Ein norwegisches Tal im Jahr 1880: Der junge Pfarrer Kai Schweigaard will in Butangen eine neue Kirche bauen. Dafür muss die 700 Jahre alte Stabkirche weichen. Mit ihr die beiden Glocken, denen übernatürliche Kräfte zugeschrieben werden. Und die auf Gedeih und Verderb zusammenbleiben müssen – wie die beiden Hekne-Schwestern, siamesische Zwillinge, zu deren Gedenken sie vor langer Zeit gestiftet wurden. »Eines Tages wirst du dafür bluten«, prophezeit die Hekne-Nachkommin Astrid, die sich vergeblich für den Erhalt des Glockenpaars einsetzt. Das Unglück nimmt seinen Lauf. Astrid stirbt im Kindbett nach der Geburt von Zwillingen, von denen angeblich nur einer überlebt, Jehan. Den Pfarrer plagen Schuldgefühle. Wie lässt sich das Glockenpaar zurückgewinnen? Die Legende sagt, dass nur zwei »Folgebrüder«, also Zwillinge?, die Glocken wiedervereinen können.Butangen im Jahr 1903: Jehan lebt als Bauer in bescheidenen Verhältnissen. Ihn zieht es in die Freiheit, zu Fischerei und Rentierjagd. Eines Morgens im August erlegt er einen gewaltigen Rentierbock – und begegnet in diesem Moment einem rätselhaften Fremden. -
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Wedma
5/5
24.11.2021
Hörbuch-Download
Wunderbares Hörerlebnis dieses großartigen Romans.
Eine würdige Fortsetzung von der „Glocke im See“. In mancher Hinsicht ist sie stärker, da vielfältiger an dargebotenen Themen, reichhaltiger an tiefschürfenden Gedanken. Insgesamt ist es ein sehr kennenlernenswerter Roman, den ich gern weiterempfehlen kann. Sehr schön gelesen von Irina Salkow.
Ein wenig musste ich mich anfangs da einleben. So urig, atmosphärisch, archaisch wie so manche Schilderung rüberkam, unterschieden sich die Geschehnisse schon sehr vom Alltag heute. Aber spätestens nach 10% des Hörbuchs wurde es so spannend, dass ich kaum eine Pause einlegen konnte. Es passierte immer wieder was und warf jede Menge Fragen auf. Man sprang zwar in den Zeiten und Orten, was anfangs etwas irritierte, aber nachdem die Geschichten angelaufen waren, konnte ich problemlos mitgehen und alle Stränge prima mitverfolgen. Geschichten, weil es mehrere sind. Jede hat ihre eigene Entwicklung, hängt aber mit den anderen zusammen und irgendwann kommen sie zum guten, zufriedenstellenden Ende. So manche Wendung hat bis zu Tränen gerührt. Und der Schluss erst recht.
Die Figuren aus Teil 1 sind zum größten Teil auch da. Selbst die Astrid, die Mutter von den Zwillingen, ist latent sehr gut präsent bis zum Schluss. Hier wurde hpts. die Geschichte der Zwillingsbrüder erzählt. Für Spannung sorgte die Frage, ob sie es doch schaffen, die Glocke aus dem See zu heben. Aber auch die Geschichte des Pfarrers und seine Suche nach dem Hekne-Teppich, die Geschichten um das Kissen der Hekne-Schwestern usw. waren sehr interessant und spannend.
Die Vielfalt an Themen, auch eher seltenen, wie Farbgebung und Muster schottischer Tartans aus dem 16 Jh., die Gewinnung der Farben für den Hekne-Teppich, die Muster auf diesem Teppich und was sie zu bedeuten hätten. Auch die Käseproduktion Anfang des 20 Jh. in Norwegen, das Leben auf dem Hekne-Hof, die Gestaltung der Ernte, wie Männer mit der Sense die Felder abmähen mussten, eine sehr beeindruckende Darstellung. Aber auch die Themen wie Familie, Freundschaft, Familienzusammenhalt, Liebe, Ehre, unbändiger Lebenswille uvm. wurden gekonnt in den Erzählteppich eingewoben. Die tiefschürfenden Gedanken begleiteten in der gesamten Länge und bereicherten das Ganze ungemein.
Irina Salkow hat sehr schön gelesen. Ihre angenehme, wohl geübte Profi-Stimme und ihre Art passten wunderbar zu diesem Roman. Jede Figur hatte ihre eigene Stimme, ihre eigene Art zu reden, z.B. die Bäuerinnen mit ihrer einfachen Art, der überhebliche Großbauer, die alten Frauen, der herzensgute Pfarrer usw., und war somit gleich wiedererkennbar. Den emotionalen Zustand der Figuren konnte ich auch gut heraushören. Auch deshalb konnte ich stundenlang lauschen und mochte keine Pause einlegen.
