Karin Smirnoff erzählt die Geschichte eines Wunderkinds, dem es gelingt sich mit fantastischer Stärke und Galgenhumor aus einer Welt ohne Liebe zu befreien.
Dass sie auf ihre Mutter nicht zählen kann, kapiert Agnes sofort. Milch kriegt sie nur, wenn sie schreit, bis die Nachbarn klopfen. Wenn sie überleben will, muss sie der Bosheit ihrer Mutter immer einen Schritt voraus sein, die sich dafür rächt, dass Agnes ihre Karriere als Pianistin zerstört hat und die Frechheit besitzt, selbst ein Wunderkind zu sein. Als Agnes den Talentförderer Frank kennenlernt und mit seiner Gruppe auf Tournee geht, wendet sich nur scheinbar alles zum Besseren … Mit unverwechselbarer Lakonie erzählt Karin Smirnoff von Gewalt und Machtmissbrauch, doch sie überlässt diese Welt der Willkür nicht den Tätern. Die Kinder dieses Romans sind mit so viel fantastischer Stärke und Galgenhumor ausgestattet, dass es ihnen gelingt, sich zu befreien.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Edith Berger
5/5
17.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
schwer auszuhaltendes Leseerlebnis
Agnes ist ein unerwünschtes Kind. Selbst ihre aussergewöhnliche Begabung fürs Klavier ist für ihre Mutter eine tiefe, persönliche Kränkung. Es vergeht kein Augenblick, der nicht geprägt ist von grausamen Schuldzuweisungen, Verletzungen, Vernachlässigungen. Der Talenteförderer Frank wird auf Agnes aufmerksam. Er überredet Agnes Mutter, sie unter seine Fittiche nehmen zu dürfen.
Bewertung
5/5
22.03.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Traurige Kinderwelt
Agnes, das Mädchen, das von sich selbst sagt ‘Ich bin ein kleiner Mensch der alt geboren wurde’ trifft uns Leser Mitten ins Herz. Zu gross sind die Verantwortung und die Last, die sie tragen muss. Sie ist ein besonderes Mädchen, sie kann sich an ihre eigene Geburt erinnern und bereits als Kleinkind kann sie Musik wahrnehmen und stumm mit den Fingern nachspielen, ohne diese tatsächlich zu hören. Ihr Überleben gelingt ihr nur durch die Musik, denn die (Un-)Welt ist grausam. Ihre beiden Gefährten Kristian und Miika sind ebenfalls musikalische und sportliche Talente und genauso tief traumatisiert wie Agnes. Unterschiedliche Familienschicksale prägen ihr Leben.
Alkoholismus, Drogen, Hunger, Verwahrlosung, seelische und physische Gewalt sind nur einige von vielen Themen, die die Autorin beindruckend in diesem Buch verarbeitet. Dies gelingt ihr mit grosser Sensibilität und die literarische Form, die sie wählt, finde ich sehr passend. Die Sprache ist reduziert auf wenige Wörter und kurze Sätze. Damit trifft sie die Ausdrucksfähigkeit von Kindern sehr genau, ohne zu verkindlichen. Die Abschnitte wechseln von der Ich-Erzählerin (Agnes) zum auktorialen Erzähler. Diese Konstruktion bringt einem als Leser einmal sehr nah an die Figuren, dann wieder nehmen wir eine Aussenperspektive ein. Die Autorin verurteilt nicht, sondern lässt uns tief in die Seele ihrer Personen blicken. So entsteht ein ungeheurer Sog, der jedoch sprachlich immer genügend distanziert bleibt und nie anmassend wird. Mich hat diese Erzählweise sehr ergriffen. ‘Steine haben einen Puls. Das Schilf einen Klang. Der Sand einen Rhythmus und die Erinnerung ein Lied’. Wunderbar melancholisch und einfach tief berührend.
