Monika Helfer erzählt fort, was sie mit der »Bagage« begonnen hat: ihre eigene Familiengeschichte
Ein Mann mit Beinprothese, ein Abwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber. Monika Helfer umkreist das Leben ihres Vaters und erzählt von ihrer eigenen Kindheit und Jugend. Von dem vielen Platz und der Bibliothek im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, von der Armut und den beengten Lebensverhältnissen in der »Südtiroler-Siedlung« mit den vielen Kindern in einer Küche. Von dem, was sie weiß über ihren Vater, was sie über ihn in Erfahrung bringen kann. Mit großer Wahrhaftigkeit entsteht ein Roman, der sanft von Existenziellem berichtet und schmerzhaft im Erinnern bleibt. »Ja, alles ist gut geworden. Auf eine bösartige Weise ist alles gut geworden.«
Ungekürzte Lesung mit Monika Helfer
5h 30min
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
aus Weilrod
5/5
01.01.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Weckt Erinnerungen
Der Titel des Buches, Vati, assoziiert sofort die Begriffe Erinnerung, Vergangenheit, Kindheit in mir. Ich wurde durch den Roman von Monika Helfer diesbezüglich in keinster Sekunde beim Lesen enttäuscht. Es ist eine Lektüre, die mich durch eine fesselnde Formulierung immer wieder in meine eigene Kindheit abtauchen läßt. Das sind jedoch nur Begleiterscheinungen , die dieses Buch auslösen.
Ich finde es faszinierend wie die Autorin und ihr aufwachsen in einer schweren und für und kaum noch nachvollziehbaren Zeit beschreibt. Gerade über das ERleben mit ihrem Vater. In einer Zeit, in der mehr geschwiegen wurde als kommuniziert, in der gezeigte und ausgesprochene Liebesbezeugungen den eigenen Kindern gegenüber etwas fremdes war. Dieses beschreibt Monika Helfer mehr als eindrucksvoll in diesem Roman. Ich musste das Buch immer wieder mal zur Seite legen um das gelesenen wirken zu lassen. Für mich war es kein Lesestoff den ich einfach mal so runtergeschluckt habe. Das geschriebene hinterlässt Spuren.
Bewertung
5/5
31.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Roman über die Herkunft
Monika Helfer erzählt in diesem Roman die Geschichte ihres Vaters: ein Mann mit Beinprothese, ein Anwesender, ein Witwer, ein Pensionär, ein Literaturliebhaber .
Sie taucht ein in vergangene Zeiten , die nicht immer leicht waren. Sie schildert die Lebensumstände im Kriegsopfer-Erholungsheim in den Bergen, in dem sie als Kind lebte mit ihrer Familie.
Ein Stück weit erzählt Monika Helfer auch ihre eigene Geschichte, ihre Kindheit und auch Teile aus der Gegenwart.
Das Lesen dieses Buches vermittelt das Gefühl, die Autorin erzählt frei raus ohne festgelegte Reihenfolge. Sie springt in kleine Nebengeschichten, die aber alle zusammen ein erkennbares Bild ergeben
Die Sprache ist sehr ruhig, aber trotzdem lebendig, und sehr kraftvoll und warmherzig.
Die Worte wirken nach.
Obwohl es ein sehr kurzer Roman ist (172 Seiten) hab ich etwas Zeit gebraucht beim Lesen. Er verlangt Aufmerksamkeit und die verdient er auch.
Selbstverständlich kommt auch die Bagage drin vor, denn die Bagage hält zusammen bei Schwierigkeiten.
Mir hat dieser Roman sehr gut gefallen und wer "Die Bagage" mag, wird seine Freude an diesem Buch haben. Sehr empfehlenswert!
