Vor der Küste Englands treffen in tiefer Nacht v erzweifelte Flüchtlinge auf selbsternannte Patrioten. Die schicksalhafte Begegnung löst eine irrwitzige Verkettung von Ereignissen aus, wobei es allen Beteiligten nur um eines geht: endlich - endlich - Frieden zu finden.
Ein Boot mit Flüchtlingen stottert auf dem Ärmelkanal in Richtung englische Küste. Die Männer sind am Ende ihrer Kräfte, einer ist Omar, er ist neunzehn und hofft, seine Asha bald wiederzusehen. Auch eine Truppe von britischen Patrioten in einem Festrumpfschlauchboot ist unterwegs, um ihr Land vor Flüchtlingen zu schützen.
Tags darauf erwacht Cherry am Strand. Sie hat sich in der Nacht die Kante gegeben, die Ehe ist ein Scherbenhaufen, ihr Sohn Liam hat sich das Leben genommen. Sie entdeckt die Leiche eines dunkelhäutigen Mannes, vom Meer angespült, das Genick gebrochen, ein laminiertes Foto in der steifen Hand . Er erinnert Cherry so sehr an Liam, dass sie sich schwört, die junge Frau auf dem Foto zu finden und ihn zu beerdigen. Welchen Preis wird Cherry bezahlen? .
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
aus München
5/5
06.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
ganz großes Kino
Meiner Meinung nach passt der Originaltitel "Enduring Feedom" (Dauerhafte Freiheit) besser als der deutsche Titel "Frieden". Aber man kann natürlich in beiden Fällen auch etwas im Roman finden, was den jeweiligen Buchtitel rechtfertigt. Das deutsche Cover finde ich hervorragend gewählt. Denn wie eine Welle überrollt einen diese Geschichte. Und auch das kleine Boot, in dem mehrere Flüchtlinge vor der Küste Englands nach einer besseren Zukunft suchen, wird von solchen Wellen überrollt als es auf ein anderes Boot trifft, in dem selbsternannte "Beschützer Englands", fehlgeleitete Patrioten, verhindern wollen, dass noch mehr Flüchtlinge an Land gehen. Als am nächsten Morgen eine übermüdete Krankenschwester am Strand einen jungen dunkelhäutigen Mann findet, der keines natürlichen Todes gestorben ist, wird aus einer kleinen unbedeutenden Welle etwas, dass sich schnell zu einem Tsunami auswachsen könnte.
Die Krankenschwester Cherry begibt sich kurzentschlossen mit zwei unfreiwilligen Passagieren - der eine tot, der andere lebendig - auf eine wilde Flucht, die eigentlich eine Suche sein soll. Das Ganze erinnert zeitweise im besten Sinne an den Film "Thelma & Louise". Gejagt von einem der Patrioten, der praktischerweise auch noch Polizist ist und damit Zugang zu allen möglichen technischen Ortungsmöglichkeiten hat, werden aus Feinden Verbündete und immer wieder entwischen die drei den gewalttätigen Häschern.
Es geht also um die aktuelle Flüchtlingsproblematik. Aber der Plot kann viel mehr. Der Autor erzählt in einer sehr eindringlichen, fast lyrischen Sprache von den Sehnsüchten und Wünschen der Menschen aber vor allem auch von ihren Ängsten, ihren kaum vernarbten Wunden. Jeder der Akteure, vom Flüchtling Omar bis hin zum unerfahrenen Polizisten Andy Jakubiak, haben alle ihr Scherflein zu tragen, sind alle Charaktere mit vielen Facetten und - was mich besonders gefreut hat - mit einer Entwicklung im Buch. Der Autor gibt allen Darstellern aber auch allen Meinungen und Problemen, Raum und Zeit, Tiefe und Details. So wird aus "Frieden" eine berührende, aufwühlende, oft überraschende Geschichte die einem zum Nachdenken bringt und trotz allem oder gerade deswegen ein durchaus versöhnliches Ende findet. Ganz großes Kino. Und deshalb wird das Buch auch gerade verfilmt.
begine
aus Lemwerder
5/5
05.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Aktuelles Thema
Anders Lustgarten behandelt in seinem Roman, Frieden, ein brisantes aktuelles Thema.
Es handelt von Flüchtlingen und Aufnahmegegner.
Mit klarer harter Sprache verfasst er seine Geschichte. Man erfährt ja immer wieder von den katastrophalen Zuständen in den Asylanten lagern.
Überall gibt es soviel Grausamkeiten, das macht mich ganz fertig.
Dieser Roman ist realistisch und mit gutem Stil geschrieben.
Es ist keine leichte Lektüre, aber unbedingt lesenswert.
sleepwalker
4/5
30.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine wilde, aberwitzige, erschreckend realistische Geschichte
„Frieden“ von Anders Lustgarten ist ein Buch, das mich ein bisschen zwiegespalten zurücklässt. Einerseits ist es ein erschreckend aktuelles und zum Nachdenken anregendes Buch, es ist sprachlich pointiert, bildreich erzählt und strotzt nur so vor absurden Situationen. Andererseits bin ich mir unsicher, ob Stil und Ansatz des Autors dem Thema gerecht werden. Nicht jede Krise kann man satirisch aufarbeiten. Oder sollte man speziell an politische Themen so herangehen, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass es zu jeder Geschichte immer mindestens zwei Seiten gibt?