Der Roman handelt von schwerwiegenden Verletzungen, die insbesondere Kindern zugefügt werden. Das ist schwer zu ertragen. Der Autorin gelingt es jedoch, die entsetzlichen Taten von Erwachsenen gegenüber Kindern so zu erzählen, dass einem die Augen und das Herz geöffnet werden. Mich hat dieses Buch uneingeschränkt begeistert.
Bories vom Berg
aus München
3/5
18.06.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Welt und Unwelt
Mit dem Roman «Wunderkind» hat die in Deutschland kaum bekannte schwedische Schriftstellerin Karin Smirnoff einen Roman vorgelegt, dessen Titel vordergründig auf eine erfreuliche Geschichte hindeutet. Sehr schnell merkt man aber beim Lesen, dass hier dieser besondere Status zu wahrem Horror hinführt, der alles andere ist als erfreulich. Das titelgebende Wunderkind ist nicht nur ungewollt, es wird vielmehr mit Bosheit und Verachtung überzogen, die schwer zu ertragen sind nicht nur für das betroffene Kind, sondern auch für den anfangs doch ziemlich schockierten Leser.
Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines neugeborenen Babys namens Agnes beginnt die schwedische Autorin von dem Dilemma zu erzählen, in das deren Mutter Anita geraten ist, als sich herausstellt, das ihr Baby eine gewisse Musikalität erkennen lässt, denn sie galt früher selbst eine Zeit lang als Wunderkind. Aus der angestrebten Karriere als Sängerin oder Pianistin wurde jedoch nichts, für sie die Tragödie ihres armseligen Lebens. Denn die attraktive Frau muss sich nun in einem zutiefst asozialen Umfeld als Alleinerziehende mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen. Über ihren Vater erfährt Agnes nichts, auch wenn sie über die Jahre hinweg immer wieder mal danach fragt. Als sie dann schon als Kleinkind durch bloßes Zuhören eine Melodie am Klavier nachspielen kann, ist die «Anitamama» regelrecht sauer auf sie und verbietet ihr strengstens, das Klavier zu benutzen. In ihrem Kind sieht sie den wahren Grund für ihr persönliches Unglück, das nun ihr ganzes Leben überschattet, denn die Schwangerschaft war der Auslöser für das abrupte Ende ihrer Karriere-Hoffnungen. Und diesen Frust lässt sie ungebremst an ihrem Kleinkind aus, sie gibt Agnes kaum etwas Vernünftiges zu essen, die Kleine hat immer Hunger. Außerdem lässt sie ihr ungeliebtes Töchterchen in deutlich zu großen, schäbigen und nicht zusammen passenden Klamotten herumlaufen und setzt sie damit dem ständigen Gespött der anderen Kinder aus. Agnes erwidert diesen Hass der Mutter von Anfang an, sie erkennt instinktiv, dass sie von ihr niemals Fürsorge oder gar Liebe erwarten kann. Sie wünscht ihr vielmehr in wilden Gedankenspielen den Tod, spielt gedanklich sogar verschiedene Todesursachen durch als Rache für die Grausamkeiten, die sie von «Anitamama» tagtäglich erleiden muss.
Mit einer erschreckenden emotionalen Distanz wird hier aus Kleinkind-Perspektive von zwei Welten erzählt, der eigentlichen und der «Unwelt». Die kindliche Ich-Erzählerin Agnes sieht sich in der letzteren gefangen, durch eine Art undurchdringlichen Schleier von der schönen, erfreulichen Welt getrennt. Im Verlaufe der Handlung ereignen sich immer neue, noch schlimmere Unglücke, die nicht abreißen wollen und die Tragik des Geschehens immer weiter steigern. So ist zum Beispiel der nette Musiklehrer, der sich so rührend um die Kinder kümmert und sie sogar als kleines Ensemble bei Konzerten auftreten lässt, in Wahrheit ein Pädophiler, der sich an ihnen vergeht in der Gewissheit, sie würden ihren Meister niemals bezichtigen. In diesem Roman einer mütterlichen Überforderung, die in schieren Hass umschlägt, ist das Schicksal der kindlichen Protagonistin unaufhaltsam vorgezeichnet. Und ob es ihr wirklich gelingt, sich aus all den Zwängen zu befreien, wie im Klappentext angedeutet, bleibt letztendlich auch ungewiss.
