"Eine Pause im Irrsinn.Noch eine Anstrengung, das Aussterben zu verhindern,in einer seltsamen Entschlossenheit vereint.Es ist der letzte Versuch."Sibylle Bergs neuer Roman setzt da an, wo "GRM" endet - in unserer neoliberalen Absurdität, in der der Einzelne machtlos scheint. Der Kapitalismus ist alternativlos geworden. Das beste aller Systeme hat wenigen zu absurdem Reichtum verholfen und sehr vielen ein menschenwürdiges Dasein genommen. Die Krise ist der Normalzustand, Ausbeutung heißt nicht mehr "Kolonialismus" sondern "Förderung strukturschwacher Länder". Inflation, Seuchen, Kriege, Diktatoren, Naturkatastrophen, Müllberge. Und die Menschheit vereint nur noch in ihrer Todessehnsucht. Die Lage scheint ausweglos. Aber in einem abhörsicheren Container brennt noch Licht. Fünf Hacker programmieren die Weltrettung.Manchmal gibt es diese historischen Momente, in denen Mauern eingerissen werden, Frauen studieren und wählen dürfen, Rassismus nur noch in einigen Köpfen existiert, Geschlechter keine Rolle mehr spielen, in denen verschwindet, was Menschen für hundert Jahre für ein Naturgesetz hielten.
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
Galladan
aus Niederrhein
3/5
19.07.2022
Hörbuch-Download
Zu viele Fakten, zu wenig Story
RCE: #RemoteCodeExecution von Sibylle Berg, gelesen von Torben Kessler und Lisa Hrdina. Erschienen im Argon Verlag am 29. Juni 2022 als ungekürzte Hörbuchausgabe.
In einer Welt in der nahen Zukunft haben die Menschen eher Sehnsucht nach dem Tod, statt egal wie weiterzuleben. Es wurde ihnen alles genommen und nur einige Wenige konnten unter dem extremen Kapitalismus ungeheuer reich werden. Dagegen kämpfen Ben, Kemal, Pjotr, Rachel und Maggy.
Moment, hatten wir doch schon mal, da war es der erste Band der Trilogie. Im zweiten Band wird mit dem, was sich seither in der realen Welt an Ungerechtigkeiten angesammelt hat schonungslos abgerechnet. Leider bleibt dabei das, was im ersten Band der Geschichte das Gerüst gegeben hat als Randerscheinung hängen. Die „Freunde“ hacken sich wieder dem regierenden System zum Trotz in alles was sie wollen, sind aber als Figuren blass und eigentlich mehr oder weniger nur Randfiguren der eigenen Geschichte.
Über Stunden wird mit allem was sich unsere Politiker und Reiche/Mächtigen so leisten abgerechnet. Ich habe mehr als einmal darüber nachgedacht, dass ich von den meisten Dingen irgendwie schon mal gelesen hatte, aber das in 18 Stunden um die Ohren gehauen zu bekommen ist mehr als anstrengend. Noch dazu, wenn dieses nervige :innen gegendert wird. Warum nicht modern gendern?
Hätte sie etwas weniger Details und etwas mehr Wert auf die Rahmenhandlung gelegt, mir hätte das Buch vermutlich genau so viel Spaß wie der erste Band der Reihe gemacht. Ich bin enttäuscht von diesem Buch, etwas genervt und ich fühlte mich an irgendeinem Punkt gar nicht mehr betroffen, was wir doch alle sind. Es ist ja nicht so, dass das was in dem Buch beschrieben wird, nicht existiert und so auch durchgezogen wird, es ist nur die Anhäufung, die abstumpft und mürbe macht.
Die Sprecher Torben Kessler und Lisa Hrdina haben einen guten Job gemacht. Eher eine Enttäuschung, aber bei der Recherche gibt es wieder Pluspunkte.
Sursulapitschi
2/5
30.06.2022
Hörbuch-Download
Eine Schimpftirade
„Fortsetzung folgt.“ – Damit endet dieses Hörbuch, das mir im ersten Teil noch ganz gut gefallen hat. Nach satten 18 Stunden zweitem Teil bin ich dann allerdings doch durch mit dem Thema und werde es wohl nicht weiter verfolgen.
Im ersten Buch hatten wir noch eine Geschichte, eine Handlung mit Figuren, auch wenn der rote Faden etwas dünn war. In diesem Buch ist er kaum noch zu sehen. Da sind ein paar jugendliche Hacker, Kinder um die 20, die mit den Kindern aus dem ersten Buch befreundet sind, die jetzt auch Mitte 20 sind und Sachen machen, glaube ich. Man übersieht hier schnell die Zusammenhänge, in dem Wust von Schlenkern, Nörgeleien und Anklagen.
