Zora del Buono hat von ihrer Großmutter nicht nur den Vornamen geerbt, sondern auch ein Familienverhängnis, denn die alte Zora war in einen Raubmord verwickelt. Ihre Geschichte und die Folgen bis heute erzählt dieser große Familienroman. Die Slowenin Zora lernt ihren späteren Ehemann, den Radiologieprofessor Pietro Del Buono, am Ende des Ersten Weltkriegs kennen. Sie folgt ihm nach Bari in Süditalien, wo sie, beide überzeugte Kommunisten, ein großbürgerliches und doch politisch engagiertes Leben im Widerstand gegen den Faschismus Mussolinis führen. Zora ist herrisch, eindrucksvoll, temperamentvoll und begabt, eine Bewunderin Josip Broz Titos, dem sie Waffen zu liefern versucht und dem ihr Mann das Leben rettet. Sie will mehr sein, als sie kann, und drückt doch allen in ihrer Umgebung ihren Stempel auf. Ihr Leben und das Leben ihrer Familie, ihrer Kinder und Enkelkinder, vollziehen sich in einer Zeit der Kriege und der Gewalt, erbitterter territorialer und ideologischer Kämpfe, die unsere Welt bis heute prägen. In einem grandiosen Schlussmonolog erzählt die alte Zora Del Buono ihre Geschichte zu Ende, eine Geschichte der Liebe, der Leidenschaft, des Hasses und des Verrats. "Die Marschallin" ist ein farbiger, lebenspraller Roman über eine unvergessliche Frau und ein fatales Familienverhängnis.
"'Die Marschallin' setzt nicht nur einer faszinierenden, widersprüchlichen Figur ein Denkmal, sondern lässt eine ganze Epoche erstehen, und wir bewegen uns staunend durch eine Welt, in der Multikulturalität zum ganz selbstverständlichen Alltag gehörte." NZZ Bücher am Sonntag, Manfred Papst
Ich habe "Die Marschallin" mit Begeisterung von der ersten bis zur letzten Seite gelesen. Es macht Spaß, den Werdegang von der kleinen Zora bis zur Bewohnerin eines Altenheims zu verfolgen.
Bewertung
5/5
06.09.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenn man so eine Grossmutter hat,...
Wenn man so eine Grossmutter hat, muss man einfach Schriftstellerin werden. Hier trifft man auf eine absolute Powerfrau und eingefleischte Kommunistin die alle dominiert ! Alles vor dem Hintergrund spannender europäischer Geschichte des vergangenen Jahrhunderts ! Sehr lesenswert
Bewertung
aus Baden-Baden
5/5
25.08.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Packender und lehrreicher Zeit- und Familienroman
„Vergiss nicht, du trägst ihren Namen, hatte Tante Mila gewarnt. Man solle Geheimnisse dort belassen, wo sie hingehörten: im Reich des Schweigens.“
Zum Glück des Lesers hat die Autorin Zora del Buono den Ratschlag ihrer Tante nicht beherzigt, sondern hat aus dem Leben ihrer Großmutter einen packenden und lehrreichen Zeit- und Familienroman gemacht.
Geboren ist diese zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Zora Ostan, Tochter eines Fuhrunternehmers, in Bovec, einem kleinen Dorf im Nordwesten Sloweniens. Damals gehörte das Gebiet noch zum Habsburgerreich.
Im Alter von acht Jahren ist die kleine Zora plötzlich die einzige Frau im Haus, denn die Mutter hat eines Tages die Familie verlassen. Nach fünf Monaten kehrt sie wieder zu Ehemann und den drei Kindern zurück, „ mit dem Kind eines Fremden im Bauch.“
Während des Ersten Weltkriegs müssen alle Dorfbewohner ihre Häuser verlassen. Die Familie Ostan trifft das nicht so schlimm, können sie doch in das neu erworbene Haus in Ljubljana ziehen. Zwei Jahre bleiben alle weg; als sie zurückkommen, ist beinahe alles zerstört.
Kurz danach lernt Zora ihren zukünftigen Mann kennen, Pietro Del Buono, ein rothaariger Sizilianer, der mit seinen 23 Jahren der jüngste Arzt Italiens ist. Pietro führt sein Studium der Radiologie in Berlin fort, danach heiraten die beiden und ziehen nach Bari. Dort gründet Pietro, mittlerweile Professor für Radiologie, eine Klinik. Zora lässt sich nach eigenen Entwürfen ein prachtvolles Haus bauen. Das Paar bekommt drei Söhne, aber die Mutterrolle liegt Zora nicht sonderlich. Viel lieber führt sie politische Diskussionen mit den Gästen, die sie empfangen. Trotz des großbürgerlichen Hintergrunds sind Zora und ihr Mann überzeugte Kommunisten. Sie verehren Antonio Gramsci, den „ italienischen Karl Marx“ und engagieren sich im Widerstand gegen Mussolini und dem Faschismus im Land.
