Spätestens mit dem Angriff auf die Ukraine stellt sich die Frage, wie Russland zu dem wurde, was es heute ist. Olaf Kühl, langjähriger Osteuropareferent der Regierenden Bürgermeister von Berlin, kennt das Land wie nur wenige; er hat es über Jahrzehnte intensiv bereist, auch abseits der großen Metropolen, bis nach Sibirien und in den Fernen Osten. In seinem Buch zeigt er, wie sich Russland seit dem Zerfall der Sowjetunion entwickelt hat - wie hellere, freiere Köpfe allmählich durch regimehörige Funktionäre ersetzt wurden, bevor eine mafiöse Geheimdienstelite die Macht an sich riss. Fassbar wird all das in den Schicksalen der Menschen, von denen Kühl erzählt: darunter ein erfolgreicher Unternehmer, der, weil er sich vom Geheimdienst nicht erpressen lassen wollte, im Gefängnis gefoltert und getötet wurde; oder auch ein Separatistenführer, der 2014 an der Annexion der Krim beteiligt war und mittlerweile auf Konfrontation zu Putin geht. Eines lässt sich schon jetzt erkennen: Die völkisch-nationalistische Außenpolitik wird zu heftigen, gewaltsamen inneren Umbrüchen führen, bis hin zum Zerfall des Landes - mit gefährlichen Konsequenzen auch für Europa. Ein ebenso fesselndes wie weitsichtiges Russland-Porträt.
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Kann man ihm trauen?
Bewertung aus Wien am 24.08.2023
Bewertungsnummer: 2006597
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Problem mit Russland bis zum Februar 2022 war, dass man als einfacher Bürger Medien nicht trauen konnte. Was war Wahrheit, was Propaganda? Die Einschätzung Russlands und seiner Machthaber mag durch diesen Umstand durchaus fehlgeleitet worden sein.
Olaf Kühl lässt nun keine Zweifel. Die Antwort ist eindeutig. Indes: Kann man ihm denn nun trauen?
Die Lektüre seines Buches ist streckenweise nicht zu ertragen. Die Brutalität und Hinterhältigkeit des Regimes Putin findet im Europa des 21. Jahrhunderts keine Entsprechung.
Kühl selber war wohl nicht die größte Nummer im Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Daraus resultiert die Frage: Was wussten westliche Regierungen? Wussten sie mehr oder weniger als der beamtete Berater des Berliner Bürgermeisters? Stimmt auch nur die Hälfte dessen, was Kühl schreibt, waren sie nicht naiv, sondern Mittäter. Und sind es heute noch.
Z ist unerlässliche Lektüre für alle, die sich mit oberflächlicher Information nicht zufrieden geben wollen. Doch das eingangs aufgeworfene Problem bleibt: Kann man ihm trauen?
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