Eine Kindheit in unkonventionellen Verhältnissen, das geteilte Berlin, Familienbande und Wahlverwandtschaften, lange, glückliche Sommer am Meer. Judith Hermann spricht über ihr Schreiben und ihr Leben, über das, was Schreiben und Leben zusammenhält und miteinander verbindet. Wahrheit, Erfindung und Geheimnis - Wo beginnt eine Geschichte und wo hört sie auf? Wie verlässlich ist unsere Erinnerung, wie nah sind unsere Träume an der Wirklichkeit.
Wie in ihren Romanen und Erzählungen fängt Judith Hermann in »Wir hätten uns alles gesagt« ein ganzes Lebensgefühl ein: Mit klarer poetischer Stimme erzählt sie von der empfindsamen Mitte des Lebens, von Freundschaft, Aufbruch und Freiheit.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bewertung
aus Quickborn
5/5
26.02.2025
eBook (ePUB 3)
Aufmachen und zumachen – man sagt sich niemals alles
Beinahe zwei Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen von „Wir hätten uns alles gesagt“ fiel mir dieses Buch auf, ich nahm es und verschlag es in kaum drei Tagen. Es ist nicht dick, aber es ist inhaltsschwerer als mancher 1000-Seiten-Roman. Von Beginn an fesselten mich einige Details, Übereinstimmungen, Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Jugend: Die Autorin und ich tragen den gleichen Vornamen, sie wuchs wie ich in Berlin auf – sie im Westen, ich im Osten – mit ihrer Oma im Haushalt, auch bei ihr gab es Pellkartoffeln, Quark und Leinöl, es nannte sich nur anders. Auch später gab es etwas, das mich nicht losließ, ihr Kind. Ihr Kind ist ein Junge, aber sie spricht von ihm immer, egal wie alt, von ihrem Kind. Mein erstes Kind war ein Mädchen, ich habe nie von ihr als Tochter gesprochen, immer war sie mein Kind. Mein Kind mochte das nicht, sie fand es anonym und befremdlich, für mich war „mein Kind“ schon da, als es noch nicht geboren war, und es blieb dabei, verbunden, als wäre die Nabelschnur noch dran. Wie das Kind von Judith Hermann diese Bezeichnung findet, das weiß ich nicht, es kommt nie zur Sprache.
Zur Sprache kommen die Eltern, die besondere Problematik des Vaters, der für Jahre in einer psychiatrischen Klinik lebt, die Problematik der Mutter, die immer alles aushält, am Ende werden beide trotzdem füreinander da sein. Das ist tröstlich. Zur Sprache kommt die Freundin Ada, die sich in den Gedanken und Gefühlen der Autorin einnistet wie ein Kuckuckskind. Die immer da ist, auch wenn jahrelange Funkstille herrscht, die Ruhe und Selbstvertrauen ausstrahlt, erdet. Und dann ist da Jon, der erst im dritten Teil auftaucht, aber als Partner zu sehen ist, der sich schwertut mit den Gedanken, Geheimnissen und den Worten, die an beiden haarscharf vorbeigehen, ohne beim anderen Gehör zu finden. Hier findet sich auch der Titel des Buches, aber da weiß man schon, dass man sich niemals alles sagen kann und will. Weder im Buch noch im echten Leben.
Daran sind auch die Träume schuld, sie verweben mit den Tatsachen, die Geschichten werden Träume, die Träume werden Wahrheit oder Lüge. Nichts ist wie es scheint. Und trotzdem wird die Autorin von einem Abend erzählen mit ihrem Vater, sie gehen ins Theater und danach suchen sie im Überangebot ein passendes Restaurant. Der so oft fremd und entrückt wirkende Vater wird ihr unvergesslich um Mitternacht zum Geburtstag gratulieren. Das ist etwas, was ich mit der Autorin nicht gemein habe, mein Vater schickte im besten Fall seinen Fahrer mit einem Geschenk, und das meist am falschen Tag. Bei mir hat die Geburtstagsszenerie ein ganzes Kinderleben an Erinnerungen heraufbeschworen.
Wir machen auf und wir machen zu, unser Leben passiert genau dazwischen. Hermann schreibt „Altwerden ist was für Helden. … Es ist eine absolute und bodenlose Zumutung.“ Ja, stimmt, nur bin ich 15 Jahre älter als sie und kann ihr nur raten, sich diesen Satz noch etwas aufzuheben. Ja, es gibt „immer mehrere Wahrheiten“, das Leben, die Träume, die Gedanken.