Aber der große Held für Zora ist Josip Broz, genannt Tito. Sie versucht mit Waffenlieferungen ihn und seine Partisanen im Kampf zu unterstützen.
Zora ist eine starke und eigenwillige, nicht immer sympathische Frau. Sie ist unberechenbar und herrschsüchtig, aber auch großzügig. Ihr Schwiegervater mochte Zora; sie erinnerte ihn an seine verstorbene Frau. „ Zora jammerte nie. Sie packte an. Sie schien eine Spur heller zu leuchten als die Menschen um sie herum, es war ein ständiges inneres Glühen, ..., als ob sie darauf brennen würde, etwas ganz Großes zu tun.“
Ihre Söhne und ihre Schwiegertöchter hatten unter ihrem strengen Regiment zu leiden. „Wenn Zora etwas sagte, galt das. Zora war das Gesetz.“
Zora sah auch keine Diskrepanz zwischen dem großbürgerlichen Leben, das sie führte, mit wechselndem Dienstpersonal und rauschenden Festen und ihrer politischen Überzeugung. „ Kommunismus bedeutete für sie: Aristokratie für alle.“
Neben Zora, dieser schillernden Hauptfigur, beschreibt die Autorin aber noch zahlreiche Personen aus dem Umfeld, die nicht weniger interessant sind. Zum einen die slowenischen Eltern und die vier Brüder. Einer davon ist homosexuell und muss ständig fürchten, dass sein Geheimnis an die Öffentlichkeit dringt. Dann der Jüngste, Nino, entwickelt sich vom Hallodri zu einem Mann im Dienste Mussolinis.
Der Schwiegervater Giuseppe del Buono war zeitweilig Bürgermeister auf der Verbannungsinsel Ustica, wo Gramsci 44 Tage inhaftiert war.
Noch viele Figuren macht die Autorin lebendig. Um den Überblick zu bewahren, ist das Personenverzeichnis vorne im Buch sehr hilfreich.
Zora del Buono erzählt ihre Geschichte zwar weitestgehend chronologisch, aber episodenhaft und aus unterschiedlichen Perspektiven. Zwischen einem Prolog und einem Epilog finden sich 17 Kapitel, die die Jahre 1919 bis 1949 umspannen.
Das 18. und längste Kapitel gehört der Ich- Erzählerin Zora und führt ins Jahr 1980. Sie ist mittlerweile zurückgekehrt nach Slowenien und lebt schwer zuckerkrank in einem Seniorenheim. Ihr Mann Pietro ist in Bari geblieben, hochgradig dement. Zora blickt verbittert und desillusioniert auf ihr Leben zurück. „ Man behauptet, Weisheit trete ein und erweitere dein Denken. Was eintritt, ist aber nur die Gewissheit, dass die Fehler, die du begangen hast, sich nicht wiedergutmachen lassen. In jüngeren Jahren kannst du dir einreden, du könntest irgendwann, später, im Laufe der Zeit, eigentlich jederzeit, die Dinge wieder geraderücken. Im Alter weißt du: Das war eine Illusion. Gar nichts lässt sich geraderücken.“
Die Autorin schreibt meist nüchtern und klar, doch die vielen Dialoge machen die Erzählung lebendig. Das Buch ist trotz der Materialfülle gut lesbar. Man erfährt so vieles, wovon man noch nichts gehört hat.
„ Die Marschallin“ ist nicht nur das spannende Portrait einer faszinierenden Frau, nicht nur eine opulente Familiengeschichte, sondern auch die Geschichte einer vergangenen Epoche. Für Leser mit einem Interesse an historischen und politischen Themen eine unbedingte Empfehlung.
Noch ein Tipp: Auf der Seite des C.H. Beck Verlags finden sich noch ein paar Photos aus dem Privatbesitz der Autorin, die ihre Großmutter , deren Ehemann, das Haus in Bari und den Sohn Manfredi mit seiner kleinen Tochter Zora zeigen.
Bookflower173
5/5
12.08.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine zielstrebige und willensstarke Frau, der das Leben durch viele Schicksalsschläge den Kampf angesagt hat!
