»Eine ganz und gar epische Erzählerin – eine der kraftvollsten Stimmen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.« NZZ am Sonntag über Jenny Erpenbeck
Die neunzehnjährige Katharina und Hans, ein verheirateter Mann Mitte fünfzig, begegnen sich Ende der achtziger Jahre in Ost-Berlin, zufällig, und kommen für die nächsten Jahre nicht voneinander los. Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR und des Umbruchs nach 1989 erzählt Jenny Erpenbeck in ihrer unverwechselbaren Sprache von den Abgründen des Glücks – vom Weg zweier Liebender im Grenzgebiet zwischen Wahrheit und Lüge, von Obsession und Gewalt, Hass und Hoffnung. Alles in ihrem Leben verwandelt sich noch in derselben Sekunde, in der es geschieht, in etwas Verlorenes. Die Grenze ist immer nur ein Augenblick.
Ungekürzte Lesung mit Jenny Erpenbeck
1 MP3-CD, 12h 13min
Kundinnen und Kunden meinen
4.0/5.0
Schwari
aus Dresden
1/5
12.01.2022
Hörbuch (Audio)
Ich war von diesem Roman…
Ich war von diesem Roman maßlos enttäuscht. Wie kann sich eine junge Frau so erniedrigen lassen? Das war ganz bestimmt für den Osten nicht typisch. Auch bei einem solchen Altersunterschied nicht. Für mich ist auch das dargestellte Leben der beiden Figuren total unglaubhaft. Sich nur in teuren Gaststätten zu bewegen, entsprach nicht dem Leben in der DDR. Dazu hatte man, auch wenn man gut verdient hat, gar kein Geld. Den Roman hätte sich die Autorin sparen können. Ich kann das Buch nicht weiterempfehlen.
Bewertung
aus Porta Westfalica
5/5
23.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
eine wirklich nicht schöne, eine verrückte Liebe, wie sie überall passieren kann
Es ist häufig die Rede davon, Jenny Erpenbecks Roman „Kairos“ verdiene das hohe, ihm zuteil gewordene Lob, weil er mit selten gesehener Raffinesse eine private und in der Tat außergewöhnliche Liebesgeschichte mit der Endzeit der DDR verwebe. Das stimmt nicht!
Gut; die Handlung des Romans ist in der Endzeit der DDR in Ostberlin angesiedelt. 1986 lernt eine 19jährige (Katharina) zufällig auf der Straße einen viel älteren, einen 53jährigen, verheirateten Mann (Hans) kennen, dem sie nahezu auf Anhieb in abgöttischer Liebe verfällt. Wohl Anfang 1992 endet diese Beziehung und damit die Handlung, wie es scheint nach der Abtreibung eines Kindes, das nicht von ihm war. Irgendwann später, nach dem Tod von Hans erhält Katharina 2 Kartons mit seinen privaten Aufzeichnungen, mit deren Hilfe sie zusammen mit ihren eigenen Unterlagen diese Jahre Revue passieren lässt. Gemäß dem Inhalt der 2 Kartons zerfällt der Roman in 2 Teile. Aber diese Zweiteilung ist nur eine formelle. Die wirkliche Teilung findet an ganz anderer Stelle statt, nämlich erst auf Seite 292 zwischen dem 16. und 17. Kapitel des formell zweiten Teils.
Bis dahin geht es um die obsessive Liebesbeziehung zwischen Katharina und Hans, die sie beide, wenn auch auf unterschiedliche Weise, in eine trotzdem gleichermaßen verhängnisvolle, gegenseitige Abhängigkeit stürzt mit anfänglichen Höhen und ihren späteren abscheulichen Abgründen. Da ist die junge Katharina, die trotz allem, was Hans ihr antut, nicht von ihm lassen kann. Und da ist Hans mit seiner himmelhoch überlegenen Lebenserfahrung und einer Stellung in Familie und Gesellschaft, auf die sich, wenn beides auch brüchiger, als es scheint, eine gewisse finanzielle Sicherheit gründet. Um diese sich zu bewahren und gleichzeitig Katharina nicht zu verlieren, obwohl ihre Beziehung verdammt ist, eine heimliche zu bleiben, setzt er sie einem derartigen Psychoterror aus, dass man manchmal geneigt ist die Lektüre abzubrechen. Aber würde er, dieser egozentrische, so mächtige und trotzdem in Selbstmitleid zerfließende Jammerlappen Katharina nicht einfach gehen lassen, wenn er es könnte? Das alles wird von Jenny Erpenbeck in manchmal anstrengend zu lesender, aber fast durchweg fantastischer Sprache geschildert. An einer Stelle im Buch heißt es, bei Berthold Brecht gäbe es keine Wörter mit großen Anfangsbuchstaben, weil er nicht gewollt habe, dass manche Wörter wichtiger erscheinen als andere. Wohl in gleicher Absicht vereint Jenny Erpenbeck oft Gedanken und Handlungen ihrer Protagonisten in nur einem Satz auf nicht immer leicht zu entwirrende Art und Weise, als wenn sie so deren Gleichwertigkeit zum Ausdruck bringen wollte. Aber so toll, an Wahnsinn grenzend diese Geschichte soweit auch ist, sie könnte in jedem Land und jeder Gesellschaft spielen und ist nicht im Geringsten ein Abbild typischer DDR-Realität. Selbst alle Versuche, sie als eine Metapher für die DDR zu deuten, müssen scheitern.
