Sie verliebt sich schnell in Amir – charmant, intelligent, interessiert. Die Unterhaltungen belebend, die Nächte im lebhaften São Paulo berauschend. Dann die Ohrfeige, die Beleidigung. Um so weit weg wie nur möglich von ihm zu sein, nimmt die junge Anwältin eine Stelle im entlegenen Cruzeiro do Sul an. Als Beobachterin nimmt sie an Gerichtsverhandlungen zu brutalen Frauenmorden teil. Immer näher kommt sie dem Leben der Opfer – den Töchtern, den Müttern, den Freundinnen. Und immer eindringlicher verfolgen sie Bilder aus ihrer Kindheit, Bilder ihrer eigenen Mutter.
Um der Wirklichkeit zu entkommen, flüchtet sie sich in eine Traumwelt – in geheimnisumwirkte Wälder und Flüsse, an die Seite von Amazonen, die die Täter verfolgen. In der Realität aber scheint die Gerechtigkeit unerreichbar.
Kundinnen und Kunden meinen
4.7/5.0
Bewertung
5/5
30.07.2022
Buch (Taschenbuch)
Einfach gewaltig!
Patricia Melò, sonst respektable Krimiautorin, erzählt ohne Rücksicht und doch mit viel Feingefühl von haatsträubenden Femiziden im Amazonasgebiet und im städtischen Sao Paolo. Im Zentrum der Handlung steht eine junge Anwältin, deren plötzliche Erfahrung mit häuslicher Gewalt sie dazu veranlasst, ins entlegene Acre zu reisen. Vorort entkommt sie dieser Thematik jedoch keinesfalls. Je weiter sie sich geografisch von ihrem gewalttätigen Partner entfernt, desto näher Rücken die Geschichten anderer Betroffenen an sie heran - Darunter auch diejenige ihrer eigenen verstorbenen Mutter. Sprachgewaltig, schonungslos und unglaublich respektvoll begegnet Patricia Melò in diesem Spannungsroman allen Personen, deren Privatleben von Gewalt und Tod durchzogen ist.
Bewertung
5/5
10.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Schwer verdaulich und doch so wichtig
Eine Anwältin aus Sao Paulo übernimmt eine Stelle als Beobachterin im provinziellen Acre, wo Dinge auf eigene Weise geregelt werden und andere Gesetze herrschen.
Nach der Ohrfeige ihres Freundes versucht sie so weit wie nur möglich wegzukommen. Sie kommt in Cruzeiro do Sul an, wo sie an Gerichtsverhandlungen zu brutalen Frauenmorden teilnimmt, um ihrer Kanzlei Bericht zu erstatten. Ein Fall geht der jungen Anwältin besonders nahe, in dem eine junge indigene Frau von drei Männern vergewaltigt und ermordet wird, die gesellschaftlich hohes Ansehen genießen. Der Tod der Frau ist in den Augen der Öffentlichkeit nichts im Gegensatz zum Leben der Männer.
Verfolgt von den Entschuldigungen ihres Freundes und den Erinnerungen an ihre vom Vater getötete Mutter stürzt sie sich in die Arbeit und lernt die indigenen Bewohner des Dorfes eines der Frauenopfer und deren Kultur kennen. Bei ihren Besuchen lernt sie einiges über die Bräuche kennen, die sie bis in ihre Träume verfolgen. Dort übt sie selbst Rache an den drei brutalen Mördern.
Ein schwer verdauliches Buch. Es ist eine fiktive Geschichte mit phantastischen Elementen, und doch entspringt dieses erdachte Buch der Realität. Brasilien hat eine der höchsten Femizidraten weltweit, ungefähr alle 8 Minuten wird dort eine Frau vergewaltigt. Zwei Drittel der betroffenen Frauen ist Schwarz. 60 % der Opfer sind unter 13 Jahre alt. Diese Frauen sind besonders vulnerabel und erhalten doch von der Polizei keine Hilfe. Gesamtgesellschaftlich wird dieses strukturelle Problem sogut wie nicht beachtet. Patrícia Melo gibt mit diesem Buch all den unzähligen Frauen Sichtbarkeit. Dieses Buch hat eine derart hohe Relevanz, es sollte von wesentlich mehr Menschen gelesen werden!