Die Welt ist schlecht, natürlich, aber einfach wahllos draufzuhauen, macht sie nicht besser. Hier bekommt jeder sein Fett weg, die Menschen, die Massen, die Märkte, die Autohasser und Radfahrer, die Rüdigers, weiblich gelesene Personen, die Regierenden oder auch Bill Gates, der in Schweden als Gott verehrt wird, weil er die Sonne beherrscht.
Wir kommen ohne weiteres von einem Thema zum anderen, echauffieren uns über Kinderarbeit in der Kakaoindustrie, Wasserunternehmen, die Wasser als Rohstoff verkaufen oder Peter und Ingrid, die kreuzfahrenden Österreicher. Ganz schlecht geht es uns wohl nicht in dieser verderbten Welt, kreuzfahren können wir noch, wahrscheinlich nur Österreicher, wer weiß, im Pauschalisieren ist dieses Buch auch ganz groß.
Also, Sybille Berg klagt in diesem Buch so viel an, dass man am Ende denkt, was will sie denn nun, die Welt abschaffen? Die Reichen sind fies, die Armen sind schlaff, die Grünen sind öko und die Rechten sind ekelig, natürlich, das ist aber weder neu noch originell.
„RCE“ ist eine 18 Stunden dauernde Schimpftirade, bei der ich gar nicht erst anfange, die Logiklücken aufzuzählen. Hier schert sich die Autorin weder um Zeit, Ort, Handlungsbogen oder Protagonisten. Sie möchte sich vermutlich nur Luft machen. Hoffentlich geht es ihr jetzt besser.
Tiefen Respekt für Lisa Hrdina und Torben Kessler, die dieses Werk souverän und engagiert vortragen.
Bewertung
1/5
17.02.2024
Hörbuch-Download
Nicht verstanden
Eigentlich fängt es gut an, aber dann gleitet es irgendwie ab. Es fiel mir schwer bei den unzähligen letztlich nichts zur Geschichte beitragenden vielen (nervigen) Personensteckbriefen den Überblick und den Zusammenhang zu behalten. Auch das gendern mit :innen trägt nicht wirklich zum Hörgenuss bei. Am Ende fehlte mir dann der Fluss und so hab ich das Hörbuch nach der Hälfte beendet.
Bewertung
5/5
18.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Digitaler Guerillakampf
In welcher Welt leben wir, wenn Menschen freiwillig beim Landratsamt eine mobile Todeskapsel bestellen, die jemanden binnen drei Minuten vor der eigenen Haustür vergast? Was ist passiert. wenn sich niemand mehr Wasser kaufen kann und dieses an der Börse gehandelt wird? Ist es möglich, dass Lagerarbeiter Erwachsenenwindeln tragen, um Zeit einzusparen?
Bei Sibylle Berg ist das normal. Und wer den Vorgänger “GRM“ gelesen hat, ist schon auf das Schlimmste vorbereitet. Ich musste damals “GRM“ einige Male weglegen; zu heftig und aussichtslos ist diese Dystopie. Die Menschheit wollte am Ende nicht gerettet werden.
“RCE“ setzt einige Jahre nach “GRM“ an und wieder tun sich einige Hacker zusammen, um die Welt zu retten. Mittlerweile sind die Superreichen noch reicher, die Supermächtigen noch mächtiger und der Kapitalismus noch fieser geworden. Wer in dieser Gesellschaft nicht mehr mithalten kann, fliegt raus. Game over!
Diesmal kommen die digitalen Untergrundkämpfer jedoch einen guten Schritt weiter und wollen das System mit seinen eigenen Mitteln schlagen. Sie schaffen es tatsächlich, durch eine subversive Informationskampagne einige der Mächtigen zu Fall zu bringen.
Vermögen und Grundbucheinträge werden gelöscht, Milliarden Euro für den eigenen Guerillakrieg umgeleitet und Banken wie andere Symbole der Macht gesprengt. Die Einführung einer digitalen Währung wird im letzten Moment verhindert und ein Bankrun setzt ein. Die Paläste und Institutionen sind nun von den Bürgern besetzt. Eine größtenteils friedliche Revolution vollzieht sich.
Einiges mag hier überzeichnet wirken. Andererseits basiert Vieles auf sehr gut recherchierten Fakten und ja: Durchaus vorstellbar, dass es in einigen Jahren so ähnlich ablaufen könnte.