Erst ab Seite 292 rückt nicht nur die tatsächliche Historie in Gestalt der letzten Monate der DDR vor dem Mauerfall und deren anschließende Abwicklung in den Vordergrund, es rückt gleichzeitig die Beziehung von Katharina und Hans dermaßen in den Hintergrund, dass sie kaum mehr existent scheint. Diese beiden Teile des Romans sind dermaßen unterschiedlich, dass es eigentlich keinen anderen Grund gibt, sie in einem Buch zu vereinen, als den, dass Katharina in beiden die Hauptfigur ist, und das nährt in mir die Vermutung, dass „Kairos“ sehr viel mehr autobiographische Züge trägt, als zugegeben oder nachgefragt wird. So schreibt man sich ein Trauma von der Seele oder zumindest eine Erfahrung, von der man nicht sagen kann, ob es vielleicht eine traumatische war.
Jenny Erpenbeck wird gerne vorgeworfen, dass sie dazu tendiere, im Vergleich mit bundesrepublikanischer Wirklichkeit die DDR-Vergangenheit zu beschönigen. In „Kairos“ schreibt sie aber wenig von DDR und DDR-Vergangenheit, außer dass sie im kurzen zweiten Abschnitt - nicht dem formellen, sondern dem tatsächlichen – beklagt, dass die Wiedervereinigung beider Deutschlands nicht als beidseitiges Zusammenfinden, sondern als einseitige Übernahme stattfand. Eine Klage, die durchaus berechtigt und einmal mehr nachvollziehbar erscheint, wenn man hier auf wenigen Seiten liest, mit welcher Brutalität die neue Zeit hereinbrach und wie hilflos die Betroffenen ihr ausgeliefert waren. Wenigstens Katharina scheinen die Umwälzungen aber geholfen zu haben, sich aus den Fesseln ihrer tragischen Beziehung zu lösen.
Fazit: Ein Roman in 2 separaten Teilen, von denen der erste aufgrund seiner literarischen Qualität (furchtbar und anspruchsvoll zugleich) 5 Sterne verdient und der zweite (ab Seite 292) immerhin interessant und kurz genug ist, um an dieser hohen Bewertung, keine Abstriche vornehmen zu müssen.
Linnéa Weiß
5/5
08.09.2024
Buch (Taschenbuch)
Der schmale Grat zwischen Liebe und Abhängigkeit
Als Katharina den Mitte 50-Jährigen Hans an einem Regentag in Ostberlin kennenlernt glaubt sie direkt, dass das Schicksal seine Hände im Spiel haben muss. Was als leidenschaftliche, verbotene Affäre beginnt entwickelt sich vor dem Hintergrund eines sterbenden Staats immer mehr in eine vergiftete, von gegenseitiger Abhängigkeit geprägten Verbindung voller Exzentrik, Vorwürfe und emotionaler Gewalt.
Jenny Erpenbeck schreibt über eine junge Frau, die ihr ganzes Sein auf einen älteren, gesellschaftlich etablierten Intellektuellen ausrichtet, seine Fehler dabei ausblendet und sich selbst dabei immer mehr zu verlieren droht. Metaphorisch springt Erpenbeck in ihrer Erzählung dabei zwischen dem Verhältnis von Hans und Katharina auf der einen und der untergehenden DDR auf der anderen Seite hin und her. Ein einzigartiges Werk, das für Kopfschütteln sorgt und Wut über die Machtlosigkeit hervorruft, der Katharina durch die Liebe ausgeliefert ist und die Hans schamlos ausnutzt.
Klaus Effing
aus Köln
5/5
28.07.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
So wenig glückliche Augenblicke
Jenny Erpenbeck hat mit ihrem Roman „Kairos“ ein Meisterwerk geschaffen! Kairos, der Gott des glücklichen Augenblicks, ist zwar Titelgeber, aber glückliche Augenblicke gibt es auf den rd. 380 Seiten zunehmend weniger. Erpenbeck, die im Ausland bekannteste und hoch ausgezeichnete deutsche Autorin, führt uns an eine toxische Liebe zweier Menschen, die gleichzeitig mit der zu Ende gehenden DDR einhergeht. Beides, die Liebe und der marode Staat, sind dem Untergang geweiht; beide ahnen es, können aber nicht angemessen darauf reagieren.
