Ohne Ankündigung besteigt die 76-jährige Gladys den Northlander-Zug und verschwindet spurlos aus ihrem kanadischen Dorf. Über Tausende von Kilometern und in Dutzenden Zügen reist sie durch die Weiten Nordkanadas, kehrt zurück an die Orte ihrer Kindheit und spricht auf ihrem Weg mit unzähligen Menschen. Doch was genau führt sie im Schilde, was hat sie dazu bewogen, ihr gut eingerichtetes Leben aufzugeben – und vor allem: Aus welchem Grund hat sie ihre hilfsbedürftige Tochter Lisana zurückgelassen?
Was dir bleibt ist ein Roman von unbändiger Lebenskraft – die bewegende Geschichte einer rätselhaften Reise, die durch die Wälder Kanadas führt und tief unter die Haut geht.
Kundinnen und Kunden meinen
3.7/5.0
gst
aus Pirna
5/5
19.10.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Auf Spurensuche
Was das Cover verspricht, hält der Inhalt des Romans: Eine Zugfahrt durch Kanadas Weiten. Die LeserInnen begleiten die unterschiedlichsten Reisenden im Northlander, im Transcontiental und anderen Zügen. Wer sich eine ungefähre Übersicht verschaffen will, kann das anhand des Vorsatzblattes machen.
Die Reise von Gladys Comeau führt durch den Norden von Ontario und Québec, zuerst nach Süden, dann nach Westen, weiter nach Osten und schließlich wieder nach Norden. Niemand versteht, warum sie ihre lebensmüde Tochter alleine zurückließ, nachdem sie 54 Jahre lang um deren Wohlergehen besorgt war.
Aufgebaut ist die Geschichte wie eine Reportage, geschrieben von einem Englischlehrer, der verhindern will, dass noch mehr Zugstrecken stillgelegt werden. Er liebt Züge („durch meine vielen Reisen und die Begegnungen, die ich dabei machte, entdeckte ich eine neue Art zu leben“ - Seite 214) und beschreibt seine Reiseerlebnisse. Seine Erzählweise mäandert von hundertsten ins tausendste und man hat oft das Gefühl, dass er den Faden verliert. Auf diese Weise entstehen herrliche Porträts der unterschiedlichsten Menschen.
Besonders eindrücklich ist die Geschichte des „school-trains“. Gladys, als Tochter des reisenden Lehrers in diesem Zug geboren, hat als Kind mit ihrer Familie darin gewohnt und das Land und seine Einwohner kennengelernt. Deutlich wird auch, wie wichtig die Züge für all die Einwanderer der vergangenen Jahrhunderte waren. Seite 89: „Sie waren genauso Kinder der Schienen wie Kinder des Waldes, und viele von ihnen blieben ein Leben lang bei der Eisenbahn. Sie arbeiteten als Bremser, Lokomotivführer, Telegrafist, Fahrdienstleiter.“
Ich habe mich auf dieser Reise sehr wohl gefühlt, fast als säße ich selbst im Zug. Mit Interesse lauschte ich den Erkenntnissen des Erzählers und „erfuhr“ im wahrsten Sinne des Wortes mehr über Gladys und die Menschen, die sie kannten. Für mich war das Lesen ein richtiger Genuss. Den Gegensatz zwischen der journalistischen Herangehensweise des namenlosen Erzählers und den Aussagen von Gladys Freunden und Bekannten empfand ich als sehr lebendig. Trotz der Verirrungen „Irgendwann wusste ich nicht mehr, wo ich war“ (Seite 248) verlor mich das Buch nur ein einziges Mal für kurze Zeit. Für mich ein Lesehighlight im Coronajahr. Den Namen der kanadischen Autorin werde ich mir merken!
@gst
Bewertung
4/5
25.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Leben als Reise
Gladys verschwindet spurlos, ohne ein Lebenszeichen zu hinterlassen. Warum hat sie ihre kranke Tochter Lisana hilflos hinterlassen? Der Erzähler begibt sich auf eine Spurensuche und trifft die Personen, die Gladys zuletzt sahen. Der Leser macht mit diesem Roman eine spannende Zeitreise und packende Zugfahrt in die weit entlegenen und verlassenden Orte Kanadas. Entlang der ehemaligen Zugstrecke, der sogenannten „school-trains“, sammelt der Erzähler Bruchstücke aus Gladys Leben auf. Der Leser macht sich ein eigenes Bild. „Was dir bleibt“ ist eine sehr schöne, aber auch sehr traurige Geschichte über eine außergewöhnliche Frau. Mich hat die ganze Story mitgerissen und ich kann dieses Buch besonders LeserInnen von Reiseberichten empfehlen.
