Ninetto war noch ein Kind, als er allein von Sizilien nach Mailand kam, um Arbeit zu suchen. Ein furchtloser Junge mit der Sonne des Südens im Herzen. Obwohl er noch zu klein war für das Fahrrad, fand er sogleich eine Anstellung als Bote. Heute, über fünfzig Jahre später, erkennt sich Ninetto in den Neuankömmlingen aus China und Nordafrika wieder. Sie haben dieselben Träume wie er damals. Und setzen alles daran, sie zu verwirklichen.
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Das Sinnbild einer vergessenen Generation
Bewertung am 03.07.2025
Bewertungsnummer: 2530695
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
In "Das Leben wartet nicht" geht es um Ninetto Giacalone, einen italienischen Mann mittleren Alters welcher über sein bisheriges Leben reflektiert. Von seiner Kindheit und frühen Jugend im Süden Italiens und dem "fliehen" in den Norden, über seine Zeit als junger Erwachsener welcher sich selbst nicht finden konnte bis hin zu dem massiven Drehpunkt welcher ihn in die Ausgangssituation des Buches brachte. Durch Ninetto erzählt Balzano die verdrängte Geschichte einer ganze Generation von Süditalienern welche, in frühem Alter, aus ihrer Heimat in den Norden zogen um dort bessere Arbeit zu finden, wobei viele jedoch ihre Kindheit und oft sogar Jugend verloren. Gleichzeitig zieht Balzano Parallelen zu heutigen Einwanderern wie dem chinesischen Pärchen mit dem Café oder den Nordafrikanern welchen die Pizzeria gehört in welcher Ninetto zeitweise arbeitet.
Es war für mich das erste Buch von Marco Balzano und machte mich direkt zu einem riesigen Fan, die Art wie der Autor seine Charaktere vor allem innerlich aufbaut und die Dynamik zwischen ihnen resoniert, aus Gründen die ich selbst nicht wirklich benennen kann, sehr mit mir. Nach diesem Buch begann ich damit alle Werke Balzanos zu lesen und muss sagen dass er in allen seinen Büchern diese schönen Charaktere baut, in welche man sich, trotz kultureller und soziologischer Differenzen, sehr gut hereinversetzen kann. Meiner Meinung nach Lektüre für alle.
Ein Buch, das ans Herz geht
Bewertung am 15.07.2022
Bewertungsnummer: 1747878
Bewertet: Buch (Taschenbuch)
Kennt ihr traurigschöne Bücher? Die euch so tief berühren, dass ihr mitlachen und mitleiden müsst?
Ninetto, der in völliger Armut im Süden Italien aufwächst, muss als 9-Jähriger sein Heimatdorf verlassen und nach Mailand gehen, um nicht zu verhungern. Er steht stellvertretend für die Kinderemigration in den 50er und 60er Jahren.
In tiefer Verehrung zu seinem Lehrer Vincenzo, nicht viel mehr als Träume im Gepäck, macht er sich auf, um Dichter zu werden. Doch das Leben macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Kaum dass er auf ein Fahrrad steigen kann, muss er als Wäschebote seinen Lebensunterhalt bestreiten. Er schläft in der Küche des »Bienenstocks«, in dem alle Migranten unterkommen. Nach nichts sehnt er sich mehr, als endlich 15 Jahre als zu werden, um in der Fabrik zu arbeiten. Kämpferisch, voller Abenteuerlust und hungrig auf das Leben schlägt er sich durch und bringt es zu etwas.
Doch das Buch beginnt, als er aus dem Gefängnis auf sein Leben zurückblickt. Lange erfahren wir nicht, was ihn dorthin gebracht hat. Jetzt, kurz vor seiner Pensionierung muss er wieder kämpfen, um seine Familie, die ihm stets das Wichtigste war. Er fühlt sich vom Leben betrogen, bereut die vergeudete Zeit, die er bei Alfa Romeo verbracht hat, und zieht sich zurück in sein Leben, als er noch Träume hatte.
Eindrucksvoll und bildlich erzählt Balzano die Geschichte des Jungen, den alle Pelleossa nennen – Hautundknochen. Teil rührend, teils humorvoll, ständig schwingt eine ergreifende Melancholie mit, die mir tief ins Herz ging. Das Buch ist mehr als unterhaltsam, es ist sozialkritisch und zieht Parallelen zu der heutigen Flüchtlingswelle. Balzano ist ein Meister der leisen Töne, die noch lange in einem nachhallen, einen nachdenklich zurücklassen.
»Man kann nicht auf jeden Zug aufspringen, einige muss man verpassen, andere fahren lassen und sich damit abfinden.«
(Seite 142)
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