Statt die Weltmeere zu bereisen und fremde Länder zu erkunden, fristet die Crew des Feuerschiffs "Texel" ein Leben an der Ankerkette. In der öden Alltagsroutine bilden die ausgefallenen Gerichte des verschrobenen Schiffskochs die einzigen Lichtblicke. Doch das Ziegenböckchen, das der Koch als Hauptzutat seines nächsten Menüs lebendig mit auf das Schiff bringt, setzt eine unerwartete Dynamik in Gang: Für Teile der Mannschaft wird es vom Proviant zum Kameraden, anderen gegenüber zeigt es seine diabolische Seite und löst inmitten dichter Nebelschwaden Chaos an Bord der "Texel" aus. Und als der Nebel sich endlich lichtet, gibt es einen Toten zu beklagen ...
Mit wundervoll lakonischem Humor und literarischem Tiefgang entführt uns Mathijs Deen auf sein fest verankertes Narrenschiff, auf eine Reise ohne Ziel, über ein Meer von skurrilen Begebenheiten.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
https://lieslos.blog/
5/5
12.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
In der Kürze liegt die Würze!
Mit Beginn der Lektüre befinden wir uns auf dem Feuerschiff Texel.
Da ich als Schwäbin und Landratte mit nautischen Begriffen nur wenig anfangen kann, musste ich erst mal recherchieren, um schließlich zu erfahren, dass es sich dabei um ein vor Anker liegendes, mit einem Leuchtfeuer ausgestattetes Schiff handelt, das ähnlich wie ein Leuchtturm der Navigation der Seeschifffahrt dient.
Prima, schon wieder was gelernt!
Wir befinden uns also auf dem Feuerschiff Texel, das in der Nordsee vor der niederländischen Gemeinde Den Helder vor Anker liegt.
Der knapp 35-jährige Schiffskoch Lammert hat die Matrosen und Maschinisten gerade mit Haschee versorgt.
Dann schwenkt die Kamera weiter. 2 Wochen Freitörn.
Der Schiffskoch Lammert verbringt die freie Zeit in seinem Häuschen in einem ruhigen Warftdorf in der Nähe des Meeres.
Eines Morgens holt Lammert das Kochbuch seiner Mutter vom Dachboden. Er sucht und findet darin das Rezept von „Gulai kambing“: „Ziegencurry, aber von einem Böckchen, das noch nicht entwöhnt ist. Wenn man das einmal gekostet hat, weiß man, wie zart Schmorfleisch sein kann. Das vergisst man nie wieder.“ (S. 13)
Kaum ist die Idee geboren, dieses Gericht auf dem Schiff zu kochen, besorgt er sich bei Beitske, der einzigen Bäuerin im Dorf, ein Ziegenböcklein.
Einige Zeit später sitzt der Koch mit genau diesem Ziegenböcklein in seiner Kombüse und schält Kartoffeln.
Und noch ein bisschen später öffnet er eine Zigarrenkiste, die er aus seinem Seesack hervorgekramt hat. „Schnell überdeckten ungewöhnliche Aromen den Tabakgeruch und füllten die Kombüse. Der Duft von Zimt und frischer Muskatnuss war weiter nichts Besonderes, aber Zitronengras, Kokos, Kardamom, Kemirinuss, Koriander, Kreuzkümmel, ja sogar Ingwer und Kurkuma waren noch nie auf dem Feuerschiff gewesen. Das Böckchen schnupperte neugierig.“ (S. 33)
Tja… wenn das Böckchen wüsste.
