"Ein Tor zu eurer Welt" ist das erste Buch eines Autisten, der erzählt, wie er den Zugang zu seinen Gefühlen findet. Diese Autobiografie ist für alle Leser von Axel Brauns "Buntschatten und Fledermäuse" und Daniel Tammet "Elf ist freundlich und Fünf ist laut", mit einem Vorwort des Autismus-Experten Tony Attwood Menschen mit Asperger-Syndrom können Gefühle nicht deuten und vermitteln. Das macht sie zu Außenseitern und oft zu Gefangenen ihrer eigenen Wahrnehmungswelt. Aaron Wahl kennt diesen Zustand. Doch er kämpft gegen die Isolation an. Als er bei einem Emotionstraining erfährt, wie sich Angst, Freude und Trauer anfühlen, ist das für ihn ein lebensverändernder Durchbruch. Aaron schafft es, den Tod seiner geliebten Großeltern zu verarbeiten und eine Brücke zu seinen Mitmenschen zu schlagen. Er lernt die bunte Seite des Lebens kennen. Aaron Wahl, Jahrgang 1990, wurde mit Anfang 20 für dauerhaft arbeitsunfähig erklärt. Seit seiner Asperger-Diagnose kämpft er sich zurück ins Arbeitsleben. Er gründete das Projekt "PEM Autism", das sich zum Ziel setzt, Stärken und Fähigkeiten von Autismus-Patienten zu fördern. Innerhalb weniger Monate erfuhr das Projekt internationale Resonanz. Diese Autobiografie ist die mutmachende Geschichte eines jungen Mannes mit Autismus, der sich nach Jahren des Leidens Zugang zu einer Welt erkämpft, die er fast aufgegeben hatte - der Welt des Glücks. Mit einem Vorwort des Autismus- und Asperger-Experten Prof. Dr. Tony Attwood.
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Asperger-Autismus im leichten Spektrum – sehr oft unerkannt und falsch gedeutet
Dr_ M aus Sachsen am 05.06.2019
Bewertungsnummer: 1217842
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Aaron Wahl wurde nach langen Jahren des Leidens Asperger-Autismus im leichteren Spektrum diagnostiziert. Er litt weniger unter seinem Autismus als viel mehr unter der Reaktion seiner Mitmenschen und dem völligen Unverständnis in seiner Familie.
Autistisches Verhalten ist nicht krankhaft oder falsch, sondern einfach nur anders als bei Menschen im "neurotypischen Bereich", wie es so schön in der Fachsprache heißt. Den Unterschied formuliert Aarons Therapeutin in diesem Buch so: "Neurotypische Menschen manipulieren, sie sind schnell beleidigt, wenn jemand die Wahrheit sagt, sie können oft nicht mit Kritik umgehen oder verstellen sich aus dem Anspruch dazuzugehören. … Bei Personen im neurotypischen Bereich ist die oberste Priorität Gemeinsamkeit. Da werden gewisse Dinge zum Beispiel gedacht, aber nicht gesagt, wenn dadurch Gemeinsamkeit gefährdet werden könnte. Bei Menschen im Autismusspektrum ist die oberste Priorität hingegen Ehrlichkeit. Im Prinzip eine wunderbare Tugend, die zu einem Gefühl von Offenheit führen kann. Andererseits führt schonungslose Ehrlichkeit bei neurotypischen Menschen oft zur Infragestellung des Gemeinsamkeitsgefühls, wodurch Probleme entstehen."
Neurotypische Menschen bilden die Mehrheit in einer Gesellschaft. Man schätzt den Anteil von Asperger-Autisten auf unter ein Prozent. Darunter sind dann wohl auch die schweren Fälle. Allerdings gibt es wohl auch eine recht große Zahl von unentdeckten Autisten im leichteren Spektrum, die gelernt haben, mit ihrer Andersartigkeit gut umzugehen und sie mehr oder weniger zu verstecken. Sie gelten vielleicht als Sonderlinge oder Einzelgänger und wissen oft gar nichts von ihrer tatsächlichen Besonderheit. Im Unterschied zu den auffälligen Autisten (zu denen wohl Aaron gehört) besitzen solche Menschen eine recht hohe Impulskontrolle. Für solche Menschen kann dieses Buch eine Offenbarung sein, weil es ihnen erklärt, was eigentlich mit ihnen los ist.
