Michka, die stets ein unabhängiges Leben geführt hat, muss feststellen, dass sie nicht mehr allein leben kann. Geplagt von Albträumen glaubt sie ständig, wichtige Dinge zu verlieren. Tatsächlich verliert sie nach und nach Wörter, findet die richtigen nicht mehr und ersetzt sie durch ähnlich klingende. Die junge Marie, um die Michka sich oft gekümmert hat, bringt sie in einem Seniorenheim unter. Der alten Frau fällt es schwer, sich in der neuen Ordnung einzufinden. In hellen Momenten leidet sie unter dem Verlust ihrer Selbständigkeit. Doch was Michka am meisten beschäftigt, ist die bisher vergebliche Suche nach einem Ehepaar, dem sie ihr Leben zu verdanken hat. Daher gibt Marie erneut eine Suchanzeige auf, und Michka hofft, ihre tiefe Dankbarkeit endlich übermitteln zu können.
Klarsichtig und scharfsinnig zeigt Delphine de Vigan, was uns am Ende bleibt: Zuneigung, Mitgefühl und Dankbarkeit.
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Ein Buch, das bleibt – in Wort und Schweigen.
Bewertung am 18.05.2025
Bewertungsnummer: 2493444
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Dankbarkeiten hat mich tief bewegt – nicht durch große Dramatik, sondern durch seine leise Genauigkeit. Michka ist eine jener Figuren, die einem als Leserin nahekommen, ohne viel von sich zu zeigen: alt, verletzlich, verloren in einem System, das keine Zeit für Zerbrechlichkeit hat. Und dennoch: Sie leuchtet. In ihren Fehlern, in ihren Versuchen, sich mitzuteilen, in der Wärme, die sie ausstrahlt – gerade, weil sie so sehr angewiesen ist auf andere.
Ich habe den Roman beinahe in einem Atemzug gelesen – nicht, weil er leicht wäre, sondern weil er so unmittelbar ist. Die Beziehung zwischen Michka, Marie und Jérôme (dem Logopäden) ist von einer Menschlichkeit, wie ich sie in der Literatur selten erlebe: keine Helden, keine Opfer, sondern Menschen, die einander aushalten, begleiten, helfen. Und sich dabei selbst erkennen.
Was mich besonders berührt hat: die Sprache als schwindende Ressource. Als jemand, der mit Worten arbeitet, berät, empfiehlt, ist mir dieses Thema nahe. Was bleibt, wenn die Sprache brüchig wird? Wenn Worte fehlen, aber das Gefühl bleibt? Dankbarkeiten antwortet nicht theoretisch, sondern durch Erzählung – und das macht es so eindrucksvoll. Am Ende geht es um Erinnerung, um Würde, um das unausgesprochene Bedürfnis, „Danke“ sagen zu dürfen, bevor das Leben sich schließt.
Feinfühlig, liebevoll, tröstlich
MarieOn am 05.02.2025
Bewertungsnummer: 2404189
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Madame Michèle Seld Michka genannt, ist eine alte, allein lebende Dame, die die Worte verliert und durch andere ersetzt. Die die Leere, die selbst die falschen Worte zunehmend verschluckt zu umgehen versucht. Michka sitzt in ihrem Sessel im Wohnzimmer. Sie kann nicht aufstehen. Die Stimme der Notrufzentrale versucht sie zu beruhigen und ruft Marie an, die sich auf den Weg zu Michka macht. Marie hilft Michka aus dem Sessel und führt die Gangunsichere durch die Wohnung. Sie war schon mehrfach gefallen und hat das Vertrauen in ihre Fähigkeiten verloren. Michka und Marie kennen sich ewig, sie waren Nachbarinnen, als Marie ein kleines Mädchen war. Michka hat Marie immer aufgenommen, wenn deren Mutter depressiv im Bett lag oder für Tage verschwand. Marie möchte Michka nicht mehr allein lassen. Sie verbringt die Nächte bei ihr, muss jedoch tagsüber arbeiten. Sie sprechen über betreutes Wohnen und Michka ist einverstanden.
Michka sitzt vor der pampigen Direktorin eines Seniorenstifts. Sie muss persönliche Fragen beantworten, scheint aber die falschen Antworten zu geben. Die zunehmende Ungeduld der Frau stürzt sie in Panik. Dann erwacht sie mit klopfendem Herzen. Diese Albträume fallen jetzt häufiger über sie her.
Michka hatte ihr Geld immer selbst verdient. Zuerst mit Fotoreportagen, später korrigierte sie Artikel, Grammatik und Syntax lagen ihr. Marie weiß, welcher Mensch Michka war und möchte, dass sie in Würde alt werden kann.
Fazit: Wie bemisst sich Dankbarkeit? Nicht die tägliche Floskel für die Rückgabe des Wechselgelds oder weil jemand die Tür aufhält, durch die ich gehe. Dieser Frage geht Delphine De Vigan nach. Sie schreibt voller Feingefühl und zeigt Werte, die in unserer Leistungsgesellschaft an Stellenwert verlieren und uns kranken lässt. Die Aphasie der Protagonistin ist eindrücklich gezeigt. Zuerst werden die Worte, die nicht mehr erinnert werden, durch andere ersetzt (zum Beispiel Dante statt Danke oder Oje statt Ok). Im weiteren Verlauf der Demenz wird fast nur noch unzusammenhängend gestammelt. Und es bricht einem das Herz, eine bis ins hohe Alter selbstständige Frau in ihrer ganzen Hilflosigkeit zu sehen, dieser Erkrankung ausgeliefert zu sein. Sowohl Marie als auch Michka sind von tiefer Dankbarkeit erfüllt, für Menschen, die ihnen das Leben gerettet haben. Das war liebevoll, tröstend und verbindend.
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