Salumba, Salumba,
was redest du nur?
Nie wieder geh ich auf diese Tour.
Im Ramadan segelt der Ich-Erzähler von Sansibar auf die Nachbarinsel Tumbatu. Dort wächst ein heiliger Baum am Ufer, vor dem sich einstmals der Schiffbruch einer Sklaven-Dhau zugetragen hat. Durst und Hitze setzen dem weißen Touristen zu, er halluziniert die Geschichte der Sklaven. Dabei wird er von dem Heiler Salumba unterstützt, der den Weißen zugleich für seine Neugier kritisiert.
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5.0/5.0
Bewertung
aus Hamburg
5/5
01.07.2021
Buch (Paperback)
Fäden spinnen - wild und gefährlich
Die Schiffbrüchigen vom Tumbatu
Ich denke an ein Spiel, das bei uns – früher, als es noch nicht die Vielzahl der Medien gab – in der Familie beliebt war. Wir saßen beisammen mit Nachbarn und Freunden im Dämmerlicht früher Herbstnachmittage und erzählten uns Geschichten. Dann – quasi nicht zu vermeiden - erfolgte die Aufforderung, das Geschichtenspiel zu spielen und das ging so:
Eine/r in der Runde begann mit dem ersten Satz, der sozusagen vorgab, wohin die „Reise“ gehen soll, denn bevorzugt waren es tatsächlich Begebenheiten von Reisen, die erzählt wurden.
Reihum wurde die Geschichte mit den eigenen Gedanken weitergeführt. Jede/r spann den Faden weiter, den Stremel. Hätte man alles aufgeschrieben, hätte vermutlich alles keinen Sinn gemacht, zu verschieden waren die einzelnen „Stremel“, die erzählt wurden.
In dem Langgedicht von Reimer Boy Eilers ist das anders. Hier reiht sich ein Stremel an den anderen und spinnt die Geschichte – von Anfang bis Ende homogen im Aufbau. Nicht unbedingt in der Erzählweise, die in einzelnen Passagen sich widerspenstig gibt. Und deshalb vor allem interessant. Es liest sich eben nicht in einem „Rutsch“ – wie man Gedichte ohnehin nicht lesen sollte. Vor allem nicht dieses Langgedicht, was dazu noch Fakten beinhaltet, die wir nicht gern hören. Es geht um Sklaverei und um Dämonen, um Widersacher und Wiedergänger, um Halluzinationen in heißer Sonne, um Fremde und die Fremde. Es lässt nicht los und die Gefahr, etwas zu „überlesen“, weil es sperrig wird, ist gegeben.
Ich weiß, wenn ich den „Schiffbrüchigen von Tumbatu“ 31 Stremel lang gefolgt bin, werde ich zum Anfang zurückkehren und – anders als der Reisende - die Tour durchaus noch einmal machen, denn auf der Fahrt in kabbeligem Wasser in einem Einbaum von Sansibar zur Nachbarinsel Tumabatu geht leicht etwas verloren, was es wert wäre, wieder aufgefischt zu werden.
Salumba, verzeih die Neugier der weißen Bananen.
Jakob Krajewsky
aus Hamburg
5/5
30.06.2020
Buch (Paperback)
Gleich neben Sansibar - Die Schiffbrüchigen von Tumbatu – Kritik Jakob Krajewsky
Achim Reichel, Alfred Andersch, James Krüss und Reimer Eilers hatten alle gedanklich mit Sansibar zu tun. Der Autor höchstselbst ist auf Helgoland aufgewachsen. Der berühmte Helgoland-Sansibar Vertrag von 1890 zwischen dem damaligen Deutschen Kaiserreich und dem Britischen Königreich war ein Tauschgeschäft im Zeitalter des Imperialismus. Sansibar, die große Nachbarinsel von Timbatu, war zu der Zeit ein freies Sultanat, aber Einflussgebiet der Deutschen, die das Festland Tanganjika (heute Tansania) hielten. Sie beanspruchten in kolonialer Manier ‚Deutsch-Ostafrika‘. Pikant: Der Festlandhafen von Bagamoyo gegenüber von Sansibar war Hauptumschlagsplatz im Sklavenhandel zwischen Arabern und Europäern.
Als Sonnet mit metrischen Versmaßen plätschert das Epos über die Inseln in Vierzeilern und Sechszeilern mit wechselndem Reimschema daher. Der Protagonist, ein Weißer und ein Seemann, erlebt auf der Fahrt mit der Dhau von Sansibar auf die Nachbarinsel Tumbatu im Fastenmonat Ramadan mythische Geschichten mit sagenhaften Figuren. Sie konfrontieren ihn und den Zuhörer auf verstörende Weise mit dem dunklen Kapitel der Sklaverei. Ein Heiler tritt auf und der Geist des Tippu Tipps, des berüchtigten Sklaven- und Elfenbeinhändlers Abdul Bin Said. Er war ein frommer Moslem aus Oman. Es erscheinen Fledermausdämonen, Dschinns, der Zauberbaum Baobab, Seraphine und Engelwesen, Salomon und Mose. Hier mischen sich Vorstellungen von Afrikanern, arabischen Moslems und europäischen Christen auf synkretistische Weise im Banne der Gewürzinseln. Der Reimer reimt, was das Zeug hält:
„Hinzu kam noch ein Marabu, der hockte auf der Mauerkrone, schwarz-weiß und rot wie eine zahme Drohne und klapperte in einem Nu, ein lebender Kitabu, höchst weise die Sermone. Malaika wote pia. Malaika ka-wambia. Da warn die Engel da. “ (s. 21) In wohlgesetzten Worten schwanken die Zeilen zwischen humoresken Begebenheiten und dramatischen Ereignissen. Der weiße Protagonist nimmt sich als ‚der Fremde‘ in der Fremde wahr. Alle anderen dort haben eine dunklere Hautfarbe als er. Der Erzählende taucht ein in die Welt der Derwische und Heiler, nimmt magische Getränke zu sich und lässt sich auf deren Zauber ein.
Die Schilderungen bekommen etwas Existentielles, Heimweh, Hunger, Durst und ein Taifun beflügeln den Erzähler: „denn Aberweinselige Poesie tränkte gehörig meine Fantasie“. Dann werden die traumatischen Transporte der geraubten, schwarzen Menschen evoziert. Der Tod von Kind und Frau über Land auf dem Weg zum Schiff, die Todesangst während der ´rites des passage´ des Mannes namens Kenyatta (Juwel) im Bauch des Frachters, zeigt auch die Empathie des Autors passend zur aktuellen Diskussion um Kolonialismus und Rassismus.
Jahrelang war der weiße Strand von Sansibar Sehnsuchtsort der DJ’s von Raver- und Technopartys. Heute leben wir in einer Zeit, in der Fernreisen schwierig sind. Doch der Derwischtanz, der Ritt durch die Geschichte, ist uns nun allen präsent. Dieses Stück Reiseliteratur, ein Langgedicht eines Seemannes über eine ferne Welt und ferne Zeit, ist ein Kulturdenkmal der besonderen Art. Gerade die Miniaturen, Stiche, Bilder, Federzeichnungen und Fotos geben der Tragik und Exotik der Koralleninseln und der Schicksale ihrer Menschen einen starken expressiven Ausdruck.
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