Wie die Geschichte weitergeht verrate ich natürlich nicht. Nur so viel: Das Zicklein beginnt bald, den Matrosen nachzulaufen, bringt den Alltag auf dem Feuerschiff gründlich durcheinander und letztlich endet alles anders als gedacht…
Thematisch spielen Fieberwahn und wahnhafte Psychose keine kleine Rolle und wir lernen den einsamen und öden, manchmal aufgrund des Wetters auch gefährlichen Alltag der Seemänner auf einem Feuerschiff kennen. Seemänner, die dem Gerede der Leute nach aber gar keine richtigen Seemänner sind: „Die Leute sagen, wir wären hier nicht auf See, weil wir nirgendwo hin fahren…Aber wir sind hier mehr auf See als alle Anderen zusammen. Wir leben auf See, die Anderen sind nur auf dem Wasser zu einem Hafen unterwegs, zu einem Ort, an dem es keine See mehr gibt. Für sie ist die See eine Unterbrechung, für uns ist die See eine Bestimmung.“ (S. 91)
Es werden schmerzhafte Kindheitserlebnisse angedeutet.
Der Schiffskoch Lammert war, so habe ich mir das zusammengereimt, im Krieg zwischen den Niederlanden und Indonesien (1945-1949) ein kleiner Junge. Aus dieser Zeit stammt wohl das Rezept des oben erwähnten indonesischen Gerichts.
Der Seemanns Snoek, der im Laufe der Geschichte wahnhaft wird ist wohl ein unerwünschter und ungeliebter Lehrerssohn.
Die Geschichte um Lammert und das Böcklein ist fesselnd und sehr unterhaltsam, manchmal fast witzig, letztlich dramatisch.
Die lebendigen Beschreibungen erwecken die Szenen zum Leben, die Bilder und Metaphern sind ausdrucksvoll und die Sprache ist schön und gediegen.
Das Feuerschiff Texel existiert übrigens wirklich. Es ist das älteste Feuerschiff der Niederlande und war von 1952 bis 1992 im Dienst. Seither ist es ein Museumsfeuerschiff, das im Museumshafen Willemsoord in Den Helder liegt.
Mir hat dieses schmale Bändchen nicht zuletzt wegen seinen überraschenden Wendungen äußerst gut gefallen. Es ist eine um die 100 Seiten kurze, intensive und packende Geschichte, die mich prima unterhielt und mich in eine mir ziemlich fremde Welt entführte.
Daniela
aus Berlin
5/5
29.09.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Gleich zweimal gelesen
Ich habe dieses Büchlein gleich wieder gelesen und ich war angerührt. Sehr plastisch sind für mich alle Umgebungen entstanden und ich konnte mich in die verschiedenen menschlichen Situationen einfühlen.
Bewertung
aus Melk
5/5
04.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Feuerschiff-Wahnsinn
Das Versprechen grenzenloser Freiheit, das steckt in einem Schiff. Ein Feuerschiff hingegen wird auf einer Position im Meer fixiert und somit auf die Funktion eines schwimmenden Leuchtturms reduziert. Dienst auf einem Feuerschiff zu leisten ist kein Zuckerschlecken. Das Gefühl des Gefangenseins (und das Bestreben, dieses Unbehagen vor den anderen zu verbergen) wird nahezu unerträglich, wenn Meernebel aufkommt. Die Angst, von einem vorbeifahrenden Schiff gerammt und versenkt zu werden – egal, wie realistisch diese Gefahr ist - lässt die Nerven der Besatzung blank liegen.
Mathijs Deen bringt seine Leser auf das Feuerschiff „Texel“. Hier arbeitet Lammert, der Schiffskoch. Er liebt seinen Beruf. Für seine Leute bereitet er wunderbare Gerichte zu, denn er weiß, dass gutes Essen entspannt. Er möchte den Kameraden zumindest für die Dauer der Mahlzeiten ein wenig Druck von der Seele nehmen.
Eines Tages holt ihn die Erinnerung an seine Kindheit ein, und an ein javanisches Gericht namens „Gulai Kambing“, ein zartes Ziegencurry. Der einzige Nachteil: man braucht ein „Milch-Zicklein“ als Zutat.
Es geht nicht anders: Lammert muss ein sehr junges Tier mit an Bord nehmen. Das ist eigentlich streng verboten, aber auch der Kapitän will seine Mannschaft bei Laune halten.