Allein der Begriff des Wunderkinds, der ja auf ein spektakuläres, erfreuliches Leben hindeutet, wird im Roman auf fast schon zynische Weise konterkariert. Nicht nur die kleinkindliche Perspektive, die der Protagonistin altersferne Gedanken und Erkenntnisse zuordnet, kennzeichnet hier die Erzählweise von Karin Smirnoff, der nüchterne, unpoetische Stil des Romans ganz ohne Metaphern passt auch gut zu dessen psychologisch komplexem Narrativ. Speziell der atemlos wirkende Satzbau nur mit Punkten, also ohne Kommas und andere Satzzeichen, treibt das unheilvolle Geschehen lakonisch distanziert voran. Ein Wohlfühlroman ist dabei natürlich nicht herausgekommen, - es ist ja die bedrückende «Unwelt», die hier beschrieben wird!
Renas Wortwelt
3/5
22.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Krass, hart, anstrengend zu lesen
Ein Roman, der wehtut, der anstrengt. Ein Roman, den man liest, obwohl man ihn nicht lesen will, den man abbricht, obwohl man weiterlesen möchte.
In Ich-Form erzählt Agnes ihre Geschichte. Ihre Geschichte als Tochter von Anitamama. Anita, die alles ist, nur ganz sicher nicht das, was das Wort „Mama“ bedeutet. Von Geburt an hasst, ja verabscheut Anita ihre Tochter, gibt ihr die Schuld an ihrem eigenen Versagen, dem Ende ihrer vermeintlichen Karriere, dem Verlust ihrer Schönheit, dem Verlassensein.
Sie vernachlässigt das Kind, das erst in die Obhut der Großmutter kommt, dann aber doch zu Anita muss. Sie lässt Agnes hungern, versorgt sie nicht mit ausreichend Kleidung. Sie erzählt Lügen über ihr eigenes Kind. Und sie verbietet ihr das Einzige, was Agnes wirklich etwas bedeutet. Das Klavierspielen.
Denn Agnes ist ein Wunderkind. Schon als sie noch ganz klein ist, kann sie nach dem Gehör und nach eigenem Gespür ganz wunderbar Klavier spielen. Doch die Mutter neidet ihr dieses Talent, übertrifft das Kind doch ihre eigenen, längst nicht in solchem Maße vorhandenen Fähigkeiten, wie Anita von sich selbst glaubt.
Erst als Frank Leide, ein Talentförderer, der auch schon mit Anita gearbeitet hatte, in Agnes‘ Leben tritt, scheint sich ihre Situation zu bessern. Heimlich übt er mit ihr, mit ihr und anderen Kindern, Jungen. Hier ahnt man oder befürchtet vielmehr, worauf das dann hinausläuft.
Als schließlich Agnes ein Brüderchen bekommt, ergeht es diesem wenig besser als dem Mädchen. Wenn nicht Agnes, die selbst immer noch ein kleines Kind ist, sich um das Baby kümmern würde, würde er wohl verhungern.
So geht es durch den gesamten Roman, Szenen, in welchen Agnes ihrer Leidenschaft für die Musik frönen kann, wechseln mit ganz erschütternden Beschreibungen, zu was Anita fähig ist. Und schließlich zu den Schilderungen und Rückblicken auf das Leben von Frank Leide, der immer größeren Raum in der Geschichte einnimmt.
Ich muss ehrlich zugeben, dass mich der Roman abstößt. Nicht stilistisch, sondern inhaltlich. Er ist schwer zu ertragen, wenn, dann immer nur in kleinen Dosen, kurzen Abschnitten. Erschwerend kommt die, in meinen Augen völlig unnötige Formatierungseigenheit hinzu. Denn es gibt im gesamten Buch keinerlei Satzzeichen als den Punkt am Satzende. Keine Kommata, keine Anführungszeichen bei wörtlicher Rede, nichts dergleichen. Das erschwert die Lektüre ungemein, macht sie neben dem inhaltlichen Aspekt sehr ermüdend. Der Sinn einer solchen Eigenheit erschließt sich mir leider nicht. Ein Roman sollte durch seinen Inhalt und seinen Stil wirken, durch Figuren und Plot, und es nicht nötig haben, durch solche formellen Besonderheiten aufzufallen.
