Wer sind wir, wo leben wir, was haben wir, wie schützen wir uns und wer macht die Regeln? Diese Fragen treiben die Menschheit seit jeher um, und sie alle werden von der geographischen Lage bestimmt. Das zeigt Historiker, Archäologe und Bestsellerautor Ian Morris mit Blick auf Großbritannien, das einstige Imperium. Er erzählt die Geschichte seiner sich wandelnden Beziehungen zu Europa und der Welt, von der physischen Trennung am Ende der Eiszeit bis zu den ersten Anfängen des Vereinigten Königreichs, den Kämpfen um den Atlantik und dem Aufstieg der Pazifikregion.
Anhand von Landkarten, Bildern und neuesten archäologischen Funden untersucht Morris, wie Geographie, Migration, Politik und neue Technologien zusammenwirkten und Ungleichheiten hervorbrachten, die bis in die Gegenwart prägend sind. Wo steht Großbritannien und wo steht Europa, wenn sich die Weltbühne in Zukunft weiter nach Osten neigt? Eine weltumspannende Herausforderung, gezeigt wie in einem Brennglas.
»Ian Morris gilt als Vorreiter, wenn es darum geht, Weltgeschichte interessant und verständlich zu machen.«
Jared Diamond
Kundinnen und Kunden meinen
3.0/5.0
Wedma
4/5
25.05.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine interessante Sicht der Dinge.
Dieses Werk habe ich gern gelesen. Es hat einfach Spaß gemacht. Zumindest auf etwa 4/5 der Gesamtstrecke.
Der Autor kennt sich in seinem Fach Geschichte Großbritanniens bestens aus und weiß, sein Wissen bildhaft, sehr zugänglich und spannend zu präsentieren, und somit den Leser auf diese leichte und intelligente Art prima zu unterhalten.
Gerade diese Art der Stoffdarbietung hat auf weiten Strecken viel Lesevergnügen bereitet: diese Pfiffigkeit, der leicht ironisch-humorige Ton, wenn es um die früheren Zeiten in Teil I und II ging. Kapitel 7 im Teil II (Die Neuausrichtung: 1713-1815), auch Kapitel 8 (Weiter, immer weiter: 1815-1865), fallen sehr aussagestark aus: Sie beschreiben u.a. die Dinge, die damals zugrunde gelegt wurden, die wiederum das Geschehen in Europa heute plausibel erklären können. Der Autor liefert auch bestimmte Fakten, die einem auch historisch interessierten Leser bis dato nicht so geläufig waren. Spannende Vergleiche, z.B. Großbritannien im 16 und 19. Jh., wie sich das Land und Menschen entwickelt haben. Vergleiche der Könige, was der eine sich herausnahm und der andere nicht mehr konnte usw. setzen quasi ein Tüpfelchen auf dem i.
Die zahlreichen Karten, Fotos und Zeichnungen bereichern das Leseerlebnis ungemein. Geografie spielt (natürlich) eine große Rolle.
Leider, je näher die Erzählung zur Gegenwart rückte, desto öfter musste ich denken: So manches ist hier echt mit Vorsicht zu genießen, was mich das Ganze noch kritischer betrachten ließ. Die NATO-Denke machte sich auf der Strecke, die die Nachkriegszeit bis zur Gegenwart beschreibt, Teil 3, etwa hundert Seiten, deutlich bemerkbar. Mehrere Griffe der (plumpen) Meinungsmache traten zutage. (Lernen Sie mal bei Gelegenheit „Propaganda“ von Jaques Ellul kennen). Einiges wurde schöngeredet, anderes erst gar nicht erwähnt (Lesen Sie mal z.B. die Biografie von Leonid Breschnew aus der Feder von Susanne Schattenberg): Passte wohl nicht in den vorgegebenen Erzählrahmen. Das gezeichnete Bild geriet entsprechend stark verzerrt. Hier war vielsagender, was der werte Autor ausgelassen als das, was er gesagt hatte. Schade. Gerade diese leicht ironische Pfiffigkeit der ersten Hälfte, die das Werk aus der Masse gehoben hatte, fehlte im Teil 3. Beklemmung machte sich breit. Hier kamen mir die Worte von Ulrich Teusch („Lückenpresse“, „Der Krieg vor dem Krieg“, „Politische Angst“) oft genug in den Sinn: „Nachrichten im ‚Lückenjournalismus‘ sind gekennzeichnet durch spezifische Gewichtung, tendenziöse Bewertung (Doppelmoral) und teilweise gezielte Unterdrückung, was durch die gängigen Narrative in den Mainstream-Medien quasi systemimmanent geschieht.“ Just so war Teil 3 und teilweise die 2.te Hälfte von Teil 2 gestaltet. Klar, konnte man sich denken, dass ein Brite, der seit Jahrzehnten in den USA lebt und wirkt, wohl kaum was anderes bringen wird. Ich wollte mich aber nicht auf Vorurteile verlassen. Ich lasse mich diesbezüglich gerne mal überraschen. Es bleibt wohl dabei: „Wer die Wahrheit sagt, muss ein schnelles Pferd haben“, wie das alte Sprichwort sagt. Heute wagen nur wenige, die Dinge in aller Klarheit, den Tatsachen entsprechend zu beschreiben, und erst dann, wenn sie vom System nicht mehr finanziell und anderswie abhängig sind, wie Ulrike Guérot in ihrem sehr lesenswerten Werk „Wer schweigt, stimmt zu“ schreibt.
