Beim Ausräumen seines Elternhauses stößt der Fotograf Philipp auf einen Gegenstand, der in der Geschichte seiner Eltern eine entscheidende Rolle gespielt hat. Die beiden, Herta und Georg, waren ein schönes Paar. Philipp erinnert sich an ihr junges Liebesglück, ihre Hoffnungen und Gefährdungen, an die überstürzte Flucht seines Vaters aus der DDR in den Westen. Das hätte, da ihm die Mutter und der Junge ein paar Tage später folgten, der Beginn eines erfüllten Lebens sein können, tatsächlich aber trug die Flucht den Keim des Unglücks in sich. Nach und nach geht Philipp das Paradoxe der elterlichen Beziehung auf: Dass es die Liebe war, die ihre Liebe zerstörte. Damit aber ist die Geschichte, die auch sein Leben überschattet hat, nicht vorbei. Am Ende stellt er fest, dass Herta und Georg all die Jahre über miteinander verbunden waren, auf eine Weise, die sie niemandem, nicht einmal sich selbst, eingestehen konnten.
Ein ergreifender Roman über Liebe und Vergänglichkeit vor dem Hintergrund der deutschen Teilung.
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Lebensnahe Erzählung über ein sensibles Thema
Lesepartie aus Bielefeld am 16.04.2021
Bewertungsnummer: 1149087
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Nachdem sein Vater verstorben ist, findet Philipp bei der Haushaltsauflösung einen Gegenstand, welcher die Erinnerung an die Trennung der Eltern weckt.
Hertha und Georg lernen sich kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges kennen. Hertha lebt in einem kleinen brandenburgischen Dorf und träumt davon Model zu werden. Nach dem Krieg bauen sich die jungen Eheleute in dem Dorf ein Leben auf. Hertha und Georg sind ein schönes Paar. Doch Hertha zieht es in den Westen. Der Familie gelingt die Flucht nach Westdeutschland.
Zeitgleich mit dem neuen Leben beginnt das Ende der Ehe. Kein Jahr später verlässt Hertha die Familie. Philipp erinnert sich an Postkarten, die er 30 Jahre lang in unregelmäßigen Abständen von der Mutter erhält.
Mit einer nüchternen Distanz schildert der Sohn die Beziehung seiner Eltern ebenso wie sein eigenes Verhältnis zu Mutter und Vater. Das Glück, die Hoffnung und die Enttäuschung. Sein Vater, der häufig in Situationen gerät, die ihn in Schwierigkeiten bringen. Die Mutter, die ihn zurücklässt, ohne ihrem Sohn zu sagen, wo und wie sie lebt.
Gert Lohschütz erzählt in seinem Roman aus dem Blickwinkel des erwachsenen Sohnes, der in der Rückschau versucht zu verstehen, warum und wann die Ehe seiner Eltern scheiterte. Ein sensibler Roman, der zeigt wie nahe Hoffnung und Enttäuschung beieinander liegen. Zu Recht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.
