Rose Macaulays 1918 erschienener Roman "What not" gilt als Inspiration für Aldous Huxleys "Schöne neue Welt".
Im England einer unbestimmten Zeit nach dem „Großen Krieg“, der die Menschen und die Gesellschaft schwer gezeichnet hat, ist die Regierung zu dem Schluss gekommen, dass der Krieg und das Elend der Vergangenheit allein der Dummheit der Menschen geschuldet sind, und hat es sich daher zum Ziel gesetzt, die Bevölkerung klüger zu machen. Dazu werden die Bürger:innen in ein zweifelhaftes System von Intelligenzkategorien klassifiziert, von denen sich nur bestimmte Konstellationen miteinander fortpflanzen sollen. Unerwünschter Nachwuchs wird mit hohen Strafzahlungen sanktioniert, erwünschter finanziell belohnt.
Erwartungsgemäß regt sich Widerstand in der Bevölkerung, die sich die Einmischung in ihre Liebes- und Familienangelegenheiten verbittet. Ein eigens eingerichtetes Ministerium, das „Ministry of Brains“, ist mit der Durchführung und der propagandistischen Vermittlung der Maßnahmen befasst.
Als sich die junge Ministeriumsmitarbeiterin Kitty Grammont in den Minister verliebt, der nach der
Klassifizierung für eine Ehe mit ihr nicht in Frage kommt, gerät nicht nur sie in Konflikt mit dem eigenen politischen Anspruch. Mit viel Witz und Situationskomik beschreibt Rose Macaulay das teils ans Absurde grenzende Amtsgeschehen und die frappierende Einfältigkeit der Bürger:innen und liefert mit ihren ironisch-ernsthaften Beschreibungen zugleich eine scharfsichtige Analyse der zerstörerischen Folgen des Ersten Weltkriegs für Gesellschaft und Individuum.
Herausgegeben, erstmals ins Deutsche übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Josefine Haubold.
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Herausragende Dystopie einer vergessenen Autorin
Bewertung am 10.12.2022
Bewertungsnummer: 1840987
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Wer kennt sie nicht, die prägenden Dystopie-Autor*innen des 20. Jahrhunderts – Aldous Huxley, George Orwell und..Rose Macaulay?
Ja, der Name war mir auch unbekannt. Und das, obwohl diese feministische Autorin (*1881-1958) zu Lebzeiten preisgekrönt und von Queen Elizabeth II geadelt wurde. Wie das im männlich geprägten Kanon so ist, wurde sie "vergessen" - obwohl Literaturwissenschaftler*innen ihr "What Not" von 1919 als Inspiration für Huxleys Brave New World betrachten. Der Aviva Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus dem Kanon herauskorrigierte AutorINNEN wieder ans Tageslicht zu holen. Und so erschien dort nun besagter Roman als "Was nicht alles", herausgegeben und großartig übersetzt von Josefine Haubold.
Wer Huxley und Orwell kennt, staunt ob der Ähnlichkeiten. So antizipiert Macaulay die huxleysche Einteilung der Gesellschaft – in Kategorien von A-C auf Basis der Intelligenz. Heiraten darf nur, wer dadurch intelligente Kinder zeugt. Denn nach Ende des Großen Krieges scheint klar: menschliche Dummheit war schuld. Drum sollen auch Schulungen die Intelligenz fördern. Außerdem werden friedensgefährdende Begriffe direkt mit verboten, nur zur Sicherheit (ja, das klingt auch für mich nach einem Vorläufer von Orwells Newspeak). Wir begleiten die A-klassifizierte Ministeriumsangestellte Kitty Grammond, die im Ministerium für Verstand arbeitet und von all dem recht überzeugt ist. Zumindest bis sie sich in ihren Minister verknallt. Die Einstufung einiger seiner Verwandten als geistig zurückgeblieben verbietet seinen eigenen Gesetzen nach die Heirat. Und so stellt sich auch Kitty die Frage, welche Rechtfertigung es für ein solches System gibt.
Mit vielen Spitzen, Witz und Klugkeit ist dieses Buch nicht nur inhaltlich, sondern auch sprachlich großartig zu lesen. Besonders gefiel mir die Schilderung subversiver Einstellungen der Bevölkerung - auch hier feministisch geprägt. Denn wo sollen Hausfrauen die Zeit hernehmen, auch noch ihren Verstand zu schulen, wenn sie Stunden am Tag auf Reproduktionsarbeit aufwenden?
