Tarjei Vesaas (1897–1970) beschreibt in »Der Keim« eine Gruppe von Inselbewohnern, die eine verschworene Gemeinschaft bilden. Ein Neuankömmling auf der Insel bricht in dieses fest gefügte familiäre Miteinander ein und wirft einen dunklen Schatten auf den sonnigen Sommertag. Sein triebhafter Wahnsinn lässt ihn zum Mörder werden – der Mord führt unvermeidlich zu einem zweiten, und die ganze Insel lädt Schuld auf sich. Vesaas schrieb »Der Keim« 1940, einige Jahre vor seinen berühmten Romanen, und leitete nach einem naturalistischen Frühwerk damit die Phase symbolstarker, poetisch verknappter Prosa mit enormer psychologischer Intensität ein. Im Hintergrund klingt noch der traditionelle skandinavische Kollektivroman der Zwischenkriegszeit an. Besonderen Reiz gewinnt das Buch durch sein Entstehungsjahr: 1940 befindet sich Norwegen unter nazideutscher Okkupation, der düstere Eindringling und die Reaktion der Gemeinschaft stehen unter politischen Vorzeichen.
Kein zweiter Autor ist in der Lage, das Unbeschriebene und Unausgesprochene mit solch einer Spannung aufzuladen wie Tarjei Vesaas. Und kein zweiter Autor kann sich derart in seine Figuren einfühlen und eine Nähe erzeugen, die einen bei der Lektüre geradezu körperlich erfasst. Vesaas’ sparsame, aber umso eindringlichere Erzählweise lässt jede einzelne Szene, jeden Satz und jede innere Regung zum Ereignis werden, und Hinrich Schmidt-Henkel gelingt in der Übersetzung das Kunststück, dieses filigrane Spiel von Andeutung und Auslassung, von Zurückhaltung und Übersprungshandlung haarfein nachzubilden.
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Unglaublich eindringlicher Roman
Bewertung am 17.04.2023
Bewertungsnummer: 1923808
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Insel mit einer eingeschworenen Gemeinschaft, eine Eindringling, der das Gleichgewicht stört. Eine Geschichte, in der im ersten Teil so viel Dynamik steckt, sich immer drastischer bis zum Höhepunkt steigert, und danach das Schweigen. Ein Schweigen, in dem so viel steckt, so viel Raum entsteht zwischen den Zeilen. Für mich einfach grandios gemacht.
Eine Insel, irgendwo in…
Christian1977 aus Leipzig am 30.03.2023
Bewertungsnummer: 2797989
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Insel, irgendwo in Norwegen: Während eine Sau gerade Junge bekommt und auf den Feldern und in den Scheunen allgemeine Betriebsamkeit herrscht, betritt ein Fremder namens Andreas Vest das Eiland. Offenbar ist er gekommen, um längere Zeit auf der Insel zu bleiben. Die Einheimischen beäugen ihn zwar skeptisch, bemerken aber auch etwas Anziehendes in seinen Augen, seinem Blick. Andreas seinerseits hört Stimmen und denkt noch immer an das verheerende Fabrikunglück zurück, bei dem er damals fast sein Leben verlor. Als er der 17-jährigen Inga im Wald begegnet, nimmt das Unheil seinen Lauf - und ein Keim nistet sich in der Inselgesellschaft ein... Dem Guggolz Verlag ist es zu verdanken, dass der norwegische Autor Tarjei Vesaas (1897 - 1970) in den letzten Jahren wieder ins Blickfeld des deutschsprachigen Publikums geraten ist. Mit dem sehr guten "Das Eis-Schloss" und dem überragenden "Die Vögel" brachte der umtriebige Verlag die zwei bekanntesten Romane Vesaas' in wunderbaren Neuübersetzungen von Hinrich Schmidt-Henkel heraus. Mit "Der Keim" ist nun erstmals ein früheres und unbekannteres Werk des Norwegers bei Guggolz