Exakta Varex Nach zwölf…
Bories vom Berg aus München am 27.09.2018
Bewertungsnummer: 2714636
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Exakta Varex Nach zwölf Jahren ist nun wieder ein Roman von Gert Loschütz erschienen, dessen schon fast kitschig scheinender Titel «Ein schönes Paar» an Harmonie denken lässt, was durch das sepiafarbene Papier, auf dem er gedruckt ist, noch unterstrichen wird, - ein klassischer Liebesroman also? Mitnichten, denn er erzählt genau vom Gegenteil, von tragischer Trennung und jahrzehntelanger Wortlosigkeit bis in den Tod. Wobei es die Teilung Deutschlands ist, die die Liebenden stolpern lässt und das Paar auseinanderreißt in einer an Effi Briest erinnernden, ursachegleichen Tragik. Ich-Erzähler dieses Eheromans ist Philipp, von seiner schönen Mutter nur Fips genannt, ein Fotograf, der sich an das Liebesglück seiner Eltern erinnert. Der Vater war leitender Angestellter in einem großen Industriebetrieb der DDR und hatte sich bei einem damals, vor dem Mauerbau, noch möglichen Westbesuch bei der Bundeswehr beworben. Ein von dort unbedacht an seine Heimatadresse geschickter Brief wurde ihm zum Verhängnis, er musste Hals über Kopf fliehen, seine Frau und Fips folgten wenig später. Um das Ersparte zu retten wurde noch schnell eine sündhaft teure Spiegelreflexkamera gekauft, die als Startkapital im Westen wieder zu Geld gemacht werden sollte. Ein tragischer Irrtum, denn einen annehmbaren Preis konnte der Vater im westlichen Konsumparadies für die Exakta Varex nicht erzielen. Um seine vergeblichen Verkaufsbemühungen vor seiner Frau zu verschleiern beging er einen folgenschweren Fehler und landete im Gefängnis. Die selbstlose Liebe seiner Frau brachte ihm zwar die Freiheit wieder, bewirkte aber auf fatale Weise die unversöhnliche, lebenslange Trennung des Paares. In Rückblenden erzählt Fips das Geschehen aus seiner Sicht, wobei ihm eine tragische Rolle zufällt. Denn er hat ungestüm handelnd verursacht, dass ein aus Liebe begangenes Fehlverhalten seiner Mutter bekannt wurde und zum Zerwürfnis der Eheleute führen musste, was ihn dann auch selbst lebenslang belastet hat. Gert Loschütz schreibt hier im Stil des Nouveau Roman, es gibt keine psychologisch sezierten Protagonisten, auch keine stringente Handlung, sondern immer wieder erzählerisch irritierende Sackgassen und Leerstellen in einer Geschichte voller Geheimnisse. Damit lässt er seinen Lesern denn auch reichlich Raum für eigene Interpretationen und zuweilen erforderliche, gedankliche Ergänzungen. Den ominösen Fotoapparat benutzt er sehr raffiniert nicht nur als narrative Klammer, sondern auch als äußere Ursache einer tragischen Verkettung von allenfalls leichtsinnig begangenen Fehlern. Geradezu detektivisch bröselt Fips mit seiner Spurensuche nach dem Tod beider Eltern ihre Geschichte auf, spürt den Umständen ihrer unwiderruflichen Trennung bis zum Tode nach. Und erkennt am Ende, das seine Eltern auf eine von ihnen selbst niemals eingestandene Weise doch untrennbar miteinander verbunden waren. Die Mutter ist heimlich auf dem Friedhof dabei, als der Vater begraben wird, das Pflegeheim der Mutter wurde vom Vater ebenso heimlich mitbezahlt. Und aus der Ferne, über den Fluss hinweg, der sie trennte, hatten die Beiden bis zu ihrem Ende zumindest Sichtkontakt, er konnte aus einer Dachluke ihr Fenster im Pflegeheim sehen, Zigarettenspuren deuten darauf hin, und sie hatte immer den Blick auf das Dach seines Hauses. Dieser spannende Roman erzählt in poetischen Bildern die Geschichte einer Liebe in ihrer politisch und gesellschaftlich bedingten Dimension. Das selbstverschuldete Scheitern, das spurlose Verschwinden der Mutter, die Sprachlosigkeit über Jahrzehnte hinweg, all das wird geradezu unerbittlich thematisiert, wobei der Autor gekonnt auch dem Insignifikanten breiten Raum gibt in seiner betroffen machenden Geschichte. Erzählt ist all das fragmentarisch in einer wohlgesetzten, klaren Sprache mit nicht immer leicht nachvollziehbaren Zeitsprüngen. Die überraschende Detailfülle bildet in Summe neben der im Zentrum stehenden, menschlichen Tragik auch ein stimmiges Zeitzeugnis.
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