1940 ist Chiune „Sempo“ Sugihara offiziell der japanische Vize-Konsul in Litauen. Tatsächlich aber spioniert er als Agent seines Außenministeriums deutsche und russische Truppenbewegungen aus. Seit seinen Lehrjahren in japanischen Kolonien ein entschiedener Gegner von Tyrannei und Unterdrückung, nimmt er sich der jüdischen Flüchtlinge an, die sein Konsulat belagern. Gemeinsam mit einem kreativen holländischen Konsul und einem profitorientierten russischen Kommunisten heckt er einen wahnwitzigen Plan aus, ihnen mit Visa zweifelhafter Gültigkeit die freie Passage nach Japan zu ermöglichen. Für die Juden beginnt eine aufreibende Odyssee durchs eiskalte Sibirien und über die raue japanische See in die Freiheit. Für Sugihara folgen Kriegsgefangenschaft, die unehrenhafte Entlassung aus dem Staatsdienst, Gelegenheitsjobs in Japan und Russland. Erst Jahrzehnte später erfährt er, dass sein Plan aufgegangen ist, und erst kurz vor seinem Tod wird er als Held des Holocaust anerkannt.
Dieses Buch erzählt zum ersten Mal ausführlich in deutscher Sprache die Geschichte seines außergewöhnlichen Lebens, von der Kindheit als brillanter, aber eigensinniger Schüler über die Jahre als Student und angehender Spion in der Mandschurei und Korea bis zu seinem größten menschlichen Triumph im kriegsgebeutelten Europa. Es schildert den tiefen Fall danach sowie die späte, emotionale Wiedervereinigung mit denen, deren Leben er retten konnte.
Eine wahre, packende Geschichte vor dem Panorama einer Welt und Weltordnung im radikalen Wandel.
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
Bewertung
Thalia Book Circle Community
4/5
10.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Chiune Sugihara alias "Sempo" - letztlich anerkannt als "Gerechter unter den Völkern" in Yad Vashem...
Andreas Neuenkirchen hat ein Buch über Chiune "Sempo" Sugihara geschrieben. Ein Diplomat, der seine Stellung als japanischer Vizekonsul in Litauen nutzte, um Juden mit Reisedokumenten zu versehen, die diesen zur Flucht in ungefährlichere Länder verhelfen sollten. Man geht davon aus, dass heute ungefähr 250.000 Nachkommen von diesen Geflüchteten leben. Das ist die wichtigste und eine beeindrucke Zahl. Es gibt nicht so viele Quellen über Sempo, so dass es schwer fällt, ihm in den Schilderungen wirklich nahe zu kommen. Ein bisschen fühlte ich.mich wie mit der Lupe vor einem Insekt. Neuenkirchen hat versucht, die Fakten interessant aufzubereiten; ein Roman ist es nicht, aber eine lesbare Biographie. Sempo hatte ein spannendes Leben, wurde nach dem Krieg aus dem diplomatischen Dienst entlassen und musste 'kleine Brötchen' backen. Erst spät wurde ihm Ehrung für seine Taten zuteil. Heute ist er in Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet. Ich kenne die Namen des deutschen Widerstandes und verschiedene Bücher über diese besonderen Menschen. Ich kannte bisher kein Buch über einen Japaner, der der Judenverfolgung etwas entgegen gesetzt hat. Das Buch hat mich also schon grundsätzlich interessiert. Es ist auch ein Blick in eine andere Kultur; das ist spannend. Traurig zu lesen, wie weit der Arm des Naziregiems reichte; aber ohne Menschen wie Sugihara hätte diese Zeit noch mehr Leben gefordert. 4 Sterne für das Buch mit dem ungewöhnlichen Einband.
Bewertung
aus Quickborn
4/5
19.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Würdiges literarisches Denkmal für Chiune Siguhara
Der Titel Codename Sempo hat in mir zuerst den Gedanken ausgelöst, es handele sich um einen Spionageroman. Erst der Untertitel wies den richtigen Weg. Danach habe ich eine Biographie erwartet, keinen Roman – bei Biographien ist es in der Regel ja so, dass Zeitgeschichte, Ortkenntnis, beteiligte Personen, Episoden, die nichts mit der Hauptperson zu tun haben, viele Spekulationen und viel Phantasie den Mantel um das "Skelett" der Hauptperson legen. Dieser Mantel wird dann vom Autor mehr oder weniger gekonnt und heftig ausgepolstert. So auch hier in den ersten Kapiteln. Der Autor ist mangels vieler historischer Dokumente zu Chiune Sugihara auf Sekundärliteratur und auch auf das Internet u. a. Quellen bzw. Zeitzeugen angewiesen. Ich denke, gerade die Suche nach den Details ist aufwändig und zeitraubend, am Ende eines für die Recherche gelesenen Buches oder Artikels bleibt dann fürs eigene Buch nur ein kleiner Abschnitt, manchmal nur ein Halbsatz, der etwas erklärt.