erschienen. Ein Wagnis, das sich gelohnt hat. Bereits 1940 erschien das wie gewohnt auf Nynorsk verfasste Buch unter dem Namen "Kimen" und Vesaas stand dabei unter dem Eindruck der Besetzung Norwegens durch die Nationalsozialisten. In seinem Roman lassen sich verschiedene Szenen in diesen historischen Kontext bringen, doch er funktioniert auch als vornehmlich unpolitischer Gesellschaftsroman. Über allem schweben die großen Themen wie Tod, Trauer, Moral, aber vor allem Schuld und Vergebung. Wie schon in den beiden Vorgängern setzt Vesaas auch in "Der Keim" auf ein buntes Figurenensemble, verzichtet dabei aber überraschenderweise auf eine echte Hauptfigur. Die Perspektive schwankt von einer Figur zur nächsten, der Erzähler begleitet fast jeden einmal, bleibt dabei aber stets neutral. So ist es an der Leserschaft, ihr Urteil zu fällen über Schuld und Schuldige. Denn bereits in der ersten Hälfte geschehen nahezu unfassbare Verbrechen, über die der Klappentext leider ein wenig zu viel verrät. Vesaas erzählt in knappen Sätzen, verkürzten Dialogen und lässt vieles offen. Ein Großteil dieser Lücken ist der Sprachlosigkeit der Inselbewohner:innen zuzuschreiben. Sie können nicht umgehen mit den Folgen dieser Verbrechen, können ihre Trauer nicht in Worte formulieren, schämen sich ihrer selbst. Vesaas gelingt es in diesen Szenen brillant, Empathie und Verachtung zu vereinen. Sicher ist jedenfalls, dass wohl keine einzige Szene die Leser:innen kalt lassen wird. Dafür passiert einfach zu viel, auch im Ungesagten. Allerdings benötigt der Leser auch starke Nerven. Denn einige dieser Szenen sind so unerträglich, dass sie sich wohl lange ins Gehirn einbrennen oder sich wie ein Keim erst nach und nach entwickeln, um dann die volle Grausamkeit zu entfalten. Beispielsweise, wenn eine Sau ihre neugeborenen Ferkel frisst. Oder wenn ein rasender Mob sich aufmacht, um einen einzelnen Mann über die gesamte Insel zu jagen. Apropos Keim: Der Titelheld spielt natürlich auch eine tragende Rolle in diesem Roman. Äußerst klugt spielt Vesaas mit diesem Begriff, so dass der Keim seine Bedeutung immer wieder wechselt. Von einer bedrohlichen Krankheit wird er zum vermeintlichen Hoffnungsspender. Oder aus dem Tod entsteht wieder neues Leben. "Der Keim" von Tarjei Vesaas ist ein eindringlicher und intensiver Roman, der inhaltlich und sprachlich viel wagt und dabei die Leserschaft von Beginn an einbindet in diese seltsame Inselgesellschaft - ob sie es will oder nicht. Er zeigt auf und warnt gleichzeitig davor, wie schnell Menschen dazu in der Lage sind, ihre Zivilisiertheit aufzugeben, um in wilder Raserei mehr als nur ein Leben zu zerstören. Mit Blick auf gesellschaftliche Vorkommnisse wie zuletzt in den USA, aber auch in Deutschland, wirkt der Roman dabei erschreckend aktuell und sollte dringend gelesen werden. So erstaunt es nicht, dass eine moralisch geächtete Figur in einer besonders bewegenden Szene ausgerechnet von einer Stute Trost erfährt und sich ein Tier einmal mehr menschlicher als der Mensch verhält. Hervorzuheben ist zudem noch das vor allem auf der emotionalen Ebene sehr gelungene Nachwort von Michael Kumpfmüller und die gewohnt schöne Gestaltung des Buches. Es bleibt die Hoffnung, dass Guggolz auch in Zukunft auf Romane von Tarjei Vesaas setzen wird und die dritte Veröffentlichung nicht die letzte ist.
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