Ein eindringliches Porträt einer von Nationalsozialismus und Krieg gezeichneten Gesellschaft - erzählt mit schwarzem Humor und schonungsloser Ehrlichkeit.
Inspiriert durch wahre Begebenheiten, erzählt David Schalko in seinem Verbrecher-Epos Schwere Knochen von einer Bande jugendlicher Kleinganoven, die am Tag des "Anschlusses" Österreichs ans Deutsche Reich einen stadtbekannten Nazi ausraubt. Zur Strafe müssen sie sieben Jahre lang als Kapos in den KZs Dachau und Mauthausen dienen - eine Erfahrung, die sie zu brutalen Schwerverbrechern macht.
Zurück im zerbombten Wien der Nachkriegszeit nutzt die Bande um Ferdinand "Notwehr" Krutzler ihre Macht, um die ehemaligen Anführer des organisierten Verbrechens, die Nazis, zu eliminieren. Doch allmählich zerbricht die einst verschworene Truppe an internen Streitigkeiten und der aufkommenden Konkurrenz vom Balkan.
Mit viel schwarzem Humor und zugleich großer Empathie zeichnet Schalko ein bitterböses Bild einer verstörten Gesellschaft und ihrer zutiefst beschädigten Seelen. Schwere Knochen ist ein fulminanter Roman über die österreichische Nachkriegszeit, der an die Werke von Quentin Tarantino erinnert.
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Bewertung am 06.10.2021
Bewertungsnummer: 1582036
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Figur des Krutzler steht im Mittelpunkt von David Schalkos Roman "Schwere Knochen". Um ihn gruppiert sich die "Erdberger Spedition", die ihren Namen dem Wiener Proleten-Vorort verdankt, aus dem ihre Mitglieder stammen. Ihre Kriminalität bringt sie ins KZ nach Dachau, lässt sie dieses überleben und später die Wiener Unterwelt der Nachkriegszeit ordentlich aufmischen. Herrlich skurril. Wer je einen Hader-Film gesehen hat weiß, auf welche Figuren und Szenen er sich freuen darf.
Schwere Knochen ist auch schwere Kost, aber es lohnt sich!
Bewertung am 09.05.2018
Bewertungsnummer: 344833
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Erdberger Spedition ist eine Gruppe bestehend aus vier jugendlichen Kleinganoven, die sich im Wien der 30er Jahre darauf spezialisiert hat, Wohnungen zu "evakuieren", was eigentlich nur heißt, dass sie die komplette Wohnung ausrauben. Die Wohnung könnte danach nahezu Besenrein an einen neuen Mieter übergeben werden. Im Zentrum dieser Gruppe steht ein Mann, der später als "Notwehr-Krutzler" noch Geschichte machen wird.
Im März 1938, als Wien dem deutschen Reich angeschlossen wird und die meisten Wiener auf dem Heldenplatz ihrem neuen Führer zujubeln, räumt die Erdberger Spedition die Wohnung von einem stadtbekannten Nazi aus. Der lässt das Ganze allerdings nicht einfach so auf sich sitzen und drei der vier Beteiligten landen im KZ. Dort entwickeln sich aus den Kleinganoven allerdings Schwerverbrecher, die nach ihrer Freilassung die Wiener Unterwelt mit ungeahnter Brutalität an sich reißen und auch in der Riege der übrig gebliebenen Nazis ordentlich aufräumen...