Insgesamt fällt es mir schwer, den Roman zu empfehlen, ob er lesenswert ist, muss jede selbst entscheiden.
Karin Smirnoff – Wunderkind
aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
Hanser Berlin, Januar 2023
Gebundene Ausgabe, 319 Seiten, 26,00 €
Bewertung
5/5
24.06.2025
eBook (ePUB)
Außergewöhnliches Meisterwerk!
Karin Smirnoff fiel mir erst duch ihre kongenialen Fortsetzungen der Millenium Reihe (Lisbeth Salander) auf. Diese Buch ist so ganz anders (auch wenn sie mit Svala auch eine Art weiteres "Wunderkind" in die Millenium Reihe eingefürt hat), belegt aber auf andere Art die Klasse von Frau Smirnoff.
Es muss für jeden Erwachsenen äußerst schwer sein, sich dermaßen in die Perspektive und Wahrnehmungswelt eines Kindes glaubwürdig hineinzuversetzen, auch weil damit unweigerlich auch eigene "schlafende Hunde" aus der eigenen Kindheit aufgeweckt werden dürften. So erging es mir zumindest beim Lesen. Man fällt regelrecht in diese - eher vergessene, verdrängte - Kinderwahrnehmung zurück, in der ganz andere Dinge wichtig sind als im üblichen Erwachsenenalltag.
Jede Kindheit ist anders und jedes Kind leidet anders und an anderen Defiziten und Mängeln der realen Welt und der Bezugspersonen.
Die Kindheit als Art Boot Camp, in dem es vor allem darum geht, zu lernen, wie man überlebt, ist vermutlich ohnehin eher die tatsächliche erfahrene und erlittene Realität vieler, wenn nicht der meisten Kinder (auch oder gerade, wenn die Eltern das - dank ihrer eigenen blinden Flecken - ganz anders sehen dürften), was in krassen Widerspruch zum idealisierten "Glückliche Eltern, glückliche Kinder" Leitbild steht, das sowohl von und in der Gesellschaft als auch von Marketing und Werbung hochstilisiert und zelebriert wird.
Hat nur leider eher selten etwas mit der tatsächlichen Wirklichkeit zu tun. Weder für die Erwachsenen, noch weniger für die Kinder.
Weshalb Bücher wie dieses, die auch einen ungeschönten, aber realitätsnahen Blick hinter diese Scheinfassaden erlauben, auch so wichtig sind. Ich wage aber auch, zu behaupten, dass ein Mann so ein Buch gar nicht schreiben könnte. Umso wichtiger, dass es eine Frau tatsächlich getan hat! Hut ab! Perspektiven wie diese fehlen in dieser Welt der Gewinnmaximierung und des Erfolgs auf Kosten anderer schon lange. Die Resultate erlebt man überall!
Für alles im Leben braucht man inzwischen Kurse, Abschlüsse, Diplome. Nur für's Eltern werden und sein nicht. Warum das so ist, hat mich (Jahrgang '63) schon als Kind beschäftigt, tut es heute noch.
Meine Kindheitserfahrungen haben allerdings dazu geführt, dass ich beschloss, in diese Welt keine Kinder setzen zu wollen, weil ich ihnen weder mich als Vater noch diese Welt als brutalen, rücksichtslosen Sparringpartner zumuten wollte. Eine Entscheidung, die ich nie bereut habe, erst recht nicht, wenn ich mir ansehe, wie sehr sich diese Welt in den letzten Jahren negativ verändert hat.
Für mich das beste Buch, das ich in letzter Zeit gelesen habe!
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