»Der Sommer knallte. Alles knallte. Die Sonne, der Himmel, der Asphalt.« Ein kleiner ostdeutscher Ort an der Elbe: Die Luft flirrt, der Asphalt glüht, der Lehmboden auf den weiten Wiesen ist rissig. Annas Tage scheinen endlos. Vier Wochen Sommerferien liegen hinter Martin und ihr, vier Wochen noch vor ihnen, als ihre zeitlosen Kinderabenteuer plötzlich erste Einschnitte erleben. Denn mit elf Jahren beginnt man zu ahnen, was die Erwachsenen um einen herum längst wissen: wie man Kriege beginnt und verliert, wie man Mauern baut, Tiere einschläfert, Lügen für sich behält und wie man trotz Einschlägen im Leben – oder mit ihnen – weiterlebt. Bis die Freundschaft mit der siebzigjährigen Fanni Ereignisse in Gang setzt, die das Mädchen für lange Zeit prägen werden. Zehn Jahre danach hat Anna sich in der Anonymität der Großstadt ein eigenes Leben eingerichtet. Sie hält ihre winterkalte Welt leise und geordnet wie die Bücherstapel der Bibliothek, in der sie arbeitet, und wie die Gemüseschublade ihres Kühlschranks, in der die Schildkröte Greta überwintert. Doch als Jahre später das Haus, in dem Martin aufgewachsen ist, zum Verkauf steht, kehren beide zurück in den Kosmos ihrer Familie in dem kleinen, längst gewandelten Ort nahe der immer gleichen Elbe. Ein Roman über Freundschaft, Verlust und Heimat, der von Leerstellen und Rissen im Leben erzählt und davon, was aus ihnen entstehen kann.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
01.07.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mehr als ein Debüt - wie das Leben, kann auch Sprache zart und zerbrechlich sein...
Ich möchte gar nicht groß etwas zum Inhalt sagen – der Roman macht in jedem Fall einen Spagat und begleitet ein kleines Mädchen beim Erwachsenwerden. Diese Sommergeschichten sind ja auch nicht unbedingt neu, was mir aber an diesem Buch besonders gut gefällt, ist der Mut der Autorin, es auf eine zeitentrückte Art zu schreiben, die es vom gängigen Sommerbuchmarkt in meinen Augen abhebt.
Vielleicht ist ihr sogar einer der besten Bucheinstiege gelungen, die ich in den vergangenen Jahren gelesen habe. Felicitas Geduhn hat einen feinsinnigen Kontrast geschaffen, der aus der klirrenden Kälte kommt und in der verschwitzten Hitze der Provinz mündet. Von Anfang an gelingt ihr damit eine Verschmelzung von Poesie und Prosa - für ein Debut finde ich das schon einmal bemerkenswert.
Sie hat eine Sprache gefunden, die zart, zerbrechlich und zeitlos ist und das bis zum Ende durchhält. Thematisch lässt der Roman einige Fragen offen, aber auch das ist hier sicherlich so gewollt.
Ich empfehle es unbedingt allen Lesern, die nicht nur nach den großen Verlagen schauen, die nicht nur das lesen lieben, sondern auch die Schönheit der Sprache bewundern können.
Bewertung
5/5
01.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Mein neues Lieblingsbuch, so leicht und doch so traurig
Ich bin immer auf der Suche nach neuen Autorinnen und habe eine großartige Entdeckung gemacht: Felicitas Geduhn! "Sommer" ist ihr erstes Buch und doch fühlt es sich an, als wäre die Autorin noch nie etwas anderes gewesen, als Schriftstellerin.
Der ostdeutsche Sommer 1989, der für die zehnjährige Anna und ihren Cousin Martin so gut beginnt, findet einen tragischen Ausgang, als sich Annas deutlich ältere Freundin Fanni das Leben nimmt. Anna nimmt diesen Verlust mit in ihr weiteres Leben, das sie in einer westdeutschen Großstadt verbringt. Später lernt sie Kay, Fannis Enkelsohn, kennen und erfährt, dass sogar etwas so Leichtes wie die Liebe unerwartet schwer sein kann. Als sie etwa 25 Jahre nach dem Unglück von 1989 zurück in die kleine veränderte Heimatstadt kommt, trifft sie auch Martin wieder, der ihr über all die Jahre nah und fern zugleich geblieben ist. Und wieder erleidet Anna einen Verlust, als Martin seiner schweren Krankheit erliegt. Sie beschließt, in die Heimatstadt zurückzukehren.
"Sommer" ist kein leichter Sommerroman, wie der Titel vermuten lässt. Es ist eine Geschichte voller Tiefe und Schmerz. Das Außergewöhnliche daran ist die feine, leichte Sprache von #felicitasgeduhn. Denn die Schwere wird niemals ausgedrückt. Sie passiert buchstäblich zwischen den Zeilen. Das macht das Lesen zum großen Vergnügen.
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