Der Stechlin, Theodor Fontanes letzter vollendeter Roman, entfaltet in der märkischen Landschaft um das Gut Stechlin ein scheinbar stilles, tatsächlich hochbewegliches Panorama des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Im Zentrum steht der alte Dubslav von Stechlin, dessen gelassene Humanität, Gespräche und Beobachtungen eine Welt im Übergang spiegeln: Adel, Bürgertum, Militär, Kirche und moderne Politik begegnen einander in fein nuancierten Dialogen. Der See Stechlin wird dabei zum symbolischen Resonanzraum geschichtlicher Erschütterungen. Fontanes Stil verbindet realistische Präzision, leise Ironie und eine kunstvolle Gesprächsdramaturgie. Fontane, 1819 geboren und 1898 gestorben, schrieb diesen Altersroman aus der Erfahrung eines langen Lebens als Apotheker, Journalist, Kriegsberichterstatter, Reiseschriftsteller und Chronist der Mark Brandenburg. Seine intime Kenntnis preußischer Milieus, seine Skepsis gegenüber starren Standesordnungen und sein spätes Interesse an liberaler Erneuerung prägen die souveräne Gelassenheit des Romans. Der Stechlin bündelt Fontanes historische Bildung und seine Menschenkenntnis. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die keinen handlungsgetriebenen Gesellschaftsroman erwarten, sondern eine kluge, sprachlich elegante Diagnose politischer und kultureller Wandlungsprozesse. Wer Fontanes Kunst der Andeutung, des Gesprächs und der moralischen Balance schätzt, findet hier eines der reifsten Werke des deutschen Realismus.
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Aufbruch in eine neue Zeit
Raumzeitreisender aus Ahaus am 16.02.2026
Bewertungsnummer: 3047427
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Theodor Fontane ist ein bekannter Vertreter des poetischen Realismus; seine Bücher gehören zur Weltliteratur. Er ist in Neuruppin geboren, war zwischendurch in London und wohnte später in Berlin. Das sind auch die Handlungsorte des Romans "Der Stechlin", seines letzten großen Romans, erschienen gegen Ende des 19. Jahrhunderts.
Der Roman handelt von dem märkischen Junker Dubslav von Stechlin, seit vielen Jahren Witwer und seinem Sohn Woldemar. Dieser heiratet Armgard, Tochter des Berliner Grafen Barby. Armgard hat eine ältere Schwester namens Melusine. Dieser seltsame Name einer Meerfee aus der Mythologie ist kein Zufall, sondern auch Sinnbild für ihr Wesen. Sie ist nicht nur attraktiv, sondern zudem intelligent und weitsichtig.
Auffallend sind die vielen gegensätzlichen Charaktere. Dies gilt nicht nur für Woldemars Freunde Ministerialassessor Rex und Hauptmann Czako, zwei Zeitgenossen, die für Unterhaltung sorgen, sondern auch für den toleranten und ironischen Dubslav von Stechlin und seine vorweltliche Schwester Adelheid, Äbtissin von Kloster Wutz, sowie für die eher schlichte Armgard und ihre weltoffene Schwester Melusine.
Theodor Fontane arbeitet die unterschiedlichen Charaktere durch die vielen Dialoge heraus. Der eher handlungsarme Roman lebt von den Dialogen. Auch wenn diese nicht so anspruchsvoll sind, wie die Gespräche zwischen Settembrini und Naphta in "Der Zauberberg" von Thomas Mann, vermittelt der Roman einen kontrastreichen Blick auf das ausgehende 19. Jahrhundert.
Fontane beschreibt das Wechselspiel von Systemerhaltung und Aufbruch, von Konservatismus und Moderne, ahnend, dass die nächsten Jahre große Veränderungen bringen werden. Dies wird in dem eindringlichen Gespräch zwischen dem Künstler Cujacius und Woldemar ("... mit den richtigen Linien in der Kunst sind auch die richtigen Formen in der Gesellschaft verloren gegangen") und an der Wahl, die der konservative (und liberale) Dubslav von Stechlin an die Sozialdemokraten verliert, spürbar. Pastor Lorenzen und Melusine erkennen die Zeichen der Zeit: "Unsre alten Familien kranken durchgängig an der Vorstellung, dass es ohne sie nicht gehe, was aber weit gefehlt ist, denn es geht sicher auch ohne sie; - sie sind nicht mehr die Säule, die das Ganze trägt, sie sind das alte Stein- und Moosdach, das wohl noch lastet und drückt, aber gegen Unwetter nicht mehr schützen kann."
Der Roman ist über hundert Jahre alt, die Anspielungen auf Personen und Ereignisse können heute nicht mehr alle verstanden werden. Trotzdem hat das visionäre Buch seinen eigenen Charme. Dubslav von Stechlin ist vom Wesen her anders, als man sich den Adel im 19. Jahrhundert vorgestellt hat. Die schillernden Personen neben ihm sind Pastor Lorenzen und insbesondere Melusine, die einen Pakt schließen. Laut Klappentext zum Buch trägt Protagonist Dubslav von Stechlin autobiografische Züge. Dies lässt vermuten, dass Fontane ein undogmatischer angenehmer Zeitgenosse gewesen ist.
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Odilie Pressberger aus Regensburg (Donau EKZ) am 11.01.2021
Bewertungsnummer: 847864
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Fontane, Der Stechlin, kann ich immer wieder lesen. Dieser Roman gefällt mir jedes Mal! Wenn ich das Bedürfnis nach schöner deutscher Sprache habe, finde ich bei Fontane immer das Richtige. Es stimmt, in diesem Buch passiert nicht allzuviel, aber, wie der Autor selber sagte: "Es heiraten zwei Junge und ein Alter stirbt." Was will ich mehr?
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