Blutbuch
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2022 und dem Schweizer Buchpreis 2022 — Ausgezeichnet mit dem Deutschen Buchpreis 2022 und dem Schweizer Buchpreis 2022
Die Erzählfigur in ›Blutbuch‹ identifiziert sich weder als Mann noch als Frau. Aufgewachsen in einem Schweizer Vorort, lebt sie nun in Zürich, ist den engen Strukturen der Herkunft entkommen und fühlt sich im nonbinären Körper und in der eigenen Sexualität wohl. Doch dann erkrankt die Großmutter an Demenz, und das Ich beginnt, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Warum sind da nur bruchstückhafte Erinnerungen an die eigene Kindheit? Wieso vermag sich die Großmutter kaum von ihrer früh verstorbenen Schwester abzugrenzen? Und was geschah mit der Großtante, die als junge Frau verschwand? Die Erzählfigur stemmt sich gegen die Schweigekultur der Mütter und forscht nach der nicht tradierten weiblichen Blutslinie.
Dieser Roman ist ein stilistisch und formal einzigartiger Befreiungsakt von den Dingen, die wir ungefragt weitertragen: Geschlechter, Traumata, Klassenzugehörigkeiten. Kim de l’Horizon macht sich auf die Suche nach anderen Arten von Wissen und Überlieferung, Erzählen und Ichwerdung, unterspült dabei die linearen Formen der Familienerzählung und nähert sich einer flüssigen und strömenden Art des Schreibens, die nicht festlegt, sondern öffnet.
Kundinnen und Kunden meinen
3.5/5.0
Bewertung
Book Circle Community
5/5
26.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Deutsch ist keine Fremdsprache - aber eine fremde Sprache
Blutbuch ist ein sprachmächtiger, formal radikaler und zutiefst bewegender Roman, der mich nicht nur durch seine Thematik, sondern auch durch seine poetische Struktur fasziniert hat. Kim de l’Horizon ,,macht Schluss’' mit den Strukturen, wie Mensch sie kennt und nimmt einen mit auf eine Reise in eine Welt, die gleichermassen intim als auch universell ist.
Besonders berührt haben mich die wiederkehrenden Motive von „Meer“ und der Parallele zum ,,Wasser’'. Kim de l’Horizon vermischt die Begriffe und knüpft neue Ansätze und neue Interpretationen an diese Wörter. Das Wasser erscheint als Ort des Übergangs – zwischen Identitäten, Generationen, zwischen dem Sagbaren und dem Unsagbaren.
Im Kontrast dazu steht die Blutbuche, die sich wie ein roter Faden durch den Roman zieht. Sie ist ein Symbol für Herkunft, Verwurzelung – aber auch für Erstarrung, für eine Ahnenreihe, die belastet und einen (ver)formt und einem innerlich einen Stempel aufdrückt. Die Blutbuche ist Stammbaum, Familienarchiv, aber auch eine Mahnung an das Anderssein. Sie ist nicht „wie die anderen Bäume“: zu groß, zu rot, zu auffällig. Gleichzeitig birgt sie Ambivalenz: Sie steht für Stärke und Wachstum, aber auch für einen Stolz, der sich manchmal über andere erhebt – wie ein Gewächs, das sich für etwas Besseres hält.
Diese beiden Motive – das fließende Wasser und der starre Baum – stehen im Spannungsverhältnis zueinander, genau wie viele der Identitätsfragen, die im Roman verhandelt werden. Es ist gerade diese kunstvolle Verflechtung der Bilder und Themen, die Blutbuch so besonders macht. Der Text tastet sich mutig und verletzlich zugleich an familiäre Traumata, an Sprachlosigkeiten und an die Frage heran, wie man ein „Ich“ erzählen kann, das sich nicht in binären Kategorien fassen lässt.
Kim de l’Horizon hat mit Blutbuch ein literarisches Ereignis geschaffen, das formal experimentierfreudig ist und zugleich zutiefst menschlich. Ein Buch, das herausfordert, das sich weigert, sich einordnen zu lassen – und genau darin seine Stärke entfaltet. Für mich ist Blutbuch ein herausragendes Werk der Gegenwartsliteratur, das lange nachwirkt.
J
5/5
16.10.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Das Buch ist anders. Fordernd...
Das Buch ist anders. Fordernd und kurvenreich und anstrengend, und provokant… und trotzdem ganz zart. Es ist notwendig, es geduldig zu Ende zu lesen, um es zu verstehen. Wer mit dem Schreibstil (und Zeitsprüngen) nicht warm wird, könnte es im (Magdeburger) Theater anschauen.
speedy208
Book Circle Community
5/5
17.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Orientierungslosigkeit im 21.Jahrhundert
Wow, was für ein Stoff! Eigentlich hatte ich gar keine Vorstellung, worum es geht, als ich anfing. Dann aber realisierte ich, dass das Buch eine Art Hommage an seine Grossmutter bzw. seine mütterliche Line, Seite war. Eine Mischung aus Autobiographie, Autofiktion, Sozialkritik, historischem Roman und Spurensuche, dabei bewusste “Vergewaltigung” von Sätzen, Verben unterschlagend, teils Dialekt, teils Helvetismen (französisch angehaucht) und immer wieder Coming-Out als Non-Binärer. Er fühlt sich als Frau in einem Männerkörper, lackiert sich bewusst Nägel und Zehen, fickt (!) bzw. hurt telquel herum. Gibt seiner Mutter zu verstehen, dass er ein Intellektueller ist, obwohl er ihr zwischen die Matur reingerutscht ist und sie nur Coiffeuse wurde, also nicht studieren konnte.