Herausragend ist Sibylle Bergs Schreibstil: Trocken, knapp, sarkastisch, wortwitzig und gerne mit einem Wort die Thematik des vorhergehenden Satzes aufgreifend, wie zum Beispiel: „Gustave war eine Killermaschine mit Herz. Nur ohne Herz.“
Dabei wird das Geschehen aus der Perspektive hunderter Einzelpersonen, die über ganz Europa verteilt sind, geschildert. Hierdurch entsteht eine Art Superbewusstsein. Dankenswerterweise ist “RCE“ weniger heftig als sein Vorgänger ausgefallen.
Ob das jetzt gut ist? Ja und nein. Egal; Sibylle Berg ist eine der besten, kontroversesten und innovativsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen!
ausgebucht.blog
5/5
06.07.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Grandios!
Nach der gescheiterten Weltrettung (ein Kollektiv aus Hackern wollte der Weltbevölkerung aufzeigen, wie sie überwacht, ausgenutzt und manipuliert werden, der erwartete Aufschrei blieb jedoch aus, die Menschheit war okay damit) sitzen die 5 jungen Menschen nun in der Schweiz in einem Container, wo sie Mithilfe eines totalen Systemcrashs der Banken eine europaweite Revolution in Gang setzen wollen.
Ich komme ich nicht umhin, die beiden ersten Teile der geplanten Trilogie zu vergleichen. Aus meiner Sicht ist es nicht zwingend nötig, GRM vorher zu lesen, man sollte sich allerdings über dessen Inhalt informieren um die Vorgeschichte zu kennen. GRM ist zudem wirklich heftig in seinen Inhalten, es geht übermäßig viel um sexuelle Gewalt und generell Triggerthemen. Trotzdem war es ein ziemlich gutes Buch, weil leider wahr. Es war halt einfach furchtbar, diese verlassenen, verlorenen jungen Menschen kennen zu lernen, die man nach und nach ins Herz schließt.
RCE ist nicht mehr ganz so brutal, es ist informierender, technischer. Sibylle Berg beschreibt eine Welt, die nicht so dystopisch ist, wie man es gerne hätte. Das Frauenwahlrecht wurde abgeschafft, wertvoll ist nur, wer dem System nützt. Alte und Kranke werden außerhalb der großen Städte untergebracht, wo sie nicht im Weg sind. Weniges kam mir aus der Luft gegriffen vor, es wird anschaulich rekonstruiert wie diese "fundamental verschissene" Lage entstehen konnte. Insgesamt haut einem Frau Berg jede Menge Fakten und bekannte Namen um die Ohren, das Buch ist großartig recherchiert und manchmal mehr Dokumentation als Fiktion.
Für mich als Leserin ist die große Stärke des komplett durchgegenderten Romans, neben der Recherche und der Klarheit der Aussagen, die Sprache. Sie trifft genau meinen Nerv und hat mich absolut begeistert. Ich kann egal welche der 700 Seiten aufschlagen und finde einen überbilderten Satz oder eine pointierte Beschreibung, die ich unbedingt in meinen Sprachschatz aufnehmen möchte. Das macht das Buch trotz seines Umfangs so kurzweilig. Ich bin kein Freund expliziter Gewaltdarstellungen, ich mag behagliche Themen. Aber Donnerlittchen kann diese Autorin schreiben!
Zum anderen ist es der szenenhafte Aufbau ähnlich einem Film, der zwar chronologisch geordnet ist, aber von Person zu Person springt und so ein Netz aus Verbindungen offenbart, der mir persönlich sehr gefallen hat. Diesen Personenwechseln stehen kurze Steckbriefe voran, die Informationen aus der staatlichen Totalüberwachung enthalten. Gesundheitszustand, sexuelle Orientierung, Hobbys, Fähigkeiten, Familienzusammenhang usw. Großartig. Wenige Worte, mal boshaft, mal rührend, immer auf den Punkt.
Manche KritikerInnen schätzen das Buch als "zu künstlich" ein, "zu gewollt". Meiner Meinung nach ist es nicht nur gewollt sondern sogar gekonnt.
Wer RCE gelesen hat, kann nicht mehr zurück, kann die Wahrheit nicht mehr NICHT sehen, wir leben längst in einer Dystopie. Aber es gibt Hoffnung..
Es ist - ich bin selbst überrascht - eins meiner bisherigen Jahreshighlights.
Ich habe auf 2 längeren Autofahrten Teile des Romans gehört und möchte hier das von Lisa Hrdina und Torben Kessler phänomenal vorgetragene Hörspiel anpreisen, wenn jemanden der Umfang abschreckt ist das eine tolle Alternative.
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