Almut Scheller-Mahmoud
5/5
28.01.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein danteskes Purgatorio
Ein phantastischer Roman? Nein, weil er nicht der Phantasie der Autorin entspringt, sondern auf Fakten basiert, die allerdings von einer Romanhandlung umhüllt sind. Ja, weil er den LeserInnen eine Welt jenseits der eigenen Erfahrungswelt bietet, ein Menü, das aus testerongeschwängerten Grausamkeiten, Verachtung und Hass besteht.
Der Roman beginnt mit einer Ohrfeige, ein männlicher Schlag in ein weibliches Gesicht. Jurist gegen Juristin. Und enthüllt somit sogleich die Mär, dass nur Männer der unteren Schichten Schläger seien. Amir ist Jurist wie die Ich-Erzählerin. Diese wird von ihrer Kanzlei nach Cruzeiro do Sul, einer Stadt im Südwesten Brasiliens geschickt. Als Berichterstatterin der Gerichts-verfahren in den Fällen von Tötungsdelikten, deren Opfer Frauen sind. Im Rahmen dieser Untersuchung soll die Autorin jeden interviewen: Mörder, Staatsanwälte, Richter, Verteidiger, Ermittler, Zeugen und überlebende Opfer und Angehörige. Eines offenbart sich klar und deutlich: die Täter sind Männer aus allen Kreisen der Gesellschaft: Soldaten, Handwerker, Bauern, Beamte, Studenten, Analpheten oder Akademiker. Sie sind Ehemänner, Freunde, Liebhaber, Brüder, Väter, Stiefväter, Schwager, Nachbarn. Sie stilisieren sich selbst zu Opfern: die Frauen würden sie provozieren, ihnen das Leben zur Hölle machen, sie herabsetzen, betrügen, ausbeuten, aussaugen, überfordern.
Die Leiche eines gefolterten vergewaltigten indigenen Mädchens wird abgelegt im Flussschilf gefunden. Auf dem Rücken im Wasser treibend, geknebelt, mit abgeschnittenen Brustwarzen und Glasscherben in der Vagina. Die drei angeklagten jungen Männer gehören zur Haute volée des Ortes und werden selbstverständlich freigesprochen. Denn Eingeborene sind keine wirklichen Menschen und Frauen noch weniger. Eine Reportage der mutigen Chefredakteurin Rita vom Diario da Estrella über das Leben der drei Playboys kostet sie das Leben. Aber auch die drei jungen Täter ereilt ihr Schicksal. Und die Staatsanwältin Carla findet in dieser Spirale der Gewalt ein ebenfalls ein tragisches Ende.
Eingebettet in diese eindringlichen Mordfälle sind die schamanistischen Reisen der Erzählerin durch Zapira, die sie durch Ayahuasca in Traum- und Wachhalluzinationen das Unsichtbare und das Verborgene in einem Kreis von mit Vogelfedern geschmückten Frauen sehen lässt. Die Frau der Grünen Steine ist ihre Anführerin. Dies sei ein Krieg, ein Gemetzel, eine Epidemie. Und sie stellt die Frage: warum töten wir Frauen nicht? Sind es die anders komponierten Hormone, die gesellschaftlichen Strukturen, die weichere Physis oder weil wir Trägerinnen des Leben sind? Denn die Männer töten nicht nur uns, sie töten die Tiere, die Flüsse, die Wälder und die Meere. Sie töten das Leben.
Die Erzählerin beginnt ein Aufklärungsprojekt: aus gesammelten Fotos und Aufzählungen der Mord- und Folterwerkzeuge, der verunstalteten Körperteile stellt sie eine Website zusammen: gestapeltefrauen.com.
