Mit acht entdeckt Beth Harmon im Waisenhaus zwei Möglichkeiten, der harten Realität zu entfliehen: die grünen Beruhigungspillen, die den Kindern täglich verabreicht werden. Und Schach. Das Mädchen ist ein Ausnahmetalent und gewinnt Turnier um Turnier, mit 16 spielt sie gegen lauter erwachsene Männer um die US-Meisterschaft. Ihr Weg führt steil nach oben, doch bei jedem Schritt droht der Abgrund von Sucht und Selbstzerstörung. Denn für Beth steht viel mehr auf dem Spiel als Sieg und Niederlage.
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Beth Harmon wächst nach dem…
Lena aus Köln am 12.11.2025
Bewertungsnummer: 2970612
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Beth Harmon wächst nach dem Tod ihrer Eltern in den 1950er-Jahren in einem Waisenhaus in Kentucky auf. Sie ist ein intelligentes, in sich gekehrtes Mädchen, das sich zu sehr an die Beruhigungspillen gewöhnt, die ihr mit acht Jahren verabreicht werden. Bevor sie mit zwölf Jahren von einem kinderlosen Paar adoptiert wird, wird sie durch den Hausmeister im Keller auf Schach aufmerksam und entwickelt eine Faszination für das Spiel, das sie sich in schlaflosen Nächten aneignet. Mit der Unterstützung ihrer Adoptivmutter gewinnt sie in Amerika Schachturniere, wird finanziell unabhängig und ist bald auch international erfolgreich. Als Mädchen in einem männerdominierten Sport ist Beth trotz einiger Förderer einsam und droht sich in einem gefährlichen Mix aus Pillen und Alkohol zu verlieren und damit auch ihr Talent und ihre aussichtsreiche Karriere aufs Spiel zu setzen. Nachdem ich die gleichnamige Netflix-Serie mit Begeisterung angesehen habe, bin ich neugierig auf die Romanvorlage geworden, die bereits 1983 in den USA erschienen ist und erst sehr viel später ins Deutsche übersetzt wurde. Die Serie bleibt sehr nah am Buch und auch wenn ich die Entwicklung von Beth schon kannte, fesselt der Roman mit einem noch tieferen Verständnis für die Gemütslage der Hauptfigur. Der Roman handelt von Schach, was ich selbst noch nie gespielt habe, aber es ist auch nicht nötig, die exakten Regeln zu kennen und Spielzüge nachvollziehen zu können. Die Schilderungen der Spiele, der Turniere und der Vorbereitungen darauf nehmen viel Raum ein. Daneben geht es jedoch um ganz universelle, zeitlose Themen wie Einsamkeit, Suchtverhalten, Rassismus und patriarchale Strukturen. Beth entwickelt sich von einem Wunderkind zum gefeierten Star der Schachszene. Sie ist intelligent und ehrgeizig, fleißig und zielgerichtet und kann sich deshalb schon in jungen Jahren gegen Großmeister durchsetzen. Lebendig und eindrücklich ist geschildert, wie viel Arbeit und Durchhaltevermögen es erfordert, in so einer Disziplin bestehen zu können. Beth muss nicht nur lernen mit Niederlagen, sondern auch mit Verlusten umzugehen. Von früher Kindheit an geprägt, greift Beth routiniert zu Beruhigungspillen, um sich zu entspannen und greift wenig später unkontrolliert zum Alkohol. Der Drogenmix lässt sie die Einsamkeit vergessen. Mit ihrem Hang zur Selbstzerstörung droht Beth ihren Erfolg zu sabotieren, hat jedoch in den schwersten Stunden Menschen an ihrer Seite, die sie wieder auffangen. "Das Damengambit" ist mehr als nur ein Buch über Schachspielen. Es ist ein vielschichtiger Roman über ein großes Talent, das mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat und sich mit Alkohol und Medikamenten betäubt und antreibt. Angesiedelt in den 1950er- und 1960er-Jahren kommt neben dem Ost-West-Konflikt und Kaltem Krieg auch das Leben und der Wunsch nach Selbstbestimmung in patriarchalen Strukturen zum Tragen. Selbst wenn man kein großes Interesse für Schach haben sollte, bewegt das persönliche Schicksal der besonderen Hauptfigur, wobei man mit Spannung verfolgt, ob sie ihr großes Ziel, den amtierenden Schachweltmeister zu schlagen, mit nur 18 Jahren erreichen kann, ohne an ihren eigenen Ambitionen zugrunde zu gehen.
Eine stille Meisterleistung über Genie, Abhängigkeit und weibliche Selbstbehauptung
Bewertung am 02.08.2025
Bewertungsnummer: 2556221
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Walter Tevis’ Roman Damengambit entfaltet eine intensive literarische Kraft, die weit über die packende Schachwelt hinausgeht. Obwohl vielen die Netflix-Adaption bekannt sein dürfte, gelingt es dem Buch auf ganz eigene Weise, eine tiefere emotionale und psychologische Dimension zu eröffnen – getragen durch einen feinfühligen, präzisen Erzählstil, der Leserinnen und Leser unmittelbar in Beth Harmons Innenwelt zieht.
Tevis’ Schreibstil ist ruhig, beinahe stoisch – aber gerade darin liegt seine Stärke. Ohne große Ausschmückung gelingen ihm Szenen von atmosphärischer Dichte, die Beths Isolation, ihren Ehrgeiz und die Leere zwischen den Wettkämpfen eindrucksvoll spürbar machen. Das Buch liest sich wie ein gut durchdachtes Spiel: strategisch, konzentriert und mit einem klaren Fokus auf innere Entwicklung statt dramatischer Effekte.
Besonders eindrücklich ist die Darstellung von Beths Kampf gegen ihre Sucht – eine Sucht, die weniger aus Rebellion entsteht, als aus einem Mangel an Alternativen. Die Tranquilizer in der Waisenhausapotheke sind für sie kein Exzess, sondern ein erlernter Bewältigungsmechanismus gegen Druck, Einsamkeit und Orientierungslosigkeit. Ihre Abhängigkeit steht exemplarisch für eine Generation junger Frauen, die Stärke beweisen mussten, ohne je gelernt zu haben, was emotionale Stabilität bedeutet.
Auch Mrs. Wheatley, ihre Adoptivmutter, bleibt im Gedächtnis. Ihre Lebensrealität steht sinnbildlich für viele Frauen der Nachkriegszeit, die – statt Scheidung oder Neuanfang – einfach zurückgelassen wurden. Ihre emotionale und wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrem Ehemann wird leise, aber beklemmend deutlich. Diese Figur wirft einen ungeschönten Blick auf weibliche Abhängigkeit in einer Zeit, in der gesellschaftliche Rollenbilder wenig Raum für individuelle Selbstverwirklichung ließen.
Fazit:
Damengambit ist weit mehr als ein Schachroman. Es ist ein literarisch fein komponiertes Porträt eines weiblichen Genies, das gegen äußere und innere Gegner kämpft – oft gleichzeitig, oft wortlos. Tevis hat ein Werk geschaffen, das auch nach dem Schließen der letzten Seite nachwirkt. Wer sich auf die Tiefe dieser Geschichte einlässt, entdeckt nicht nur den Geist des Spiels, sondern auch die Tragik und Stärke einer jungen Frau, die nie gelernt hat, schwach sein zu dürfen.
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