Fazit: Wunderbares Hörerlebnis dieses großartigen Romans. Unbedingt kennenlernenswert.
Aischa
aus Kissing
5/5
30.01.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Große nordische Erzählung
Bereits der erste Band der Trilogie rund um das Gudbrandsdal ("Die Glocke im See") konnte mich begeistern; ich habe diesen Roman regelrecht verschlungen. Und auch "Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund" hat mich nicht enttäuscht, Lars Mytting ist einfach ein grandioser Geschichtenerzähler.
Diesmal begleiten wir - neben ein paar alten Bekannten - die nächste Generation. Der Alltag im engen norwegischen Tal ist hart und entbehrungsreich, doch mit der Nutzung der Wasserkraft hält die Elektrizität Einzug in die Höfe und bringt Erleichterungen in Arbeits- und Privatleben. Nach wie vor spielt nordische Mystik eine Rolle, sie tritt jedoch im Vergleich zum ersten Band etwas mehr in den Hintergrund. Dafür spielt die Zeitgeschichte eine große Rolle. Die Dörfler bekommen die schrecklichen Folgen des ersten Weltkriegs zu spüren, und auch die spanische Gruppe fordert zahllose Opfer. Überaus gelungen ist das Erzähltempo, anfangs noch überwiegend ruhig und beschaulich, so als ob es das gemächliche Landleben wieder spiegelt. Im weiteren Verlauf kommen die Ereignisse Schlag auf Schlag, nicht jede Veränderung kündigt sich an, ganz so als ob sich der durch wissenschaftliche und technische Fortschritte schnellere Zeitlauf auch im Aufbau des Romans niederschlägt.
Besonders hervorheben möchte ich die starken Frauenfiguren, die Mytting zeichnet, und die ebenso wie die atmosphärischen Landschafts- und Tierbeschreibungen die Liebe des Autors zu seiner Heimat spürbar werden lassen.
Mich hat der Roman richtiggehend verzaubert, ich empfehle jedoch für ein optimales Leseerlebnis, den ersten Teil der Trilogie vorab zu lesen.
Bewertung
aus Hahnenbach
5/5
08.11.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Seit hunderten von Jahren hängt alles mit allem zusammen
Um es vorweg zu sagen, dieses Buch ist wie eine Perle in der Literatur. Der Roman mit Bezug auf tatsächliche geschichtliche Ereignisse, als auch diese faszinierende Sprache - es passt einfach alles.
Sobald ich mich voll auf die Geschichte eingelassen hatte, war ich verzaubert von dieser nordischen Mystik, die in dem ganzen Buch präsent ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir vor einigen Jahren Norwegen 4 Wochen lang mit dem Wohnwagen bereisten und uns genau dort wo dieser Roman spielt, nördlich von Lillehammer, für einige Tage aufgehalten haben. Schon während unseres Aufenthaltes waren wir von dieser schieren Endlosigkeit des Fjells angetan. Ab und zu stand da mal ein Sommerhaus an einem See. Ansonsten unendlich Natur. Man konnte das Gefühl haben, allein auf der Welt zu sein, da uns kaum jemand - wenn man von den vielen freilaufenden Schafen absieht - begegnete. Wir besichtigten auch 2 Stabkirchen und wanderten über Friedhöfe, die meist ganz anders angelegt waren als bei uns. Und genau das, was wir auf unsere Reise sahen und empfanden, gibt der Autor in seinem Buch wider. Mir ging das Herz auf.
Doch jetzt zum Inhalt. Zu Beginn geht es zurück in den 1. Band der Trilogie, zu den siamesischen Zwillingen, den Hekne-Schwestern, die mit ihren geschickten Händen Kunstwerke wie Kissen oder diesen sagenumwobenen Wandteppich erschufen. Es war als wüssten sie, was sich alles nach ihnen ereignen wird, denn ihre Motive erzählen davon.
Seite 99, Kai Schwaigaart: "Das Kopfkissen ist den Träumen des Einsamen ganz nah."
Kai Schwaigaard, der Pfarrer in Butangen kennen wir schon vom ersten Band. Er war verliebt in Astrid, konnte aber deren Herz nicht gewinnen, da der deutscher Architekt Schönauer kam die Stabkirche zu zeichnen, anschließend abzubauen und nach Dresden zu verschicken, wo sie wieder aufgebaut wurde. Er zeichnete nicht nur die Kirche sondern auch Astrid, die sich in ihn verliebte und später bei der Geburt ihrer Zwillingen starb. Ab da setzt die eigentliche Geschichte des zweiten Bandes ein.