Im Gegensatz zu neurotypischen Menschen fehlt Asperger-Autisten die Fähigkeit Umgebungsreize zu filtern. Das führt zu einer schnellen Überlastung ihres Nervensystems. In den schweren Fällen des Asperger-Spektrums führt das zu Wutausbrüchen oder anderen Aggressionen. Oft fangen solche Menschen dann Schaukelbewegungen an – eine Methode der Selbstberuhigung. Bei den leichteren Fällen des Asperger-Spektrums mit hoher Impulskontrolle kommt es dagegen nur zu einem Unwohlsein. Solche Menschen ziehen sich einfach zurück, weil es ihnen so besser geht. Dass solche Menschen keine Gefühle empfinden können, ist ein Mythos. Das genaue Gegenteil ist wahr. Davon berichtet übrigens auch dieses Buch. Gerade weil solche Menschen eine besonders hohe Empathie auszeichnet, kommen sie oft in Schwierigkeiten. Sie fühlen, was andere empfinden und versuchen ihnen zu helfen, stoßen dabei aber auf Widerstand, weil die Menschen, denen sie helfen möchten, ihren Zustand nicht offenlegen wollen. Das wieder verwirrt und verunsichert einen Asperger-Autisten. Er beginnt an sich zu zweifeln. Passiert das oft genug, kommt eine Spirale des Abkapselns in Gang.
Asperger-Autisten im leichten Spektrum sind unfähig, etwas zu tun, was ihnen unlogisch erscheint. Auch damit bekommen sie schnell Probleme. Eine Freundin von Aaron erklärt das im Buch sehr schön. Für Menschen wie Aaron erscheint das Verhalten der anderen Menschen unlogisch zu sein. Tatsächlich ist es das aus guten Gründen auch. Aaron konnte also das Verhalten seiner Mitmenschen weder verstehen, noch sich so verhalten wie sie. Darin besteht der ganze Konflikt.
Was kann man nun aus diesem Buch lernen, und für wen ist es eigentlich gedacht? Leider verwirrt der Titel, weil der Text nicht liefert, was er verspricht. Eigentlich ist das Buch zunächst einmal eine Autobiografie von Aaron. Sie wirft ein schlechtes Licht auf die Psychotherapie und ihr komplettes Versagen in diesem Fall. Autismus ist keine Krankheit. Er wird allerdings von Psychotherapeuten oft nicht erkannt und mit psychischen Erkrankungen verwechselt. Eine dieser Koryphäen bezeichnete Aaron als hoffnungslosen Fall, den man eigentlich nur noch bis zum Lebensende irgendwo verwaltet wegstecken sollte.
Am Ende seines psychotherapeutischen Leidenswegs, bei dem auch Aarons Familie eine unrühmliche Rolle spielte, kam er zum Erfinder der PEM-Methode. Bei ihr geht es allerdings in erster Linie um das Erzeugen von Gefühlen bei Schauspielern. Gewissermaßen sofort und durch den eigenen Körper. Insbesondere kann man mit dieser Methode eine schnelle Tiefenentspannung erreichen. Man findet im Netz allerlei Videomaterial, das jedoch in Wirklichkeit nichts preisgibt. Leider tut das auch das Buch nicht. Berichte von Autisten, die es angeblich in Hamburg probiert haben, sind eher ablehnend. Ich hätte zu gerne gewusst, was mit Aaron wirklich mit der PEM-Methode passiert ist und wie dies funktioniert. Wie Aaron also seine Gefühle lieben lernte, habe ich nicht wirklich verstanden. Und auch nicht, warum er damit eigentlich früher ein Problem hatte. Verstanden habe ich lediglich, dass er offenbar gelernt hat, entspannter und angstfreier zu sein.
Das Buch kann für Menschen ein Augenöffner sein, die entweder in einer ähnlichen Situation wie Aaron sind oder gar nicht wissen, dass sie zu den Asperger-Autisten gehören. Eigentlich müsste man es von hinten nach vorne lesen, denn die wirklichen Offenbarungen stehen erst am Ende. Bis dahin folgt man erst einmal Aarons schwerem Weg. Das Leben ist oft genug eine Aneinanderreihung von Zufällen. Leider unterstützten die Zufälle in Aarons Leben sehr lange seine immer weitere Abkapselung. Jedenfalls bis zu einer ebenso zufälligen Wende, die ein motivierter Freiwilliger in seine betreute Wohneinheit brachte. Dieser junge Mann fuhr Aaron nach Münster in eine Klinik, wo man ihn zwar auch falsch einschätzte, aber liebevoll betreute. Dort beschloss er, seinem Leben eine Wende zu geben.
