Die Idee war so ambitioniert wie anmaßend: den Kommunismus auch im All real werden zu lassen. Und die Realität? Um einen »Körper mit optimaler Normierung« zu kreieren, wurde ab den 70er Jahren im Osten in hochgeheimen Laboren geforscht. Was surreal klingt, findet sich belegt in den Akten des ostdeutschen Militärs, aber auch bei denen, deren Körper zum Material dieses Staatstraumas gemacht wurden. Eine dichte Erzählung, die ein scharfes Licht auf ein bislang ausgeblendetes Erbe der DDR wirft - und eine Zeitdiagnose über entgrenzte Körperforschung.
Der Neue Mensch im All galt im Weltraumprogramm der Sowjetunion als absoluter Leitstern und löste in der DDR zwischen 1972 und 1989 eine gründliche Forschungstätigkeit aus. Die Unterwerfung und Beherrschung des Kosmos sollte durch Hochleistungsflieger, die sich über Jahre im All aufhalten konnten, möglich werden. Wie erschafft man diesen maximal normierten und bedürfnislosen Körper? Aus den Verschlussakten der DDR-Militärforschung, heute zugänglich im Militärarchiv Freiburg, setzt Ines Geipel ein verstörendes Bild zusammen: Experimentiert wurde nicht nur an Tieren, sondern auch an Menschen, in Krankenhäusern, Gefängnissen, an Soldaten und im Hochleistungssport. Das Streben nach der Vorherrschaft im Kosmos ist nicht Vergangenheit, sondern erfährt heute eine Renaissance.
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Ein wichtiges und intensiv recherchiertes Buch zur Aufarbeitung - mit aktuellem Bezug ins Heute
Bewertung am 21.05.2022
Bewertungsnummer: 1715669
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
„Schöner Neuer Himmel – Aus dem Militärlabor des Ostens“ von Ines Geipel nimmt das Weltraumprogramm der Sowjetunion und die dadurch in den frühen 1970er Jahren ausgelöste Forschung der DDR in den Blick. Ziel dieser Weltraumforschung war die Beherrschung des Kosmos, dafür nötig war die Erschaffung des möglichst bedürfnislosen menschlichen Körpers, musste dieser doch im All überleben — unter kommunistischen Vorzeichen. Dem Vorhaben zur Seite stand eine Ideologie aus der Stalin-Ära und der bioutopischen Schulen des alten Russlands: Die Erschaffung des „Neuen Menschen“.
Es kann Ines Geipel nicht hoch genug angerechnet werden, dass sie sich immer wieder brisanten gesellschaftlichen Fragen stellt, auch ihr neues Buch ist außerordentlich aktuell. Der „Neue Mensch“ mit seiner Radikalität und Entgrenztheit, mit seiner propagierten Überlegenheit in Bezug auf angeblich Minderwertige ist eine alte und gleichzeitig sehr gegenwärtige Geschichte.
Die auf das Überleben im Kosmos ausgerichtete Forschung war eine Realität in den Laboren des Ostens, über die Annäherung an diese Realität schreibt Ines Geipel, über ihren Weg durch die Archive und Behörden, über extrem belastende Experimente an Tieren und an Menschen, an „sensorisch deprivierten Patienten“. In das Kosmos-Programm gerieten vor allem jene, auf die das Machtsystem unmittelbar Zugriff hatte: Gefängnisinsassen, Patienten in Krankenhäusern, Soldaten und Sportler.
Einer von ihnen ist Jacob, der sich an die Autorin wendet. Ines Geipel ist dank ihrer herausragenden Arbeit in der Doping-Opfer-Hilfe, ihres Engagements für die Aufarbeitung der DDR-Diktatur und ihrer zahlreichen Romane und Sachbücher sichtbar für Betroffene, die auch jetzt noch, Jahrzehnte später, auf der Suche nach Klärung sind, die nach ihrer Inanspruchnahme als Versuchsobjekte wieder als Individuen heraustreten möchten aus all den Zahlen, Daten, Diagrammen. So wie Jacob. Er hat nur vage Erinnerungen an eine mehrwöchige Zeit Mitte der70er Jahre. „Er erzählte was von Nadeln, Drähten, Biopsien.“ Jacob war ihr ausgesetzt gewesen, der Erforschung des Körpers unter extremen Bedingungen.