Dennoch ist „Geografie ist Schicksal“ ein durchaus kennenlernenswertes Buch geworden, das u.a. eine gute Erklärung abgibt, warum die Briten für Brexit gestimmt haben, und noch einiges mehr.
Das Buch ist hochwertig gestaltet: Festeinband, Umschlagblatt, Lesebändchen. Die vielen Karten, Fotos etc., Literaturverzeichnis, Register runden den guten Eindruck ab. Es ist schon ein dicker, recht schwerer Foliant geworden.
Für die Liebhaber der englischen Geschichte ein Muss.
Wedma
4/5
25.05.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Dieses Werk habe ich gern…
Dieses Werk habe ich gern gelesen. Es hat einfach Spaß gemacht. Zumindest auf etwa 4/5 der Gesamtstrecke. Der Autor kennt sich in seinem Fach Geschichte Großbritanniens bestens aus und weiß, sein Wissen bildhaft, sehr zugänglich und spannend zu präsentieren, und somit den Leser auf diese leichte und intelligente Art prima zu unterhalten. Gerade diese Art der Stoffdarbietung hat auf weiten Strecken viel Lesevergnügen bereitet: diese Pfiffigkeit, der leicht ironisch-humorige Ton, wenn es um die früheren Zeiten in Teil I und II ging. Kapitel 7 im Teil II (Die Neuausrichtung: 1713-1815), auch Kapitel 8 (Weiter, immer weiter: 1815-1865), fallen sehr aussagestark aus: Sie beschreiben u.a. die Dinge, die damals zugrunde gelegt wurden, die wiederum das Geschehen in Europa heute plausibel erklären können. Der Autor liefert auch bestimmte Fakten, die einem auch historisch interessierten Leser bis dato nicht so geläufig waren. Spannende Vergleiche, z.B. Großbritannien im 16 und 19. Jh., wie sich das Land und Menschen entwickelt haben. Vergleiche der Könige, was der eine sich herausnahm und der andere nicht mehr konnte usw. setzen quasi ein Tüpfelchen auf dem i. Die zahlreichen Karten, Fotos und Zeichnungen bereichern das Leseerlebnis ungemein. Geografie spielt (natürlich) eine große Rolle. Leider, je näher die Erzählung zur Gegenwart rückte, desto öfter musste ich denken: So manches ist hier echt mit Vorsicht zu genießen, was mich das Ganze noch kritischer betrachten ließ. Die NATO-Denke machte sich auf der Strecke, die die Nachkriegszeit bis zur Gegenwart beschreibt, Teil 3, etwa hundert Seiten, deutlich bemerkbar. Mehrere Griffe der (plumpen) Meinungsmache traten zutage. (Lernen Sie mal bei Gelegenheit „Propaganda“ von Jaques Ellul kennen). Einiges wurde schöngeredet, anderes erst gar nicht erwähnt (Lesen Sie mal z.B. die Biografie von Leonid Breschnew aus der Feder von Susanne Schattenberg): Passte wohl nicht in den vorgegebenen Erzählrahmen. Das gezeichnete Bild geriet entsprechend stark verzerrt. Hier war vielsagender, was der werte Autor ausgelassen als das, was er gesagt hatte. Schade. Gerade diese leicht ironische Pfiffigkeit der ersten Hälfte, die das Werk aus der Masse gehoben hatte, fehlte im Teil 3. Klar, konnte man sich denken, dass ein Brite, der seit Jahrzehnten in den USA lebt und wirkt, wohl kaum was anderes bringen wird. Ich wollte mich aber nicht auf Vorurteile verlassen. Ich lasse mich diesbezüglich gerne mal überraschen. Es bleibt wohl dabei: „Wer die Wahrheit sagt, muss ein schnelles Pferd haben“, wie das alte Sprichwort sagt. Heute wagen nur wenige, die Dinge in aller Klarheit, den Tatsachen entsprechend zu beschreiben, und erst dann, wenn sie vom System nicht mehr finanziell und anderswie abhängig sind, wie Ulrike Guérot in ihrem sehr lesenswerten Werk „Wer schweigt, stimmt zu“ schreibt. Dennoch ist „Geografie ist Schicksal“ ein durchaus kennenlernenswertes Buch geworden, das u.a. eine gute Erklärung abgibt, warum die Briten für Brexit gestimmt haben, und noch einiges mehr. Das Buch ist hochwertig gestaltet: Festeinband, Umschlagblatt, Lesebändchen. Die vielen Karten, Fotos etc., Literaturverzeichnis, Register runden den guten Eindruck ab. Es ist schon ein dicker, recht schwerer Foliant geworden. Für die Liebhaber der englischen Geschichte ein Muss.