Andreas Neuenkirchen führt den Leser also nach Japan, wo Chiune Sugihara aufwächst, später nach Harbin, in das sagenhafte Paris des Ostens. Diese Stadt ist wie ein Moloch, die japanische Herrschaft wird zur Tortur, die angelandeten Flüchtlinge sind sich ihres Lebens nicht sicher, besonders die Juden (insb. aus der damaligen Sowjetunion) geraten in Gefahr. Mich verblüfft diese angehäufte Vielfalt von Militär, Diplomatie, Spionage und Luxusleben auf der einen Seite, auf der anderen wird die dramatische Armut und Verelendung der chinesischen Bevölkerung natürlich nicht so ausführlich behandelt.
Chiune Sugihara selbst bin ich in diesem Teil noch nicht so recht nahegekommen, das liegt sicher auch daran, dass viele seiner Gedanken und auch Tätigkeiten eher nur gemutmaßt werden können. Für mich ist er nach dem Studium der perfekte Spion in öffentlichen Diensten. Egal wie seine Funktion genannt wird, es steht wahrscheinlich niemals in seinen Papieren, was er wirklich tut/tun soll. Harbin ist da genau der Schmelztiegel, den es braucht für die "Aufzucht" von Spionen.
Der Schreibstil mit seiner manchmal etwas flapsigen, umgangssprachlichen Attitüde ist vielleicht nicht für jeden angenehm, für mich hat er den (kultur)-geschichtsträchtigen, langwierigen Lesefluss etwas aufmischt. Ich gebe ehrlich zu, es sind so einige Passagen, gerade mit den vielen ungewohnten japanischen Namen, die auch etwas müde machen.
Die Kapitel über Sugiharas Arbeit als Diplomat (und gleichzeitig Spion) sind sehr interessant, seine zweite Ehefrau begleitet ihn ohne zu klagen, die Kinder werden in dieses unstete Leben einbezogen. Eigentlich hätte ich mir gerade in diesem Teil des Buches etwas mehr Ausführlichkeit, vielleicht auch künstlerische Freiheit gewünscht. Wirklich dramatisch gestaltet sich der Aufenthalt in Kaunas. Sugihara lernt hier jüdische Familien kennen und schätzen, hilft das eine oder andere Mal mit einem Transitvisum aus und befindet sich plötzlich in der Situation, Hunderten, ja Tausenden Juden das bedrohte Leben retten zu können. Kurz bevor die deutsche Wehrmacht in Litauen einmarschiert, kann er durch sein beherztes Eingreifen tatsächlich vielen zur Flucht auf dem Landweg durch die Sowjetunion nach Japan verhelfen. Seine Frau und Botschaftsmitarbeiter helfen dabei. Doch die japanische Regierung unterstützt das Vorhaben nur halbherzig, so dass er nicht allen helfen kann, er muss das Land verlassen, das Konsulat wird geschlossen.
Für Sugihara und seine Familie beginnt dann eine mehrere Jahre währende Odyssee, ehe er und die Seinen fast mittellos und erschöpft 1947 Japan wieder erreichen. Der Autor hat für diesen bewegenden Lebensabschnitt einen anderen, „seriöseren“ Schreibstil gewählt. Ironische Bemerkungen finden sich kaum mehr. Trotzdem fehlt mir ein wenig Empathie im Gelesenen, ich meine, eine gewisse Distanziertheit zu erkennen. Fast, als würde der Autor die den Japanern als charakteristisch nachgesagte Kühle und Beherrschtheit für sich übernehmen.
Eines der wichtigsten Erkenntnisse aus den letzten Kapiteln ist für mich die Tatsache, dass die von Chiune Sugihara geretteten Juden (rund 10.000 plus/minus) 250.000 Nachkommen haben.
Es macht mich als unbeteiligten Leser froh, dass Sugihara am Ende seines Lebens doch noch erfährt, dass seine ungewöhnliche Aktion so viele Menschen gerettet hat und dass diese und ihre Nachkommen sein Andenken in hohen Ehren halten. Völlig unverständlich ist mir seine Entscheidung, fast bis zur Rente rund 15 Jahre in der Sowjetunion ohne seine Frau und seine Kinder zu leben und zu arbeiten. Aus meiner Sicht eine egoistische Entscheidung, die nicht so recht ins heroische Bild passt.