"Was nicht alles" ist eine feministische Dystopie mit allem, was dazugehört. Sehr lesenswert ist auch Haubolds Nachwort, das den Roman nicht nur einordnet, sondern auch problematische Elemente - etwa den subtilen Antisemitismus - benennt und kommentiert. Denn wo es um Intelligenz geht, sollen Jüdinnen_Juden nach Ansicht des Ministeriums für Verstand besser nicht noch klüger werden, als sie es schon sind.
Diese seltsamen Kommentare sind zwar selten, eine kritische Kontextualisierung ist aber wichtig und gut. Deshalb möchte ich diese Übersetzung gerade auch wegen der sensiblen Herausgabe besonders empfehlen.
Ich habe dieses Buch sehr geliebt und durfte auf der Buchmesse sogar ein Autogramm der Übersetzerin abstauben. Die - hatte ich das schon erwähnt? - wirklich ganze Arbeit geleistet hat.
Dystopische Utopie
ausgebucht.blog am 02.11.2022
Bewertungsnummer: 1818008
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es ist die Zeit nach dem sogenannten Großen Krieg. Die Regierung ist bemüht, das Land wieder auf die Beine zu bringen und aus Fehlern zu lernen - am besten werden erst gar keine Fehler mehr begangen! Ein Ministerium für Verstand wird gegründet und Mithilfe von Propaganda, Manipulation und rigorosen Konsequenzen soll die Bevölkerung intelligenter gemacht werden. Heiraten darf man lediglich innerhalb eines ausgeklügelten Systems - nicht etwa aus Liebe - und wer mit einem nicht als geeignet zertifizierten Partner Kinder bekommt, muss mit hohen Strafen rechnen. Es dauert erwartungsgemäß nicht lange, bis sich Unmut auf den Straßen regt und auch im Ministerium selbst zeigt sich nach und nach, dass die menschliche Natur ihre eigenen Gesetze macht.
"Was nicht alles" entstand während des Ersten Weltkrieges. 1918 war es bereits gebunden, da bedurfte es doch noch einer Änderung, so dass es letztendlich erst 1919 veröffentlicht wurde - nach Ende der Kampfhandlungen. Da es keine genauen Zeitangaben macht blieb Rose Macauley trotz verspäteter Veröffentlichung dabei, es als prophetisch zu bezeichnen. Im Vorwort beschreibt die englische Autorin, man könne in diesen Zeiten nicht immer nur über den Krieg schreiben, doch über die Zeit vor dem Krieg zu schreiben erschien ihr unmöglich. So kam es, dass sie es mit einer "Erzählung nach dem Krieg" versuchte.
Das Ministerium mag eine sinnvolle Institution sein, Vorschriften, Gesetze und Resolutionen mögen im Großen einen Sinn machen, ist man jedoch selbst davon betroffen und beeinträchtigt ist es mit dem Verständnis nicht mehr weit her. Der Instinkt des Menschen ist nunmal so beschaffen, dass er nicht selten unvernünftig handelt.
Gefühle, das müssen die beiden Mitarbeiter des Ministeriums Kitty Grammont und Nicolas Chester am eigenen Leib erfahren, lassen sich nicht reglementieren, nicht unterdrücken und beiseite schieben, auch nicht für ein höheres Ziel.
Inwieweit darf sich eine Regierung in das Privatleben ihrer Bürger einmischen?
Welches Leben ist lebenswert?
Rose Macauley spricht mithilfe von Dialogen einige ethische Themen an. Insgesamt ist die von Macauley gewählte Erzählperspektive sehr ungewöhnlich, irgendwie undeutlich, nicht greifbar. Anhand von Ivy Delmer, einer kleinen Angestellten des Ministeriums, erfährt der Leser eine einzelne, persönliche und somit moralisierte Sicht, wobei eigentlich auktorial erzählt wird. Einen solchen Erzählstil habe ich zum ersten Mal gesehen, finde ihn aber ziemlich genial, da er den ProtagonistInnen so viel Raum gibt und gleichzeitig - allerdings wechselnd - parteiisch erscheint. Auch die absurde Unflexibilität der Beamten des Ministeriums wird nicht vom klassischen Erzähler beschrieben, sie zeigt sich anhand der Korrespondenz mit Vorgesetzten und Anträgen von Bürgern, die es zu bearbeiten gilt und ist dadurch umso wirkungsvoller inszeniert.
Dieses Buch ist Vieles. Utopie, Dystopie, Komödie, Gesellschaftsstudie und Liebesgeschichte. Alle diese Ebenen finden ihren Platz in diesem großartigen Stück Literatur.
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