Zora del Buono schreibt in diesem biographischen Roman über ihre Großmutter Zora Del Buono, die eine sehr willensstarke und, als einzige Frau in der Familie, gar herrische Persönlichkeit ist. Sie und ihr Mann Pietro sind Kommunisten und versuchen daher, den Kommunismus in Italien durchzusetzen. Der Roman umfasst den Zeitraum zwischen 1919 und 1948 und macht dann einen Sprung zum Jahr 1980, in dem wir in einem Monolog von Zora Del Buono persönlich ihre eigene Sicht auf ihr Leben und die schwerwiegenden Ereignisse erfahren.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, da ich viel über die politische Lage in Italien und Slowenien während des ersten und zweiten Weltkrieges erfahren konnte. Man erfährt, wie das Leben im damaligen fachistischen Italien unter der Regierung Mussolinis war und wie sich die Lage in Slowenien geändert hat. Daher war es für mich auch ein sehr interessanter historischer Roman, da eine eher wenig bekannte Thematik behandelt wurde und er nebenbei auf tolle Weise Wissen vermitteln konnte. Der Roman ist aus den Perspektiven verschiedener Familienmitglieder, Freunde und Bekannte geschrieben, sodass man viele Figuren kennenlernt und diese sehr lebendig erscheinen, da man einen Einblick in ihr Inneres bekommt. Durch die Detailliertheit der Beschreibungen der Figuren, der Lage in der damaligen Zeit und der Handlungen fühlt man sich direkt in diese Zeit hineinversetzt und der Roman lief bei mir tatsächlich vor meinem inneren Auge ab. Der Schreibstil war meiner Meinung nach sehr angenehm zu lesen. Zora brennt für den Kommunismus und ist fest von dem Konzept der Gleichberechtigung und Gerechtigkeit für alle überzeugt. Zunächst scheint ihr Leben in geordneten Bahnen abzulaufen. Während der Kriege bleibt sie relativ verschont und lebt mit ihrem Mann, welcher Radiologe ist, wohlhabend in einem großbürgerlichen Haus in Bari. Doch ihr Leben nimmt im Jahr 1948 eine unerwartete Wende. Ab diesem Jahr wird ihr größtes Ziel schlagartig zerstört, ihre Träume und Hoffnungen werden in Stücke zerfetzt und sie erleidet daraufhin viele schlimme Schicksalsschläge. Es scheint als würde jetzt ein Fluch auf ihrer Familie liegen. Während sie bisher sehr unnahbar, kalt und zu herrisch schien, erfahren wir in ihrem berührenden Monolog zum Schluss, wie sehr sie unter den schlimmen Ereignissen leidet und wie liebevoll sie in Wahrheit gewesen ist, es nur nicht nach außen gezeigt hat. Der Monolog war für mich definitiv das Highlight des Buches, weil es viele Stränge zusammengeführt und die Schicksäler der wichtigsten Haupt-und Nebenfiguren nochmals aufgegriffen hat. Außerdem ist mir Zora dadurch viel näher gekommen und ich habe sehr mit ihr gelitten.
Fazit:
Ich kann das Buch wirklich weiterempfehlen, wenn man sich für Politik und Geschichte interessiert und in einem fesselnden Roman nebenbei das Wissen in diesem Bereich erweitern möchte. Im Vordergrund lernt man eine starke Persönlichkeit kennen und begleitet diese und ihre Familie auf einem Weg der Verwirklichung ihrer Träume, der sich dann aber schlagartig wendet und alles auf den Kopf stellt.
https://lieslos.blog/
5/5
27.07.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein interessantes und unterhaltsames Werk, das den Horizont erweitert!
Der Roman startet 1919 in dem Dorf Bovec, das heute zu Slowenien gehört, das damals, nach dem Krieg, aber Italien zugeschrieben wurde.
(Vor dem Krieg gehörte es zu Österreich.)
„Die Marschallin“ beginnt mit Paukenschlägen:
Da wird vom Hass auf die Mutter geredet und davon, dass diese eine Verräterin sei.
Da wird davon erzählt, dass die Mutter ihre Kinder verlässt und fünf Monate später schwanger zurückkehrt.
Da wird der gerade mal wenige Monate zurückliegende 1. Weltkrieg, insbesondere der italienisch-österreichische Bergkrieg, erwähnt.
Da wird auf die beschwerliche 2wöchige Flucht vor den Italienern zu Beginn des Krieges zurückgeblickt.
Da wird davon erzählt, dass Kinder beim Spielen Munition finden und schwer verletzt werden.
Dieses erste Kapitel ist, wie sich jetzt vermutlich jeder vorstellen kann, ein fulminanter und dramatischer Einstieg.
Aber es endet versöhnlich, denn Zora, die 21jährige Lastwagenfahrerin, die verantwortlich ist für den Abtransport von Kriegsschrott zur Deponie, lernt in einem Krankenhaus, in das sie ein verletztes Kind bringt, ihren zukünftigen Mann Pietro, einen 23jährigen rothaarigen Sizilianer, kennen, der dort als Arzt arbeitet.