Eine erschreckende Lektüre, bei der die Leserschaft sich schütteln möchte, mit offenem Mund und einem Fragezeichen im Gesicht: ist das möglich? Kann das wahr sein? Femizide sind jedoch kein „exotisches“ Problem. Auch in unseren westlich aufgeklärten Gesellschaften sind Frauen-morde und Gewalt gegen Frauen alltäglich. Sie sind nur subtiler verpackt in den Villen und Reihenhäusern. Geschieht all das im „Hier und Jetzt“, in diesen modernen Zeiten? Oder gerade, weil wir in modernen Zeiten leben?
Frau Melo gebührt großer Dank für ihre augenöffnende Arbeit und ihre intensiven Recherchen,
die uns allen, Frauen wie Männer, zum Nachdenken und Handeln anregen und zwingen sollte.
Sie ist ein Kompass durch den Dschungel, dem männlichen mit seinen „Testosteronalien“ und dem grünwuchernden des Amazonas und der Amazonen, einer bald verlorenen Welt.
Das Buch ist ein Plädoyer für Achtsamkeit im Miteinander der Geschlechter (m/w/d) und für Respekt im Sinne von Kants Kategorischem Imperativ.
Denn: Die Würde des Menschen ist unantastbar.
BjoernAndBooks
aus Hildesheim
5/5
16.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Akten voller Gewalt
Txupira ist tot – und sie ist bei weitem nicht die Einzige. Die brasilianische Provinz Acre wird von einer riesenhaften Welle an Femiziden heimgesucht, die an Schrecklichkeit und Intensität kaum mehr zu überbieten ist. Die namenlose Ich-Erzählerin reist als Juristin nach Cruzeiro do Sul, um die dort stattfindenden Prozesse rund um die Morde an den Frauen der Region mitzuverfolgen. Die Schicksale der weiblichen Opfer ziehen sie mehr und mehr in ihren Bann, und die Gewalttätigkeit macht auch vor der Ich-Erzählerin, die mit Hilfe der Anwältin Carla und der Journalistin Rita weitere Nachforschungen anstellt, nicht Halt. Ein Strudel aus skrupelloser Brutalität und anschwellenden Aggressionen braut sich um die Protagonistin zusammen.
„In Wahrheit aber ist die Mehrheit vollkommen normal und gesund, ebenso wie sie vollkommen mörderisch ist“. (S. 95)
Patrícia Melo hat einen Roman geschaffen, der auf Tatsachen beruht. Nicht nur die Provinz Acre, sondern im Grunde ganz Brasilien und auch das übrige Lateinamerika sehen sich damit konfrontiert, zahlreiche Prozesse zu führen, denen unvorstellbare Gewaltakte gegen Frauen vorangegangen sind. Ihre Ich-Erzählerin ist eine starke Persönlichkeit, die mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat, die sie stark in die Thematik involvieren. Melo gelingt dies mit einer sehr direkten Sprache, die nichts beschönigt und die Fakten hart in die Erzählung integriert. Das geht dabei oft bis an die Grenze, und ich sage bewusst nicht „des Erträglichen“, denn diese Wahrheiten gilt es für die Leser*innen auszuhalten, um den Opfern gerecht zu werden.
Eine besondere Rolle in der Erzählung spielt auch, dass besonders die Frauen aus der indigenen Bevölkerung, die Opfer dieser Gewalt werden, oftmals nicht als solche anerkannt werden. Die Gewalt an ihnen wird verharmlost, ihren Mördern werden Rechtfertigungen an die Seite gestellt, auch von Seiten der Justiz. Melo weist darauf hin, sie klagt an, sie bleibt niemals leise und konfrontiert permanent. Das ist so eindrucksvoll, mutig und wichtig, dass einem kaum Worte dafür bleiben, welcher Respekt der Autorin mit diesem Werk gebührt. Sie lässt die Ich-Erzählerin durch den Konsum eines Tranks der indigenen Bevölkerung in eine Fantasiewelt abdriften, die Realität und Imagination miteinander zu verschmelzen weiß. Was ist wahr? Was ist erdacht? Diese Fragen stellen sich in der Folge innerhalb der erzählten Handlung und weisen gleichzeitig auf die Absurdität so mancher juristischer Entscheidung in den Femizid-Prozessen hin. Eine wirklich schlaue und unzerstörbare Kraft, die Melo mit ihren „Gestapelten Frauen“ geweckt hat. Danke!