Wir lernen Jehans kennen, einer von Astrids Söhnen. Der zweite Junge sei bei seiner Geburt verstorben, hieß es. Auch Jehans musste, wie alle anderen Bewohner auch, bei Oswald, dem reichsten Landbesitzer der Gegend, Frondienste leisten. Dieser, ebenfalls ein Hekne, bestimmte über das Land und vor allem über die Menschen. Oswald missbrauchte seine Macht wann immer es ihm beliebte und warf die Menschen von den Höfen, vertrieb sie von dem Land das sie bestellten. Die Handlung des Buches ist in einer Zeit vor etwa 130 Jahren angesiedelt. Was für ein Unterschied zum heutigen Leben, wie wir es in Europa kennen. Während unserer Reise durch Norwegen besichtigten wir auch das Freilichtmuseum Maihaugen und während ich dieses Buch las erinnerte ich mich wieder an diesen Besuch. Vor meinen inneren Augen erstanden wieder die alten Hütten und Häuser des Museums, in denen zu früheren Zeiten die Menschen in Norwegen lebten.
Wieder zurück zum Roman: Doch Jehans ist mehr als nur ein Arbeiter auf dem Hekne-Hof. Kai Schwaigaart versprach sich um ihn zu kümmern und ihm Bildung zu vermitteln. Er lehrte ihn Englisch und brachte ihn mit Hilfe von Büchern mit der moderneren Welt da draußen in Kontakt. Jehans war aber auch ein Jäger und ging auf die Rentierjagd. Kannte deren Gewohnheiten und wie man sich ihnen am besten näherte.
Seite 50: "Die Rentiere kamen den Berghang herab wie die franz. Kavallerie."
Auf seiner Pirsch traf er auf den Engländer Victor, der sich ebenfalls auf Rentierjagd befand. Gleichzeitig hatten sie auf das Tier geschossen und es war nicht mehr genau auszumachen, welcher Schuss das Tier tötete. Auch da kommt wieder dieses Übersinnliche der nordischen Mystik zum tragen, als die beiden Männer sich ohne viel Worte zu wechseln, verstehen. Es ist, als wüssten sie, was der Andere in nächsten Moment zu tun gedenkt. Eine Verbindung jenseits des Erklärbaren. Man einigte sich schnell in Bezug auf das Rentier. Mehr will ich dazu nicht verraten. Von da an überschlagen sich fast die Ereignisse.
Der Roman spielt über mehrere Jahrzehnte. Auch diese abgeschiedenen Ansiedlungen bekamen den ersten Weltkrieg zu spüren. Und als man froh darüber war alles hinter sich zu haben, fand die spanische Grippe ihren Weg nach Butangen. Immer wieder spielen die kunstvollen Kissen und der Wandteppich der Hekne-Schwestern eine Rolle. Haben sie nicht vor Jahrhunderten schon all diese Ereignisse durch ihre Motive in dem Teppich dargestellt? Die Schwesternglocken, von denen eine in Dresden in der Stabkirche hängt und die zweite auf dem Grund des dunklen Sees in Butangen liegt um von dort zu läuten, dass es die Menschen hören und gewarnt werden.
Wie oben schon erwähnt, ist die nordische Mystik in diesem Buch allzeit gegenwärtig.
Geplant ist eine Trilogie. Natürlich kann man diesen 2. Band lesen, ohne den vorherigen zu kennen, da dieses Buch in sich abgeschlossen ist. Doch ich würde jedem empfehlen, zuerst den 1. Band zu lesen oder als Hörbuch zu hören. Die Hekne-Schwestern, Kai Schwaigaart, Astrid, Schönauer und vor allem Butangen werden im ersten Teil dem Leser nahe gebracht und im 2. Band hat man das Gefühl, zu liebgewordenen Bekannten zurück zu kehren.
Eduard Häfliger
aus Menzingen
5/5
14.02.2022
eBook (ePUB)
Ein Rätsel auf blauschwarzem Grund
Meisterhaft erzählter mit viel Mystik angereicherter zweiter Band der Trilogie von Lars Mytting. Wiederum spannend und geschickt in Erzählstränge geschnitten. Ich warte ungeduldig auf den dritten Band.
Shannon
5/5
30.01.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartige Fortsetzung der "Glocke"!
