Lew und Swetlana haben ein Leben gelebt, das im Nachhinein unmöglich erscheint. Eine Revolution, zwei Terrorregime - danach eine lange, erfüllte Beziehung. Ein junger Historiker aus Deutschland, Alexander List, sucht den bereits betagten Lew Mischenko in Moskau auf. Er will ihn interviewen und mehr über Menschen erfahren, die den Gulag überlebt haben, und über ihre Lieben, ihre Freundschaften, aber auch ihre Traumata.
Der Roman »Wir verstehen nicht, was geschieht« folgt den Lebensspuren mehrerer realer Personen, im Zentrum steht der Physiker Lew Mischenko. Während seiner Haftzeit im Gulag schrieben er und seine Frau Swetlana einander Briefe. Diese will Mischenko dem Historiker List überlassen - unter der Bedingung, dass er mit ihm nach Petschora reist, hoch oben im russischen Norden, wo Mischenko neun Jahre im Lager verbrachte und wo ein Freund, Jakow Israelitsch, auf ihn wartet.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Bewertung
5/5
24.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit
Der junge Historiker Alexander forscht zum Gulag, genauer gesagt zu der Frage, was die Menschen dort am Leben gehalten hat, Hoffnung, Liebe?
Dafür trifft er sich mit Lew Mischenko, der im Gulag saß und währenddessen Briefkontakt zu seiner Frau hatte. Alex soll diese Briefe bekommen. Einzige Bedingung: Er soll mit Lew nach Petschora reisen, tief in Russland, wo er noch einmal einen alten Lagerfreund treffen will.
Diese Reise wird auf knapp 150 Seiten, unterteilt in 9 Tage, nacherzählt. Gerade durch die klare Sprache, die nicht künstlich emotionalisiert, hat der Roman bei mir wahnsinnig viel ausgelöst. So viel, dass ich es immer noch nicht so ganz formuliert bekomme. Jedenfalls erhält man hier nicht nur einen Einblick in die Haft im Gulag selbst, sondern auch in das Leben danach, in die Verbindung aus beiden Leben. Die Freundschaften, die das Gulag überdauern, von außen nicht leicht nachvollziehbare Freundschaften zu den "freundlicheren" Wärtern.
Die Figur von Alex ermöglicht für Leser*innen, die vom Thema wenig Ahnung haben (so wie mich) eine Verbindung zu den Charakteren, die diese weder bloßstellt noch zu reinen Forschungsobjekten degradiert. Alex ist empathisch und seinen Blick auf Lew, Jakow und das moderne Russland transportiert Funk wahnsinnig eindrücklich, sensibel, nachdenklich und kraftvoll.
Am Ende des Buchs flossen bei mir die Tränen, was ziemlich selten passiert. Auch das aber nicht als Ergebnis erzwungener Emotionalität, sondern aus Fassungslosigkeit, Wut und Traurigkeit über die Unmenschlichkeit dieses Systems.
Nicht, dass ich Funk oder den Verbrecher*innen so etwas zugetraut hätte! Dass es hier aber gar nicht zur Debatte steht, weil der Roman und die Figur von Lew für sich sprechen, ist ein weiteres Argument für dieses Buch.
Funk hat in dem Roman viele eigene Erfahrungen verarbeitet, denn er schrieb seine Magisterarbeit über die Erinnerung Gulag-Überlebender und traf 2004 dafür Lew und Swetlana. Dementsprechend schreibt hier aber auch ein Historiker, ein Fachmensch, dessen Wissen den Roman zusätzlich fundiert und ihm Tiefe verleiht.
"Wir verstehen nicht, was geschieht" ist von trauriger Aktualität. Bis heute sind die Verbrechen Stalins in Russland unzureichend aufgearbeitet und unter Putins Großmachtfantasien hat sich das noch verstärkt. Die Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich dieser Aufklärung verschrieben hat, wurde im November 2021 von der russischen Justiz aufgelöst und erhielt vergangenen Oktober den Friedensnobelpreis.
Funk schreibt im Nachwort, dass das heutige Russland ohne das Wissen um dieses Regime nicht verständlich sei.
Diese Aktualität und Relevanz des Romans wird vielleicht heute, am ersten Jahrestag des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, noch einmal deutlicher. Deshalb: Lest dieses Buch, ertragt die Emotionen, die dabei hochkommen. Bestenfalls beendet ihr den Roman mit unglaublich viel Wut und etwas mehr Verständnis für die Komplexität der osteuropäischen Geschichte - und den Wunsch der meisten osteuropäischen Staaten, von Russland unabhängig zu bleiben.
