Der 12-jährige Théo ist ein stiller, aber guter Schüler. Dennoch glaubt seine Lehrerin Hélène, besorgniserregende Veränderungen an ihm festzustellen. Doch keiner will das hören. Théos Eltern sind geschieden und mit sich selbst beschäftigt. Der Junge funktioniert und kümmert sich um die unglückliche Mutter und den vereinsamten Vater. In ihren Augen ist also so weit alles gut. Doch Théo trinkt heimlich, und nur sein Freund Mathis weiß davon. Der Alkohol wärmt und schützt ihn vor der Welt. Eines Tages wird ihn der Alkohol ganz aufsaugen, das weiß Théo. Doch wer sollte ihm helfen? Hélène, seine Lehrerin, würde es tun, doch wie soll das gehen, ohne dass er die Eltern verrät? Mathis beobachtet das alles voller Angst. Zu gerne würde er sich seiner Mutter anvertrauen, aber Théo ist sein einziger Freund. Und einen Freund verrät man nicht. Außerdem würde er damit auch demjenigen in den Rücken fallen, der den Minderjährigen den Alkohol besorgt. Und der ist es, der das gefährliche Spiel in dem schneebedeckten Park vorschlägt, bei dem Théo bewusst den eigenen Tod in Kauf nimmt.
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Unausgesprochenes bindet
fromme Helene am 09.12.2021
Bewertungsnummer: 1620835
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Théos Geschichte ist aufwühlend, erschreckend und gleichzeitig so menschlich. Ich fliege nur so durch die Seiten, hoffe inständig, irgendjemand möge doch einschreiten. Irgendjemand möge sich gegen all seine Konventionen und Bedenken, dieses Kindes annehmen...
Delphine de Vigan zeigt Théos Leben mit schonungslosem Blick und weckt gleichzeitig Verständnis für all die Verfehlungen der Erwachsenen. Jeder ist gebunden in seinem System, gehorcht den unausgesprochenen Regel, muss Zugeständnis machen, damit das Leben weiter funktioniert.
Ich werde Zeuge, wie Théo sich immer mehr Aufgaben auflädt, um all die Erwartungen zu erfüllen - um ein guter Sohn zu sein, ein guter Schüler, ein guter Freund – alles, um geliebt zu werden. Alles, um die Eltern vor sich selbst zu schützen.
Er stellt sie lange Zeit zufrieden, die Menschen um ihn herum, hat Antworten auf ihre Fragen, kann ihr Misstrauen zerstreuen ... solange bis seine Kraft am Ende ist.
Nach der Lektüre bleibe ich sehr nachdenklich zurück. Was bürden wir unseren Kindern auf? Wie verstricken wir sie in unsere Probleme und Ängste? Welchen großen Einfluss hat all das Unausgesprochene? Wie schaffen wir es, die Kinder zu schützen, wenn das Leben all unsere Energie bindet?
Das Buch mutet fast wie eine Sozialstudie an, zeigt die Fehler der Systeme auf, aber verurteilt nicht. Wieder sind es die unhörbaren Hilferufe eines Kindes, die verkannt werden und selbst die, die hellhörig werden, sind dem System verpflichtet und müssen sich gut überlegen, ob sie gegen die Vorschriften verstoßen.
Die Geschichte zeigt, dass Eltern, Lehrer, Erwachsene... Menschen sind und dass Menschlichkeit fehlbar ist. Doch es rüttelt wach. Fordert auf, auf seinen Instinkt zu hören und nicht den einfache Ausreden zu glauben, wo es Auffälligkeiten gibt. Unsere Kinder dürfen wir nicht unseren Loyalitäten und unserer Bequemlichkeiten opfern.
Danke, Delphine de Vigan, fürs Wachrütteln.
Fazit: Must-Read! Ein Buch, das an die Substanz geht und gleichzeitig aufrüttelt: Wir tragen die Verantwortung für unser Leben und unsere Kinder - Lasst unsere Kinder, sich nicht zuständig für unsere Aufgaben fühlen.
Lieblingsbuchpotenzial
Lesendes Federvieh aus München am 26.03.2020
Bewertungsnummer: 1308180
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Théo versucht alles richtig zu machen. Seine getrennt lebenden Eltern nicht zu enttäuschen und ein guter Schüler zu sein. Doch dieser Spagat überfordert den erst 12-jährigen Jungen zunehmend. Außer seiner Klassenlehrerin und der Mutter seines besten Freundes fällt niemandem etwas auf. Théo steuert mit Vollgas auf den Abgrund zu...
"Loyalitäten" ist eines jener großartigen Bücher, die man nicht so schnell vergisst. Delphine de Vigan ist mit diesem kleinen, feinen Buch ein Gesellschaftsportrait gelungen, das seinesgleichen sucht. Präzise und schonungslos offen beschäftigt sie sich mit dem Thema Loyalität in seinen verschiedenen Ausprägungen. Sie schreibt über menschliche Abgründe, innere Zerrissenheit und über emotionales Alleingelassensein.
Dabei nimmt sie den Leser mit in Théos verkorkste Welt und somit hat das Geschehen ein Gesicht, nämlich das eines liebenswerten 12-jährigen Jungens, der versucht alles zusammenzuhalten. Es war für mich fesselnd und aufwühlend zugleich, Théo auf seinem Weg zu begleiten. Seite um Seite war ich von diesem intensiven, kraftvollen Buch mehr und mehr fasziniert - und erschüttert.
Delphine de Vigan schafft es mühelos den Leser durch ihre klare, ruhige Sprache zum Nachdenken anzuregen. Es reicht doch oft schon ein genauerer Blick und ein Quäntchen Mut, um einem Menschen zu helfen. Für mich gehört dieses Buch auf jeden Fall zu meinen Highlights 2020.
Fazit: Lieblingsbuchpotenzial
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