Lerner bekämpfte mit ihren Veröffentlichungen die in der Wissenschaft bis dahin geltende Darstellung, dass Geschichte etwas ist, das mit Frauen geschieht. Demgegenüber stellte sie sich die Aufgabe, die Entwicklung der Unterdrückung von Frauen und ihre Rolle in geschichtlichen Prozessen auf einer materialistischen Grundlage zu untersuchen. So kann Frauenunterdrückung nach Lerner nur mit der Klassengesellschaft zusammen gedacht - und überwunden - werden. Mit "Die Entstehung des Patriarchats" legt der Manifest Verlag den ersten Band ihrer zweibändigen Arbeit zu "Frauen und Geschichte" als Taschenbuch wieder auf. Dem Werk ist ein aktuelles Vorwort der englischen Sozialistin Christine Thomas (Autorin von "Es muss nicht bleiben wie es ist - Frauen und der Kampf für eine sozialistische Gesellschaft") vorangestellt.
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Bewertung
5/5
07.01.2024
Buch (Paperback)
Frauen als Handelnde in der Geschichte
Review auf www.solidaritaet.info
Manifest-Verlag legt Gerda Lerners “Die Entstehung des Patriarchats” neu auf
Als marxistische Feministin griff Lerner in den 1980er Jahren die materialistische Untersuchung zur Entstehung des Privateigentums und der Unterdrückung der Frau wieder auf.
von René Arnsburg, Berlin
Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Diskussionen über die Thesen von Friedrich Engels, die er auf den Erkenntnissen des 19. Jahrhunderts aufbaute. Prominente Vertreter*innen wie Alexandra Kollontai versuchten, bis dahin gewonnene Erkenntnisse weiterzuentwickeln. Die Bürokratisierung der Sowjetunion in den 1920ern schob dieser Debatte einen Riegel vor. Kritische Untersuchungen des 1884 erschienenen Texts von Friedrich Engels „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ wurden als Kritik am Marxismus und dessen offiziellen Vertreter*innen in den bürokratischen Planwirtschaften des Ostblocks hingestellt.
Befördert vom Befreiungskampf der kolonialen Welt und wissenschaftlichen Beiträgen nicht-westlicher Autor*innen nahm die Auseinandersetzung mit dem Thema ab den 1960er Jahren wieder zu. Besonders die starken sozialistischen Bewegungen der 1960er bis 1980er Jahre beförderten einen neuen Blick auf Anthropologie und scheinbar feststehende Erkenntnisse über die Entwicklung der Menschheit. Engels selbst merkte an, dass die Erkenntnisse, auf die er sich stützte, nicht die letzten sind und seine daraus gezogenen Schlussfolgerungen bis zu ihrer Ergänzung Bestand haben. Lerner würdigt ihn dennoch: „Ganz gleich, wie viele Irrtümer und Fehlschlüsse Engels nachzuweisen sind, er war der erste, der uns auf diese Zusammenhänge aufmerksam gemacht und uns den engen Bezug zwischen sozialen und sexuellen Beziehungen gezeigt hat.“
Geschichte schreiben, wie sie wirklich war
Ein Hauptfehler der bisherigen Untersuchungen besteht nach Lerner, darin, dass der heutige Ist-Zustand auf vergangene Gesellschaften übertragen wurde. In diesem werden jedoch Frauen unterdrückt und die Geschichtsschreibung von Männern dominiert. Das reicht von Verteidiger*innen der geschlechtsspezifischen Unterdrückung bis zu feministischen Autor*innen, die sich diesen Blick trotz ihrer Kritik an den herrschenden Verhältnissen zu eigen gemacht haben. Lerner hält es für notwendig, alles einer grundlegenden Kritik zu unterziehen und genau aufzuzeigen, wie die Frauenunterdrückung entstand und sie nicht monokausal, sondern in der Dynamik gesellschaftlicher Entwicklungen zu verstehen.
Zudem kritisiert sie, dass Frauen als Objekte, denen die gesellschaftliche Veränderung passierte, behandelt wurden. Eines ihrer Hauptanliegen ist es, die Geschichte dahingehend zu untersuchen, welche Rolle Frauen bei der Gesellschaftsbildung als Handelnde spielten. Weder Frauen, noch Männer waren sich der Konsequenzen ihres Handelns bewusst, als aus einer geschlechterspezifischen Arbeitsteilung eine Abwertung weiblicher Tätigkeiten und ein Ausschluss vom Eigentum folgten. Zu wissen, was warum passierte und wie es mit der Entwicklung der Klassengesellschaft zusammenhängt, ist eine Voraussetzung, um den Zustand der Unterdrückung aufzuheben. Dafür sind vor allem Lerners Betrachtungen über die Gesellschaften im nahen und mittleren Osten ein unschätzbarer Beitrag.
Bewertung
1/5
10.08.2024
Buch (Paperback)
Tolles Buch, leider in einer miesen Neu-Edition die dem Werk spottet.
Diese Edition will nichts als ein Nachdruck der Edition des Campus-Verlags aus den 1990ern sein, ist jedoch völlig misslungen. Ich weiß nicht, was der Hergang der Textbearbeitung war, aber das fertige Produkt beim Manifest-Verlag strotzt von Formfehlern. Vermutlich wurde das Campus-Buch irgendwann durch ein schlechtes OCR-Scan-Programm geschickt: So wird (Kontext: Wissenschaftshistorie) aus einer "Schule Jungscher Analytiker" eine "Schult Jungseher Analytiker" (S. 50/54) oder einem ganz normalen "uns" ein okskures "uris" (?!) auf S. 204 / 226. "Männer" werden "Märiner" (S. 79 bzw. 86) und vieles mehr. Manchmal kann man es ja mit Humor nehmen. Dass wiederum sehr oft, wenn eine Abkürzung innerhalb eines Satzes mit einem Punkt endet (z.B. die in einem derartigen historischen Buch sehr häufige Wendung "v. Chr."), das folgende Wort mit einem Großbuchstaben beginnt,muss an einem irgendwann mit brachialer Gewalt durchgejagten "Alles ersetzen"-Algorithmus liegen. Ich nenne nur wenige Beispiele. Ein flüssiges Lesen ist leider nicht möglich. Laut Interview (verlinkt auf Verlags-Seite) hat die Lektorin des Manifest-Verlags gratis gearbeitet. Das merkt man hier nur zu deutlich. Das Lesen ist für mich eine Qual und ich leihe mir 100 mal lieber eine vergilbte und unsaubere Bibliotheksversion aus, als diesen Regalhüter durchzuackern, dessen eklatante Mängel die Aufmerksamkeit vom wichtigen Inhalt ablenken.
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