Als Osnat mit ihrem Mann Dror und ihren beiden Töchtern umzieht, ist sie überglücklich: endlich ein eigenes Haus, und in spätestens zehn Jahren ist dies das neue Trendviertel von Tel Aviv. Doch mit den Umzugskartons packt Osnat auch erste Zweifel aus. Wieso gibt der Alte von nebenan die Kuchenplatte nicht zurück? Was macht diese andere Familie eigentlich mit all den Kampfhunden? Und arbeitet Dror wirklich in seinem Zimmer, oder tut er nur so? Osnat muss sich entscheiden, ob es bloß eine neue Alarmanlage braucht oder gleich ein neues Leben.
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Fremdscham vs. Schadenfreude
Bewertung aus Dresden am 21.06.2021
Bewertungsnummer: 1509077
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Wir haben in diesem Viertel noch keinen getroffen, der deiner Meinung nach kein Verbrecher ist, sagte sie, und er sagte, wir haben genau zwei Leute getroffen, und sie, also einhundert Prozent von allen, die wir getroffen haben […].“
Eigentlich wollte Osnat ihrem Glück mit dem Hauskauf wortwörtlich ein Zuhause geben und ist selig, als sie zusammen mit ihrem Mann Dror und den beiden Töchtern endlich umziehen kann. Immerhin grenzt es an ein kleines Wunder auf dem angespannten Tel Aviver Immobilienmarkt überhaupt ein bezahlbares Wohnobjekt zu finden. Da stört es auch kaum, dass das neue Haus sich etwas (weit) außerhalb des Zentrums, in einer strukturschwachen und (sehr) heruntergekommenen Gegend befindet. Immerhin soll sich das Investment auch lohnen und die Gentrifizierung wird spätestens in einigen Jahren für den fehlenden Chic sorgen – so die Idee der Eheleute. Doch mit den Umzugskartons packt Osnat auch erste Zweifel aus: Warum ist der alte Mann von nebenan so feindselig? Und wieso gibt es hier eigentlich so viele Kampfhunde? Als plötzlich der Briefkasten zerschlagen ist und Kakerlaken durch das Haus krabbeln, muss Osnat sich entscheiden, ob es bloß eine neue Alarmanlage braucht oder gleich ein neues Leben.
Bissig und rasant erzählt Noa Yedlin in „Leute wie wir“ von einer Mittelstandsfamilie, die nicht nur der stadtbaulichen Entwicklung einen Schritt voraus sein will, sondern auch sich selbst: In ihrem Wunsch nette Nachbar*innen zu sein, möchten sie in ihrer bürgerlichen Blase nämlich nicht behelligt werden. Die Katastrophe bahnt sich an und zwischen Realität und Paranoia, entspinnt sich ein Roman, der unter die Haut kriecht, dort kneift, zwickt und weh tut. Bitterböse und ironisch, lebt die Geschichte vor allem von den Zwischentönen, dem Ungesagten, den Abgründen einer gewöhnlichen Familie.
Lesende folgen Yedlins scharfen Beobachtungen über ein knappes Jahr und observieren gemeinsam mit Osnat und Dror die Nachbarschaft – und ihre Beziehung. Dabei verwischen die Grenzen von Fremdscham und Schadenfreude. Ein grandioses Lesevergnügen – auch dank der Übersetzung aus dem Hebräischen von Markus Lemke.
Noa Yedlin – Leute wie wir
Miss.mesmerized am 14.04.2021
Bewertungsnummer: 1481290
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
In Tel Aviv eine bezahlbare Wohnung zu finden, gleicht inzwischen einem Sechser im Lotto, ein ganzes Haus zu vertretbarem Preis kaufen zu können, einem Wunder. Osnat und Dror entscheiden sich daher für ein nicht ganz so tolles Viertel, die Erfahrung der letzten Jahre zeigte, dass der Wohnungsmarkt sehr aktiv ist und auch vormals unattraktive Quartiere plötzlich zu trendigen Hotspots werden können. Schon vor dem Kauf hatten sie sich vergewissert, dass es dort normale Familie gibt, wie ihre mit den beiden Töchtern Hamutal und Hannah, und nicht nur seltsame Figuren wie ihr Nachbar, mit dem die erste Begegnung schon zu Streit führte. Doch auch nach dem Einzug bleibt immer ein seltsames Gefühl: sind sie wirklich sicher dort in der Gegend, war die Entscheidung richtig oder haben sie sich und die Mädchen direkt in die Katastrophe geführt?