[Triggerwarnung: (sexuelle) Gewalt gegen Frauen, Femizide]
Kaffeeelse
4/5
28.12.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wie Frauenhass und die Kolonisation des Landes zusammenhängen!
Dieses Buch ist erschreckend, dunkel düster und dieses Buch ist real und damit auch so eindringlich. Frauenmorde, Gewalt gegen Frauen, Diskriminierung von Frauen. Dies ist nichts Unwirkliches. Das gibt es und ich verstehe nicht, wie es so etwas geben kann, wieso so etwas geschieht. Frauenhass. Was für ein eigenartiges Wort! Was soll mir das sagen? Ich verstehe es nicht! Jeder hat Frauen in der Familie, es gibt also persönliche Bezüge. Jeder wird mit Achtung vor anderem Leben großgezogen. Aber ist dies wirklich so? oder ist dies nur in meiner persönlichen Blase so? Oder ist dies etwa nur meine Wunschvorstellung?
Schon in unseren westlichen Welten gibt es diese Ungleichbehandlung. Es ist vieles im Wandel, ja, vieles ändert sich, wird besser. Diese Männerwelt wird weiblicher, diverser. Das geht langsam, aber es passiert. Zumindest in unserer westlichen Welt. Doch wie sieht es im Rest der Welt aus? In den anderen Männerwelten? Dunkel!
Dieses Buch hier erzählt uns eine Geschichte aus Brasilien, genauer gesagt aus dem Bundesstaat Acre. Denn Unterschiede gibt es auch in Brasilien. Im moderneren Osten des Landes scheint es für Frauen besser zu sein. Aber nicht ungefährlich, wie die Protagonistin des Buches am eigenen Leib erfährt. Aber im rückschrittlicheren Westen des Landes scheint es noch schlechter für die Frauen bestellt zu sein.
Und die Autorin Patrícia Melo beleuchtet hier auch die Ursachen, die in der Kolonisation des Landes begründet liegen. Männliche Kolonisatoren nahmen sich einheimische Frauen aus den indigenen Gemeinschaften zur Frau. Die Indigenen, die schon immer als Menschen unterster Stufe betrachtet wurden, wenn sie denn das Glück hatten, überhaupt als Menschen wahrgenommen zu werden, gaben den Kolonisatoren ihre Frauen nicht freiwillig, hier erfolgte eine gnadenlose Ausrottungspolitik, von der die überlebenden Indigenen heute noch berichten. Die geraubten Frauen gebaren den Brasilianern Kinder, die wieder negativ auf die Indigenen blickten und blicken, weil sie sich zu den Kolonisatoren zählen, obwohl sie längst indigene Wurzeln haben. Was für ein Irrsinn!
Und damit wird neben dem Machismo in den lateinamerikanischen Ländern und dem dazugehörigen Frauenhass und der allgegenwärtigen Korruption auch die Stellung der Indigenen im Land in diesem Buch thematisiert. Was der Autorin ganz wunderbar gelingt! Dieses Buch beschäftigt sich mit der Misogynie und den Femiziden, aber auch mit den Ureinwohnern des Landes. Die Autorin hat wunderbar recherchiert, was das Nachwort bestätigt.
In den Kapiteln, wo die Protagonistin in die Welten der Indigenen eintaucht, wird eine Liebe und eine Verbundenheit zu deren Kulturen verdeutlicht. Das ist interessant gemacht. Denn dieses Buch zeugt von neueren Ansichten zu den Indigenen des Landes. Das gefällt mir sehr, brennt doch mein Herz schon seit Jahren für die indigenen Einwohner der Amerikas.
Ich bin neugierig, wie dieses Buch wohl in Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas wahrgenommen wird, wie der lateinamerikanische Macho dieses Buch wahrnimmt, sofern er denn lesen kann!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.