Eine Irland-Odyssee
Es begann damals 1845. Aber Grace, die einzigartige Heldin des Iren Paul Lynch, ist vollkommene Gegenwart in diesem bildreich-poetischen Roman, der mit ihren Sinnen und Gefühlen die grausame Wirklichkeit der großen Hungersnot erleben lässt. Grace, vierzehn, wird in Männerkleidern von zu Hause fortgeschickt, um irgendwo Arbeit, irgendwie Nahrung zu finden in einem Land, wo jeder danach sucht. Ihr zur Seite: der jüngere Bruder Colly. Seine muntere Stimme in ihrem Kopf. Und verschiedene andere merkwürdige Begleiter. Wer wird sie sein, wenn sie diese Wanderschaft durchsteht?
Für seinen Roman ›Prophet Song‹ wurde Paul Lynch mit dem Booker Prize 2023 ausgezeichnet.
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EIN KRAFTVOLLES WERK - TRAURIG UND SCHÖN ZUGLEICH
Sascha Malz aus Niedersachsen am 03.05.2024
Bewertungsnummer: 2193219
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Vorab möchte ich kurz WIKIPEDIA bemühen, um einen Eindruck zu vermitteln, in welchem Kontext die Story zu verstehen ist.
Die als Große Hungersnot (irisch An Gorta Mór; englisch Great Famine oder Irish potato famine) in die Geschichte eingegangene Hungersnot zwischen 1845 und 1849 war die Folge mehrerer durch die damals neuartige Kartoffelfäule ausgelöster Missernten, durch die das damalige Hauptnahrungsmittel der Bevölkerung Irlands, die Kartoffel, vernichtet wurde. (…) Infolge der Hungersnot starben eine Million Menschen, etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung. Weitere zwei Millionen wanderten aus. Von dem massiven Bevölkerungsverlust hat sich Irland bis in die Gegenwart nicht erholt.
Und genau in dieser Zeit spielt die Geschichte von Grace. Eines kalten Oktobertages wird sie von ihrer Mutter ergriffen und gezwungen, in Männerkleidung loszuziehen, um sich Arbeit zu suchen.
„Und früh im Morgengrauen kommt ihre Mutter an und holt sie aus dem Schlaf, reißt sie aus einem Traum von der Welt.“
Vierzehnjährig ist sie nun gezwungen, durch das Land zu streifen, ihren kleinerer Bruder Colly schafft es, sich ihr heimlich anzuschließen und ist mit seinem Witz und mit seinen lockeren Sprüchen immerfort bei ihr - und das, obwohl er wenige Tage nach ihrem gemeinsamen Aufbruch ertrinkt.
Sie schlägt sich weiter durch - immer darauf bedacht, nicht als Mädchen, sondern als Junge angenommen zu werden. Sie schließt sich einer Gruppe von Männern an, die sie für einen Tim halten. Diese Gruppe will Rinder zu einer Stadt treiben, was während einer Hungersnot mehr als nur gefährlich ist - schließlich werden sie verraten und die Gruppe löst sich auf. Grace ist wieder allein unterwegs - nur Colly ist bei ihr. Schließlich findet sie zu einer verfallenen Hüttte, deren vorherige Bewohnerin sie zunächst im Wald versarren muss. Sie arbeitet in einer Bauarbeitertruppe, muss jedoch fliehen, als einige Männer sie als Frau erkennen und sie bedrängen.
Mit der Hilfe des jungen Bart, der nur einen gesunden Arm hat, jedoch mit dem Messer sehr flink ist, gelingt ihr die Flucht. Beide ziehen weiter durchs Land, doch die Situation wird immer kritischer; Hunger und Kälte setzt ihnen zu. Zwischendurch treffen sie einen alten Freund von Bart; mit ihm überfallen sie Reisende und wohlhabende Bauern - doch dann kommt es zu einem schlimmen Vorfall und sie müssen als Mörder fliehen. Schließlich eskaliert alles - ihr Leben scheint verwirkt.
Mehr möchte ich nicht verraten - und hoffe, nicht schon zu sehr gespoilert zu haben.
Das ganze Elend, die Kälte der Hunger, die ausweglosen Situationen gehen einem wirklich sehr nahe; der Autor schafft es, den Leser mit in das Elend von Grace, in das Elend der ganzen irischen Bevölkerung zur Zeit von Hunger und Kälte mitzunehmen. Kinder, deren Eltern nicht mehr aufwachen, Eltern, die ihre Kinder verkaufen. Dazwischen Mörder und Halsabschneider - aber auch Menschen die helfen wollen. Was besonders stark ist in dieser Geschichte, ist zunächst die Sprache - an dieser Stelle ein großes Lob an Christa Schuenke, für die tolle Übersetzung. Die Sprache ist gleichzeitig einfach - so dass man die ungebildeten Menschen dieser Zeit erkennt und versteht - und zudem sehr lyrisch; einfach schön zu lesen. Gleichzeitig lässt der Autor immer wieder Traum und Wirklichkeit verschwimmen, so dass der Wahnsinn, der die Menschen ob ihres Hungers anheimfällt, greifbar und in seiner ganzen Heftigkeit spürbar macht. Der Wechsel ihrer Persönlichkeit zwischen Grace und Colly - ihre Begegnung mit Geistern, ihr tägliches Wanken zwischen dieser und jener Welt und dabei die täglichen Sorgen um das Leben, um den nächsten Tag - in einer Welt mit Problemen, die wir uns heutzutage so gar nicht vorstellen können - obwohl noch gar nicht so lange her - all das stößt einen hinein in dieses wirklich großartige Werk.
