Ein Beben geht durch die Welt, als Alex Rühle zu einer großen Rundreise durch die EU aufbricht: Der Ukrainekrieg verschiebt die gesamte Tektonik Europas. Was eint und was trennt uns Europäer? Mit Interrailticket, Rucksack und Notizblock macht Alex Rühle sich auf die Suche nach Antworten. Klar ist: Die Europäische Union war die vielleicht kühnste Erfindung der Politikgeschichte – und ein großes Versprechen. Aber was davon wird eingelöst und kommt hier draußen an, in den Dörfern Kalabriens, an der estnisch-russischen Grenze, in der Altstadt von Lissabon?
»›Ist das nicht eine schöne Definition für Europa?‹, fragt der Lyriker Aleš Šteger. ›Man fühlt sich angekommen, selbst an Orten, an die man gar nicht hingehört.‹«
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5.0/5.0
ws
aus Markdorf
5/5
01.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
EUROPA - EU - wie wird wo…
EUROPA - EU - wie wird wo darüber gedacht, ge- und beurteilt? Die Zeitspanne, während der Alex Rühle seine 20.000 Kilometer lange Reise, bei der er 33mal Grenzen überschritt, erstreckt sich vom 10. März 2022, Start in Athen, bis zum 23. Juni 2022, Endpunkt München. Mit Ausnahme eines Fluges die ganze Reise per Bahn, Bus und mittels drei Schiffen. An Hand dieser Tagesdaten ist klar, dass der Autor auch die Erschütterungen, die Putins Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöst hat, schildert und berücksichtigt! Was Alex Rühle dabei gesehen, erlebt und vor allem von seinen Gesprächspartnern, die Bürger des jeweils besuchten Landes sind, über deren Sichtweise und der der Nation auf die EU erfahren hat, ist absolut lesenswert, erhellend, informativ. Mit welchen Tricks die junge Demokratie Ungarns von Vitor Orban zu seinen Gunsten ausgehöhlt wird, aus welchen Gründen die weiter westlich angesiedelten politischen Entscheidungsträger Orbans Machenschaften nicht Einhalt gebieten, das schildert der Autor bestens nachvollziehbar. Gleiches gilt für die sukzessive 'Abschaffung' des Rechtssystems wie wir es kennen in Polen durch die PiS. Auch in Bulgarien ist das Rechtssystem offensichtlich fest in der Hand der politisch weit rechts zu findenden politischen Entscheidungsträger. Die die Subventionen von Seiten der EU wie die entsprechenden Politiker der eben genannten Staaten schon vor Jahren als nahezu unerschöpfliche Geldquelle zwecks persönlicher Bereicherung entdeckt haben... Was dieses Buch so lesenswert macht, ist in Kurzform beschrieben Folgendes: Alex Rühle schildert nicht nur seine Eindrücke der jeweiligen Hauptstadt, er bereiste häufiger die 'tiefe Provinz', redete mit normalen Bürgern. Seine Schilderungen der Eindrücke, des alltäglichen Lebens in Athen beispielsweise verdeutlichen, was die Griechen wegen der rigide aufoktroyierten Sparmaßnahmen erleiden mussten. Der Autor schildert, wie das französisch-nationale Geschichtsbewusstsein der Besucher des reaktionären Themenparks Puy du Fou manipuliert wird. Auf der anderen Seite ist es extrem interessant zu erfahren, wie die "einstige Problemstadt zu einem weltweit beachteten Vorzeigeort wurde" (S.178). Es geht um Mechelen, eine 90.000 Einwohner aus knapp 140 Nationen zählende Stadt in der Provinz Antwerpen, Belgien. Nachahmenswert, nicht Isolation, sondern Integration! Der Schreibstil, die Erzählweise von Alex Rühle macht das Buch bei aller Ernsthaftigkeit sehr, sehr unterhaltsam. Ein Beispiel von Seite 103, es geht um eine Britin, die in Vence, einer französischen Kleinstadt an der Côte d'Azur zwischen Cannes und Nizza lebt und deren 'britischen Gefühlswelt' nach dem Brexit: "Ihr [der in Vence lebenden Britin, Anm. WS] war früh klar, was der Brexit bedeuten würde. Anders als diesem reizenden, älteren Paar, das immer schon seine Sommer in der Gegend verbringt: Beide schwärmen dauernd von Südfrankreich, sind aber zugleich glühende Brexit-Anhänger. Als ich sie fragte, wie das zusammengeht, sagten sie Oh dear, wir lieben Europa, wir mögen nur diese europäische Bürokratie nicht. Rebecca Marshall [die in Vence lebende Britin; Anm. WS] zieht die Augenbrauen hoch. Well, good luck, in Zukunft habt ihr mit der britischen und der französischen Bürokratie zugleich zu tun. Das wollten sie mir nicht glauben. But we are british. Marshall zitiert den Satz ungefähr so wie ein verwöhntes Münchner Einzelkind sagen würde, das ihm zum Geburtstag ein 60-Zoll-Bildschirm und später mal ein Studienplatz in Harvard zustehen." Herrlich, und herrlich treffend, präzise, aus dem Leben gegriffen. Unbedingt lesen! Alles!
Clara
5/5
05.04.2025
Buch (Taschenbuch)
Kann die Zukunft auch positiv sein?
Europa, das Friedensprojekt - droht zu scheitern?
Der Autor fährt durch viele Länder Europas und beschreibt es in seiner Vielfalt. Er trifft Menschen und es "menschelt" überall. Wieso also sind wir so skeptisch und pessimistisch geworden über diese Idee der Vereinigung? Weshalb gewinnen die Gegenkräfte der Einheit immer mehr an Gewicht? Machtpolitiker (es sind wohl mehr Männer als Frauen darunter), die bestrebt sind, Menschen zu verblenden und nur auf eigene, vor allem materielle, Interessen aus sind, drohen, das Projekt zum Scheitern zu bringen. Ich hoffe stark, dass es ihnen nicht gelingt, diese politische, soziale und ökonomisch sinnvolle Form zu zerstören. Einheit mit Vielfalt, grenzenloses Reisen, kommunizieren auf Augenhöhe, Zusammenhalt und Offenheit sollen erhalten bleiben oder erreicht werden. Mögen die konstruktiven Kräfte die Oberhand behalten. Soweit so gut. Wie in allen Strukturen, in denen Menschen sich begegnen, sind stets Anpassungsprozesse notwendig. Inhaltlich, juridisch etc. sind eventuell Veränderungen notwendig. Demokratie und demokratische Prozesse sollten dabei die obersten Prinzipien sein.
Das Buch ist sehr lesenswert. Es ist kurzweilig, informativ und flüssig geschrieben. Tolle Idee!
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