Bewertung
aus Kyritz
4/5
11.11.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
sehr abschweifend, aber nett geschrieben
Gladys steigt eines frühen Morgens einfach in den Zug und fährt los. Auf ihrer Irrfahrt besucht sie ihre Freunde und Bekannte, die weiter wegwohnen. Doch dann fährt sie nicht etwa wieder nach Hause zu ihrer Tochter, die ziemlich große Probleme hat. Nein sie steigt um und fährt weiter und weiter und trieft auf eine junge Frau. Ehe es sich die junge Frau versieht sind sie eine Einheit. Diese junge Frau wird quasi von Gladys überrumpelt. Bald geht ihr auf das Gladys nicht nur schwer krank ist nein sie liegt im Sterben. Diese junge Frau hat eine Schwester und diese ist Krankenschwester. Und sie merkt sofort wie krank Gladys wirklich ist. Alle drei begeben sich nun zusammen auf eine Irrfahrt durch Kanadas Norden. Bei Gladys daheim geht es unterdessen hoch her als ihr Verschwinden bekannt wird. Es wird wie verrückt hinter allen Zügen hertelefoniert. Doch Gladys Zug der sie nachhause bringen könnte wird eingestellt und so strandet sich fern der Heimat mit zwei fremden Frauen in einem kleinen Ort. Nach und nach treffen alle Freude und Bekannte dort ein sehen ihr beim Sterben zu und verabschieden sich. Einer ihrer letzten Amtshandlungen ist es der jungen Frau aus dem Zug Lisana als Schwester an die Hand zu geben und umgekehrt. Lisanas neue Schwester bringt sie an einem sicheren Ort, den sie nur einer einzigen Person mitteilt und so wird ein Lehrer, der eigentlich nur Gladys Geschichte aufschreiben wollte nun zu Lisanas Bruder. Die Geschichte schreibt er natürlich nur ist es eben alles andere als leicht für ihn alles Informationen zusammenzutragen.
Die Autorin hat mit diesem Roman eine rührende und ergreifende Geschichte geschrieben, die an die alte Eisenbahnromantik erinnert. Doch erzählt sie ihre Geschichte weder sonderlich gradlinig noch besonders strukturiert. Der männliche Erzähler, den sich die Autorin bedient schweift ab. Nicht das die so eingeflochtenen Geschichten nicht interessant sind, das Gegenteil ist der Fall. Sie schafft es den Leser einzulullen, jedoch stellt sie mit diesem sprunghaften Erzählstil die Geduld des Lesers massiv auf die Probe.
Die Kernhandlung ist Gladys Irrfahrt durch Kannadas Norden. Das sie auf der Suche nach jemanden ist der sich um ihre „kranke“ Tochter ist, wird erst sehr spät klar. Um diese Kernhandlung werden viele, sehr viele andere Lebensgeschichten eingeflochten. Unter anderen auch die Geschichte der „Train Schools“, die stark mit Gladys Leben verflochten sind. Aber auch all die Leben eben der Schüler, diese Trains besuchten.
Keine Frage Gladys wächst einen ans Herz ebenso, wie alle anderen. Über einige Figuren ärgert man sich maßlos, andere machen einen ob ihrer grenzenloser Ignoranz einfach nur wütend. Leserfreundlicher währe wirklich gewesen, wenn sich die Autorin auf ein paar weniger Figuren konzentriert hätte und diese gründlich ausgearbeitet hätte. So bleiben viele Figuren doch sehr oberflächlich und nicht wirklich fassbar.
Das Cover verkörpert die alte Bahnromantik doch sehr genau und passt hervorragend zum Roman.
Fazit: Eine wirklich nette Geschichte, wenn auch wenig gradlinig oder gar strukturiert. Ein paar weniger Abschweifungen hätten der Geschichte gut gestanden. Ansonsten wird eine wirklich bezaubernde Geschichte erzählt von Eisenbahnromantik und dem Leben mit und an den Gleisen in Kanadas Norden. Wenn man sich auf diese Geschichte einlässt wirkt sie unglaublich entschleunigend und hat die Kraft einen in eine andere Zeit zu versetzen. Von daher kann ich diesen Roman zwar bedenkenlos empfehlen jedoch mit der Anmerkung, das der Leser sich nicht nur in Geduld üben muss sondern eher mit einen langsamen Roman rechnen muss, bei dem es teilweise kreuz und quer und durcheinander geht.
Bewertung
4/5
02.11.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman wie ein Puzzle…
Als die 76jährige Gladys Comeau an einem Septembertag 2012 in einen Zug steigt und davonfährt, kommt das für jeden in ihrem Freundeskreis und in ihrer Nachbarschaft völlig unerwartet. Niemand weiß etwas über ihre Gründe, nichts über ihre Pläne. Die Verwirrung, aber auch die Entrüstung ist groß, lässt Gladys doch ihre 54jährige hochdepressive Tochter zurück, um die sie sich jahrzehntelang aufopferungsvoll kümmerte.