„Grace. Was? Weißt du was? Was denn? Das is doch hier kein Leben.“
„Was jetzt geschieht, das ist nicht mehr und nicht weniger als der Weltuntergang – der einzige Unterschied ist, dass die Reichen auch weiter unbehelligt leben können. Was ich denke? Ich denke, dass die Götter uns im Stich gelassen haben. Es ist endlich an der Zeit, sein eigener Gott zu sein.“
Ich habe das Buch sehr gern gelesen und freue mich schon jetzt sehr auf „Das Lied des Propheten“ von dem Autoren, welches im Herbst in Deutscher Übersetzung heraus kommt.
Von mir bekommt GRACE 5/5 Sterne.
Ich empfehle das Buch jedem, der auch gern Klassiker wie „Oliver Twist“ oder „Die Elenden“ oder auch „Moby Dick“ liest - wobei die Sprache hier nicht ganz so ausschweifend, jedoch ähnlich lyrisch ist.
Allerdings sollte man bereit sein, sich auf lange Gedankengänge und Monologe einzulassen - was sich allerdings SEHR lohnt!
Der Roman versetzt uns in das…
dracoma aus LANDAU am 16.01.2024
Bewertungsnummer: 2860912
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman versetzt uns in das Irland der Großen Hungersnot in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Über fünf Jahre hinweg fielen die Kartoffelernten aufgrund der sog. Kartoffelfäule aus und führten zu einer katastrophalen Hungersnot, die durch die englischen Exporte und fehlende Hilfsmaßnahmen noch verschärft wurde. Grace, gerade 14 Jahre alt, wird von ihrer Mutter als Junge verkleidet auf den Weg gebracht: sie soll sich Arbeit suchen und für sich selber sorgen. Grace liebt ihre kleinen Brüder und trennt sich schwer von ihnen, aber Colly, einer der Brüder, begleitet sie heimlich. Was nun beginnt, ist eine Odyssee durch das hungernde Land. Immer durch Graces Augen sieht der Leser die Not der Menschen: Bettelnde und heruntergekommene Menschen, die ihren Besitz und sich selbst verkaufen für einen Penny oder ein Stück Brot; verwahrloste und halb erfrorene Kinder, verhungerte Menschen in Straßengräben, gespenstische Kolonnen von Hungernden, die durchs Land ziehen, verwahrloste Kinderbanden. Gras, Vogelmiere, Kräuter – alles wird gegessen, Haustiere sowieso, und die Vögel werden vom Himmel geholt. Und immer gegenwärtig die Angst vor den Constablern und die Angst, als Diebin am Galgen zu enden. Der Hunger lässt die Menschen verrohen, niemand ist sicher vor seinem Mitmenschen, und Grace muss mit ihrem Messer ständig auf der Hut sein vor Diebstahl und Übergriffen. Die seltenen milden Gaben von wohltätigen Reichen sind nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein, sondern sie rufen bei Grace auch einen unbändigen Hass hervor auf die Nutznießer der Hungersnot. Der Hass wird gesteigert, wenn sie sieht, wie die reichen Bauern ihren Besitz sichern. Sie schrecken dabei vor Mord und Totschlag nicht zurück und lynchen auch halbverhungerte Kinder. Der Wolf ist des Menschen Wolf geworden. Auch Grace verroht, der Hunger macht sie mitleidlos und hart. Sie stiehlt, sie schlägt, sie setzt ihr Messer ein, sie schüttelt bettelnde Kinder von ihrem Arm. Aber sie leidet unter ihren Taten, und die Toten kommen als Hungerhalluzinationen zu ihr, sodass sie schließlich Traum und Wirklichkeit nicht mehr auseinanderhalten kann. Der Autor wahrt streng die Perspektive des jungen Mädchens, und damit macht er es dem Leser nicht immer leicht. Grace ist noch ein Kind, sie versteht einiges nicht, und so bleibt es dem Leser überlassen, sich das Geschehen zusammenzureimen. Mit diesen Leerstellen gelingen dem Autor aber auch äußerst anrührende Stellen, z. B. im Zusammenhang mit dem geliebten kleinen Bruder, mit dem sie ständige Zwiesprache führt. Ein sprachlich dichter Roman, düster, lyrisch und poetisch, allerdings mit Längen.
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