Henry de Monfreid stammte aus bestem Hause, war befreundet mit Matisse, Gauguin, Cocteau und Teilhard de Chardin. Nach einigen frustrierenden Jahren als Ingenieur brach er 1911 auf nach Dschibuti am Roten Meer und nannte sich fortan Abd-el-Haï, »Sklave der Schöpfung«. Er kaufte sich ein Schiff und lebte unter Fischern, Perlentauchern, Schmugglern, Piraten, Waffenhändlern als einer der Ihren. Das Gesetz galt ihm wenig, und für die Beamten der Kolonialmacht hatte er nur Verachtung übrig. In dreitausend Briefen an seine Freunde hatte er bereits seine Abenteuer geschildert, als Joseph Kessel ihn überredete, doch endlich ein Buch zu schreiben. Als dann Die Geheimnisse des Roten Meeres erschien, wurde er auf einen Schlag zur Legende. Seine Erlebnisse am Roten Meer und später in Afrika sind der gigantische, berückende, mythische Stoff zu einem umfangreichen OEuvre, das bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.
Kundinnen und Kunden meinen
5.0/5.0
Almut Scheller-Mahmoud
aus Hamburg
5/5
10.11.2020
Buch (Taschenbuch)
Alles Schrifstellerleben sei…
Alles Schrifstellerleben sei Papier, heißt es. Henry de Monfreid lockte die Liebe zur Freiheit in ein Abenteuerleben am Horn von Afrika unter Piraten, Waffenschmugglern, Perlentauchern und Sklavenhändlern. Er entführt uns in diese entfernte Weltgegend, wo Franzosen, Briten, Türken und Italiener ihre „Claims“ abgesteckt hatten und um Besitz und Einflussnahmen rivalisierten. Er schreibt autobiographisch, sein Leben speist sich aus Wagemut, Unbekümmertheit und seinem Freiheitsrausch: ohne erfundene Ausschmückungen abenteuerlicher Phantasien wie bei Karl May. Weder Jack London, noch Lawrence of Arabia, Thesiger oder Richard Burton waren bei ihren Reisen so sehr auf die persönliche Freiheit fixiert. Er kauft eine Dhau, um mit der Perlenfischerei finanziell ein freier Mann zu bleiben. Er trifft er auf windige Händler von Perlen, Waffen, Sklaven und Drogen und auf Piraten. Er bewundert das einfache Leben der Völker und Stämme. Das Leben seiner zivilisierten Zeitgenossen sieht er fremdbestimmt und eingeengt von Gendarmen und Zöllnern, Gefängniswärtern, Soldaten und Gouverneuren. Er kleidet sich wie die Einheimischen, spricht Arabisch und achtet ihr Wesen, ihre Mentalität und Religion. Er konvertiert sogar zum Islam. Das Buch enthält Sozialkritik und Auflehnung gegen den Hochmut der Weißen, Nachdenkliches über den Einfluss des Westens auf das Leben und die Kultur. Er konstatiert auch bei sich selbst eine koloniale Denkweise, die er aber er hinterfragt. Exotische geographische Namen tauchen auf (Vorschlag an den Verlag: die Integration einer kleinen Karte zur Orientierung). Menschen werden vorgestellt wie Ato Joseph, Jaques Schouchana, Zanni, Said Ali, Cheik Issa, Sergent Chevet, sein Freund Lavigne, Monsieur Cocalis und die verschiedenen Beamten. De Monfreids Lebensbericht endet durch Intrigen: natürlich ist ein intelligenter freiheitsliebender Mann, der die schon damals üblichen Manipulationen um Macht und Geld aufdeckt, den engstirnigen moralinsaueren Hütern von Recht und Ordnung ein Dorn im Auge. Dieser Roman ist ein lebenspralles authentisches Werk, nicht zu vergleichen mit der heutigen Reiseliteratur, die privilegierte Aussteiger-Literatur ist. Anschaulich werden die einzelnen Charaktere der indigenen Bevölkerung wie der ansässigen Weißen skizziert. Meereslandschaften beschreibt er aufwühlend und farbig: Meerespoesie. Aber auch die erdigen und himmlischen Landschaften sind mitreißend poetisch verewigt. Seine Sprache ist malerisch, wie mit dem Pinsel geschrieben. Wer ein Faible für das Meer hat, wer wahrheitsgetreue virile Abenteuer in exotischen Landstrichen und Meeresbuchten schätzt – dem Seemännischen wird in epischer Breite gehuldigt – wer zudem noch wissbegierig ist zu nicht alltäglichen Fakten, für den ist dieses Buch ein Schatzkästlein. Dieses ist wahrhaftig kein papiernes Schriftstellerleben, sondern strotzend vor Leben. Es ist ein Beweis für Amor fati. Interessant, das Damals mit dem Heute zu vergleichen: überall der Orient klischeehaft in Szene gesetzt, kaum noch Ursprüngliches.
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