Selbst die Pandemie wurde mit dem Schreiben, Lesen, Denken und Erinnern einfacher, endlicher, löste sich auf in verpassten Gelegenheiten und angenehmer Einsamkeit. Rückblickend eine Farce, wenn auch tödlich, so doch nur sanfter Erinnerung wert.
Gerne hätte ich die Poetikvorlesungen von Judith Hermann gehört, um noch länger und intensiver in ihrer Gedankenwelt zu schweben. Obwohl das Buch nicht wenige traurige, ja tragische Momente hat, bringt es mich immer wieder auf neue Ebenen, die angenehm, ruhig, vollkommen sind. Man vertreibt den inneren Dibbuk und beginnt einfach wieder von vorn.
Fazit: Judith Hermanns Buch, ihre Bücher, zu lesen, das heißt, sich darauf einzulassen. Ich habe es getan und mich in ihrer Gegenwart sehr gut gefühlt.
Constanze Pachner
aus Viernheim
5/5
23.03.2023
eBook (ePUB 3)
Entdeckungsreiche Unbegreiflichkeit
"Eine Kindheit in unkonventionellen Verhältnissen, das geteilte Berlin, Familienbande und Wahlverwandtschaften, lange, glückliche Sommer am Meer. Judith Hermann spricht über ihr Schreiben und ihr Leben, über das, was Schreiben und Leben zusammenhält und miteinander verbindet." (Klappentext)
Judith Herrman zelebriert in ihren Frankfurter Poetikvorlesungen #wirhättenunsallesgesagt beeindruckend in kafkaesker Manier Stimmungen für das Empfinden einer Nichtzugehörigkeit in familiären Situationen, die in ihren erzeugten Beklemmungen selbst die Kehle des Lesers zuschnürt. Sie erzählt von einer ergrauten Himmelsdecke, die sich unbemerkt offenkundig sturmflutartig über eine Familie spreizt - unkontrolliert jedes Licht erstickt, jedes unausgesprochene Wort, jedes Lachen, jedes freudvolle Zusammensein in ihre dunklen, mächtigen Wolken bettet.
"Für das Wort Glück musste Gott um Verzeihung gebeten werden." (S.77)
Mit allen Sinnen umkreist hier die Poesie das Leben und kämpft in einem klaren, prägnant realen Ton für die unbegreifliche Wirklichkeit, die sich in ihrer Ungeheuerlichkeit versteckt, im Verschweigen genüsslich rastend verborgen bleibt. Judith Hermanns Schreiben sticht stets entdeckungsreich in diese Unbegreiflichkeit, in dem sie mit vollem Bewusstsein tragende Räume umschifft, und gerade damit Leser*innen animiert, das Verborgene zwischen den Zeilen mit sich fürchtenden Blicken zu erkunden - den individuellen Mut aufzubringen, sich von der Unsicherheit des verborgenen Wortes erwärmen zu lassen.
"Jede Geschichte erzählt von einem Gespenst. Am Ende ist das Zentrum der Geschichte ein schwarzes Loch, aber es ist nicht schwarz, und es ist nicht finster. Es kann im besten Falle glühen." (S.128)
Vielen lieben Dank an @s.fischer für das #Rezensionsexemplar
Das Foto ist in der Buchhandlung Filiale Heidelberg Hauptbahnhof @schmittundhahn entstanden.
yellowdog
4/5
18.03.2023
eBook (ePUB 3)
Stillleben
Stillleben
Judith Hermann ist seit ihrem Erstling Sommerhaus, später eine Erfolgsautorin und heutzutage eine der wirklich ernst zunehmenden Schriftstellerinnen unserer Zeit. Ich mochte auch ihre letzten Romane.
Wir hätten uns alles gesagt von Judith Hermann enthält eine Reihe von Texten, die etwas anders gestaltet sind, aber das ist originell. Autobiografisches fließt ein. Sie hat außerdem einen guten, detailreichen Blick auf ihre Umgebung und die Dinge. Vielleicht ist es manchmal sogar zu detailreich.
Es gibt außerdem einen analytischen Ansatz.
Erfahrungen mit einem Analytiker und Therapiesitzungen teile ich nicht, aber es geht auch um Familie sowie um ihre eigene Literatur. Diese Familiengeschichte überzeugte mich am meisten.