Aber von vorn.
Sieben Menschen schippern in einem kaum seetauglichen Ruderboot samt rostigem Außenborder von Frankreich aus auf die südenglische Küste zu, darunter drei Iraner und ein Senegalese, angeführt von einem Afghanen, der „schwört, dass er weiß, wie man übers Meer steuert.“ An der Küste werden sie von Menschen erwartet, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, „ihr Land vor den Flüchtlingen zu schützen“. Unter diesen selbsternannten „Patrioten“ sind auch zwei Polizisten, welch Ironie: einer von ihnen stammt aus einer polnischen Einwandererfamilie. Am nächsten Morgen ist Omar, einer der Flüchtlinge tot, die anderen in einem Asylcenter untergebracht. Krankenschwester Cherry findet die Leiche nach einer durchzechten Nacht, der Tote hat ein laminiertes Foto einer jungen Frau in der Hand. Cherry hat selbst ihren Sohn verloren und die Leiche erinnert sie so sehr an Liam, dass sie beschließt, die junge Frau auf dem Foto zu finden und Omar eine würdige Beerdigung zu ermöglichen. Gejagt von einem der Täter und unterstützt von vielen Wohlgesinnten macht sich Cherry mit der Leiche im Schlepptau auf die Suche nach der jungen Frau.
Lange habe ich mich an der Buch nicht herangetraut, jetzt habe ich es in einem Rutsch durchgelesen. Wenn man es erst einmal angefangen hat, entwickelt „Frieden“ einen eigenartigen Sog. Wer die aktuelle Politik eigentlich überall auf der Welt aufmerksam verfolgt, der kommt um das Thema „Flüchtlinge“ nicht herum. „Stop the boats“ war einer der Slogans im britischen Wahlkampf. Und genau darum geht es in „Frieden“. Selbsternannte Grenzschützer wollen ein kleines Boot zur Umkehr bewegen. Die jungen Männer, die darin sitzen, sind aber nicht bereit dazu, ihr Boot würde den Rückweg ganz sicher auch nicht mehr schaffen.
Anders Lustgarten erzählt die Geschichte aus allen möglichen Perspektiven. Er beschreibt die Sicht der Flüchtlinge und der „Patrioten“ genauso wie die von Cherry und ihrem Umfeld. Das gibt der Geschichte Schwung und natürlich dem Publikum den bestmöglichen Einblick in das, was die Charaktere an- und umtreibt. Die Sprache des Autors finde ich fantastisch. Er erzählt ausschweifend und bildhaft. Am Anfang dachte ich auch, es sei ein „ernsthafter“ Roman. Aber, wer Anders Lustgarten kennt (ich kannte ihn vorher nicht), der weiß wohl, dass er ein Fachmann für politische Satire ist. Daher war es vielleicht nur für mich eine Überraschung, dass das Buch ins komplett Absurde abrutscht und die Wendungen in der Geschichte vollkommen irrwitzig werden. Dabei hat das Buch ein Tempo drauf, das der Leserschaft den Atem nimmt, die Rasanz, mit der die Handlung um sich greift, bis mehr oder weniger „everybody and their dog“ involviert sind. Querlesen oder gar Seiten überblättern ist bei der Geschichte nicht möglich, selbst im kleinsten Absatz steht so viel drin, wenn man den nicht „ordentlich“ liest, hat man eventuell etwas Wichtiges verpasst.
Ich bin immer noch unschlüssig, ob diese Art der Aufarbeitung dem Thema gerecht wird. Rein konzeptionell ist das Buch eine Mischung aus Homers „Odyssee“ und „Ulysses“ von James Joyce, dazu eine Prise Absurditäten, die an Monty Python erinnern, daraus wird für mich ein Buch, das zu launig, zu aberwitzig und zu satirisch geschrieben ist, um als ernsthafte Auseinandersetzung wahrgenommen zu werden. Andererseits beleuchtet der Autor jeden Aspekt, der mit den Themen Flucht/Fluchtbekämpfung/Rassismus/Fremdenfeindlichkeit auch nur im Entferntesten zu tun hat. Die jungen Flüchtlinge auf der Suche nach dem Glück und der großen Liebe, die Einwanderin, die eigentlich Chemie studiert hat und jetzt nur noch einen Job als Putzfrau findet, die Familie, die einen der Ihren verloren hat und wo jeder anders und für sich trauert. Dazu die „Patrioten“, deren Anführer, aufgepeitscht von Hass, Machtgier und Amphetaminen und die Mitläufer, die einfach nur dazugehören wollen. Von allen erfährt man die Hintergründe und „Gründe“ für ihre Radikalisierung.
Trotz der Kritikpunkte habe ich das Buch bis zum Schluss verschlungen. Da der Schluss aber für mich komplett sinnfrei ist, ziehe ich einen Stern ab und vergebe vier Sterne.
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