Katharina, 19, Auszubildende und Hans, Mitte fünfzig, Autor, lernen sich kennen. Sie trennen gut 35 Jahre, trotzdem entsteht eine Liebe, bei der man als Leser - bei aller Offenheit - doch kein gutes Gefühl entwickeln kann. Die beiden leben ihre Liebe heimlich, dann zunehmend offen. Hans führt sie in durchaus gewaltsame Sexpraktiken ein. Nach und nach schleichen sich Disharmonien ein. Zum Bruch kommt es, als Katharina die Nacht mit einem jungen Mann verbringt (Hans lebt allerdings mit seiner Frau zusammen und hat offenbar immer Geliebte). Hans erfährt durch einen Zufall davon und es kommt zum Kippen der Situation. Die kommenden Jahre wird die leichte Liebe zunehmend quälend, Erpenbeck gelingt es, ein dauerndes Unbehagen auszulösen. Man wünscht sich, Katharina könne sich aus dieser toxischen, körperlich und psychisch brutalen Beziehung lösen. Aber es dauert und dauert. So wie das Ende der DDR , in der die beiden leben, auch nach und nach zerbröselt und dann mit einem Fanal endet. Diese Liebes- und Gesellschaftsgeschichte ist ein Meisterwerk, kein leichtes, eines, auf das man sich einlassen muss. Ein wichtiges und zu Recht mit dem International Booker Prize 2024 ausgezeichnetes Buch! Große Schreibkunst!
MarieOn
5/5
28.06.2024
Buch (Taschenbuch)
Sensationelles Zeitzeugnis
Zwei Kartons hat sie, mit Aufzeichnungen, Rechnungen, Postkarten, Briefen, Fotos und Einkaufszetteln. Erinnerungen an ihn, den Hans. 1986 sind sie sich begegnet, zufällig. Da war Katharina neunzehn und Hans älter als ihr Vater. Er stieg hinter ihr aus der Bahn und sie blieb mit ihrem Pfennigabsatz in einem Gully stecken. Er lud sie auf einen Kaffee ein. Danach konnten sie sich nicht mehr voneinander lösen. Ob sie einen Vater sucht, hat Hans gefragt. So ein Quatsch. Als seine Frau mit seinem Sohn weggefahren war, ludt er sie in seine Wohnung ein, spielte ihr Mozart und Brahms vor, las Gedichte und erinnerte sie an ein niedliches Eichhörnchen.
Dann durfte sie ausreisen aus dem Osten Berlins, zu ihrer Großmutter nach Köln, weil die Geburtstag hatte. Die Omi hatte sich für Katharina Einhundertfünfundzwanzig Mark vom Mund abgespart, damit die sich was kaufen konnte. Und das machte Katharina, lief von morgens bis zum Nachmittag die Friedrichstraße hoch und runter und schaute dabei zu, wie die Preise purzelten. Die Bluse, die am Morgen noch 45 Mark kostete, gab es später für 2,50. Einen Salat Nicoise hat sie auch gegessen, weil der Hans ihr den empfohlen hat. Während Katharina in Köln die Friedrichstraße erkundete, hoch und runter, hoch und runter, rief Hans sie nicht an. Omis Telefon schwieg still, ob er sie schon vergessen hatte?
Fazit: Eine Ausnahmegeschichte, die Jenny Erpenbeck hier geschaffen hat. Einerseits werde ich Zeugin einer Ära Honecker, die zu Ende geht und ein Land zerreißt. Jede Sicherheit und Verlässlichkeit, all das Bekannte bricht haltlos in sich zusammen und löst Existenzen auf. Plötzlich soll man sich zufrieden zeigen mit einer Entwicklung, die so nicht vorstellbar war. Andererseits lässt mich die Autorin dabei zusehen, wie eine sehr ungleiche Beziehung sich in eine intensive Obsession verwandelt. Sie sehnt sich danach gesehen und geliebt zu werden, danach, mit dem anderen zu verschmelzen. Er sonnt sich in ihrer Unerfahrenheit, ihrer aufrichtigen Bewunderung. Sie geraten in gegenseitige Abhängigkeit, schaffen es nicht mehr sich gut zu tun und können sich doch nicht voneinander lösen. Vor dem Hintergrund einer Epoche musste ich hilflos dabei zusehen, wie zwei Menschen sich in einer toxischen Beziehung verstricken, geriet mitten hinein, entwickelte eine tiefe Wut auf Hans, der es besser hätte wissen müssen. Was für ein Konflikt. Und die Schreibweise ist völlig unaufgeregt. Jedes Wort sitzt an der richtigen Stelle, keines würde ich streichen wollen. Die Gebräuche dieser Zeit, die Sprache ist so gut wiedergegeben. Das hat mir sensationell gut gefallen.
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.