Auch in diesen Texten ist Judith Hermanns Stil genau und ansprechend, dabei gut lesbar.
Zuletzt möchte ich noch auf das ansprechende Cover mit dem Stillleben-Motiv hinweise, der meiner Meinung nach gut zum Buch passt.
clematis
1/5
25.02.2025
eBook (ePUB 3)
Schweigen Ein Buch über das…
Schweigen Ein Buch über das Leben einer Schriftstellerin, ein Buch über den Alltag, das Schreiben, das Erleben – so in etwa habe ich mir das vorgestellt aufgrund des Klappentextes. Ich hätte das nicht tun sollen, denn gekommen ist alles anders. In diesem Buch lässt Judith Hermann ihr Leben Revue passieren, sie fängt mittendrinnen an, springt zurück in ihre Kindheit und vorwärts ins Jetzt, mit ihren über fünfzig Jahren. In loser Abfolge berichtet sie in oft reduzierten Sätzen über Dagewesenes und Geträumtes, lässt Erinnerungen ineinanderfließen, die sich zusammenfügen zu dem, was bleibt von einem Leben. [Während ich das schreibe, daran zurückdenke, bin ich gar nicht sicher, ob das tatsächlich stattgefunden hat. Kindle, Pos. 547] Dabei bleibt aber alles nebulos, denn eigentlich will sie gar nichts sagen, nichts erzählen vom traumatisierten Kind eines depressiven Vaters, einer Familie von Verrückten. [Kindle, Pos. 1497] Final bleibt es dabei, zu schweigen, nichts preisgeben zu können oder zu wollen, nichts außer einer Collage von einzelnen Bildern, die von Psychotherapie, Wohnen in Berlin und Sommern am Meer handeln, von einer Wahlfamilie und der Abgeschiedenheit während der Pandemie. All dem fehlt aber jegliche Lebendigkeit, ich verspüre beim Lesen keine Gefühle, nur Ohnmacht ob der Tristesse und Melancholie, welche in jedem einzelnen Satz mitschwingt. Wenn das Hermanns Botschaft ist, dann kommt sie bei mir nicht an. Obwohl ich mich aufgrund anderer Leserstimmen zum Werk Judith Hermanns gefreut habe auf diese Lektüre, kann ich damit leider nicht wirklich umgehen, das Verschwiegene bleibt mir verborgen.
clematis
1/5
25.02.2025
eBook (ePUB 3)
Schweigen
Ein Buch über das Leben einer Schriftstellerin, ein Buch über den Alltag, das Schreiben, das Erleben – so in etwa habe ich mir das vorgestellt aufgrund des Klappentextes. Ich hätte das nicht tun sollen, denn gekommen ist alles anders.
In diesem Buch lässt Judith Hermann ihr Leben Revue passieren, sie fängt mittendrinnen an, springt zurück in ihre Kindheit und vorwärts ins Jetzt, mit ihren über fünfzig Jahren. In loser Abfolge berichtet sie in oft reduzierten Sätzen über Dagewesenes und Geträumtes, lässt Erinnerungen ineinanderfließen, die sich zusammenfügen zu dem, was bleibt von einem Leben. [Während ich das schreibe, daran zurückdenke, bin ich gar nicht sicher, ob das tatsächlich stattgefunden hat. Kindle, Pos. 547] Dabei bleibt aber alles nebulos, denn eigentlich will sie gar nichts sagen, nichts erzählen vom traumatisierten Kind eines depressiven Vaters, einer Familie von Verrückten. [Kindle, Pos. 1497] Final bleibt es dabei, zu schweigen, nichts preisgeben zu können oder zu wollen, nichts außer einer Collage von einzelnen Bildern, die von Psychotherapie, Wohnen in Berlin und Sommern am Meer handeln, von einer Wahlfamilie und der Abgeschiedenheit während der Pandemie. All dem fehlt aber jegliche Lebendigkeit, ich verspüre beim Lesen keine Gefühle, nur Ohnmacht ob der Tristesse und Melancholie, welche in jedem einzelnen Satz mitschwingt. Wenn das Hermanns Botschaft ist, dann kommt sie bei mir nicht an.
Obwohl ich mich aufgrund anderer Leserstimmen zum Werk Judith Hermanns gefreut habe auf diese Lektüre, kann ich damit leider nicht wirklich umgehen, das Verschwiegene bleibt mir verborgen.
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