Was habe ich auf dieses Buch gewartet! Der erste Teil der „Glocke“ war mein Einstieg in die Welt von Lars Mytting, die mir schon wunderbare Stunden beschert hat. Der erste Teil war noch geprägt vom Aberglauben der ländlichen Bevölkerung, dem Wissendurst eines jungen Deutschen, dem Ehrgeiz eines neuen Pfarrers und der Sehnsucht nach Mehr einer jungen Bauerstochter von Hekne, dem Landgut, auf das uns auch der zweite Teil entführt.
Hier treffen wir Jehans, dem einen der Zwillinge, die wir aus Teil 1 kennen. Er lebt in einer Armut, die für uns kaum vorstellbar ist. Der Onkel auf dem Gut Hekne will nichts von ihm wissen und schikaniert ihn bis aufs Blut. Mit List trennt er ihn auch von seinem Förderer, dem Pfarrer Kai Schwaigaard, der seit dem Tod von Astrid schwer mit seinem Schicksal hadert.
Sprachlich wundervoll beschreibt Mytting die Rivalität zwischen dem Großbauern von Hekne und seinem jungen Neffen etwa bei einem Sensenkampf:
„Ein Hahnenkampf war das, blind und dumm und wild, die Sensjagd ließ die Männer zu Tieren werden, eine Jagd ganz ähnlich der von Raubtieren, denn sie galt den Achillessehnen des Opfers. In sie schlug der Wolf die Zähne, um den Elchbullen zu Boden zu zwingen, und ebenso würde ein Schnitt mit der Sense einen Mann fällen und für den Rest seines Lebens zum Humpeln verdammen. So etwas geschah aber nie, denn die Angst vor dieser schweren Verletzung brachte noch den schlimmsten Hitzkopf zur Vernunft, und die seltenen Male, dass sich zwei zur Sensjagd herausgefordert hatten, endete es stets so, dass einer von ihnen aufgab, erschöpft und gedemütigt. Dann stapfte er bergab, Tränen im Augenwinkel, vor allem, wenn es ein älterer Mann war, denn was ihn eigentlich eingeholt hatte, war das Alter, und er musste an eine andere Sense denken, die ihm viel zu bald nachsetzen würde, die des Todes.“
Während Jehans also mit seinen Dämonen kämpft, hat unser Pfarrer Kai Schweigaard durch die vielen Jahre in den Bergen seine eigenen Ansichten zu einem guten Teil revidiert. Plötzlich scheint der Aberglaube auch ihn zu durchdringen, wo er ihn doch früher ablehnte und abzuschaffen trachtete:
„… dass man Vorahnungen haben konnte – das hatte er selbst mehrmals erlebt. Gerade mit Rohme. Es kam vor, dass Kai dessen leise Schritte im Hausflur hörte, ihn aber wenige Minuten danach durchs Fenster draußen auf dem Hofplatz sah, bevor er dann hereinkam, mit eben genau diesen Geräuschen. Bei so was zuckte Kai einfach nur mit den Schultern, das war eben, wie es war, und so hatte er kürzlich mit großem Interesse von der Verteidigung der Wunder des Augustinus gelesen. Dass diese gar nicht im Widerspruch zu den Naturgesetzen geschähen – sondern nur im Widerspruch zu den Naturgesetzen, soweit diese uns bislang bekannt sind.“
Der dritte Protagonist erscheint in Gestalt von Victor, einem jungen Adligen aus England, der sich seltsam hingezogen fühlt zu Land und Leuten. Wie kann es sein, dass die Rentierjagd mit dem gleichaltrigen Jehans mit so einer ruhigen Kongruität von statten geht, fast so, als wäre der Andere ein Teil seiner selbst?
Mytting webt hier weiter an seiner Geschichte wie einst die Hekne-Schwestern an ihrem Teppich, den Kai Schwaigaard immer noch zu finden trachtet. Er tut dies mit einer Ruhe und Bestimmtheit, die den furchtbaren Ereignissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trotzt – denn auch Norwegen wird nicht verschont von den Ereignissen in Resteuropa. Die Brüder sollten eigentlich die Glocke bergen, doch scheint schon das Zueinanderfinden ein schier unlösbares Problem.
Der zweite Teil der Glocke ist gelungen und hat meinen Erwartungen an das Buch voll entsprochen. Die Sprache, die allgemeingültigen Aussagen, die Mystik – alles Großartige des ersten Teiles ist wieder da! Ohne Zweifel strebt die Geschichte jedoch einem Abschluss entgegen und teilt somit das Schicksal vieler Mittelbände – es verknüpft einen Anfang und ein Ende – und das lässt hoffentlich nicht lange auf sich warten, denn die Figuren haben sich längst einen Platz in meinem Leserherz erobert.
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