Während der Leser, geführt vom Erzähler, der einer eigenen Agenda zu folgen scheint, Gladys auf ihrer Reise folgt, wird er Zeuge wachsender Verwirrung und Missbilligung von Nachbarn und Freunden, neu geschlossener Freundschaften, altvertrauter Landschaften und den Erinnerungen ihrer Kindertage. Mehr und mehr offenbaren sich auf diesem Weg Gladys´ Beweggründe, ihre Liebe zu den Zügen Nordkanadas und ihr grenzenloses Vertrauen in das Leben…
Jocelyne Sauciers Liebeserklärung an den Norden Kanadas kommt angenehm ruhig und unaufgeregt daher, mit Blick für die Schönheit der Natur und die Einzigartigkeit der legendären Eisenbahnstrecken, die sie durchschneiden. Doch in allererster Linie dient sie als Vehikel für die Geschichten der Menschen rechts und links der Gleise, deren Leben untrennbar mit den Bahnstrecken des Nordens verbunden sind. Derer gibt es viele… und genau darin liegt die Krux, denn ob all der Geschichten, die es zu erzählen gibt und die sicher auch ihre Berechtigung im Großen und Ganzen des Romans haben, verliert sich der Zug der Erzählung doch auf so manchem Neben- und einige Male auch auf einem toten Gleis. Dann gilt es für den Leser umzudrehen und den Faden wieder aufzunehmen, um zu Gladys´ Reise zurückzukehren.
So leichtfüßig und willkürlich formuliert „Was dir bleibt“ auch erscheinen mag, ein Leichtgewicht ist es ganz sicher nicht. Jocelyne Saucier setzt sich mit den existentiellen Fragen des Lebens auseinander, oder besser sie lässt ihre Protagonisten sich damit auseinandersetzen. Dabei ist nicht immer neu, was sie formuliert. Wenn sie z. B. ihre Protagonistin Janelle denken lässt: ‚Den Tod soll man den Toten überlassen, solange man über ihn schweigt, existiert er nicht‘ (S. 122), ist das nichts anderes als das Fortdenken eines Zitats Epikurs: ‚Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.‘
Gleichzeitig aber findet sie für eben diese Janelle wunderschöne eigene Worte wenn sie sie charakterisiert: ‚Janelle ist eine Herumtreiberin, anders kann man es nicht sagen, sie kommt und geht, zieht von einem Ort zum anderen, jedes Mal aus einem derart dürftigen Grund, dass man sich fragt, ob all diese Unrast nicht nur dazu dient, sie in der Schwebe zu halten, außer Reichweite, in einem geschützten Raum außerhalb der Zeit.‘
Wenn sie die Menschen beschreibt, die jenseits der Zivilisation in den Wäldern lebten und noch immer leben, mit der „Welt draußen“ nur durch die lebensnotwendigen Adern der Eisenbahnen verbunden, geschieht dies voll Wärme und Achtung: ‚Einsiedler gibt´s nicht in jung. Man muss auf ein langes Leben blicken können, um etwas zum Nachdenken zu haben, wenn man sich in die Wildnis zurückzieht.‘
Und so widerfahren auch der Hauptfigur Gladys zu guter Letzt Liebe, Fürsorge und Achtung von Menschen und an einem Ort, der nicht zu erwarten stand.
Bis dahin aber benötigen die Leser*innen Geduld, müssen sich führen lassen und bereit sein, sich der schlussendlichen Erkenntnis des Buches unterzuordnen: ‚Wer alles erklären will, dem entgeht viel.‘
Zu 100 % stimmig ist dieses Buch nicht, wer auf 100 % verzichten kann, dem sei es ans Herz gelegt!
Bewertung
aus Neuss
4/5
26.10.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was bleibt?
Das Leben auf Rädern spielte einst eine wichtige Rolle in Gladys´ Leben, und so ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass sie gegen Ende ihres Daseins noch einmal eine Eisenbahnreise macht - allerdings, ohne sich von ihren Freunden und Bekannten zu verabschieden. Ein Rätsel für die Zurückgebliebenen: Will Gladys ihre einzigartige Kindheit noch einmal nachvollziehen? Oder ist sie auf der Suche nach etwas völlig anderem?
Bedächtig, ohne Eile gestaltet die kanadische Schriftstellerin Jocelyn Saucier ihren Roman um die 76 Jahre alte Gladys Comeau, die völlig unerwartet ihr bisheriges Leben ebenso wie ihre lebensuntüchtige Tochter hinter sich lässt.
Die Autorin wählt eine (zunächst) unbeteiligte Person, einen Lehrer, der die Vorgänge nüchtern recherchiert und seine Erkenntnisse in ruhigem, um Sachlichkeit bemühten Ton dem Leser vorträgt. Geschickt vermeidet sie so jegliche Sentimentalität, die sich ansonsten in ihre Erzählung einschleichen könnte. Einzig aus seinem Blickwinkel lesen wir den Bericht, der im Verlauf seiner Ermittlungen etwas an Distanz verliert. Sauciers schöner, bildreicher Schreibstil macht das Lesen zu einem Vergnügen und lässt die eigentliche Thematik des Romans, die Frage nach dem "Was dir bleibt", beinahe vergessen. Eine schlüssige Antwort hierauf gibt Saucier nicht, die muss jeder Leser für sich selbst finden; denn vermutlich lautet sie für jeden Menschen etwas anders.
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