Juti
aus HD
5/5
18.08.2022
Buch (Taschenbuch)
beeindruckende Familiengeschic…
beeindruckende Familiengeschichte Endlich habe ich das letzte Buch der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2021 gelesen – in meinen Augen das beste. Das einzige Manko ist, dass es Helfers vorherigen Buch „die Bagege“ sehr ähnlich ist. Es wird aber diesmal keine Außenseiterfamilie eines Dorfes behandelt, sondern der kriegsversehrte kluge Vater, der mit nur noch einem Bein ein Erholungsheim für Kriegsinvaliden auf einem Berg in Österreich leitet. Natürlich spielen auch die Mutter, die dem Vater die Heiratsfrage abnimmt und die Geschwister der Ich-Erzählerin eine Rolle, aber eben nur eine Nebenrolle. Zentrales Element des Buches ist die Bibliothek des Hauses, die ein Professor für seinen Sohn eingerichtet hat, der als Mehrfachinvalide Sondergast des Heimes ist. Als die Besitzer des Heimes, ein Verein aus Tübingen, das Haus im Sommer wirtschaftlich als Hotel nutzen wollen, verschwendet die Bibliothek nur Platz und Vati muss seine geliebten Bücher evakuieren, weiß aber nicht, dass der Professor jedes einzelne Buch im Testament aufgelistet hat. Als das herauskommt und er als Dieb dasteht will er sich umbringen. Dieses ist aber nur ein Teil des Buches, nicht erzählt habe ich von der Krebserkrankungen der Mutter und den vielen Onkel und Tanten. Das Werk endet, wie es sich für eine Biografie gehört, mit dem Tod des Vaters. Wie ich schon anfangs sagte, hätte ich von den Büchern der Shortlist dieses den Buchpreis verliehen. Ich habe aber nichts zu sagen und so sind es „nur“ 5 Sterne. Zitat: Wenn alle Stricke reißen, hänge ich mich auf. (Nestroy S.77)
BabsyZ
5/5
21.05.2022
Buch (Taschenbuch)
Berührende Annäherung an den Vater
Josef hatte kein einfaches Leben. Ein Kind aus armen Verhältnissen hat er Glück und findet Förderer, die sein Potential erkennen und seine Liebe zu Büchern fördern. Doch kurz vor der Matura muss er in den Krieg und kommt als Kriegsversehrter zurück. Ein Bein wurde ihm genommen. Doch dafür findet er im Lazarett seine Frau Grete kennen, mit der er vier Kinder hat. Doch auch diese Glück ist nur von kurzer Dauer. Und so zieht sich der Witwer immer mehr aus der Welt.
Mit Vati begibt sich Monika Helfer auf die Suche nach einem Mann, den sie nie wirklich kennen lernen konnte und den immer ein Geheimnis zu umgeben schien. Gleichzeitig erzählt sie die Geschichte ihrer Familie und ihrer Kindheit. Wie schon in „Die Bagage“ geschieht das klar und authentisch, mit viel Wärme und äußerst berührend. Die Charakter sind liebevoll gezeichnet, die schwere Zeit des 2. Weltkrieges ebenso authentisch beschrieben wie die nicht immer einfachen Familienverhältnisse.