Noa Yedlin ist in ihrem Heimatland eine erfolgreiche und bekannte Schriftstellerin, deren Romane auch regelmäßig verfilmt werden. In „Leute wie wir“ greift sie ein seit vielen Jahres hochaktuelles Thema der israelischen Hauptstadt auf: die Preise auf dem Immobilienmarkt sind explodiert und drängen gerade Familien immer mehr an den Rand der Stadt. Die Situation zehrt unweigerlich an den Nerven und selbst nachdem die Osnat und Dror ein passendes Haus gefunden haben, sind sie noch lange nicht wieder in ruhigen Gewässern, ganz im Gegenteil, das Drei-Fünf-Viertel mit seinen Bewohnern bringt auch ihre Beziehung an ihre Grenzen.
My home is my castle – was aber, wenn der ältere Nachbar von nebenan immer im Garten sitzt und alles Tun kritisch beäugt und kommentiert? Es dauert nicht lange, bis er zum roten Tuch wird und Osnat und Dror in ihm den Hauptverdächtigen bei allerlei seltsamen Vorkommnissen (Kakerlaken, der zerstörte Briefkasten, ein möglicher Einbruch) sehen. Doch er ist nicht der einzige, der bei ihnen gemischte Gefühle hervorruft. Michal und Jorge machten eigentlich einen sympathischen Eindruck, als sie sie bei ihrer Stadtteilerkundung kennenlernten. Doch ihre Ansichten und Vorurteile sind zweifelhaft, vor allen Dingen passt ihr Handeln und das, was sie sagen, so gar nicht zueinander. Auch Shani und Lior sind nicht die Freunde, die sie sich ausgesucht hätten, aber irgendwie werden sie sie nicht mehr los, vor allem, da die Töchter Freundschaft geschlossen haben. Ihre Kampfhunde und die zweifelhafte Einstellung gegenüber Behörden lassen bei Osnat immer wieder alle Alarmglocken läuten.
Sie wollen eigentlich mit ihrer kleinen Familie nur in Ruhe auf ausreichend Raum leben, aber nicht unbedingt mit Menschen aus dem falschen Milieu oder da, wo die Schulen nicht den besten Ruf haben. Als sie zum ersten Mal mit Gewalt konfrontiert werden, müssen sie akzeptieren, dass sich nicht alle Wünsche vereinbaren lassen. Aber die Alternative, ein kleines Appartement in einer besseren Gegend, ist auch nur bedingt attraktiv. Sie wollen sich abgrenzen von den Menschen, die in ihrem neuen Viertel leben und doch müssen sie immer wieder erkennen, dass sie eigentlich gar nicht so anders sind. Das, was ihnen an ihrem Nachbar und den beiden befreundeten Paaren missfällt, ist oft genau das, was sie sich selbst auch zuschreiben müssen.
Bei allen sozio-politischen Facetten, die angesprochen werden, ist für mich jedoch ganz klar die Beziehung zwischen Osnat und Dror und das, was der Dauerstress mit ihnen macht, der stärkste Aspekt des Romans. Sie raufen sich zusammen, prallen voneinander ab, bewegen sich wieder auf einander zu, kollidieren und finden keine wirkliche gemeinsame Richtung. Sie leben einen Alltag, wie viele, der sie gefangen hält und nur manchmal ein klein wenig eine Tür zu einem anderen Leben aufstößt.
Ein außergewöhnlicher Roman, der einerseits humorvoll bis absurd, zugleich aber auch verstörend wirkt.
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