Im weiteren Verlauf erleben wir Pietro in Berlin. Er arbeitet gerade in der Charité und spezialisiert sich in Radiologie. Wir lernen drei Kommilitonen kennen und begleiten sie und Pietro durch ihren Alltag.
Pietro plant, in Kürze in Süditalien eine radiologische Abteilung zu eröffnen.
Aber nicht nur das.
Zora hat ihm den Kopf verdreht.
Sie sind inzwischen verlobt und planen, bald zu heiraten.
In Neapel gründen sie eine Familie und jetzt, Mitte der 1920er Jahre, haben sich Mussolini und die Faschisten schon einen gravierenden Einfluss verschafft.
Dann lernen wir Pietros Vater Giuseppe kennen, der noch immer auf der Insel Ustica, die Heimat von Pietros Familie, lebt.
Giuseppe ist dort inzwischen Bürgermeister. Auf die Insel werden Regimegegner, politische Gefangene und Kriminelle abgeschoben bzw. verbannt und auch Giuseppe, der seine anpackende, aufmerksame, diskussionsfreudige und selbstbewusste Schwiegertochter Zora bewundert, wird von den Faschisten argwöhnisch beobachtet.
Dann schwenkt die Kamera wieder zurück zu den kommunistisch gesinnten Eheleuten Pietro und Zora.
Sie leben nun mit ihren inzwischen drei Söhnen in der Hafenstadt Bari.
Dort haben sie sich einen noblen Palazzo bauen lassen, in dem Wohnung und Privatklinik untergebracht sind und den die in viele Richtungen interessierte und begabte Zora selbst entworfen hat.
Auch Pietros Vater Giuseppe, inzwischen ein imposanter und von Frauen umschwärmter Witwer, lebt seit seiner Flucht von Ustica in Bari.
Als Leser taucht man ein in die Welt der Protagonisten, in der Faschismus und Nationalsozialismus eine immer größere Rolle spielen.
Der zweite Weltkrieg naht...
Über Jahrzehnte hinweg erlebt man politische Geschehnisse und Entwicklungen und Veränderungen der Protagonisten.
Am besten lernt man dabei Zora kennen, die, schon immer allseits interessiert, engagiert und anpackend, immer politischer und kämpferischer wird, wohingegen sie mit ihrer weiblichen oder mütterlich-warmherzigen Seite mehr und mehr „auf Kriegsfuss“ steht.
Sie ist eine Frau auf Zack, die gern das Ruder in die Hand nimmt.
Ihr Mann Pietro wiederum engagiert sich mehr und mehr für die Medizin. Auf dem Gebiet der Radiologie ist der Arzt zur Koryphäe avanciert und er steigt immer tiefer in die Forschung ein.
Es gibt in dem Roman vieles zum Staunen:
Ich habe bis dato z. B. noch nie von Automaten gehört, die Briefpapier auswarfen und ich war ziemlich baff, zu lesen, dass in Süditalien schreiende Säuglinge mit gezuckertem und angewärmten Rotweischorle beruhigt wurden.
Ich erfuhr viel Neues, z. B. dass es unter Mussolini eine Junggesellensteuer und einen Tag der Treue („Oro per la Patria“ = „Gold für’s Vaterland“) gab. Verrückt und interessant!
Dass Homosexuelle auf die Insel San Domino verbannt wurden, „damit sie keine Unruhe stiften und arglose junge Männer verführen konnten“ (S. 154) war mir bis zur Lektüre dieses Werks auch nicht bekannt.
Es gibt neben allem Ernsthaften auch einiges zum Schmunzeln.
Was mir besonders gefällt, sind die Einschübe in Klammern: Gedanken, Kommentare, Erklärungen, konkretisierende Bemerkungen... ernsthaft, ironisch, sarkastisch oder witzig.
Um „die Marschallin“ zu mögen, sollte man sich grundsätzlich für Politik und Geschichte interessieren und kein Problem damit haben, zu recherchieren.
Der Roman ist eine interessante, unterhaltsame Lektüre, die den Horizont erweitert.
Er ist kein leichter Lesestoff für zwischendurch oder vor dem Schlafen, sondern anspruchsvolle, interessante und unterhaltsame Literatur für Stunden, in denen man fit genug ist, um sich zu konzentrieren und in denen man Lust hat, über den Tellerrand zu schauen.
Für mich war es ein Highlight!
Kurze Frage zu unserer Seite
Vielen Dank für dein Feedback
Wir nutzen dein Feedback, um unsere Produktseiten zu verbessern. Bitte habe Verständnis, dass wir dir keine Rückmeldung geben können. Falls du Kontakt mit uns aufnehmen möchtest, kannst du dich aber gerne an unseren Kund*innenservice wenden.