Mein Fazit: eine berührende Annäherung an den Vater. Absolut lesenswert
sleepwalker
5/5
11.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Vati“ heißt der neue Roman…
„Vati“ heißt der neue Roman von Monika Helfer, mit dem sie ihre Familiengeschichte aus „Die Bagage“ fortsetzt. Zugegeben, ich kannte die Autorin vorher nicht, aber das muss sich ändern. Denn mit „Vati“ hat sie für mich ein wirklich lesenswertes, wenn auch nicht ganz einfaches Werk abgeliefert. In „Die Bagage“ schreibt sie über die Familie mütterlicherseits, in „Vati“ konzentriert sie sich, wer hätte es gedacht, auf ihren Vater. Aber so plump, wie sich dieser Satz von mir liest, ist das Buch natürlich nicht. Ist die Geschichte wahr oder erfunden? „Beides, aber mehr wahr als erfunden.“ – das Erfundene ist vermutlich wichtig für die Annäherung an den Vater, denn in Wirklichkeit weiß sie gar nichts über ihn. Und so versucht sie, sich autofiktional an den besessenen Büchersammler anzunähern und die Lebensgeschichte des Mannes zu rekonstruieren, der sie geprägt hat und der in den 1980ern mehr oder weniger durch seine Bücherleidenschaft mit 67 Jahren zu Tode kam. Ihr Vater wollte von den Kindern „Vati“ genannt werden, weil er es moderner findet. Und nach dem Krieg waren neue Zeiten angebrochen, auch er will fortschrittlich sein, „einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste“. Dieses „Hineinpassen“ zog sich wohl durch sein ganzes Leben. Als uneheliches Kind einer Magd geboren, war er schon früh ein Außenseiter. Zwar durfte er auf Initiative eines Bauunternehmers und des örtlichen Pfarrers aufs Gymnasium, wurde aber kurz vor dem Abitur zum Kriegsdienst eingezogen. In Russland verlor er durch Erfrierungen ein Bein und verliebte sich im Lazarett in die Krankenschwester Grete, die (als uneheliches Kind) ebenfalls eine Außenseiterin war. Die beiden „Versehrten“ gründeten eine Familie, geprägt von Depressionen und den Traumata der Kriegsgeneration, die auch an den vier Kindern nicht spurlos vorbeigingen. Neben dem Kriegsopfererholungsheim auf der Tschengla, das er leitete, waren Bücher die wahre Leidenschaft von Monika Helfers Vater. Mit einer Menge Bücher, die er vom dankbaren Vater eines Gastes erbte, richtete er eine Bibliothek ein. Als das Heim von den Besitzern in ein Hotel umgebaut wurde, verlor er, der nach dem Krieg so gerne die Matura gemacht und Chemie studiert hätte, mehr oder weniger alles: seine Existenzgrundlage, seine Bibliothek und beinahe sein Leben durch einen Suizidversuch. Als seine Frau verstarb, verteilte er die Kinder auf die Verwandtschaft. Auch nach seiner Neuvermählung fand die Familie nicht mehr zusammen. Die Autorin hält ihre Leserschaft stets auf Distanz. Sie liebte es als Kind, wenn ihr Vater mit einem geliehenen Filmprojektor im Speisesaal des Erholungsheims „Kino spielte“ – ähnlich kam ich mir beim Lesen des Buchs vor: wie jemand, der das Leben von anderen auf einer Leinwand sieht. Die Charaktere sind allesamt nur in den Einzelheiten beschrieben, die für die Geschichte wichtig sind. Exakt und auf den Punkt, kein Wort zu viel. So schreibt sie weitgehend emotionslos und nie wertend, manchmal sogar in aller Tragik lustig und voller absurd anmutender Anekdoten. Kompliziert fand ich, da ich „Die Bagage“ nicht gelesen habe, die Zeitsprünge und die vielen Tanten und Onkel in der Geschichte, vor allem, weil jeder zweite Josef zu heißen scheint. Das Buch ist ein Denkmal für ihren Vater, einen Typ Mann, den es nach dem Krieg zu Tausenden gab. Einen traumatisierten, versehrten Kriegsheimkehrer, der in seinem Trauma und in sich selbst durch Schweigen gefangen zu sein scheint, manchmal aber eine Leidenschaft findet, die ihn glücklich macht und ihm eine Basis für das Miteinander mit anderen bieten kann („Wir hatten ein spezielles Buch-Verhältnis miteinander“). Mich hat das Buch tief berührt und angesprochen. Die viele Distanz im Buch machte mich allerdings traurig, sowohl die Distanz der Charaktere zueinander und die Mauer, die die Autorin zwischen der Leserschaft und den Charakteren zieht, fand ich fast greifbar. Von mir 5 Sterne und eine klare Lese-Empfehlung.
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