MrsCatastropy
aus Köln
5/5
24.02.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine hochaktuelle Auseinanders…
Eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit der sowjetischen Vergangenheit Der junge Historiker Alexander forscht zum Gulag, genauer gesagt zu der Frage, was die Menschen dort am Leben gehalten hat, Hoffnung, Liebe? Dafür trifft er sich mit Lew Mischenko, der im Gulag saß und währenddessen Briefkontakt zu seiner Frau hatte. Alex soll diese Briefe bekommen. Einzige Bedingung: Er soll mit Lew nach Petschora reisen, tief in Russland, wo er noch einmal einen alten Lagerfreund treffen will. Diese Reise wird auf knapp 150 Seiten, unterteilt in 9 Tage, nacherzählt. Gerade durch die klare Sprache, die nicht künstlich emotionalisiert, hat der Roman bei mir wahnsinnig viel ausgelöst. So viel, dass ich es immer noch nicht so ganz formuliert bekomme. Jedenfalls erhält man hier nicht nur einen Einblick in die Haft im Gulag selbst, sondern auch in das Leben danach, in die Verbindung aus beiden Leben. Die Freundschaften, die das Gulag überdauern, von außen nicht leicht nachvollziehbare Freundschaften zu den "freundlicheren" Wärtern. Die Figur von Alex ermöglicht für Leser*innen, die vom Thema wenig Ahnung haben (so wie mich) eine Verbindung zu den Charakteren, die diese weder bloßstellt noch zu reinen Forschungsobjekten degradiert. Alex ist empathisch und seinen Blick auf Lew, Jakow und das moderne Russland transportiert Funk wahnsinnig eindrücklich, sensibel, nachdenklich und kraftvoll. Am Ende des Buchs flossen bei mir die Tränen, was ziemlich selten passiert. Auch das aber nicht als Ergebnis erzwungener Emotionalität, sondern aus Fassungslosigkeit, Wut und Traurigkeit über die Unmenschlichkeit dieses Systems. Nicht, dass ich Funk oder den Verbrecher*innen so etwas zugetraut hätte! Dass es hier aber gar nicht zur Debatte steht, weil der Roman und die Figur von Lew für sich sprechen, ist ein weiteres Argument für dieses Buch. Funk hat in dem Roman viele eigene Erfahrungen verarbeitet, denn er schrieb seine Magisterarbeit über die Erinnerung Gulag-Überlebender und traf 2004 dafür Lew und Swetlana. Dementsprechend schreibt hier aber auch ein Historiker, ein Fachmensch, dessen Wissen den Roman zusätzlich fundiert und ihm Tiefe verleiht. "Wir verstehen nicht, was geschieht" ist von trauriger Aktualität. Bis heute sind die Verbrechen Stalins in Russland unzureichend aufgearbeitet und unter Putins Großmachtfantasien hat sich das noch verstärkt. Die Menschenrechtsorganisation Memorial, die sich dieser Aufklärung verschrieben hat, wurde im November 2021 von der russischen Justiz aufgelöst und erhielt vergangenen Oktober den Friedensnobelpreis. Funk schreibt im Nachwort, dass das heutige Russland ohne das Wissen um dieses Regime nicht verständlich sei. Diese Aktualität und Relevanz des Romans wird vielleicht heute, am ersten Jahrestag des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine, noch einmal deutlicher. Deshalb: Lest dieses Buch, ertragt die Emotionen, die dabei hochkommen. Bestenfalls beendet ihr den Roman mit unglaublich viel Wut und etwas mehr Verständnis für die Komplexität der osteuropäischen Geschichte - und den Wunsch der meisten osteuropäischen Staaten, von Russland unabhängig zu bleiben.
Bewertung
5/5
01.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ergreifend und emotional!
Ich finde keine Worte, die beschreiben könnten, wie sehr mich Viktor Funks Roman „Wir verstehen nicht, was geschieht“ berührt hat.
Lew und Swetlana begegnen und verlieben sich. Lew kämpft an der Front im Zweiten Weltkrieg, wird von den Nationalsozialisten gefasst und kommt ins Konzentrationslager. Nach dem Sieg der Alliierten wird er in der Sowjetunion allerdings wegen Vaterlandsverrats angeklagt und kommt ins Gulag. Er überlebt auch das und wir begleiten ihn im hohen Alter, zusammen mit einem Historiker, an den Ort seiner letzten Gefangenschaft.
Was macht es mit einem Menschen, immer wieder von seiner Familie getrennt zu werden? Immer wieder Angst um das eigene Leben zu haben? Mit welcher Kraft steht man morgens auf? Mit welcher Hoffnung geht man nachts zu Bett? Wie fühlt man sich, wenn man nicht versteht, was geschieht? Der Titel ist übrigens grandios!
Viktor Funks Roman basiert auf einer wahren Geschichte - ganz hinten im Buch ist sogar ein Foto von Lew und Swetlana, das hat mir noch bewusster gemacht, dass es sich hierbei um echte Menschen handelt, denen diese Schicksalsschläge wirklich passiert sind.
Auf nur 160 Seiten beschreibt Funk ergreifend und emotional die Geschichte von Gulag-Überlebenden und sorgt damit für Gänsehaut.
5 von 5 Sternen.
Meine Lieblingszitate aus dem Roman:
„Viele, die in den Lagern gestorben sind, waren sehr stark. Sie hatten Kraft, halfen anderen und hielten lange durch. Aber niemand ist auf Dauer stärker als die Kälte, der Hunger, die Krankheiten. […] Stark waren wir nur, wenn andere uns stärkten und wir sie. Wer einsam war… starb.“
„Findet der Mensch einen Sinn, lebt er. Wird der ihm genommen, stirbt er. Wot i wsjo - Das ist alles.“
„Aber wir sind zu sehr mit dem Heute beschäftigt. In der Vergangenheit zu wühlen, das ist Luxus. Und für Luxus haben wir keine Zeit. Und kein Geld.“
„Die Verschwundenen quälen die Verbliebenen länger als die Toten.“
„Gab es in diesem Land eine Familie ohne Opfer?“
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