In ihrem Klassiker nimmt die norwegische Autorin Gerd Brantenberg die Leser*innen mit auf eine Reise in das Land „Egalia“. Formal sind alle Personen dort gleichberechtigt, doch so recht überzeugt sind Petronius und seine Geschlechtsgenossen davon nicht – erfahren sie doch jeden Tag, dass sie als junge Männer tausend Einschränkungen unterliegen, während die Frauen sich anscheinend alles erlauben können.
Das Buch begleitet Petronius, den Sohn der geachteten Direktorin Bram, durch die Stationen und Hürden, die viele junge Männer Egalias nehmen müssen, wenn sie einmal ein glücklicher und umsorgender Familienvater und Hausmann werden wollen. Doch Petronius und seine Freunde bedrückt der von Ungleichheit geprägte Alltag zunehmend und sie beginnen, sich zu organisieren. Die Auseinandersetzungen machen auch vor ihrem Privatleben nicht Halt und im Spannungsfeld zwischen Liebe, Schmerz und politischem Aktivismus sucht der werdende Mann nach seinem Platz in einer von Frauen dominierten Gesellschaft.
Gerd Brantenberg schaffte es, mit ihrer Umkehrung der Geschlechterverhältnisse Dinge zu verdeutlichen, die offensichtlich sein müssten, aber auch Strukturen offenzulegen, die nicht immer auf den ersten Blick ersichtlich sind.
Manche mögen behaupten, dass es heute über Ungleichheit zwischen den Geschlechtern nichts mehr zu regeln gäbe, da die rechtliche Gleichstellung erreicht sei und Frauen (bzw. Männer in Egalia) alles werden können, was sie wollen. Der Alltag sieht jedoch ganz anders aus und dieses Buch bietet einen guten Anlass, auch für Männer, die sich selbst möglicherweise als fortschrittlich sehen, zu hinterfragen, auf welche Art und Weise im Kapitalismus Geschlechterdiskriminierung immer wieder reproduziert wird. Es wird hoffentlich als Ermutigung für Männer, Frauen und Menschen jeden Geschlechts wirken, den gemeinsamen Kampf gegen Unterdrückung und ein System, das diese braucht, um die Mehrheit auszubeuten, aufzunehmen.
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Immer wieder lesenswert
Bewertung aus Wuppertal am 25.05.2025
Bewertungsnummer: 2498587
Bewertet: Buch (Paperback)
ich habe das Buch schon vor über 40 Jahren gelesen und konnte über viele Szenen herzlich lachen und eigentlich ist das Leben "nur" umgedreht! Mein Exemplar habe ich verliehen ( an wen weiß ich nicht mehr) und nicht zurück bekommen. Deswegen, jetzt NEU bestellt!!! Im Buch wird so klar, wie eingefahren unsere Gesellschaft ist! Ohne erhobenen Zeigefinger! Klare Leseempfehlung von mir
Immer noch aktuell
Bewertung am 07.01.2024
Bewertungsnummer: 2103819
Bewertet: Buch (Paperback)
Review auf www.solidaritaet.info
Manifest Verlag hat den Klassiker „Die Töchter Egalias“ neu aufgelegt
Das Buch “Die Töchter Egalias” von Gert Brantenberg erschien in den späten 1970er Jahren. Es nimmt die Leser*innen mit in eine Welt, in der die Männer das unterdrückte Geschlecht sind und hält damals wie heute der realen Gesellschaft einen Spiegel vor.
von Alexandra Arnsburg, Berlin
Der junge Petronius muss erkennen, welche Schwierigkeiten ihm das Leben bereitet: eine übergriffige Diskussion um die Anschaffung eines Penishalters, Gewalterfahrungen, die Suche nach dem, was für Liebe gehalten wird, die Unmöglichkeit bestimmte Berufe zu ergreifen, der Druck und die Schwierigkeiten ein umsorgender Familienvater und Hausmann werden zu wollen und immer den der Natur zuwider geltenden Schönheitsansprüchen gerecht werden zu müssen.
Aber das Buch schildert auch die Diskussionen unter Freunden, ihre Bewusstwerdung und Auseinandersetzung mit verschiedenen Theorien. Der Roman begleitet Petronius, seine Freunde und das Herrlein Uglemose in ihren Anfängen, sich zu organisieren, was nicht ohne Folgen für den Umgang mit den Liebsten und in der Familie bleibt. Denn ihre Bestrebungen bleiben natürlich nicht ohne Widerspruch des herrschenden Geschlechts. „[…] Habe ich etwa Zeit für mich? Das Einzige, was mir etwas bedeutet im Leben, ist, für andere dazusein, sonst wäre ich ja ein unwibschlicher Roboter. Ich schufte den ganzen Tag für dich und die Kinder. Und alles, was du dafür machen musst, ist, dass es uns hier zu Hause gut geht. Und dann beklagst du dich, dass wir noch ein Kind bekommen werden! Das ist doch die Erfüllung der Natur, lieber Kristoffer. Ich gebäre die Kinder und du empfängst. Schließlich sind es noch immer die Männer, die die Kinder bekommen!“ beschwert sich Petronius Mutter über dessen Vater.
Mit vielen Andeutungen auf die Frauenbewegung der 60er und 70er Jahre und Fragen über Ungleichheit und Geschlechterdiskriminierung, die wir bis heute diskutieren, gelingt es der Autorin auf unkonventionelle und eindringliche Weise, Menschen aller Geschlechter die Augen zu öffnen und sich über die eigene Unterdrückung und die Rolle der Geschlechterdiskriminierung in der Gesellschaft bewusst zu werden.
Und heute
Auch heute werden Frauen immer noch als minderwertiges Objekt dargestellt. Jede dritte Frau und jede zweite Transperson werden in ihrem Leben angegriffen und Frauen verrichten zwar den größeren Anteil der Arbeit , verfügen aber über den geringeren Anteil am Reichtum. In solchen Zeiten und für solche Missstände ist ein Buch natürlich keine Lösung. Aber es kann helfen, dass Menschen aller Geschlechter und auch Menschen, die sich selbst als fortschrittlich sehen, hinterfragen, warum in einer Gesellschaft, wo der Profit vor den Menschen steht, Geschlechterdiskriminierung immer wieder reproduziert wird und warum Menschen sich gegenseitig beschimpfen und angreifen, anstatt sich gegen Unterdrückung gemeinsam zu organisieren.
Die zunehmende wirtschaftliche, soziale und ökologische Krise kann dazu führen, dass mehr Menschen sich in die scheinbare Sicherheit von festen Rollenverteilungen und Partnerschaften flüchten oder sich erhoffen, in oft rückwärtsgewandten Theorien Lösungen zu finden. Ohne ehrliche Angebote zur Diskussion und zum gemeinsamen Streiten für Verbesserungen, die allen Geschlechtern das Leben erleichtern, kann dieser Trend zu einem regelrechten Backlash führen. Die Corona-Krise hat einmal mehr dem Kapitalismus die Maske von seiner hässlichen Fratze gezogen und Bedingungen geschaffen, die nicht dazu geeignet sind, die Situation von Frauen und allen unterdrückten Gruppen zu verbessern – im Gegenteil!
“Die Töchter Egalias” kann ermutigen, gemeinsam gegen dieses kapitalistische System und für eine Gesellschaft zu kämpfen, in der es wirkliche Gleichberechtigung gibt.
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