Ines Geipel recherchiert, was in Laboren, Instituten und Forschungseinrichtungen mit den Menschen gemacht wurde. Sie stellt die Frage, was davon Jacob erfahren sollte: „Wie viel Nachträglichkeit verträgt so ein Leben?“, ein typischer Ines-Geipel-Satz, empathisch, klug. Jacob bleibt ein Anonymer, ein Codierter. Die Literatur schafft es, ihn vor dem Verschwinden zu bewahren. Nur sie.
Der Autorin gelingt es meisterhaft und in ihrer unverwechselbaren Sprache, über Hybris und Entgrenzung zu schreiben. Ihre warme, prägnante Prosa verbindet beklemmende, oft abstrakte Forschungsthemen: Überwindung des organbezogenen Denkens, Strahlenkörper, Interplanetarismus, Biosatelliten. „Mitunter kommen mir Wörter so nah, dass mir regelrecht schwindlig wird. Sie werden zu stark, zu dicht, zu kompakt. Sicher, ich verstehe, wir sind hier beim Militär. Es geht ums Überwinden und Beherrschen. Trotzdem hat es den Anschein, als müssten sich die Wörter erst noch selbst begreifen.“
Auch heute wird geforscht, auch heute fliegt man ins All. Doch Ines Geipel legt überzeugend dar, dass es für den einzelnen Menschen einen Unterschied macht, ob er sich freiwillig und aufgeklärt einer Sache verschreibt oder ob er aufgrund von gleichgeschalteter Wissenschaft in alle möglichen Richtungen verwertet wird. Auf Unversehrtheit zu bestehen war schwer in der DDR, diente die Wissenschaft doch dem Wohle des Volkes. Es war verdächtig und mitunter unmöglich, da nicht mitmachen zu wollen – insofern man überhaupt darüber informiert wurde, dass man Teil der praktizierten Ideologie geworden war. Zudem unterlag die Kosmosforschung der Geheimhaltung. „Die Täter waren über die Ideologie legitimiert und somit entlastet, von daher gab es keine.“
Es wird Widerstände gegen dieses Buch geben, wie so oft, in der öffentlichen Wahrnehmung und ganz konkret. Ines Geipel: „Die alte Ohnmacht der Opfer und die alte Macht der Täter, die sich im Hier und Jetzt ein zweites Mal gegenüberstanden.“ Und: „Aufarbeitung ist fragil. Es geht vor und zurück. Mitunter fängt man auch wieder bei minus Null an.“
Die „minus Null“ mag für die gesamtgesellschaftliche Debatte gelten, doch für die betroffenen Menschen ist das Werk von Ines Geipel schon lange ein Zugewinn weit auf der Habenseite, schließlich können Erkenntnis und Aufarbeitung traumatischer Erfahrungen der früheren Belastung entgegenwirken. Und das Kenntlichmachen von Verantwortlichkeiten wiederum birgt das Potential, alte Mächte nachträglich etwas zu begrenzen.
DDR-Militärforschung und Sport. Seriöse Vergangenheitsbewältigung stark biographisch!
easymarkt3 am 26.05.2022
Bewertungsnummer: 1718964
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Engagiert in der gemeinnützigen Hilfsorganisation Doping-Opfer-Hilfe schreibt die Autorin über die ethische Bewertung dieser Forschung, über Doping und über die Sache mit der Codierung, sodass das nur teilweise noch vorhandene, teils geheime und codierte Material die Realität von vor 30, 40 Jahren nicht mehr widerspiegeln kann, um das politische Projekt DDR-Sportopfer weitgehend ad acta zu legen.
Des Weiteren geht es um Fragestellungen wie:
• Was ist mit der langen Diktaturgeschichte des Ostens und ihren weiter wirkenden Tabus, wenn es um Verantwortung geht?
• Was an Forschung in einer Diktatur bezogen auf die DDR kann überhaupt legitime Forschung sein?
• Geht es um Möglichkeiten von Heilung oder geht es um Ideologie?
• Wer übernimmt die Kontrolle?
• Wer sorgt für Transparenz?
• Was ist mit Manipulation, Geheimdienst, gezielter Vertuschung?
• Was ist übliche Praxis, und ab wann verlässt Forschung ihr ethisches Koordinatensystem und wird zum Verbrechen?
Vollständig war die Vernichtung wichtiger Unterlagen zu obigen Themen nicht. Aber letztendlich gibt es nach so langem Zeitraum mit Verjährung kein ‚Happy End‘.
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