Der Roman in der Ich-Form geschrieben, wirkt autobiographisch. Aber ob es das wirklich ist? Männer kommen nciht gut weg, ausser als Sexobjekte.
Sein Verhältnis zu seiner Mum/Meer ist zwiespältig; er hält sie für kalt. Erfährt gegen Ende des Buches, dass sie nach der verschollenen Schwester seiner Grossmutter (Grossmeer) benannt wurde Irma. Auch das Verhältnis seiner Grossmutter Rosmarie zu deren älterer, früh verstorbener Schwester Rosmarie taucht immer wieder auf. Und die Männer der Familie wirken wie Schlappschwänze gegenüber den starken Frauen.
Den roten Faden des Buches bildet neben der Grossmutter, die dement wird, die Blutbuche, der Baum im Familiengarten, sein Trost. Also könnte man auch hier sagen: der Stamm-Baum. Diesem Stamm-Baum widmet er ziemlich viele Kapitel, die vom 13.Jahrhundert (!) bis ins 19.Jahrhundert reichen, beschreibt die weibliche Linie, seine Urahninnen. Es wimmelt also von Müttern, Mutterkuchen etc.
Im 5.Kapitel wechselt er dann die Sprache, schreibt in Englisch. Obwohl ich recht gut Englisch kann, ist es eine Art “Gassen-Englisch”, was er sich hätte sparen können, denn: Dreht man das Buch um zur letzten Umschlagkappe, ist eben dieses 5.Kapitel in jenem Kim-eigenen Deutsch geschrieben! Was soll das? Wozu das Ganze?
Dann driftet er ab zu Frauenthemen, wie dass gebärunfähige Frauen unbrauchbar wären und operativ ihre Gebärmutter (Uterus) verlören, um Krebs zu vermeiden. Oder zu Homosexuellen, die es vermeiden, öffentlich ihre Gesinnung zu zeigen, z.B. mittels lackierten Nägeln. Oder dann zur:m Bildung/Studium des 21.Jahrhunderts, wo das Geld oder das Geschlecht nicht mehr darüber bestimmt. Ja, das Geschlecht: das zentrale Thema des Romans. Grossmutter und Mutter akzeptieren Kims Anders-Sein. Seine Grossmutter noch mehr als die Mutter, die schliesslich auch mit ihrer Freundin und derem baldigen Baby zusammenzieht.
Was mich allerdings enttäuscht hat: Kims, also des Autors, Arroganz: dass er auf seine Mutter lange herabsieht, bis er ihre recherchierte Biografie der Grossmutter findet und liest. Ausserdem die unzähligen Sexszenen, ob jetzt geträumt oder erlebt. Wirkt verstörend, wenn er jemanden - jemenschen (er vermeidet jemand, niemand zu sagen) - anmacht, gleich zur Sache geht, erigiert wird und sich in seinen Orgasmen ergiesst. Könnte man vergessen.
Alles in allem ein überraschender, erfrischender Roman, der aber als Schauspiel enttäuscht. Aber dieses Buch lässt sich nicht 1:1 auf die Bühne bringen bzw. man könnte es schon, tat man aber nicht. Das was aus dem Schauspiel geworden ist, kann man vergessen, das Buch, die Vorlage, aber nicht. Ein Buch, ein Deutsch der Neuzeit, bewusst verstümmelt. Für Leser von Kims Generation (Z oder Y) verständlich, aber für gesetzte Semester (Senioren) kaum nachvollziehbar. Ein Freund kapitulierte nach 20 Seiten!
Bewertung
5/5
17.04.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman wie kein anderer
Der Anfang war etwas schwer für mich zum reinkommen, auch wenn er sprachlich sehr gut war. Aber ab Teil zwei war dieses Buch wirklich ein sprachlicher Schmaus! Kim de l’Horizon hat wirklich eine Welle an wunderschöner und gleichzeitig verschwimmender Sprache verwendet, um deren Lebensweg und den vieler anderer zu beschreiben. Ab Teil zwei konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe auch ein paar Nächte dafür geopfert. Es geht um die Auflösung und dem Verschwimmen der Geschlechter/Geschlechtsidentitäten, Geschlechterzuweisungen und Klischees. Es geht um Loslösung von und die Verschmelzung mit der Verwandtschaft, den Eltern, den Großeltern und wie alle miteinander verwurzelt sind. Hexerei, Umzug, Freundschaft, Wahrheit, Illusion, Generationen an Wissen, Unterdrückung und Standhaftigkeit. All das und mehr findet sich in diesem Buch.
So eine Sprache, nein so ein Roman habe ich auch noch nie zuvor gelesen.
Eine Empfehlung für jeden Belletristik begeisterten Menschen!
Bewertung
5/5
24.06.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses völlig zu Recht mit dem...
Dieses völlig zu Recht mit dem Deutschen und Schweizer Buchpreis ausgezeichnete Werk gehört für mich zu den großartigsten Büchern der letzten 20 Jahre. Unfassbare Sprachzärtlichkeit bei gleichzeitig knallhartem Inhalt. Hochsensibel und verstörend. Ein Buch das bleibt.
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