Der literarische und monetäre Wettstreit um seine Biographie nach Sugiharas Tod wird ausführlich beschrieben, ist aber für mich nicht unbedingt erhellend. Eine Ehefrau, ein Sohn und (ein) Historiker im Wettstreit um die Deutungshoheit, das ist ein übliches Geplänkel, wenn es um so brisante Themen geht.
Für mich ist viel entscheidender, dass Sempo/Chiune Sugihara in Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wird. Auf der Internetseite zu diesem Eintrag befinden sich diverse Fotos und auch Kopien des Visums für Zorach Wahrhaftig, das er ausgestellt hat. Natürlich kann jeder heutzutage im Internet recherchieren, aber warum hat der Autor sein Buch nicht mit einem kleinen Bildteil versehen? Das Buch wäre dadurch bestimmt etwas persönlicher und emotionaler geworden.
Fazit: viele interessante und detaillierte Informationen über ein für mich unbekanntes Land und seine Kultur und Geschichte, die verwoben sind mit der Biographie eines stillen Helden. Chiune Siguhara bekommt ein würdiges literarisches Denkmal auf deutsch.
Juma
4/5
19.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Titel Codename Sempo hat…
Der Titel Codename Sempo hat in mir zuerst den Gedanken ausgelöst, es handele sich um einen Spionageroman. Erst der Untertitel wies den richtigen Weg. Danach habe ich eine Biographie erwartet, keinen Roman – bei Biographien ist es in der Regel ja so, dass Zeitgeschichte, Ortkenntnis, beteiligte Personen, Episoden, die nichts mit der Hauptperson zu tun haben, viele Spekulationen und viel Phantasie den Mantel um das "Skelett" der Hauptperson legen. Dieser Mantel wird dann vom Autor mehr oder weniger gekonnt und heftig ausgepolstert. So auch hier in den ersten Kapiteln. Der Autor ist mangels vieler historischer Dokumente zu Chiune Sugihara auf Sekundärliteratur und auch auf das Internet u. a. Quellen bzw. Zeitzeugen angewiesen. Andreas Neuenkirchen führt den Leser also nach Japan, wo Chiune Sugihara aufwächst, später nach Harbin, in das sagenhafte Paris des Ostens. Diese Stadt ist wie ein Moloch, die japanische Herrschaft wird zur Tortur, die angelandeten Flüchtlinge sind sich ihres Lebens nicht sicher, besonders die Juden (insb. aus der damaligen Sowjetunion) geraten in Gefahr. Mich verblüfft diese angehäufte Vielfalt von Militär, Diplomatie, Spionage und Luxusleben auf der einen Seite, auf der anderen wird die dramatische Armut und Verelendung der chinesischen Bevölkerung natürlich nicht so ausführlich behandelt. Chiune Sugihara selbst bin ich in diesem Teil noch nicht so recht nahegekommen, das liegt sicher auch daran, dass viele seiner Gedanken und auch Tätigkeiten eher nur gemutmaßt werden können. Für mich ist er nach dem Studium der perfekte Spion in öffentlichen Diensten. Egal wie seine Funktion genannt wird, es steht wahrscheinlich niemals in seinen Papieren, was er wirklich tut/tun soll. Harbin ist da genau der Schmelztiegel, den es braucht für die "Aufzucht" von Spionen. Der Schreibstil mit seiner manchmal etwas flapsigen, umgangssprachlichen Attitüde ist vielleicht nicht für jeden angenehm, für mich hat er den (kultur)-geschichtsträchtigen, langwierigen Lesefluss etwas aufmischt. Ich gebe ehrlich zu, es sind so einige Passagen, gerade mit den vielen ungewohnten japanischen Namen, die auch etwas müde machen. Die Kapitel über Sugiharas Arbeit als Diplomat (und gleichzeitig Spion) sind sehr interessant, seine zweite Ehefrau begleitet ihn ohne zu klagen, die Kinder werden in dieses unstete Leben einbezogen. Eigentlich hätte ich mir gerade in diesem Teil des Buches etwas mehr Ausführlichkeit, vielleicht auch künstlerische Freiheit gewünscht. Wirklich dramatisch gestaltet sich der Aufenthalt in Kaunas. Sugihara lernt hier jüdische Familien kennen und schätzen, hilft das eine oder andere Mal mit einem Transitvisum aus und befindet sich plötzlich in der Situation, Hunderten, ja Tausenden Juden das bedrohte Leben retten zu können. Kurz bevor die deutsche Wehrmacht in Litauen einmarschiert, kann er durch sein beherztes Eingreifen tatsächlich vielen