Was bedeutet Familie? Was heißt jüdisch sein? Wie umgehen mit Alter, Krankheit, Tod? Yasmina Rezas neuer Roman kreist um große Fragen. Die Geschwister Popper: Serge, verkrachtes Genie und homme à femmes, Jean, der Vermittler und Ich-Erzähler, und Nana, die verwöhnte Jüngste mit dem unpassenden spanischen Mann. Eine jüdische Familie. Nach dem Tod der Mutter entfremdet man sich immer mehr. Zu ihren Lebzeiten hat keiner die alte Frau nach der Shoah und ihren ungarischen Vorfahren gefragt. Jetzt schlägt Serges Tochter Joséphine einen Besuch in Auschwitz vor. Virtuos hält Reza das Gleichgewicht zwischen Komik und Tragik, wenn bei der touristischen Besichtigung die Temperamente aufeinanderprallen. Hinter den messerscharfen Dialogen ist es gerade die existenzielle Hilflosigkeit dieser Menschen, die berührt. Bissig, zärtlich und herzzerreißend komisch interpretiert von Sprecher Peter Jordan.
Kundinnen und Kunden meinen
3.8/5.0
Bewertung
5/5
04.04.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Starke Themen, gut erzählt
Serge ist ein unsympathischer Zeitgenosse, ein Gernegroß. Mit Frauengeschichten ruiniert er seine Partnerschaft, übergeht die Wünsche anderer und missachtet Menschen, ohne sich je wirklich auf sie einzulassen. Yasmina Reza hat mit ihm eine starke Figur erschaffen, mit deren Hilfe sie in ihrem schmalen, flott und anregend zu lesenden Buch viel thematisiert, was uns betrifft: den Umgang mit Erinnerungskultur, Einsamkeit, Schwäche, Familienzusammenhalt und Geschwisterliebe.
Edith Berger
aus 3istau
5/5
23.03.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
großes Lesevergnügen
Die ideale Vorstellung von Familie ist immer eine romantische von Schutz und Geborgenheit. Meist ist es eine Herausforderung. Das ist bei der Familie Popper nicht anders. Nach dem Tod der Mutter ist die Verbindung der Geschwister Serge, Jean und Nana eher lose. Ihre jüdischen Wurzeln sind zwar präsent, das Interesse an der Geschichte ihrer Vorfahren eher nicht. Das ist bei der nachfolgenden Generation anders. Serges Tochter überredet die Geschwister, gemeinsam das Konzentrationslager Auschwitz zu besuchen.
Bewertung
5/5
07.03.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was für ein Roman
Dieser Roman ist so vieles zugleich: eine Familienstudie mit den unterschiedlichsten Charakteren, er ist komisch durch seinen stellenweise doch recht bissigen Humor und er erzählt von den verschiedenen Herangehensweisen an die ernste Geschichte dieser jüdischen Familie.
"Serge" öffnet den Blick der Leser:in für unterschiedliche Thematiken und Arten und Weisen mit eben diesen umzugehen.
Bewertung
4/5
21.04.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Geschwister
Nicht einfach zu bewerten, für mich hat das Buch viele interessante Momente, durch Rückblicke , Ortswechsel und Themenwechsel ist der roten Linie nicht immer leicht zu folgen.
Der Besuch von Auschwitz und Birkenau ist für mich der lesenswerteste Abschnitt. Ambivalent und literarisch hohes Niveau.
dracoma
aus LANDAU
4/5
05.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein leichtes Stück über…
Ein leichtes Stück über Auschwitz? Und dann noch Imre Kertesz gewidmet, dem einsamen Unbehausten, der sein Leben lang unter dem Trauma seines KZ-Aufenthalts litt? Das hat mich irritiert, aber weil das Buch nun einmal da war, habe ich es auch gelesen. Und siehe da: Yasmina Reza gelingt wirklich ein unglaublicher Spagat. Im Mittelpunkt steht eine jüdische Familie in Paris: drei Geschwister, und der mittlere Bruder Jean ist der Ich-Erzähler. In treffsicheren Dialogen nimmt der Leser teil an ihren Kabbeleien, an ihren Streitereien, aber auch an ihren beruflichen Problemen und ihrem wirklich komplizierten Beziehungsalltag. Die Elterngeneration, die die Geschwister früher als kraftvolle Vorbilder erlebt hat, siecht dahin, wird zunehmend unselbständiger, die Alten müssen betreut und betüttelt werden – kein Gedanke mehr an frühere Pläne, kraftvoll und selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden! Noch hält die Mutter mit ihren sonntäglichen Mittagessen die Familie zusammen. Aber mit ihrem Tod verlieren die Geschwister nicht nur ihren Bezugspunkt, sondern auch die letzte Zeitzeugin ihrer Familiengeschichte der Shoa. Und so müssen sie sich neu formieren. Dazu beschließen sie, eine Reise nach Auschwitz zu machen, dem Ort, an dem die Familie ihrer Mutter ermordet worden war. Auschwitz präsentiert sich als touristisch perfekt durchorganisiert. Die Massen pilgern von einem grausigen Anziehungspunkt zum nächsten, angetan mit Sonnenbrille und geblümten Shorts, und eigentlich fehlt – dachte ich – nur noch der Würschtlstand an einer versteckten Ecke. Die bizarre Situation wird gesteigert durch die Erinnerung an eine Klassenreise, bei der die Lehrerin angesichts dieses Massentourismus loslachen musste und nicht mehr aufhören konnte. Auch die Familie wuselt durch die „Sehenswürdigkeiten“, die einen sind interessiert, den anderen ist es zu warm, sie schwitzen, lassen ihrer schlechten Laune freien Lauf und entziehen sich der Betrachtung des Grauens. Dieser Gegensatz zwischen dem großen Vorhaben, der Familiengeschichte auf die Spur zu kommen, und der Verwirklichung bzw. dem Scheitern dieses Vorhabens hat etwas Groteskes, aber auch etwas Tragisches. Und auch die kommenden Versuche, die Familie zusammenzuhalten, haben etwas Morbides und sind von diesem Gegensatz geprägt. Wie die Autorin den Bogen spannt zwischen dem Ernst, der diesem Ort (und auch folgenden Ereignissen) zukommen muss, und der Komik, die sich am Miteinander der Familie zeigt – das ist gekonnt. Souverän hält sie die Balance, wenn wir ihre unbeholfene, desorientierte, aber dennoch sympathische Familie auf ihrer Identitätssuche begleiten. Einer Identitätssuche, die nicht gelingt. Fazit: Ein kunstvolles, aber sehr unterhaltsames Buch über Identität und ein besonderer Beitrag zur Erinnerungskultur.
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