Und so nimmt das Unheil seinen Lauf.
FCRiki
5/5
04.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Man muss nichts von der…
Man muss nichts von der Seefahrt verstehen, um diese Geschichte spannend zu finden. Schon auf den ersten Seiten macht sich ein Hauch salziger Luft bemerkbar, das Gefühl, auf dem Deck eines Schiffs zu stehen und die Mannschaft bei der Arbeit zu beobachten. Es ist keine leichte Arbeit, denn das Versprechen grenzenloser Freiheit, das Schiffe auszeichnet, kann ein Feuerschiff nicht einlösen. Ein Feuerschiff wird auf einer Position im Meer fixiert und zum schwimmenden Leuchtturm. Dienst auf einem Feuerschiff zu leisten bedeutet, das Gefühl des Gefangenseins nicht zu beachten, es vor den anderen zu verbergen. Was nahezu unmöglich wird, wenn Meernebel aufkommt. Die Angst, von einem vorbeifahrenden Schiff gerammt und versenkt zu werden – egal, wie realistisch diese Gefahr ist - lässt die Nerven der Besatzung blank liegen. Mathijs Deen bringt seine Leser auf das Feuerschiff „Texel“. Hier arbeitet Lammert, der Schiffskoch. Er liebt seinen Beruf. Für seine Leute bereitet er wunderbare Gerichte zu, denn er weiß, dass gutes Essen entspannt. Er möchte den Kameraden zumindest für die Dauer der Mahlzeiten ein wenig Druck von der Seele nehmen. Eines Tages holt ihn die Erinnerung an seine Kindheit ein, und an ein javanisches Gericht namens „Gulai Kambing“, ein zartes Ziegencurry. Der einzige Nachteil: man braucht ein „Milch-Zicklein“ als Zutat. Es geht nicht anders: Lammert muss ein sehr junges Tier mit an Bord nehmen. Das ist eigentlich streng verboten, aber auch der Kapitän will seine Mannschaft bei Laune halten. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf.
Bewertung
4/5
06.03.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
„Es war lange her, dass Lammert eigenhändig Tiere geschlachtet hatte. Und es waren auch...
...nicht viele gewesen, sie ließen sich an ein bis zwei Händen abzählen, vor allem Hühner, nie eine Ziege.“
…doch genau das ist eigentlich der Plan, als Schiffskoch Lammert ein lebendiges Ziegenböckchen mit auf das Feuerschiff „Texel“ nimmt. Seine ausgefallenen Gerichte sind zum Großteil für die Abwechslung an Bord eines Schiffes, das nur vor Anker liegt und nie in See sticht. Das Böckchen soll in einem Eintopf verarbeitet werden, doch so einfach wie sich der Koch das gedacht hat, gestaltet sich der Prozess am Ende nicht.
14 Tage dauert der Dienst auf dem Feuerschiff, dann wird die Crew wieder abgeholt und ausgetauscht. Mathijs Deen nimmt uns auf nur knapp über 100 Seiten mit zu solch einer Schicht, die durch das kleine lebendige Böckchen nicht ganz so verläuft, wie üblich, denn dieses kleine Tier wirbelt alles kräftig durcheinander. Manche möchten es am Leben lassen, anderen ist es egal, wieder andere interpretieren etwas zu viel in diesen Ziegenbock…
Mathjis Deen bringt uns zwar nur mit Worten raus auf’s Meer, aber dennoch hat man das Gefühl, als würde man die Gischt beim Lesen im Gesicht spüren. Die Schönheit des Meeres, aber auch die Gefahr die von ihm ausgeht, werden hier wunderschön zu Papier gebracht. Das Buch wird von einem lakonischen Humor sowie skurrilen Begebenheiten durchzogen und trotz seiner geringen Seitenzahl schafft es der Roman zudem den Figuren die Tiefe zu verleihen, die für diese Geschichte nötig ist. Ich kann nur sagen, dass ich damit einen wirklich wundervollen Nachmittag hatte!
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