zur Flucht auf dem Landweg durch die Sowjetunion nach Japan verhelfen. Seine Frau und Botschaftsmitarbeiter helfen dabei. Doch die japanische Regierung unterstützt das Vorhaben nur halbherzig, so dass er nicht allen helfen kann, er muss das Land verlassen, das Konsulat wird geschlossen. Für Sugihara und seine Familie beginnt dann eine mehrere Jahre währende Odyssee, ehe er und die Seinen fast mittellos und erschöpft 1947 Japan wieder erreichen. Der Autor hat für diesen bewegenden Lebensabschnitt einen anderen, „seriöseren“ Schreibstil gewählt. Ironische Bemerkungen finden sich kaum mehr. Trotzdem fehlt mir ein wenig Empathie im Gelesenen, ich meine, eine gewisse Distanziertheit zu erkennen. Fast, als würde der Autor die den Japanern als charakteristisch nachgesagte Kühle und Beherrschtheit für sich übernehmen. Eines der wichtigsten Erkenntnisse aus den letzten Kapiteln ist für mich die Tatsache, dass die von Chiune Sugihara geretteten Juden (rund 10.000 plus/minus) 250.000 Nachkommen haben. Der literarische und monetäre Wettstreit um seine Biographie nach Sugiharas Tod wird ausführlich beschrieben, ist aber für mich nicht unbedingt erhellend. Eine Ehefrau, ein Sohn und (ein) Historiker im Wettstreit um die Deutungshoheit, das ist ein übliches Geplänkel, wenn es um so brisante Themen geht. Für mich ist viel entscheidender, dass Sempo/Chiune Sugihara in Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wird. Auf der Internetseite zu diesem Eintrag befinden sich diverse Fotos und auch Kopien des Visums für Zorach Wahrhaftig, das er ausgestellt hat. Natürlich kann jeder heutzutage im Internet recherchieren, aber warum hat der Autor sein Buch nicht mit einem kleinen Bildteil versehen? Das Buch wäre dadurch bestimmt etwas persönlicher und emotionaler geworden. Fazit: viele interessante und detaillierte Informationen über ein für mich unbekanntes Land und seine Kultur und Geschichte, die verwoben sind mit der Biographie eines stillen Helden. Chiune Siguhara bekommt ein würdiges literarisches Denkmal auf deutsch.
Bewertung
4/5
10.12.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Oskar Schindler Japans, als Schlagwort für ein reiches Leben
Der Japaner Chiune Sugihara, nur sehr wenige Menschen konnten bisher mit seinem Namen etwas verbinden, das für die Öffentlichkeit beachtenswert erscheint. Dies und seine größte Tat, die Rettung von bis zu 10000 Juden, verbindet ihn mit dem vor allem durch den Film von Steven Spielberg ins Rampenlicht getretenen Oskar Schindler und so wird dieser Mann schlagwortartig inzwischen auch oft als 'der Oskar Schindler Japans' proklamiert.
'Codename Sempo', dieses biografisch angelegte Werk, will dem Diplomaten, Agenten, dem Retter so vieler Leben, aber auch der Privatperson und dem Familienmensch Sugihara hier ein kleines ehrendes Denkmal setzen, diesen weltoffenen und von menschlichen Überzeugungen geleiteten Mann dem Vergessen innerhalb der großen weltgeschichtlichen Umtriebe dieser Zeit entreißen.
Und wie dies geschieht, hätte Sugihara wahrscheinlich gefallen, denn er fungiert hier auch als Türöffner für den Einblick in die über Europa hinausgehenden, zum größten Teil vom 2.Weltkrieg ausgelösten Verbandelungen und Gegenoffensiven zwischen Japan, China und der damaligen russischen Großmacht. Von seinem Werdegang über Kindheit und Jugend bis hin zu seiner Zeit in Litauen, wo er Tausenden von Juden entgegen den Anweisungen seiner japanischen Heimat Visa ausgestellt hat, um ihnen das Durchqueren Russlands hin zu wirklich für sie sicheren japanischen Gefilden zu ermöglichen, begleiten wir diesen Mann und auch sein nachfolgendes Schicksal in den späteren Jahren wird nicht ausgespart.
Dies ist ein sehr anregendes, vielschichtiges, gerade am Ende auch sehr berührendes Buch, das durchaus Emotionalität zulässt und an der verantwortungsvollen Recherche des Autors kommen zu keinem Zeitpunkt Zweifel aus.
Ein romanhaft ummanteltes biografisch strukturiertes Werk, das viel zu bieten hat.
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