David Schalko hat mit "Schwere Knochen" ein extrem gutes Werk auf die Welt der Lesebegeisterten losgelassen, allerdings ist das gute Stück auch keine leichte Kost. Nicht nur die Themathik ist hart, auch der Ton des Erzählers ist zu Beginn etwas gewöhnungsbedürftig und auch der Humor dürfte bei dem ein oder anderen sauer aufstoßen, denn wie witzig darf man über's KZ eigentlich schreiben? Ich finde jedoch, dass Schalko einen absolut grandiosen Ton getroffen hat, um seine Geschichte zum Leben zu erwecken. Wo andere geschrieben hätten, dass jemand an einem Herzinfarkt stirbt, darf man bei Schalko folgendes lesen:
"Nach einem Gulasch, dessen Schärfe selbst zwanzig Schracks zerrissen hätte, lief der Kopf desselben so rot an, dass Stiere auf ihn losgegangen wären. Doch zum Wutanfall reichte es nicht mehr. Das Herz war der Aufregung zuvorgekommen und hatte sich schmerzhaft zu Wort gemeldet, was dem Schrack röchelnd das Leben kostete." (S. 21 - 22)
Das mag auf den ein oder anderen erst sperrig wirken, allerdings kommt man nach kurzer Zeit in die Sprache rein und kann sich für die folgenden Seiten auch nicht mehr vorstellen, dass man es auch anders hätte schreiben können. Wundervoll!
Der sehr besondere Stil von Schalko ist nun also das erste kleine Hindernis, aber ich bitte sie sehr darum, dieses zu überwinden, denn es lohnt sich wirklich! Und wie bereits erwähnt, dauert es nicht lange, diese Hürde zu nehmen. Kurz Anlauf und drüber!
Das zweite Hindernis dürfte die Thematik sein, denn wenn über die Unterwelt von Wien geschrieben wird, geht es nicht grad zimperlich zu. Gepaart mit dem schwarzen und oft auch bitterbösen Humor ist das wirklich mal was Besonderes! Man hat hier kein Buch für mal eben nebenbei, sondern wirklich anspruchsvolle und großartige Kost. Es geht um die Gier als großes Oberthema und dieser Gier zweckdienlich sind unter anderem der Frauenhandel, Glücksspiel, Schutzgeld und auch hier und da mal Mord und Totschlag, alles sprachlich sehr versiert vorgetragen. Die drei Kleinganoven, die ins KZ eingefahren sind, haben dort gelernt, dass der Mensch weniger Wert ist als das Tier und das setzen sie nun auch um. In einem kurzen Dialog mit Krutzler bringt es ein weiterer der Kleinganoven, Praschak, auf den Punkt: "Als der Krutzler dem Praschak davon erzählte, sagte dieser, dass es interessant sei, dass man die Menschen zu Tieren mache, um sie zu jagen, und umgekehrt die Tiere zu Menschen, um sie zu lieben. Die Natur sei ausschließlich dazu da, um Ersatzteile, nein, Ersatzhandlungen zur Verfügung zu stellen. Vermutlich sei etwas ein Mensch, wenn man es behandle wie einen Menschen." (S. 460)
Oft erscheint dem Leser die Geschichte zu krass, als dass es Realität sein könnte, aber vieles aus dem Roman ist der Geschichte entnommen, wie zum Beispiel der Notwehr-Krutzler (angelehnt an Josef Krista oder auch Notwehr-Krista), Schimpansendame Honzo (bei der man wirklich hofft, sie wäre nur eine Erfindung), die Operation "Eiserner Besen" und auch die Wandlung vom Kleinganoven zum brutalen Schwerverbrecher durch den KZ-Aufenthalt war kein seltenes Ergebnis desselbigen. Angelehnt an historische Personen und Ereignisse wird natürlich noch mit ordentlich fiktionalen Elementen angereichert und ergänzt, aber die geschichtliche Basis des Ganzen ist unheimlich gut recherchiert und ist in den Roman auch sehr gut integriert worden.
Was man am Ende also als Leser vor sich hat ist ein verdammt guter Schreibstil und eine herrliche Sprache, eine gut recherchierte historische Basis und eine wirklich mitreißende Geschichte. Großartige Literatur, bei der es sich lohnt etwas Zeit zu investieren und eine ganz klare Leseempfehlung an alle, die Lust haben, sich auf diesen Stil einzulassen! Sie werden es nicht bereuen!
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