Von Abendlied bis Zahlenteufel:
100 Werke, die man kennen muss
Seit Jahren wird bis zum Überdruss über Strukturen und Formendes Lernens gestritten. Das geht aber am Kern der Sache vorbei, erklärt Thomas Kerstan, Bildungsredakteur der ZEIT. Stattdessen muss wieder über die Inhalte diskutiert werden. Kerstan begreift Bildung als den Kitt, der die Gesellschaft zusammenhält: Indem wir uns über das verständigen, was wissenswert ist, definieren wir zugleich die Leitplanken unseres Zusammenlebens.
Hundert Werke, die unsere Kinder – und nicht nur die – kennen müssen, stellt Thomas Kerstan kurz und unterhaltsam vor. Hundert Werke aus Musik, Mathematik und Malerei, aus Literatur und Naturwissenschaft, aus Geschichte, Philosophie und Politik. Bücher sind ebenso darunter wie Filme, TV-Serien, Songs, Gemälde oder Fotos.
Mit seinem Kanon öffnet Thomas Kerstan den Blick für die Breite der Allgemeinbildung. Er will dazu inspirieren, sich einmal auf die Relativitätstheorie einzulassen, ein Computerspiel kennenzulernen oder die Geschichte unseres Landes aus anderen Blickwinkeln zu entdecken. Oder ganz allgemein: Wissenslücken zu schließen. Und er lädt dazu ein, in Schulen, der Familie und mit Freunden darüber zu diskutieren, welche Bildung uns wichtig ist und was wir für eine gute Zukunft wissen müssen.
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Eine pluralistisch-multikultur…
Leserpost am 19.09.2018
Bewertungsnummer: 2714548
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine pluralistisch-multikulturelle, multiethnische, multireligiöse Individualistengesellschaft kann etwas sehr Schönes, Spannendes, Befruchtendes sein – wenn es etwas gibt, das alle über alle Unterschiede hinweg miteinander verbindet. Ich könnte nicht sagen, dass es dieses Verbindende bei uns gibt. Es wird auch nicht von selbst entstehen. Dafür muss man etwas tun, vor allem in den Schulen und Universitäten. Die Kinder und Jugendlichen aller Nationen, Religionen und Kulturen brauchen gemeinsame Texte, Filme, Lieder, Bücher, Werte und natürlich auch Erlebnisse – nur so kann das gemeinsam Verbindende entstehen. Das Erste, was es also bräuchte, wäre ein Kanon, ein gemeinsamer Vorrat an Bildungsgütern, an dem wirklich jedes hier geborene Kind teilhat. Wer es aber wagte, so einen Kanon vorzulegen, würde von 100.000 individualistischen Besserwissern sofort in der Luft zerrissen und beschimpft, dass er sich anmaße, allen anderen seine eigenen subjektiven Wertvorstellungen aufzupfropfen. Darum wagt es keiner, kein Philosoph, kein Pädagoge, keine Wissenschaftlerkommission, keine Kultusministerkonferenz zu sagen: Diese 100 – oder meinetwegen 140, 200, 250 – Texte, Lieder, Filme, Grundwissensbestände muss jedes Kind im Lauf seiner Entwicklung kennen, ehe es die Schule und die Uni verlässt. Einer hat’s nun doch riskiert: Thomas Kerstan, Ressortleiter „Bildung und Chancen“ in der ZEIT, hat kürzlich so einen Kanon für das 21. Jahrhundert“ vorgelegt. Die ZEI T sprach von einem „Kanon aus hundert Meisterwerken, über den eine zerstrittene Gesellschaft wieder ins Gespräch kommen könnte“. Natürlich sind ihm sofort 900 Namen, Titel und Werke um die Ohren gehauen worden, die bei ihm fehlen, aber unbedingt hineingehört hätten. Natürlich ist ihm Anmaßung, Subjektivität und Willkür vorgeworfen worden. Und natürlich nörgelten die politisch Korrekten: zu wenig Frauen, kaum Schwule, kaum Schwarze, Queer kommt überhaupt nicht vor und so weiter und so weiter. Nur: Wenn es um Wissen und Werke aus drei Jahrtausenden geht, muss naturgemäß ein Männerüberschuss und ein Mangel an lange unterdrückten Minderheiten herrschen, denn diese haben halt erst spät die Bühne der Weltgeschichte betreten und Kunst- oder Meisterwerke geschaffen. Egal. Alle Einwände können das Argument nicht entkräften, dass unsere pluralistisch-multikulturelle-multi-ethnische-multi-religiöse Individualistengesellschaft nichts dringender braucht als neue Kanonisierungen in einer Zeit, in der uns "alternative Wahrheiten" untergejubelt werden. Man kann den Versuch von Kanonisierungen natürlich bleiben lassen. Dann wird sich halt unsere zersplitterte Gesellschaft immer weiter zersplittern, in der man einander immer fremder wird. Die Folge wird sein, dass das Misstrauen untereinander wächst, alte Vorurteile zementiert werden und neue entstehen. Man wird sich voneinander abschotten, als Monade in der Anonymität leben, sich in gated communities verschanzen und dort von irgendwelchen Mächten und Interessen manipuliert, gesteuert und gegeneinander ausgespielt werden, während in die Parlamente immer mehr kompromiss-unfähige Parteien einziehen, die sich auf immer weniger einigen können und daher das weitere Schicksal der Welt dem Recht des Stärkeren überlassen. Darum: Gut, dass einer den Mut hat, sich der unlösbaren Aufgabe eines Kanons zustellen und einen Versuch abgeliefert hat, über den man diskutieren kann, ja muss.
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