeelse
5/5
06.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Weißmähne
„Sprich mit mir“ von Lidia Ravera landete als nächstes vor meinen Augen. Und bei diesem Buch verspürte ich einen derartig großen Lesesog, wie schon lange nicht mehr. Eine Frau über sechzig ist die berichtende Protagonistin, die durch neue Nachbarn aus ihrem bisherigen Leben gerissen wird. Ein Zufall, der ihr Leben umwirft, der sie verändert. Was an sich thematisch schon mal interessant ist. Dass diese Giovanna früher radikal war, politische Aktivistin war, sich ihren hehren Zielen verschrieben hatte und dafür natürlich ihren Preis zahlen musste, rundet dieses Buch wunderbar ab, lässt es gerade durch diese Lebensgeschichte für mich interessant werden. Also thematisch ein Volltreffer.
Aber das noch weitaus Interessantere an diesem Buch ist die Schreibe. Denn diese kommt sehr reduziert daher, dringt aber in dieser minimalistisch gewählten Ausdrucksweise völlig zu mir durch, fesselt mich gleich auf der ersten Seite, infiziert mich regelrecht wie ein Virus. Nur das ich hier kein Heilmittel brauche, dass ich wie manisch durch die Seiten fliege, das Buch in einem Rutsch verschlingen möchte. Leider spielt mir das Leben zeitlich einen Streich und andere nicht verschiebbare Dinge vereinnahmen mich ebenfalls, so dass ein ununterbrochener Lektürefluss dadurch nicht machbar ist. Dieses Buch hat aber durchaus das Zeug zum Buch der durchgelesenen Nacht. Dieses Buch ist wie ein Fieber, das mich wohlig einhüllt und umfängt.
Das Reduzierte in der Schreibe passt auch noch aus einem anderen Grund so perfekt zu diesem mich anzündenden Roman „Sprich mit mir“. Auch der Charakter Giovanna ist reduziert, versteckt sich wegen ihrer Vergangenheit vor den Menschen, denn sie ist geschnappt worden, war im Gefängnis und auch die Presse hat von dieser Calamity Jane Wind bekommen. Sie war in aller Munde, ist natürlich wegen ihrer Taten von den Menschen verurteilt worden, muss sich zum Selbstschutz schützen. Doch ab wann ist so ein Selbstschutz, so eine Einsiedelei krankmachend? Genau diese Thematik beleuchtet das Buch von Lidia Ravera. Denn wir sind Menschen, brauchen doch ein soziales Umfeld, wir sind doch Herdentiere, eigentlich zumindest. Denn nicht alle unserer engen Verwandten leben in Gemeinschaften, wenn ich da an die Menschen des Waldes auf Sumatra und Borneo denke. Aber dennoch hat diese selbst gewählte Isolation Folgen. Aber das Leben/der Zufall spült neue Nachbarn in das Leben der Heldin/Antiheldin Giovanna und diese vier Musketiere, Michele, Maria, Malcolm und natürlich Malvina sprengen das Leben der zurückgezogenen „Weißmähne“ Giovanna und bewirken tiefgreifende Veränderungen.
Ein wunderbares Buch! Unbedingt lesen!
hamburg.lesequeen
aus Bargfeld-Stegen
4/5
11.12.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein stilles Buch!
SPRICH MIT MIR
Lidia Ravera
ET: 16.5.23
Die 66-jährige Giovanna lebt allein und bewusst zurückgezogen am Tiber in Rom. Familie hat sie keine, Freundschaften vermeidet sie. Ihr genügt ihr ruhiger Alltag: Spaziergänge und klassische Musik, die sie sich am Nachmittag in ihrer Wohnung anhört.
Alles verändert sich, als nebenan in der seit Monaten leerstehenden Wohnung eine junge Familie einzieht. Die neue Familie sucht Kontakt zu ihr – und Giovanna lässt sich, trotz ihrer Vorsätze, darauf ein. Eine zarte Freundschaft entsteht, besonders zur dreijährigen Tochter der Familie, die sie schnell ins Herz schließt. Immer mehr wächst sie in die Rolle einer Ersatzgroßmutter hinein, kocht für die Familie, hilft im Alltag und übernimmt ganze Wochenenden die Betreuung.
Die entscheidende Wendung kommt an Weihnachten, als der Großvater der Familie zu Besuch ist und auch Giovanna zum Weihnachtsessen eingeladen wird. Der Großvater, der fast im selben Alter wie Giovanna ist, ist ihr gegenüber besonders aufmerksam. Zunächst glaubt sie, er könne Interesse an ihr haben. Erst zu spät erkennt sie, dass er sie aus ihrem früheren Leben wiedererkennt – und damit eine Tür zu ihrer Vergangenheit öffnet, die sie längst geschlossen glaubte.
Ravera erzählt mit viel Feingefühl von einer Frau, die zwischen Erinnerungen und neuen Möglichkeiten steht. Besonders eindrücklich fand ich, wie behutsam gezeigt wird, wie schwer Vertrauen fällt, wenn man viel erlebt und noch mehr verloren hat. Die leisen Momente tragen das Buch: kleine Gesten, unangenehme Wahrheiten, zarte Annäherungen.
Fazit:
Ein stilles, sehr einfühlsames Buch über Einsamkeit, Schuld und die Chance auf einen Neuanfang.
4/5
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