Aarons Geschichte zu lesen, macht entweder wütend oder betroffen, weil sie zeigt, dass noch nicht einmal nahe Verwandte in der Lage sind, die richtigen Schlüsse zu ziehen. In Aarons Fall haben seine Eltern erheblich dazu beigetragen, dass er in die Mühle lustloser Psychotherapeuten gelangte, die sein Leben fast zerstört hätten. Vielleicht hilft dieses Buch, Asperger-Autismus im leichten Spektrum besser zu verstehen oder überhaupt erst einmal zu erkennen. Erst wenn neurotypische Menschen begreifen, dass man Autisten weder heilen, noch therapieren kann, sondern dass es sich einfach um Menschen handelt, die eine andere Wahrnehmung und eine andere Steuerung haben, kann es ein konfliktarmes Zusammenleben zwischen solchen Autisten und ihnen geben.
Ich fand es schade, dass man in diesem Buch eigentlich nichts über die angeblich hilfreiche PEM-Methode lernt. Meine Bewertung bezieht sich deshalb nur auf den Erkenntnisgewinn, den dieses Buch für erkannte und unerkannte Asperger-Autisten im leichten Spektrum haben kann.
Aaron Wahls bewegende Autobiographie
Kerstin Kartenwerkstatt Kreativ- und Buchblog aus Damme am 01.04.2019
Bewertungsnummer: 1199071
Bewertet: eBook (ePUB 3)
Meine Gefühle zu dem heutigen Buch kann ich nur schwer in Worte fassen. Das Buch hat mich sehr bewegt. Aarons Geschichte hat mich zu Tränen gerührt. Fassungslos habe ich seiner Erzählung gefolgt und mich mit ihm gefreut, als er PEM (Perde-kamp’sche Emotionsmethode) für sich entdecken konnte. Für mich ist diese Autobiographie bisher das emotionalste Buch für 2019. Es hat mich emotional tief bewegt und mir die Augen geöffnet. Ich gehe ein Stückweit mit anderen Augen durch die Welt.
Das Buch ist in 6 große Abschnitte geteilt, die den Gefühlen und Emotionen gewidmet sind. Ich fand die Erklärenden Worte zu den einzelnen Gefühlen sehr lehrreich. So gehen Lust und Aggression in die gleiche Richtung. Beides sind vorwärts gerichtete Gefühle. Außerdem ist Aggression nicht gleichzusetzen mit Gewaltausübung. Die Erkenntnis fand ich für mich spannend. Auf die kurze Einleitung zum Gefühl folgen einzelne Episoden aus dem Leben von Aaron Wahl. Er nimmt uns mit auf eine Reise von seinen Kindertagen über die Jugend bis zum Erwachsenenalter. Die Reise fand ich spannend und erschreckend zu gleich. Wie können so viele Ärzte, Therapeuten und Mitmenschen nur die Symptome behandeln, aber nicht der Ursache auf den Grund gehen?
Bei ein paar Punkten im Buch musste ich einfach nur schmunzeln. Denn ich erkannte ein paar eigene Wesenszüge in seiner Geschichte. Ich bin von Grund auf ein logisch denkender Mensch. Aus dem Grund habe ich vermutlich auch mal Mathematik und Chemie studiert. Noch heute fällt es mir schwer unlogische Arbeitsanweisungen auszuführen. Dies führt gerne mal zu Konflikten mit meiner Chefin. Daran musste ich denken, als Aaron Wahl von seinem Unverständnis für unlogische Dinge berichtete.
Ich könnte noch weitere Dinge aufführen, wie das weglassen von Lösungswegen, weil man die ja im Kopf viel schneller rechnen kann oder die Anerkennung von Hierarchien. Doch ich möchte gar nicht zu viel ausplaudern.
Für mich war das Buch ein absoluter Gewinn. Es hat mich zum Nachdenken angeregt und meine Augen geöffnet. Ich kann dieses Buch jedem nur ans Herz legen. Es ist ein Buch zum Mut machen an seinen eigenen Weg zu glauben und für sein eigenes Leben zu kämpfen.
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