Juti
aus HD
1/5
15.09.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
falscher Stolz Dieses…
falscher Stolz Dieses opulente Werk ist zum Brexit erschienen. Schon auf der zweiten Seite seines Textes (im Buch S.8) schreibt Morris zu den anderen Bücher, die die Entwicklung nur bis Camerons Erklärung 2013, dem Eintritt Großbritanniens in die EWG 1973, in die 40er Jahre oder allerhöchstens ins 16. Jahrhundert zurückgehen: „Ich bin überzeugt, dass keiner diese Analysen wit genug zurückreicht.“ Und er untermauert seine Behauptung mit dem Churchill-Zitat: „Je weiter man in die Vergangenheit blickt, desto weiter kann man in die Zukunft sehen.“ Auf S. 9 kündigt er folgerichtig an, die Beziehungen der Britiscvhen Inseln zu Europa in der Eiszeit untersuchen zu wollen. Das klingt für mich so satirisch, dass ich gleich beschloss, den Teil I, also 250 Seiten, auszulassen. Ganz ausgelassen habe ich es dann doch nicht. Den banalen Satz Thatchers „Wir sind untrennbar mit Europa verbunden“ (S.33) habe ich noch gelesen. Mir reichte es aber, als der Autor diese Binsenweisheit noch als Thatchers Gesetz verkaufte. Der Autor schreibt, dass Identität, Mobilität, Wohlstand, Sicherheit und Souveränität die wichtigsten Punkte bei der Brexitentscheidung waren. Doch die Geographie, die er erstaunlich als Technologie und Organisation definiert, verändert die Bedeutung der Werte. Eigentlich baut Morris sein Buch an drei Karten auf: 1. die Hereford-Karte, eine mittelalterliche Karte mit Jerusalem als Mittelpunkt und den britischen Inseln als letzten Ort am Rand. Sie hatte bis 1497 bestand. Die Entdeckung Amerikas schuf eine neue Weltordnung, die in der 2. Mackinders Karte mit den britischen Inseln als Mittelpunkt zum Ausdruck kommen. Diese Karte auf S.19 enthält einen Kreis, der die Kugelform der Erde wohl verdeutlichen soll. Warum aber ganz Afrika oberhalb des Kreises liegt, der sonst eher dem Äquator gleich, wird nirgendwo erklärt. 3. bezieht sich der Autor auf die Karte des Geldes, die im 20. Jahrhundert auch China als Schwerpunkt aufweist. Eine historische Entwicklung dieser Geldkarte bleibt Morris aber schuldig. Es könnte ja sein – und ich meine es ist auch so – dass China schon immer wohlhabend war, nur in Europa hat es keiner mitbekommen. Die Einleitung enthält auf S.25 noch eine vierte Karte, die belegen soll, dass nur Englands Südosten Europa zugewandt ist. Dass die Schotten mehrheitlich gegen den Brexit gestimmt haben, widerspricht dieser These und wird mit keinem Wort erwähnt. Ich wollte dem Buch noch eine Chance geben und begann das 6. Kapitel, in dem der Autor die Frühe Neuzeit unter dem Motto „was ich immer schon mal sagen wollte“ behandelt. Da ich kein England-Experte bin, war es nicht ganz uninteressant, aber als Wilhelm von Oranien „Wilhelm von Orange“ getauft wurde, hatte ich die Nase voll. Vorher wurde immer schon der katholische Teil Europas als „Europäische Union“ bezeichnet. Dabei wurde die Protestanten schlicht vergessen. Und dass es in Europa auch orthodoxe Christen gab und gibt, wird dem Autor erst einfallen, wenn er meinen Text liest. Von Union kann also nicht die Rede sein. Nach meiner Wertung bekommt ein abgebrochenes Buch einen Stern, mehr hat das kluge Geschwafel auch nicht verdient.
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